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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-11-01 · 3 (11.1933) · p. Seite 127

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
3 (11.1933)
Date
1933-11-01
Page
Seite 127 (sequence 37)
Language
German
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Seite 127 rinnen der Frauenbewegung trieb, auch heute noch, nur in dieser Form, in der wir ihn leben, unsere persönlich beste Auswirkungsmöglichkeit sehen. Nur so dürfen wir einer Berufswahl gegenüberstehen. Es ist heute berechtigt, im großen ganzen jungen Frauen von den akademischen" Berufen abzuraten. Verschlossen werden darf diese Wissensquelle auch der jüdischen Frau nicht, denn sie hat kraft ihres Wesens und ihrer Tradition auch in Deutschland als Jüdin eine Mission zu erfüllen. Auch die jüdische Frau ist der Gesamtheit der Die Frau Es ist heute wenig erfreulich, ein Thema zu bearbeiten, dessen positive Seiten, sich zugunsten der negativen so spürbar vermindert haben. Wenn man früher über die Frau im Beruf sprach, las oder schrieb, so war die vorherrschende und kaum noch bestrittene Auffassung die, daß alle Frauen einen Beruf mindestens erst einmal erlernen sollten, ganz unabhängig davon, ob und wie lange man ihn später ausübte. Die Ehe war dann wenigstens nicht der letzte und einzige Rettungshafen, in den man unter allen Umständen einlaufen mußte, mochte sie gleich die erwünschte Erfüllung der meisten Frauenleben bleiben. Unter Umständen ergab sich auch eine Möglichkeit, Berufsleben und Ehe zu vereinen. Die zur Zeit der Frauenbewegung akute Fragestellung „welch.- Berufe können ergriffen werden", war bis vor kurzem kaum noch zeitgemäß. Jede Art der Ausbildung und Tätigkeit, ffr die das Mädchen Neigung und Eignung mitbrachte, konine gewählt werden, sofern die ökonomischen Voraussetzungen gegeben waren. Bis zum Hereinbrechen der Arbeitslosigkeit spielten noch die Berufsaussichten eine ausschlaggebende Rolle, bei der gleichmäßigen Verschlechterung aller Berufsaussichten sind solche Rücksichten leider kaum noch vonnÖten. Daß bei der Berufswahl der bürgerlichen, besonders der j ü d i s c h e n bürgerlichen Mädchen die a k a d e m i s c h c n Berufe gegenüber den praktischen Berufen so stark bevorzugt wurden, lag wohl an der einseitigen Uebersehätzung akademischen Wesens. Vielleicht war darin auch die ganz natürliche Reaktion darauf zu erblicken, daß man die jungen Mädchen jahrhundertelang zu dieser Laufbahn nicht zugelassen hatte. Zwar war auch die Hinneigung zu den sozialen und sozialpädagogischen Berufen groß, doch überstieg liier das Angebot von Kräften nicht so sehr die Nachfrage. In kleinbürgerlichen Kreisen tendierten die Mädchen stark zur kaufmännischen Laufbahn, die praktischen, d. h. wirtschaftlichen und handwerklichen Berufe wurden indessen vernachlässigt. Auf dem Lande blieb noch bis in die jüngste Zeit ein großer Teil der jüdischen Mädchen berufslos. Nach kurzem Besuch einer Haushaltungs- oder Frauenschule bzw. eines Pensionates gingen diese jungen Menschen meist wieder ins Elternhaus zurück, ohne speziellere Berufschancen erworben zu haben. Es war bisher das Streben der interessierten Kreise, möglichst jedem Mädchen eine Berufsausbildung zuteil werden zu lassen; blieb es unverheiratet, so kam es zu einem einigermaßen befriedigten Dasein und entging dem wenig beneidenswerten Schicksal der alten Jungfer und Familientante. In einer wirtschaftlich schlechten Ehe war die Frau imstande, die Lebenshaltung der Familie oder die Ausbildungsmögiichkeiten der Kinder durch eigene, ergänzende Berufstätigkeit zu verbessern. Die verwitwete oder geschiedene Ehefrau war nicht gezwungen, sich kümmerlich durch Uebernahme kleiner Handelsvertretungen oder armseliges Zimmervermieten zu erhalten; sie konnte einen früher erlernten und geübten Beruf vertrauensvoll wieder aufnehmen. Die Entwicklung i n. Deutschland hat diese Aussichten und Zustände über den Haufen geworfen. Zwei Gründe sind dafür anzuführen: Politisch weltanschauliche, auf die einzugehen sich hier erübrigt, sodann wirtschaftliche. Es ist selbstverständlich, wenn es auch in Einzelfällen schwer zu erfüllen sein mag, daß bei doppelverdienenden Eheleuten die Frau ihre Tätigkeit aufgibt. Eine allgemeine Abdrängung der Frau vom Arbeitsmarkt wird sie 'zwangsläufig. wieder in die Stellung, die sie vor der Jahrhundertwende gehabt hat, bringen; unverheiratet wird sie . wieder nur Haustochter, nur Familienauhängsel mit beschränktem Tätigkeitsfeld und Gesichtskreis sein. Kommt sie aber unselbständig, ungewandt im tätigen Leben, unerprobt und geistig ungeschult wirklich deutschen Juden verpflichtet. Sie hat die in ihr wohnende:) geistigen Qualitäten für die Gesamtheit zu entwickeln, denn ihre Pflichten und Rechte hat sie nicht für sich allein. Sie lebt dann im Geiste bester jüdischer Tradition. Lesen wir doch schon in der Bibel von Deborah, die als Richtern» im Volke Israel Recht sprach, und von der Prophetin Hulda, der das ganze Volk sein Ohr lieh. F r a u D r. F i n k im Beruf zur Ehe, völlig von den drei Ks: Kinder, Küche, Klatsch erfüllt, so wird sie einen längst überwundenen Frauentypus wieder herstellen, den verloren zu haben bisher mit Recht unser Stolz war. Nun ist die weibliche jüdische Jugend in dieser Hinsicht ausnahmlos ein wenig besser gestellt. Zwar ist ihr der Zugang zu allen Berufen erschwert worden, doch durch den Zwanu", sich nicht nur den Erfordernissen Deutschlands, sondern auch denen des Auslandes, vornehmlich Palästinas, anpassen zu müssen, erwächst die unabweisbare Pflicht, sieh auf den Lebenskampf so vorzubereiten, daß man ihn auch allein bestehen kann. Zwar sind die Heiratsaussichten dadurch, daß man heule auch auf sehr viel bescheidener Wirtsehaftsgrundlage Ehen schließt, nicht schlechter geworden, um so mehr aber ist Mitarbeit und Mitverdienst der Frau unerläßliches Erfordernis. In den eigentlichen akademischen Berufen wird freilich die Fiau dazu in den wenigsten Fällen Gelegenheit .haben. Hier in Deutschland ist es völlig ausgeschlossen, im Ausland so gut wie unmöglich. In den fürsorgerischen Berufen wäre zwar Arbeitsmögiichkeit hier und anderwärts, aber es fehlt an allen Erwerbsaussichten. Die Lage der jüdischen kaufmännischen Angestellten ist in Deutschland gleichfalls trostlos, in Palästina auch wenig günstig. Für sozialpädagogisehe Kräfte, also Kindergärtnerinnen, Hortnerinnen, Jugendleiterinnen gibt es in Deutschland in Heimen beschränkte Berufsaussichten; so lange diese von Gemeinden und Vereinen getragenen Institutionen bestehen bleiben, sind natürlich auch gut ausgebildete Kräfte für sie vonnöten. In stärkerem Maße werden allerdings solche Kräfte von Familien vor allem im Ausland beansprucht: besonders dann, wenn sie die betreffende Landessprache beherrschen und gleichzeitig Hausarbeit verrichten wollen und können. Die wirklich praktischen, gemeint sind die gewerblichen, pflegerischen und hauswirtschaftlichen Berufe, bieten in beschränktem Umfang in Deutschland, in weitergehendem Ausmaß im Ausland noch gewisse Möglichkeiten. Diese Berufe haben den akademischen und kaufmännischen gegenüber den großen Vorzug, daß hier die Frauen weniger stark von den männlichen Arbeitskräften verdrängt werden können, weil diese Berufe zu den eigentlich Aveiblichen gezählt werden müssen, die daher nicht in der umstrittenen Koukurrenzzor.e liegen. Es ist zwar zuzugeben, daß jedes Gebiet, das von einer wirklich fraulichen Kraft versehen wird, eben dadurch bereits zu einer weiblichen Berufsarbeit wird, genau so wie Kochen und Schneidern, von einem Manne ausgeübt, eine durchaus männliche Note erhält. Aber es ist für eine Frau doch sicher leichter in der Wirtschaft, der Kinderpflege ihre persönliche Note durchzusetzen als hinter dem Schalter einer Bank oder in einem Anwaltsbüro. Leider können heute die psychischen Wirkungen der Berufsarbeit auf die Frau und ihre seelische Haltung zur Tätigkeit nicht in den Vordergrund der Betrachtung gerückt werden. Die Frau von heute ist krasser und rauher denn je in die Wirklichkeit gestellt und muß sich ihr anpassen. Da wird es kein Ausweichen geben, vielmehr mir ein Sieh-SteHcn: „Wo und wie bin ich nötig". In Palästina konnte und kann man irut ausgebildete Handwerkerinnen (Schneiderinnen, Putzmacherinnen, Wäschenäherinnen, Büglerinnen, Friseusen) durchaus brauchen. In einigen anderen Ländern Europas ' übrigens vor kurzem ebenfalls. Tüchtige hauswirtschaftiiehe Kräfte sind stärker gesucht als vorhanden, sowohl für den Einzelwie auch für den Groß- und Lehrhaushalt. Landwirtschaftlich und gärtnerisch gründlich geschulte Arbeiterinnen — nicht solche," die zwei oder drei Monate in einen Betrieb hineingeschaut haben — finden in Palästina bestimmt ein Tätigkeitsfeld.

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