Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 4 (12.1933)
- Date
- 1933-12-01
- Page
- Seite 166 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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Für die Frau Mitteilungen aus den Interessengebieten der Frau Beiträge und Zuschriften sind zu richten an Frau Stephanie Forchheimer, Feldbergstrasse 31 Jüdische Frauengesfalfen Den Erscheinungen bedeutender jüdischer Frauen sollen in diesen Spal en kurze Schilde-ungen gewidmet sein, die zeigen, was j'üdi dl' Frauen für ih en Gliuben und ihre Überzeugung gelitten haben, und n ie sie, trotz der Abgrenzung ihres Pflichtenkreises, in Gesdiidite.Kunst, Literatur und sozialer Betätigung leuchtend hervortraten. I. Eine Frau, welche die Esther ihrer Zeit genannt wird, war Donna Gracia Mendesia, die während schwerer Verfolgungen des Judentums und unter empfindlichen Schicksalsschlägen treu zu ihrem Glauben und ihrer Gemeinschaft stand, und sich mit ihrem Reichtum und ihrer Persönlichkeit immer wieder dafür einsetzte, daß sie mit ihren Glaubensbrüdern ihrem Bekenntnis frei und offen leben durfte. Donna Gracia wurde in Portugal ungefähr 1510 geboren und entstammte einer jener Marannenfamilien, die zur Zeit der drohenden Inquisition in Portugal unter Zwang zum Schein das Christentum angenommen hatten. Sie war mit einem Marannen verheiratet, der sehr früh starb, und sie 25jährig, als Witwe, im Besitze großer Reichtümer zurückließ. Nun beginnt ihre eigentliche Wirksamkeit, aber auch ihre Leidenszeit. Um ihr Leben und ihr Vermögen in Sicherheit zu bringen, mußte sie ihren Wohnsitz nach Antwerpen verlegen. Trotzdem sie durch , ihren Geist, ihre Bildung und ihren Reichtum bald Eingang und Einfluß in den höchsten Gesellschaftskreisen fand, fühlte sie sich in der flandrischen Hauptstadt nicht glücklich, da sie auch dort ihren Glauben verheimlichen und den Schein wahren mußte. Sie gelangt nach mancherlei Zwischenfällen nach Venedig, aber auch dort verfolgt sie Unheil durch Neid und Mißtrauen der eigenen Schwester, die an behördlicher Stelle verrät, daß Gracia eine geheime Jüdin ist, die nach der Türkei auswandern wolle, um dort ihr Judentum frei zu bekennen. Dies führt sogar zu einer Gefangennahme der tapferen Frau. Ihr Neffe und späterer Schwiegersohn Joseph Nasi weiß ihren edlen Charakter besser zu würdigen, verhilft ihr durch geschickte Verhandlungen zur Freiheit und ermöglicht ihr die Reise nach dem lang ersehnten Ziel Konstantinopel, wo sie sich als Jüdin frei bekennen darf. Ihre sittliche Größe wird auch dadurch gekennzeichnet, daß sie sich mit ihrer Schwester aussöhnte und deren Tochter, die hier abgebildete Gracia H. mit ihrem Neffen Samuel Nasi verheiratete. In der türkischen Hauptstadt übt Donna Gracia nun ihre großzügige Hilfe für ihre Glaubensgenossen aus. Sie benützt ihr großes Vermögen, um Synagogen und Lehrhäuser zu errichten, fördert die Wissenschaft, unterstützt freigebig die auch anderwärts lebenden Juden, die von Not und Gefahr bedroht sind, und gibt ihnen die Möglichkeit, in sicheren Gegenden nach den Vorschriften ihrer Väter zu leben. Der Mann kann mit dem Erntewagen nicht so viel in das Haus bringen, wie die Frau in der Schürze hinaustragen kann, Alter deutscher Spruch. Donna Gracia starb zwischen 1565—1566, etwa 56 Jahre alt. Der portugiesische Dichter Samuel Usque preist sie als das „Herz ihres Volkes" und bezeichnet sie als die Frau ,,die Gott zum Heile der flüchtigen Marannen gesandt, um sie aus Elend und Verzweiflung zu retten." n. Allerlei über Chanukkah für die Hausfrau und Mutter Chanukkah — wer verbindet mit diesem Wort nicht die Vorstellung von den Lichterreihen, die zur Winterszeit acht Tage lang allabendlich sich verdichtend am Fenster erscheinen. Mehr oder weniger zahlreich sind die Lichter an den einzelnen Fenstern, je nach der Zahl der männlichen Familienmitglieder. Dort wo sich an einem oder zwei Fenstern Licht an Licht reiht, die den Vorübergehenden die Erinnerung an das Oelwunder nach den siegreichen Makkabäerkämpfen künden, wird auch zugleich, ein kleiner Hinweis auf die vorhandene Kinderschar gegeben, die dort oben in der Wohnung um diese Zeit mit den von freudiger Erregung geröteten Wangen zu allerhand Gesellschaftsspielen am Tische vereint sind. Die Mutter, die sich vielleicht noch mehr als sonst gerade an diesen Abenden am Spiel beteiligt, wird ihre Belehrung, wenn auch nur zufällig, während des Spieles erteilen, besonders bei dem nur für Chanukkah bestimmten Trändelspiel, das sie vielleicht gerade eben erst im Beisein ihrer Kinder aus Blei gegossen hat, wenn sie nicht einen solchen aus Knochen oder Holz geschnitzten Kreisel vom vergangenen Jahre noch hervorholen kann. Und wenn sie von einem der Kinder nach der Bedeutung des Namens gefragt wird, so wird sie ihm sagen, daß „Trändeln" ein heute nicht mehr allgemein gebräuchliches deutsches Wort ist, mit dem die zaudernden Bewegungen bezeichnet werden, die auch dieses Spiel macht, bis es sich nach einigen Drehungen auf eine der vier Flächen niederlegt, von denen jede mit einem hebräischen Buchstaben beschrieben ist. Die Spielregeln sind den Kindern sicher schon vorher bekannt gewesen, jedes einzelne wartet schon gespannt, wenn es den Kreisel mit Zeigefinger und Daumen in Bewegung setzt auf das Ergebnis und freut sich, wenn das „GIMEL" (g) nach oben liegt, weil ihm dann die ganze Kasse, meist in Gestalt von Haselnüssen ausgezahlt wird, liegt das „HE" (h) nach oben, dann erhält der Gewinner nur die halbe Kasse, bei „NUN" (n) nichts und bei „SCH1N" (seh) muß der Spieler eine Nuß für die Kasse bereit stellend Die Mutter wird aber zugleich auch von den heldenhaften Kämpfen der Makkabäer erzählen, daß sie mit ihrer Fahne in den Kampf zogen, auf der auch die eben genannten Buchstaben „NUN, GIMEL, HE, SCHIN" standen zur Andeutung des Satzes „Nes Godaul Hojohschom". „Ein großes Wunder ist dort geschehen", ein Wunder, weil eine kleine Anzahl auf Gott vertrauender Menschen einer Uebermacht standhalten konnte und sie besiegte. In der Kinderschar sitzen natürlich nicht nur Knaben, wenn auch beim Anzünden der Lichter die Mädchen nur stille Zuschauer sind. Aber auch ihnen kann die Mutter manches von dem mutigen Verhalten der Frauen in jenen Kämpfen erzählen, das sie mit Stolz erfüllen und zum Festhalten an den Ueberlieferungen aus der Vergangenheit ermuntern soll. Sie kann dabei an die wahren Begebenheiten anknüpfen, wie sie im Buche der Makkabäer beschrieben sind, kann aber auch von Judith erzählen, die schon damals in der Zeit der Makkabäer durch ihr heldenhaftes Verhalten Bewunderung und Begeisterung erregt hat und dadurch nach den neuesten Forschungen den Stoff für das wohl mit poetischem Beiwerk versehene Buch Judith in der uns vorliegenden Fassung gegeben hat. P —n.