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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-11-01 · 3 (11.1933) · p. Seite 103

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
3 (11.1933)
Date
1933-11-01
Page
Seite 103 (sequence 13)
Language
German
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Seite 103 Jüdische Verantwortung Von Heinrich Stahl Der Vorsitzende der Berliner Gemeinde veröffentlicht im Berliner Gemeindeblatt die nachstehenden beherzigenswerten Ausführungen: Unberechtigte Verallgemeinerung vereinzelter Erfahrungen ist offen'bar ein unausrottbarer menschlicher Fehler. Die verschiedensten Kreise klagen mit Recht darüber, daß Fehler oder Vergehen eines einzelnen aus ihrer Mitte der Gesamtheit zur Last gelegt werden. Kaum eine Gemeinschaft "wird von diesem schlechten Brauch so betroffen wie die jüdische. Es ist hier nicht -der Ort, soziologisch zu untersuchen, welche Fehler in jüdischen Kreisen etwa tatsächlich besonders verbreitet sind, aber auch wer sehr kritische Maßstäbe »bei solcher Prüfung anzulegen gewillt ist, wird zugeben, daß oft genug der jüdischen Gesamtheit Verfehlungen einzelner zur Last gelegt werden, die wirklich in keiner Weise für sie typisch sind. Mit Tatsachen muß man rechnen. Deshalb erwächst jedem Angehörigen einer Gruppe von Menschen, die so im Brennpunkt kritischer Betrachtung steht wie die unsrige, .die mora-* lische Pflicht, sich bei allem Tun und Lassen, vor allem auch bei jeder öffentlichen Betätigung, der Folgen für seine Gemeinschaft bewußt zu sein. Wir wollen uns aber auch über die Grenzen der Erfüllung dieser sittlichen Forderung klar werden. Bei einer Gemeinschaft von mehr denn 150 000 Menschen, wie sie das Berliner Judentum darstellt, kann es nicht nur animae candidae, nur Unschuldslämmer geben. Es wird auch weiter vorkommen, daß dem oder jenem die Hemmungen fehlen, daß er sich durch asoziales Verhalten oder Verletzung der Gebote des Staates schuldig macht und damit Ruf und Ansehen seiner Gemeinschaft gefährdet. Ist-dies unvermeidlich, so sollte doch dreierlei meiner Auffassung nach restlos erreichbar sein: Eine verantwortungsbewußte Einstellung der Gesamtheit gegenüber Verstößen einzelner, ein verantwortungsbewußtes Benehmen größerer Personenmengen und ein verantwortungsbewußtes Führertum. Es darf nicht vorkommen, daß Verfehlungen einzelner gedeckt oder entschuldigt werden, weil es unangenehm ist, zuzugeben, daß einer aus unserer Mitte sich vergangen hat. Es braucht das Verständnis für die Unvollkommenheit des Menschen und das menschliche Mitgefühl mit dem, der nur schwach, nicht hose ist, nicht hintangesetzt zu werden: aber objektiv kann die Reaktion gegen die Schuld nur die Verurteilung sein und, soweit des Staates Gebot Sühne heischt, muß ohne Angeberei und Denunziantentum in ruhiger und selbstverständlicher Erfüllung staatsbürgerlicher Pilicht dem Staate sein Recht gegeben werden. Wenn sich eine Mehrzahl von Juden in der Oeffentlichkeit zusammenfindet, bei der Ausübung eines Gottesdienstes, bei der Belehrung in Vorträgen und Kursen oder im Freien bei Sport und Erholung, da muß ein ruhiges, abgewogenes, unauffälliges Verhalten Selbstverständlichkeit sein. Es darf keine Gelegenheit seir^ von Lärm und Streit in jüdischen Versammlungen oder gar Gotteshäusern zu berichten — auch tiefgehende Gegensätze und Meinungsverschiedenheiten trägt eine disziplinierte und verantwortungsbewußte Gemeinschaft in würdigen Formen aus. Wer glaubt, daß er etwas, was ihm vorgetragen wird, gar nicht anhören könne, hat stets die Möglichkeit, sich in Ruhe zu entfernen. Beim Sport oder bei der Erholung ist gewiß kein Anlaß, in besonders auffallender Gewandung zu erscheinen oder durch besonders lautes Gebaren unangenehm aufzufalUen. Gerade wenn sich eine Mehrzahl von uns, eine Jugendgruppe, ein Freundeskreis, eine Familie in der Oeffentlichkeit zusammenfindet, kann und muß stets neben einem einzelnen, der etwa zu auffallendem Wesen neigt, der Besonnene sein, der an die Verantwortung gegenüber unserer Gemeinschaft mahnt. Ganz besonders aber gilt das Geheiß, daß alle Juden für des einzelnen Verfehlung haftbar gemacht werden, für jeden, der sich im Judentum in kleinerem oder größerem Kreis zum Vorsitzenden berufen glaubt oder als solcher erkoren wird. In gewissem Sinne hat die Ausschaltung der Juden aus dem öffentlichen Leben hier die Aufgabe erleichtert und die Gefahren gemindert- Einen jüdischen Abgeordneten gibt es nicht mehr, kaum noch einen Redakteur einer großen. Zeitung, die durch ihr Verhalten die Bevölkerung gegen die Juden aufbringen können. Leider werden Aeußerungen ausgewanderter, früher in Deutschland ansässiger Juden laut, die unsere Gesamtheit gefährden. Wir sind machtlos gegen den, der nicht mehr in unserer Mitte weilt und sich so unserer Beeinflussung entzogen hat. Wir, die wir aber noch an verantwortlicher jüdischer Stelle in Deutschland stehen, sind verpflichtet, darauf zu halten, daß nicht Strebertum und Gefallsucht auf billige Triumphe bei Unbesonnenen ausgehen. Jedes Wort und jede Tat sei abgewogen und getragen von wahrer Staatsgesinnung, von aufrechtem jüdischen Geiste, von den Geboten des Rechts, unserer Ethik und unseres Glaubens. Kundgebuug der Reichsvertretung In Tagen, die hart und schwer sind, wie nur je Tage der jüdischen Geschichte, aber auch bedeutungsvoll, wie nur wenige gewesen, ist uns durch die gemeinsame Entschließung der jüdischen Landesverbände, der großen jüdischen Organisationen und der Großgemeinden Deutschlands die Leitung und Vertretung der deutschen Juden übertragen worden. Kein Parteigedanke, kein Sonderwunsch hat darin gesprochen, sondern allein und ganz die Erkenntnis dessen, daß Leben und Zukunft der deutschen Juden heute durch ihre Einigkeit und ihren Zusammenhalt bedingt sind. Darum ist es die erste Aufgabe, diese^Einheit lebendig werden zu lassen. Jede Organisation und jedeT Verband sollen in ihrer Lebenskraft und in ihrem Aufgabenkreise anerkannt sein, aber in allen großen und entscheidenden Aufgaben darf es nur die eine Gemeinschaft, nur die eine Gesamtheit der deutschen Juden geben. Wer heute Sonderwege geht, wer heute sich ausschließt, hat sich an dem Lebensgebote der deutschen Juden vergangen. Im neuen Staate ist die Stellung der einzelnen Gruppen, auch derer, die weit zahlreicher und stärker sind als wir, eine ganz andere geworden. Gesetzgebung und Wirtschaf tsführung haben ihren gewiesenen Weg, eingliedernd und ausgliedernd. Wir sollen dies einsehen ohne Selbsttäuschung. Nur dann werden wir jede ehrenvolle Möglichkeit beobachten können und um jedes Recht, um jeden Platz, um jeden Lebensraum zu ringen imstande sein. Die deutschen Juden werden als arbeitnehmende und arbeitgebende schaffende Gemeinschaft im neuen Staate sich bewähren können. Eigene Gedanken, eigene Aufgaben zu verwirklichen, ist uns nur auf einem Gebiete, aber einem entscheidenden, gewährt, auf dem unseres jüdischen Lebens und unserer jüdischen Zukunft. Hier sind die bestimmtesten Aufgaben gestellt. Neue Pflichten jüdischer Erziehung sind zu erfüllen, neue Bereiche jüdischer Schule sind zu schaffen und alte zu wahren und zu schützen, damit dem heranwachsenden Geschlechte seelische Festigkeit, innere Widerstandskraft, körperliche Tüchtigkeit gegeben werde. Zu Berufen, die ihr einen Platz im Leben zeigen, soll unsere Jugend in besonnener Auswahl herangebildet und umgeschichtet werden, damit ihr Dasein seinen Ausblick gewinne. Das Bestehende wie alles 'Be- Tmnwmde» Sdüaganfälh

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