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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-11-01 · 3 (11.1933) · p. Seite 126

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
3 (11.1933)
Date
1933-11-01
Page
Seite 126 (sequence 36)
Language
German
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Seite 126 verlockend erscheint, so dürfte es sich erübrigen im einzelnen darzustellen, wie schlecht die Aussichten für Juden in diesem Berufszweig sind. Wenn mit Recht eingewandt werden wird, daß das Gesagte keine Lösung dieser Frage darstellt, so können wir nur darauf antworten, daß eine Lösung für das Judenproblem in Deutschland überhaupt noch nicht gesehen wird. Alles, was wir tun kennen, ist: die Forderungen erfüllen, die der Tag an uns stellt — ohne Resignation und ohne Verzweiflung. Sara Eisenstädt Frauenbewegung - jüdische Frau Kämpfernaturen waren die ersten Frauen, die im letzten Jahrhundert aufstanden, um das Recht der Frau als Persönlichkeit zu erringen. Heftig tobte der Kampf gegen veraltete Vorurteile, -gegen Geschlechterhaß. Nur das „liberale Zeitalter", das demokratische, das jeden nach seinen Wünschen und Fähigkeiten zur Entwicklung bringen lassen wollte, war für eine wirkliche Frauenemanzipation der Nährboden. Versöhnung aller «Gegensätze durch Werke der sozialen Tat, das war die Grundstimmung. Darauf entwickelten sich die Persönlichkeiten der ersten „Führenden Frauen". Dabei — wir sehen mit Absicht von einigen, im heißen Tageskainpf sich ergebenden Entgleisungen ab — blieb das Weibliche, das Mütterliche auch in diesen Frauen das Tragende. Helene Lange, Luise Otto, um nur zwei Namen zu nennen, sahen in der Freiwerdung der Frau durch Bildung und Formung der Persönlichkeit durch den Kampf im Leben ein Moment, auch das Weibliche in der Kultur, die rein, männlich bestimmt wurde, durchzusetzen. Bei Gertrud Bäumer sehen wir dies in der Vollendung. Es ist kein Wunder, daß gerade die deutsche Jüdin sieh mit Feuer der Frauenbewegung hingab. Durch das liberale Elternhaus, das die Tradition verlassen hatte, in einem Schwebezustand, sahen die erwachten Frauen keine Möglichkeit in der bürgerlichen Enge, in dem Warten auf die Bestimmung als Mutter und Gattin vielleicht zum Menschsein erwachen zu können, sich als Persönlichkeit zu entfalten. Wenn wir den Werdegang einer Alice Salomen betrachten, wie sie ihn selbst in dem von Elga Kern1) herausgegebenen Buche Mundiea. schildert, so ist es klar, daß hier menschliche Beziehungen entstanden, die gerade in der Frauenbewegung sich zum harmonischen Ganzen fügten. Da, wo nicht das Weibliche als das Mindere angesehen wurde, da, wo der Arme und Verlassene noch als Mitbürger, als Mensch empfunden wurde, da, wo die nationalen Bindungen noch sublimiert wurden durch Zusammenschlüsse über die Grenzen hinaus — denken wir an die Arbeit der großen Frauenkonferemzen zur Frage der Frauenarbeit, des Arbeitsschutzes, des Mutterschutzes, nicht zu vergessen die Arbeit einer Bertha Pappen heim den Mädchenhandel betreffend — da fiel natürlich die Schranke, die zuvor der Jüdin als „Jüdin" gesetzt war. Es ist heute fast unmöglich, das Wirken der Frauenbewegung in rein deutsche und nicht deutsche Motive zu zerlegen. Üeberall, wo ein neues Gebiet in Angriff genommen wurde, war die Jüdin mit auf dem Plan. Alice Salomen wurde bereits (genannt. Die Leitung der .^Sozialen Frauenschule", die ja so recht zeigt, daß das spezifisch Weibliche und Mütterliche in der Jugend entwickelt werden sollte, wurde -1908 bei der Gründung ihr als der Berufenen übertragen. Ganze Generationen von jungen Frauen haben sich dort die Möglichkeiten für spätere soziale, mütterliche Arbeit in der eigenen Familie oder für das Volksganze erworben. Neben der sozialen Ausbildung stand der Kampf zum Zugang zur U n i v e r s i t ät. Auch hier sind jüdische Frauen Band in Hand mit ihre.n christlichen Geschlechtsgenossinnen die ersten Pioniere gewesen. Ueberall bildeten sich die ersten Vereine zur Schulung junger Frauen zum Abitur, das ja dann, im Beginn unseres Jahrhunderts, nach Fallen der letzten Schranken, den Zugang zum Wissen bot. Natürlich setzte nach und nach ein immer stärkerer Strom von Frauen zu diesen Bildungstätten ein. Ersehlossen sich doch hier Möglichkeiten, die wir als echte Frauenberufe ansehen müssen; ich denke an den Beruf der Aerztin, der Lehrerin, der Theologin und auch der Juristin. Allerdings ging die Frauenbewegung ja davon aus, daß es der Frau gegeben sein müsse, im „männlichen" Berufe als Frau Besonderes zu leisten. Es ist zu kurze Zeit her, um ein abschließendes Urteil heute abgeben zu können. Sind ja doch erst eigentlich drei Generationen akademi- *) Elga Kern: Führende Frauen Europas. Verlag Emst Reinhardt, scher Frauen vorhanden. Die ersten Kämpferinnen hatten im allgemeinen ihre persönliche und menschliche Erfüllung im Berufe gesehen und gefunden. Die mittlere Generation, ich denke an die um die Jahrhundertwende Geborenen, haben meist schon das Glück gehabt, neben der Berufsarbeit auch als Frau und Mutter sich erfüllen zu können. Wie ich glaube, nicht zum Schaden der Ehe und der Nachkommenschaft. Hier trennen sich heute die Wege. Wir, die wir am Berufe hängen und im Berufe unsere besondere Aufgabe sehen, können nicht verstehen, daß hier Gegensätze bestehen sollen. Vielleicht ist es in der Tat der dritten Generation der Akademikerinnen zu leicht geworden — nach Ablauf der Gymnasien — den Uebergang zum Hochschulstudium zu finden. Vieleicht fiel durch Wegfall der äußeren Schranke die Prüfung weg, ob wirklich dieser Beruf der eigenliche, der einzig in Betracht kommende sei? Es würde nicht in den Rahmen dieses Aufsatzes passen, die soziologischen und ökonomischen Gründe hierfür aufzudecken. Wir dürfen nicht vergessen, daß eine Männergeneration ausgefallen ist, daß nach der Inflation, nach Einsetzen der Scheinkonjunktur auch die falschverstandenen Aussichten in den Frauenberufen viele zum Studium lockten, die eigentlich auch in einem anderen Lebensbezirk sich zu Hause fühlen würden. Vergessen wir nicht, daß die enormen Zugänge zu den Universitäten in den letzten Jahren eine verkappte Form der Arbeitslosigkeit bedeuteten. Jetzt setzt der R üc k s c h 1 a g ein. Er ist wirtschaftlich vorauszusehen gewesen. Auch ohne die jetzt politisch bedingten Momente hätte ein Damm für die Frauenwelt aufgerichtet werden müssen. Geist und Geistigkeit haben nichts mir Berechtigung und deren Nachweisen zu tun. Die soziale Tat mancher ersten Kämpferin ist mit keinem Maß vergleichbar einem akademischen Grad und Titel. Aber sollen wir jetzt im Augenblick aus der momentanen Verwirrung heraus ungeschichtlich allen Zusammenhang zum Gewordenen zerstören? Die Frage geht alle Frauen prinzipiell an, nicht nur die jüdische Frau. In den Reihen der Frauen, die heute in der Nationalsozialistischen Frauenfront stehen, wird heute sehr lebhaft das Recht und die Notwendigkeit der geistigen Berufe und ihrer notwendigen Auswirkung im Rahmen der Volksgemeinschaft besprochen. Man ist sich klar, daß etwa der Beruf der Aerztin — nennen wir ihn mit den Worten der Referentin Dr. *G. Becker-Schäfer (Vorstandssitzung des Bundes Deutscher Aerztinnen, 25. 6. 33)2) Volksärztin, Aerztin fürs Volk — aus der Volksgemeinschaft nicht mehr wegzudenken ist, weil er notwendig ist für das Volksganze. Und wie steht es mit uns? Wir müssen klar scheiden zwischen äußeren Möglichkeiten, die uns momentan verschlossen sind, und Forderungen innerer Art, die wir kraft unseres Seins — auch als jüdische Frauen — erheben können und müssen. Es wird wieder eine klare Entscheidung gefordert, gefordert von jeder einzelnen Frau. Ist sie eine Kämpferin für das geistige Prinzip, ist sie kraft ihres Intellekts 'berufen, auch in der Wissenschaft ihre Stimme zu erheben, auch in der Kulturströmung sich als Frau durchzusetzen, sich durch ihr Frau- Sein dem Männlichen zuzugesellen zu einem volleren Klang. Wir sind als deutsche Jüdinnen momentan in der Lage, daß wir unsere im Aufbruch stehende Gesellschaft als Akademikerinnen zu sehr belasten. Es wird sicherlich eine reiche Möglichkeit gelben, sich in. Palästina auszuwirken, ohne, das spezifisch „Akademische", das wir deutschen Frauen an uns haben. Wir, die in Deutschland bleiben, haben wahrscheinlich den härteren Kampf zu bestehen, auch jetzt unsere geistige Haltung nicht zu verlieren. Jetzt muß es sich entscheiden, an der schweren Prüfung, ob uns unser Beruf eine Aushilfe, eine irgendAvie auch anders möglich gewesene Lebensform war, oder ob wir aus dem inneren Feuer, das die ersten Kämpfe- 2) Die Aerztin, Monatsschrift Deutscher Aerztinnen. 9. Jahrg. Heft 8. Berlin, August 1935. Verlag F. A. Herbig, Berlin W.

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