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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-11-01 · 3 (11.1933) · p. Seite 124

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
3 (11.1933)
Date
1933-11-01
Page
Seite 124 (sequence 34)
Language
German
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JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde_• Nr. 3___NOVEMBER 1933 Alle Artikel sind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Schriftleitung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Verantwortung. — Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an den Schriftleiter der Beilage Georg Guthmann, Bettinastr. 41 zu richten Die junge jüdische Frau in dieser Zeit Stellung der jüdischen Frau zu Ehe und Kind Wenn ich als Frau der jüngeren Generation mich zu diesem Thema äußern soll, so fällt es mir nicht schwer, in den Blättern unserer Geschichte genug Vorbilder zu finden für echte jüdische Weiblichkeit Gefährtin dem Manne, ihm zur Seite als Beraterin und Gehilfin: so wird uns schon unsere Stammutter Sarah geschildert. Wenn auch hier und da Frauen als Prophetinnen oder sonst kraft ihrer starken Persönlichkeit sich hervortun, so sieht doch erst in der Gattin und Mutter die jüdische Auffassung das Weib in seiner Vollendung. Kinderlosigkeit wird schon in früher Zeit jüdischer Geschichte als großes Unglück betrachtet, und dem hebräischen Dichter gilt das unfruchtbare Weib als Personifizierung des Jammers. Wie wundervoll schildert uns die Bibel das Glück jener Frauen, die nach langer Kinderlosigkeit sich endlich Mutter fühlen dürfen: Sarah, Rahel, Hannah u. a. Man, lese in unseren Quellen nach, wie sich durch alle Zeiten hindurch dies Frauenideal wiederholt, man denke an die Frauen der mittelalterlichen Märtyrergeschichte, an die Erinnerungen einer Glückel von Hameln: immer spürt man die Stärke, den Einfluß der jüdischen Frau auf die Gestaltung des Familienlebens. Besonders in den Zeiten stärkster Bedrohung von außen zeigt sich uns die Bedeutung des Hauses, die enge Verbundenheit der Familie, die das stärkste Merkmal jüdischen Lebens wurde. Erst die neuste Zeit mit der Uebersteigerung von Subjektivismus und Individualismus, mit der Emanzipation der Frau und ihrem Hineinwachsen in fast alle Berufe, meistens verbunden mit stärkster Assimilation an die Umweit, kouate eine fast völlige Auflösung der jüdischen Familie zustandebringen. Die Frau verlangt Gleichstellung mit dem Manne: ihre eigenste und edelste Bestimmung als Gattin und Mutter tritt dagegen in den Hintergrund. Erhaltung und Fortführung des Judentums aber ist — vielleicht mehr als irgendwo sonst — an die Erhaltung der Familie geknüpft. Dazu kommt, daß wachsender Wohlstand bei den meist in bürgerlichen Berufen zu findenden Juden in dieser vergangenen Periode die Ansprüche ans Leben und die Bequemlichkeit steigern, es zeigen sich alle Verfallserscheinungen gehobenen Bürgertums: Spätehe, geringe Kinderzahl oder gar Ehe- und Kinderlosigkeii. Dabei lag ein großer Teil der Schuld bei den Männern, die das „Luxusweibchen", die „sportlich und gesellschaftlich repräsentative Erscheinung", dem schlichten, häuslichen Mädchen vorzogen, ihren Frauen jeden Luxus und jede Abwechslung verschafften und gestatteten und sie doch im tiefsten Innern nicht zufriedenstellen und ausfüllen konnten. Das hat sich in der Folge oft bitter gerächt, wenn solche Frauen bei plötzlich veränderter Lebenslage sich nicht umstellen konnten und dem Manne Gehilfin sein, dessen Sorgen und Lasten sie nie gekannt hatten. Eine gewisse Ausnahme bildeten die Menschen, die durch die Jugendbewegung gegangen sind: ein Beispiel ist mir mein eigener Freundeskreis, in dem nicht eine einzige ,,Standes"ehe, Spätehe oder Einkinderehe zu verzeichnen ist, zwei bis drei Kinder sind die Regel; die Frauen dieser Ehen versuchten stets, an den Sorgen und Arbeiten des Mannes teilzunehmen und standen notwendigem Wechsel in der äußeren Gestaltung des Lebens mit Fassung, Mut und Würde gegenüber. Alle diese Ehen sind — und das scheint mir beachtenswert — positiv jüdisch eingestellt. Vielleicht hat der wirtschaftliche Verfall der jüdischen Kreise Deutschlands und das politische Geschehen der letzten Monate das Gute, daß wir alle gezwungen sind, uns in ein einfaches,.schlichtes Leben zurückzufinden, daß mit dem Wegfall der „gesellschaftlichen" Möglichkeiten außen, auch eine Rückkehr zur Häuslichkeit, zur Familie wieder einsetzt. Es ist eine merkwürdige soziologische Tatsache, daß die Festigkeit der Ehen und auch die Zahl der Kinder im gleichen Maße fällt wie der Wohlstand wächst. Es ist z. B. interessant, daß auch die schärfsten Kritiker Palästinas lobend zugeben, wie stark der Geburtenüberschuß dort ist und wie man sich um Aufzucht und Erziehung der Kinder müht. Ob hier nur die Rückkehr zur „Mutter Erde" das Wunder bewirkte, oder ob nicht vielmehr die völlig geänderte Lebenshaltung, die radikale Umstellung in bezug auf die Werte des Lebens, ob nicht eben der „chaluzische Geist" es ist, der hier einer Gemeinschaft den einzig möglichen Weg der Erhaltung zeigt? Und warum sollten nicht auch die jüdischen Menschen, die ihre Zukunft in Deutschland sehen, sich .diese „c h a 1 u z i s c h e" Einstellung aneignen können? Dazu gehört zunächst die Erkenntnis, daß nur in der Rückkehr zu unseren eigensten Bezirken die Erhaltung unserer Gemeinschaft gewährleistet wird. Hier sehe ich die große Aufgabe des Augenblicks für uns jüdische Frauen. In erster Linie an uns liegt es, ob diese Regeneration sich durchführen läßt, wir müssen die richtige Einstellung zur Ehe und zu den Kindern wieder gewinnen, wir müssen uns selbst belehren, damit wir unseren Kindern Vorbild sein können, wir müssen ihnen von klein auf die Liebe zu unserem Judentum einpflanzen und sie stark machen für den Kampf im Leben da draußen. Die Zeiten sind endgültig vorbei, wo man glaubte, den Kindern den Lebensweg so ebenen zu können, daß sie es „besser als die Eltern im Leben haben" sollten^ wo äußerer Wohlstand Gradmesser war für die Bewertung des Menschen und wo alle Erziehung darin gipfelte, „daß das Kind es recht weit bringe". Wir brauchen ein starkes Geschlecht, welches weiß, daß der Wert des Menschen nicht-in seiner äußeren Stellung, sondern in seinem Inneren begründet ist, in seiner Hingabe an die Gemeinschaft, der er zugehört, unabhängig davon, wo er sein Leben verbringen kann: ob hier oder in „Erez" oder wo sonst immer auf Gottes Erde. Gerade die Jüngeren, die bündische Jugend vor allem, oft halbe Kinder noch, haben die Hohlheit und Leere des jüdischen Lebens bisher am stärksten empfunden und den Weg zurückzufinden gesucht. So verschieden sie oft in ihrer Weltanschauung sonst waren, dieser Wille zur Gestaltung jüdischen Lebens schlechthin war ihnen gemeinsam. Wie oft konnten die Eltern dieses Suchen nicht begreifen, ja wie viele können es zu dieser Stunde noch nicht! Hier hat unsere Selbstkritik einzusetzen und unser Streben, das nachzuholen, was wir selbst in unserer Jugend nicht gelernt haben an Jüdischk'eit, damit wir unseren eigenen Kindern mehr mitgeben können als wir selbst bekamen. Heute, wo Theater, Gesellschaften u. v. a. wegfallen, sollten Zeit und Sinn genug vorhanden sein, sich zu vertiefen in, jüdische Geschichte, in Bibel, in Sitten und Gebräuche unseres Volkes, in seine Sprache. Fehlte auch in den vergangenen Jahren oft das. Interesse für den eigensten Bezirk unseres Seins, so sollte man annehmen, daß heute die Lage jeden zwingt, sich mit den brennendsten Fragen des Tages zu beschäftigen, mit denen un-. sere Kinder zu uns kommen werden. Dann dürfen wir nicht mit leeren Händen dastehen, sondern müssen ihnen antworten können.

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