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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-12-01 · 4 (12.1933) · p. Seite 140

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
4 (12.1933)
Date
1933-12-01
Page
Seite 140 (sequence 6)
Language
German
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Seite 140 Im Zusammenhang mit der besonderen Winternot ist ferner noch die durch den geschwächten Gesundheitszustand bei Erwachsenen und Kindern vermehrte Anfälligkeit für Krankheiten zu erwähnen. Als Folge hiervon müssen wir mit vermehrter Heizzulage und mit der Gewährung von Ernährungszuschüssen eingreifen. Daß neben diesen, durch die Winternot verstärkten, Aufgaben die übrigen Zweige der Fürsorge mit ihren beträchtlichen Aufwendungen (z. B. Gesundheits- und Erholungsfürsorge für Erwachsene und Kinder, Hilfsmaßnahmen bei allgemeinen Notständen, zweckmäßige Versorgung und Unterbringung von Kindern in Pflegestellen und Heimen, Kindergärten und Horten, die Vorsorgung von Durchwanderern, nicht zu vergessen die Fragen der Berufsumschichtung und Auswanderung in großem Umfang) weiterlaufen und bearbeitet werden, ist selbstverständlich. Neben der materiellen Fürsorge müssen besonders in den Wintermonaten die geistigen Bedürfnisse der Menschen befriedigt werden. Sehr wichtig ist dies natürlich für die jugendlichen Erwerbslosen. Zu Begann des vorigen Jahres geläng die Schaffungeines Tag es hei ms für männliche Erwerbslose. Auch diese so notwendige Einrichtung ist in ihrem Bestand gefährdet, da sie sich selbst die geringen Mittel, die sie benötigt, kaum beschaffen kann. Eine Beschäftigung jugendlicher Mädchen, wie sie im vergangenen Jahr im Wege des Freiwilligen Arbeitsdienstes bei der Herrichtung von Kleidungsstücken durchgeführt wurde, ist leider in diesem Jahr nicht möglich. Für die Erwachsenen hält die Arnold-Lazarus-Halle (Toynbee-Halle) wieder ihre Samstag-Abende ab, die gern besucht werden und geistige Anregung und Ablenkung von den Alltagssorgen geben. Die in den;letzten Jahren mit der, Toynbeehalle verbundenen Wärmeräume sind in diesem Jahre nicht geöffnet. Dafür steht der Lesesaal der Isr. Gemeinde den Hilfsbedürftigen zur Verfügung. Wenn uns auch die Mittel kaum zur Verfügung stehen, um nur die laufende Arbeit der Wohlfahrtspflege zu sichern und die primitivsten Hilfsmaßnahmen durchzuführen: Wir wollen helfen! Gedanken zu Chanukkah 1933 Von Rabbiner Dr. MaxDienemann „Chanukkah 1933" — das soll nicht bedeuten, daß wir in diesem Jahre wegen der- Schicksale, die über uns kamen, mehr Grund haben, Chanukkah zu feiern, oder Anlaß haben, es anders zu begehen als sonst. Aber es ist schon wahr, daß man ja nach den Erlebnissen, in die Israel hineingestellt ist, ein anderes Verständnis hat für die Vorgänge, aus denen Chanukkah herauswuchs, und die aus ihnen zu schöpfenden Erkenntnisse anders erfaßt, anders bewertet. Das ewige Verdienst, das einst in seinen Tagen Matatias sich erwarb, war, daß er auf ein Schicksal, das über Israel kam, mit einer Tat antwortete. Die andern hatten auf das, was ihnen geschah, entweder mit der dumpfen Resignation des sich Fügenden geantwortet, sie hatten sich schweigend oder zähneknirschend gefügt und den fremden Griechengöttern geopfert; wäre das so weiter gegangen, so wäre Israel allmählich innerlich verödet, verkümmert in sich zusammengesunken, ruhmlos erloschen; oder sie antworteten mit dem Willen zum Martyrium, ließen sich schweigend töten, eh' daß sie den fremden Göttern geopfert hätten, und wenn wir auch Tat und Namen dieser Märtyrer bewundernd aufbewahren und verehren, hätten alle so gehandelt, so wäre Israel gleichfalls dem Tode geweiht gewesen, es wäre am Ende keiner mehr dagewesen, den Namen Israel zu tragen. Nur Matatias hatte den Mut und den Willen, dem Schicksal mit einer Tat entgegenzutreten; bei aller demütigen Frömmigkeit, bei allem Wissen darum, daß von Gottes Hilfe allein alles abhängt, nahm er Israels Schicksal in seine Hand und suchte es zu meistern und zu gestalten. Das ist das Vorbildliche. Es ist übrigens bezeichnend, daß diese Kraft der Führung und der Mut zu ihr damals, in einer der schwersten Schicksalsstunden Israels, nicht bei den Jungen und Jüngsten lag, bei denen man sie am ehesten gesucht hätte, sondern gerade bei dem Aeltesten; er in seinem Alter riß mit seiner Tat die Schwankenden und Unentschlossenen mit sich und zeigte ihnen ein Zieh Ihm nachzuleben, heißt nicht, seine Tat zu tun. Für u n s, in unserer Situation, sind andere Taten das Gegebene und Notwendige. Unsere Tat ist die Sammlung unserer Kräfte, die Gründung von Schulen, die Schaffung von neuen Möglichkeiten der Rückkehr zu den Quellen, die Sicherung des Lebensraumes, die Umschichtung, die .Erschließung neuer Betätigungsfelder, die Gestaltung einer heuen festen Rechtsform des jüdischen Gemeinschaftslebens, der Kampf um die würdige und ehrenvolle Stellung im Staat und im staatlichen Leben, die Wahrung des Zusammenhangs mit den Kulturgütern, ohne die wir unser geistiges Leben nicht so führen könnten, wie wir es führen wollen. Aber diese Tat muß getan werden. Das Abwarten, das Rückwärtsschauen, das Ressentiment ist keine Quelle des Lebens. Nur indem wir im Vertrauen auf Gott, den ewigen Hüter Israels versuchen, unser jüdisches Leben, soweit das in unserer Kraft steht, von uns aus, aus unserer Zielsetzung zu gestalten, handeln wir in der Nachfolge des Makkabäer-Vaters, sind wir seine rechten Erben, verstehen wir Sinn und Ruf der Chanukkah-Tage. Was in den Tagen vor dem ersten Chanukkah geschah, das war das große Wunder des Sich-Behauptens einer Minderheit. Wieder können wir davon absehen groß zu erörtern, auf welche Art damals die Minderheit ihr Recht auf ein Leben nach eigenem Gesetz und zu eigenem Ziel erstritt. Sie erstritt es im Kriegej und das große Wunder war damals, daß, um mit den Worten unseres Gebetes zu sprechen „Gott die Starken in die Hand der Schwachen und die Vielen in die Hand der Wenigen gab." Aber auch damals schon war das nicht das Entscheidende. Denn der Sieg ward bald darauf wieder durch Niederlage abgelöst, und wenn es nur auf den Waffensieg angekommen wäre, wäre die Selbstbehauptung nicht möglich gewesen. Wichtig ist nur, daß eine Minderheit sich behaupten konnte. Dieses große Wunder begleitet Israel durch seine Geschichte hindurch. Immer sind die Juden die Wenigen; immer sind sie in einer doppelten Gefahr, in der Gefahr, daß die Mehrzahl mit dem Gewicht ihrer Uebermacht sie erdrückt, sie auslöscht, ihr Lebensrecht verneint; und in der Gefahr, daß die Ziele und Lebensformen der Mehrzahl als so lockend erscheinen, daß sie ihre eigenen preisgeben, daß sie meinen, man könne gar nicht an dem Eigenen festhalten, wenn man rings um* sie her ein Anderes will; man könne den Kindern, den Nachfolgenden, gar nicht die Möglichkeit sichern, ein Leben zu leben, ohne daß sie sich vor der Mehrzahl beugen. Das ist nun die große Lehre von Chanukkah, daß Minderheit sich behaupten kann, wenn sie will, und wenn ein Geistiges ihr Inhalt ist. Es muß nicht sein, daß ein Geist, ein Denken, eine Zielsetzung für alle zu gelten hat, man kann auch abseits von der Masse leben, das Wunder der Erhaltung eigener Art ist ein stetes, immer wieder sich erneuerndes. Wir Juden sind immer die Wenigen, immer, auch bei Verschmelzung mit andern Kulturen und Volkstümern, die Abseitigen, die Andersgearteten gewesen, wir sind geradezu die Schicksalsträger eines Daseins *der Minderheit. Ja, wir sind auch in dieser Zeit, da es ein öffentliches Recht der Minderheiten, ein Schema des Minderheitenrechtes gibt, wiederum die Abseitigen und Wenigen, denn wir passen in keines der üblichen Schemata der Minderheits-Begründung; wir sind nicht einfach eine nationale Minderheit, nicht einfach eine Minderheit der Rasse, nicht einfach religiöse Minderheit; wir sind auch hier Minderheit eigener Art Und es ist Schicksal und Sendung, als solche sich zu behaupten, sich treu zu bleiben. Wir schöpfen aus Chanukkah die Gewißheit, daß das möglich ist, daß dieses Wunder ein gottgewolltes, ein in Gott begründetes ist. In den Tagen vor dem ersten Chanukkah stand Israel zum ersten Male in einer Situation, die seitdem in den- Ländern der Zahlt sofort das veranlagte Gemeindegeld! Postscheckkonto Nr. 20767.

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