Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 3 (11.1933)
- Date
- 1933-11-01
- Page
- Seite 102 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 102 gemacht: den „Jud ßüß" 10). Alles Allgemeine und alles Persönliche ist sorgsam zusammengetragen und ausgewertet, das beigegebene Akten- und Anmerkungsmaterial umfaßt genau die Hälfte des starken Bandes. Der Jude Süß, durch die Lostrennung von seiner erst im Tode wiedergefundenen Volksgemeinschaft gleichsam der eigenen historischen Zeit beraubt, wird zum Vorläufer der absolutistisch-merkantilistischen Entwicklung Württembergs und — ihr Opfer. Niemand wird, gerade heute, diese sinnvolle Tragödie ohne Bewegung lesen. IV. Neueste Zeit und Gegenwart. Die von Immanuel Bernfeid neu bearbeitete „Neuste Geschichte des jüdischen Volkes" von Martin Philippsohn11) gehört zu derjenigen Gattung jüdischer Historiographie, die heute unmöglich geworden ist. Die energischen Fragestellungen einer neuen Forschergeneration, ja: selbst der kühne Dilettantismus eines Kastein haben der jüdischen Geschichtsschreibung heute einen Affekt gegeben, der eine so brave und nüchterne Aufzählung von. Tatsachen, wie sie hier vorliegt, als nicht mehr ausreichend erscheinen läßt. Bernfeld hat zweifellos die Partien insbesondere über osteuropäische Verhältnisse, die Philippsohn selbst nur auf Grund von Quellen zweiten Ranges behandeln konnte, durchgehend verbessert und auch sonst dem Buche durch Hineinarbeituiig der neueren Literatur genützt. So mag es als materlalreiche Informationsmöglichkeit seinen Dienst leisten, als eine Darstellung jüdischer Geschichte wird es kaum gelten dürfen. Von ganz anderem Kaliber ist die historische Biographie Friedrich Julius Stahls, deren ersten Band der Berliner Privat- 10) Akademie-Verlag, Berlin, 1929.. 11) I. Kauffmann, Frankfurt a. M. 1910. dozent Gerhard Masur vorlegt12). Das tiefe und echte Christentum dieses getauften Juden wird in seinen Quellen ebenso bloßgelegt, wie seine außerordentliche Wirkung auf die Theorie des christlichen Staates und des christlichen Rechtes. Der große Widersacher der Aufklärung, dem der „Kulturbolschewist" Ludwig Feuerbach mit seinem schärfsten Hohn entgegentrat, war merkwürdigerweise Jude. Im bayerischen Judentum seiner Zeit hat er offenbar die religiös'e Erfüllung nicht gefunden, die ihm dann das Christentum gegeben zu haben scheint. Die Paradoxie seiner Stellungnahme für die organischen Ordnungen, und unter ihnen vor allem für den Adel, und zuletzt das Wahlpreußentum dieses bayerischen Juden werden von Masur mit einer historischen Dichtigkeit vorgetragen und unterbaut, die methodisch und inhaltlich gleich zeitgemäß sind, gerade, weil sie es nicht sein wollen. — Es ist der Fehler des spannenden Buches von Bruno Weil „Glück und Elend des General Boulanger" 13), daß er seinem „Dreyfuß" nach und einer Darstellung des .Panama-Skandals voranschickt, daß er das Schielen nach aktuellen Parallelen nicht immer vermeidet. Trotzdem ist das Buch, bei manchen Flüchtigkeiten der Darstellung und Auffassung, durchaus belehrend. Die meist sympathische Gesinnung kleidet sich in den Stil einer gallischen Rethorik und wird nur verdächtig, wenn sie angesichts der militärischen Degradation des früheren Kriegsministers und Generals lyrisch fragt: „Welches alte Soldatenherz ist nicht von solchem Weg erschüttert?" Solche Mimikry wird uns nichts auf unserem schweien Wege helfen; nicht sie ist die Lehre, die uns die jüdische Geschichte zu erteilen hat. 12) E. S. Mittler u. Sohn, Berlin 1930. 13) Dr. Walter Rothschild, Berlin-Grunewald, 1931. Kulturelle Bestrebungen in Frankfurt Von Hermann Geiger Die drei ersten künstlerischen Veranstaltungen der Gesellschaft für jüdische Volksbildung haben schon jetzt Erfolge gezeitigt, die es ermöglichen, für die kommenden Monate ein Programm in großen Zügen festzulegen. Der dieser Ausgabe des Gemeindeblatts beiliegende Prospekt erläutert die Bestrebungen der Gesellschaft ausführlich. Um die Arbeit in Zukunft auf möglichst breiter Basis aufzubauen, wird eine Studienkommission berufen werden, die sich aus Vertretern aller Richtungen und Anschauungen zusammensetzen wird, und die den verantwortlichen Leitern der Veranstaltungen ihre Wünsche unterbreiten, beratend zur Seite stehen und finanzielle Hilfsquellen erschließen wird. Die Gesellschaft für jüdische Volksbildung verfolgt in naturgemäß kleinerem Rahmen ganz ähnliche Ziele, wie sie sich der „Kulturbund Deutscher Juden" in Berlin gesetzt hat. — Diese Ziele sind von dem Vorsitzenden des Berliner Kulturbundes, Herrn Dr. Singer, ungefähr wie folgt skizziert worden: „Weder kann Politik Eingang in unsere Arbeit finden, noch dürfen wir uns um innerpolitische jüdische Angelegenheiten kümmern. Daß wir betonter als je zum Judentum stehen, ist selbstverständlich, daß wir in unserer Arbeit dem spezifisch jüdischen Schaffen in Drama, Musik und geistiger Belehrung einen Platz einräumen, halten wir für höchste Pflicht und höchsten Gewinn! Daß wir der Kultur deutscher Geistes- und Kunstheroen verpflichtet. und verbunden sind, braucht nach unserem Bekenntnis, deutsche Juden zu sein, nicht erst betont zu werden. Also ein Kompromiß? Ja! Aus dem festen, unbeugsamen, ehrlich bekannten Willen heraus, ein kulturelles Band um die noch so verschieden gearteten Ueberzeugungen aller Juden zu knüpfen und überhaupt erst die Möglichkeit einer Ideengemeinschaft zu schaffen." Von diesen grundsätzlichen Erwägungen geht auch die Programmbildung in Frankfurt aus. In ernster, dauernder Studio-Arbeit wird sich ein Schauspiel- und Opernensemble aufeinander einspielen; die .Resultate dieser Arbeit werden in Schauspiel- und Opernvorstellungen regelmäßig gezeigt werden. Die Gesellschaft für jüdische Volksbildung hofft zuversichtlich, durch Verhandlungen mit den zuständigen Stellen, insbesondere auch mit dem Kulturbund Deutscher Juden in Berlin, für ihre Darbietungen eine erweiterte Grundlage gewinnen und die großen Berliner Erfolge auch für die Provinz auswerten zu können. In welcher Form sich auch alle kulturellen Bestrebungen entwickeln werden* der Kulturkreis bleibt derselbe. Der Name, die Organisation dieses engen, eignen Kreises sind von sekundärer Bedeutung. Primär ist die gleichbleibende Idee, dasselbe Streben, derselbe Wille! Aus dem Nichts wird in schwerster Zeit ein Etwas erkämpft. Publikum und Künstler mögen alle kleinen" Sanderwünsche fallen lassen. Das Einmalige, ja Erstmalige, was jetzt geschaffen wird und sich in den nächsten Monaten zu »bewähren hat, muß unterstützt werden. Es wird eine vornehme Pflicht der jüdischen Bevölkerung Frankfurts sein, helfend und fördernd an dieser großen kulturellen und sozialen Aufgabe mitzuarbeiten! ' Deutsche Effectennnil Wechsel-Bank vorm. L. A. Hahn — gegründet 1821 — Akt. Ges. seit 1872 FRANKFURT A. M. KAISERSTRASSE 30 DEPOSITENKASSEN: Konstabier Wache Osthafen AIIerheiligenstr.89 Hanauerldstr. 125 Bockenheim Leipzigerstr. 50 Offenbach a.M. Höchst a. M. Frankfurterstr. 54 Dalbergstr. 3