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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-11-01 · 3 (11.1933) · p. Seite 125

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
3 (11.1933)
Date
1933-11-01
Page
Seite 125 (sequence 35)
Language
German
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Seite 125 Wir jüngeren Menschen haben nicht erst die Lehren dieses Jahres nötig gehabt, um zu empfinden, daß die vergangene Epoche jüdischer Geschichte einen Bruch ihrer Kontinuität bedeutete, wobei fast das Ende auszurechnen war. So empfängt das Geschehen unserer Tage trotz seiner Schwere und Härte im persönlichen Erleben seinen höheren Sinn, aus dem wir die Kraft nehmen, unser Schicksal zu bejahen und u n s e r e n Weg zu gehen. Was der jüdischen Frau dabei als Aufgabe zufällt, läßt sich mit der alten Formel wiedergeben, die den Sinn der jüdischen Ehe umschreibt: „liwnoth bajith bejisrael": jede an ihrem Platze ein „Haus in Jisrael zu baue n'\ Was uns zu dieser Aufgabe fehlt an Wissen um jüdischen Brauch und jüdische Lehre — und wie wäre Judentum ohne Wissen und Lernen möglich? — das mögen uns die Berufenen, Rabbinen und Lehrer, vermitteln. Sie mögen uns auch heute noch, uns, die Erwachsenen, vertraut machen mit jüdischer Geschichte bis in unsere Tage, wir wollen gerne wieder Lernende werden, und wir werden das, was man uns heute gibt, da wir wissen, worum es geht, ganz anders würdigen als zu unserer Schulzeit. Lilly Mannheimer Gedanken zur Berufswahl der jüdischen Frau Die Geschichte der deutschen Frauenbewegung umfaßt nicht ganz ein halbes Jahrhundert. Abgesehen von der rechtlichen und politischen Gleichstellung, die in dieser Zeit von den Kämpferinnen der Frauenbewegung erreicht worden ist, ist u. E. die Wertung der Frauenarbeit als Haupterfolg zu buchen. Frauenarbeit wird nicht mehr mitleidig belächelt, sie wird positiv gewertet. Eine Inferiorität in der Leistung der Frau gegenüber der Arbeit des Mannes wird weder von ihr selbst, noch von der Gegnerseite gesehen. Frauen haben in. den langen Jahren des Krieges, der Inflation und der Wirtschaftskrise im Existenzkampf gleich dem Manne gestanden; ihre Arbeit hat sich bewährt und ist vom Manne anerkannt worden. Wenn gegen Frauenarbeit oft Stellung genommen wird, so geschieht es nicht, weil sie unterschätzt wird, sondern weil ihre Konkurrenz gefürchtet wird. Welche Stellung auch immer dei Frau im deutschen Staate angewiesen werden wird, ihre Leistung wird nicht' mehr angezweifelt werden, und das ist und bleibt das Verdienst der Frauenbewegung. An dem Erfolg der deutschen Frauenbewegung hat auch die jüdische Frau ihren großen Anteil. Jüdische Frauen sind im Bund deutscher Frauenvereine, der Organisation, die bisher die Frauenbewegung verkörperte, seit seiner Gründung im Jahre 1894, niittätig gewesen; sie haben mit dazu beigetragen, den deutschen Frauen die Wege zu Bildung und Beruf zu ebenen. Wir erinnern an die Namen von Henriette Goldschmidt, Jeannette Schwerin, Lina Morgenstern, Josephine Levy-Rathenau u. a. Für die jüdische Frau war es noch schwieriger, sich zu emanzipieren, weil die jüdische Religion der Frau nur einen Platz in der Familie anweist und sie als dem Manne nicht ganz ebenbürtig ansieht. Zum Thorastudium ist nur der Mann verpflichtet, im Gemeinderat hat die Frau nach orthodoxer Auffassung keinen Sitz. Das Stimmrecht besitzen die jüdischen Frauen auch heute noch nicht in allen Gemeinden Deutschlands. In Frankfurt a. M. ist es das Verdienst von Bertha Pappenheim, den Frauen dieses iRecht erkämpft zu haben. Der heutigen dritten Generation der Frauenbewegung ist Bildung, Berufsausbildung, selbständiges Handeln, mit einem Wort die Gleichberechtigung so selbstverständlich, daß sie nicht mehr weiß, daß mit dem Recht auch eine Pflicht verbunden ist, nämlich die Pflicht der Dankbarkeit gegenüber den Vorkämpferinnen und vor allem die Pflicht, das mühelos Ererbte .zu erwerben, um es auch zu besitzen. Es ist eine alte Wahrheit, daß der Wert eines Gutes uns erst dann voll zu Bewußtsein kommt, wenn wir Gefahr laufen, es zu verlieren. Wenn wir jetzt, nachdem die Emanzipation der jüdischen Frau, wie die Gleichstellung des Juden im Staate überhaupt, bereits der Vergangenheit abgehört, die Leistungen der jüdischen Frau im deutschen Staate überblicken, so können wir ohne Ueberhebung sagen, daß die jüdische Frau die an sie gestellten Anforderungen erfüllt hat. Jetzt nachdem die jüdischen Frauen durch den Arierparagraphen ihre Stellungen im Staatsdienst, in der Kommune und zum größten Teil auch in den freien Berufen verloren haben, wissen wir um ihre Zahl, um ihr Können und um ihre Pflichttreue. Sie sind alle auf Grund ihrer Fähigkeiten in diese Stellungen gekommen, und es ist ihnen auch attestiert worden, daß sie sich in ihnen bewährt haben. Die jüdische Frau sieht sich nun auf einem ganz engen Lebensraum, und es ist schwer zu sagen, wessen Los tragischer ist, derjenigen Frauen, die bereits einen Beruf haJben und ihn nicht mehr ausüben dürfen, oder derjenigen, die mitten in der Ausbildung stehen und sie nicht beenden dürfen, oder da? Los der jungen Mädchen, die vor der Berufswahl stehen. Wie dem aber auch sei, es ist Pflicht der jüdischen Gemeinschaft sich der Jugend, der Zukunft, besonders anzunehmen. Dieser Jugend stehen in Deutschland nur noch wenig Bildungsstätten mehr offen. Die wirtschaftliche Lage der Eltern bietet nur wenigen die Möglichkeit, eine gründliche Bildung und Berufsausbildung im Auslande zu erwerben. Der Berufswunsch und sogar die Eignung für einen 'bestimmten Beruf können nicht mehr den Ausschlag bei der Berufswahl geben. Welche Wege stehen der Jüdin überhaupt noch offen? Wozu werden wir den jungen Mädchen, die Ostern die Schule verlassen, raten? Wir werden ihnen allen raten, zunächst die Hauswirtschaft gründlich zu erlernen, sei es in einem Privathaushalt, in einem Betrieb, oder in einer Haushaltungsschule. Wir geben uns keinen Illusionen hin, wir wissen, daß wir dabei auf großen Widerstand stoßen werden. Die hauswirtschaftliche Tätigkeit ist von jüdischen Mädchen bisher als derart degradierend angesehen worden, daß wir nicht annehmen können, dieses Vorurteil sei durch die letzten Ereignisse überwunden worden. Wir weisen schon seit Jahren in der Berufsberatung auf die Wichtigkeit der hauswirtschaftlichen Ausbildung hin. Es ist die Schuld der Mütter, daß die Mädchen sich derart sträuiben, sich hauswirtschaftlich auszubilden. „Den Haushalt kann meine Tochter auch bei mir lernen." Das hören wir immer wieder, und wie die Tochter ihn bei ihr lernt, das beweisen die abgebauten kaufmännischen Angestellten, die gerne eine Stelle in einem Haushalt annehmen würden und nicht über die Kenntnisse im Haushalt verfügen, die erforderlich sind. Und die Ueberwindung der Abneigung gegen die Hauswirtschaft ist nicht die einzige Schwierigkeit bei der Lösung dieses Problems. Die Schaffung von A u s bi 1 d u n g sm ö g 1 i c h k e it e ji in der Hauswirtschaft wird ebenso großen Schwierigkeiten begegnen. Wir sind uns dessen bewußt und wir werden dennoch nicht müde werden, diese Schwierigkeiten zu überwinden. Dieses „W e i b 1 i c h e Dien st jähr" ist eine Notwendigkeit, weil die hauswirtschaftliche Ausbildung für jede Frau eine Notwendigkeit ist, eine Ausbildung, die jeder anderen Berufsausbildung voranzugehen hat, denn sie kann im späteren Alter nicht gut nachgeholt werden. Abgesehen davon, daß die hauswirtschaftliche Ausbildung einen großen Gewinn an sich darstellt, ist die Hinausschiebung der Entscheidung für einen Beruf bei den heutigen undurchsichtigen jüdischen Verhältnissen auch ein großer Vorteil. Wesentlich aber bleibt, daß gerade die hauswirtschaftliche Ausbildung zur Zeit als die aussichtsreichste für die jüdische Frau anzusprechen, ist. Dabei ist nicht aiiein an die direkte hauswirtschaftliche Betätigung in einem Privathaushalt gedacht — für die heute noch große Nachfrage in Deutschland besteht — sondern vor allem auch als Grundlage für die weitere Ausbildung, sei es als Säuglings- oder Kinderpflegerin, als Anstaltsbeamtin oder Krankenpflegerin. Eine weitere Ausbildung, die sich zweckmäßig an das hauäwirtschaftliche Jahr anschließen kann, ist die landwirtschaftliche Ausbildung, die im Hinblick auf Palästina als das Empfehlenswerteste zu betrachten ist. Für diese landwirtschaftliche Betätigung ist eine praktische hauswirtschaftliche Tätigkeit geradezu eine Vorbedingung, nicht zuletzt auch wegen der körperlichen Ertüchtigung. Die darüber hinaus noch verbleibenden Möglichkeiten der Betätigung sind handwerklicher Art. Für die handwerkliche Ausbildung darf natürlich . nur die Eignung den Ausschlag geben, und es ist dabei in Betracht zu ziehen, ob die Betreffende die Absicht hat, auszuwandern, denn die Aussichten in Deutschland sind auch für jüdische Handwerker nicht günstig. Wa:-. schließlich den kaufmännischen Beruf anbetrifft, der merkwürdigerweise noch sehr vielen Benifsanwärtern sehr

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