Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 3 (11.1933)
- Date
- 1933-11-01
- Page
- Seite 101 (sequence 11)
- Language
- German
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Seite 101 Ii- Biblisches. Einen ungefähren Ueberblick über die bisherige Bibelwissensehaft gibt das von Max Soloweitchik herausgegebene Sammelwerk „Vom Buch das tausend Jahre wuchs"4). Die verschiedenen Probleme der Kritik werden von verschiedenen, nieist christlichen Autoren behandelt, wobei sowohl die Wellhausensche Quellenscheidung wie die formgesehichtliche Methode Gunkels zu ihrem Recht kommen. Der schlechteste und der beste Beatrag sind von Juden: Simon B e r n f e 1 d darf von den Propheten als „segensreicher Erscheinung" sprechen und ähnliche Platitüden äußern, während andererseits Torczyner seine Theorie vom ursprünglichen Liedcharakter zahlreicher biblischer Bücher geistvoll an Hiob darlegt. Ernstere Beachtung verdient das große Werk von Elias Auerbach „Wüste und gelobtes Land"5). 20 Jahre Palästina haben den Verfasser innig mit den natürlichen und ethnischen Bedingungen des Landes vertraut werden lassen: die alten Verkehrswege, die ja, bei veränderten Verkehrsmitteln, dieselben geblieben sind, wie Auerbach hervorhebt, erschließen ihm ein geopolitisches und strategisches Verständnis der Wanderungen und Schlachten; die Kenntnis des heutigen Arabertums hilft zur Rekonstruktion altjüdischen Lebens. Dazu treten genaue Kenntnis der biblischen und wohl auch der außerbiblischen Quellen, scharfe, ja überscharfe Kombinationsgabe und eine fesselnde Darstellung. Wir werden einen niemals langweiligen, immer zielsicheren, wenn auch vielleicht nicht immer ganz geraden Weg von den Anfängen bis zum Tode Salomons geführt. Hoffentlich erlauben die Zeiten die Fortsetzung dieses Unternehmens, Auerbachs Methode ist nicht die analytische Wellhausens, dessen Ergebnisse natürlich z. T. benutzt werden, sondern die synthetische Eduard Meyers, welche die Echtheit und den historischen Wert vielen altbiblischen Materials sichergestellt hat. Als der wichtigste Historiker des ältesten jüdischen Geschichtswerkes erscheint — mit Duhm und Sellin — Evjatar, der von Salomo abgesetzte Hohe Priester. Er habe den Kern der David-Geschichten als Zeitgenosse treu berichtet und außerdem das ursprüngliche Richterbuch, die Vätersagen der Genesis und die Mosessagen aus Exodus berichtet, sei also der JHVIST. Somit wäre der Kern der Bibel, den Wellhausen für 800 a., Eduard Meyer für 900 a. angesetzt haben, mit Duhm und Sellin auf 1000 a. heraufgerückt. Wenn man freilich liest, daß Moses seine beherrschende Stellung in der biblischen Erzählung nur dem Umstand verdankt, daß er, über Eli hinweg, ein Urahn des Historikers Evjatar war, so wird einem doch etwas angst und bange vor soviel Folgerichtigkeit. Einen Wendepunkt der Bibelwissenschaft bedeutet Martin Bubers „Königtum Gottes"6). Hier wird zum ersten Male der rückhaltlose Versuch unternommen, durchaus gläubig und doch durchaus wissenschaftlich das Bibelproblem neu anzugehen. Von der bewußten Säkularisation, die Auerbach kennzeichnet, ist hier keine Spur: Israels Geschichte ist von den Uranfängen her die Geschichte Gottes in seinem Volk, und dies Volk lebt in seiner tragenden Schicht schon früh dem Gedanken der göttlichen Herrschaft: Gideons theokratische Ablehnung der Königskrone wird als eine echte alte Ueberlieferung erwiesen, die, obwohl nicht immer tatsachengetreu, doch selbst als eine Begebenheit kontinuierlich fortspinnende Tradition, zur echten Volksgeschichte gehört. Ueber solche legitimen Traditionen haben sich dann freilich verfälschende und vergröbernde gelagert, und auch sie sind in die Bibel eingedrungen. Buber nimmt nicht nur seine außerordentliche Kenntnis der Bibel und der bibelwisseuschaftlichen Literatur, sondern vor allem seinen religiösen Sinn für die Wahrheit zu Hilfe, um die kritische Scheidung dieser Traditionen zu vollziehen. Der Grundstein zu einer jüdischen Bibelwissenschaft, die jüdisch ist und doch Wissenschaft, ist damit gelegt. ni. Mittelalter und Neuzeit. Wann wurden die Juden des deutschen Mittelalters „Kammerknechte", d. h. ein gleichsam reichsunmittelbarer Stand, der direkt dem deutschen König, nicht aber den feudalen Zwischengewalten unterstellt war*? Und wann hörte dieser Zustand wieder auf? Die erste Frage beantwortet die ausgezeichnete Dissertation der Palästinenserin Sarah Schiff mann „Heinrich IV. und die Bischöfe in ihrem Verhalten zu den Juden in der Zeit des ersten Kreuzzuges"7), die zweite das weit über den bescheidenen Titel hinaus bedeutende Buch des reifen Historikers Raphael Strauß „Die Judengemeinde Regensburg im aus- 4) Berlin o. J. (1931), Weltverlag. 5) Kurt Wolff, Berlin 1932. 6) Schotten-Verlag. Berlin, 1932. 7) Berlin, o. J. (1932) Jn^q^j^fe^ rZJZMJ23Z.teZ?2e. innrnnK-rmN* mion*n -pi jin^WijtnK^tnwijinK "?r kfecfcnn föyäti&sKmi^ix^ ganjßftaf£/$Ci8 wnÄnfvmgcw fooijbiun&ias. d^mro&fafyjfä xm<SzSa\hmfatmtäkmnmcut& gw&immsSafc vok<$^&fabmfiQ&^ ttid^immecang&Tßw ^u&n unfomaicm inxvr&foasbiqmWm&hk tiefe V<cSw-iSm^€izmä unfern* (B^mt^ntr^ Aus der Awodah des Versöhnungstags Pergamenthandschrift (Sammlung Dr. Guggenheim. Offenbach) gehenden Mittelalter"8). Beiden Arbeiten gemeinsam ist der unbefangene Blick über das Jüdische hinaus auf die allgemeinen historisch-politischen und wirtschaftlichen Zustände, die es erst für das geschichtliche Verständnis erschließen. Sarah Schiffmann weist den Beginn der „Kammerknechtschaft" nach sorgfältiger Analyse der hebräischen und lateinischen Quellen für das Ende des 11. Jahrhunderts, also die Zeit Heinrich IV., überzeugend nach; Raphael Strauß ihr Ende für das 15. Jahrhundert, also die Zeit Friedrich IH. Darüber hinaus bietet sein Buch eine am Beispiel der Stadt und Gemeinde Regensburg dargetane Einleitung in die spätmittelalterliche Gesamtgeschichte der deutschen Juden mit all ihren Problemen. Es wird klar, warum der Kaiser die Juden schützte; sie »v-aren eines seiner Regalien, und warum die wirtschaftliche Revolution, die dür Reformation voranging und in sie hineinreichte, zum Symptom der Judenverfolgung kam. Die Kreivz.uigssthnmung, die vor der Reformation nicht weniger als zur Zeit Heinrichs IV. herrschte und die ebenso religiös wie wirtsrhiiftlich und politisch begründet war, führte zuletzt zur Juder- Vertreibung aus Regensburg wie aus anderen Städten und gab so den Juden keine Gelegenheit, ihre in der Tat, wen.i auch erzwungenermaßen, wirtschaftsreaktionäre Funktion aiiinühHch umzustellen. In diesen Darlegungen ist Strauß völlig frei von jeder apologetischen Tendenz und spricht durchaus ah objektiver Wissenschaftler. Wir dürfen von seinem Buch sagen, daß es, mit außerordentlichen Ergebnissen, „im kleinsten Punkt die höchste Kraft" gesammelt habe. Genau das Umgekehrte gilt von den zwei weiteren Werken von Joseph K a s t e i n, die uns aus dem Mittelalter in die Neuzeit herüberführen: von seinem ersten und wohl schwächsten „Sabbatai Zwi", wie von seinem letzten und besten „Uriel da Costa"9). Die Tragödie des gläubigen Betrügers und die des immer wieder traditionslosen freien Gewissens werden wirksam dargestellt, wenn auch die oben für die „Geschichte der Juden" des gleichen Autors geäußerten prinzipiellen Bedenken auch hier gelten müssen. Die Art,, wie z. B. Carl Gebhardt in: seiner Einleitung zu Uriel da Costas Schriften das Marrannenproblem an diesem Einzelfall symbolisch genommen und formuliert hat, blieb nicht ohne sichtlichen Einfluß auf Kasteins Darstellung, ist aber selbst von größerer wissenschaftlicher Reinheit, wenn auch geringerer Durchschlagskraft. Einen anderen Vorläufer der Neuzeit hat, nun wieder in streng wissenschaftlicher Weise, die rühmlichst bekannte Historikerin Selma Stern zum Gegenstand einer schönen Monographie 8) Carl Winter, Heidelberg, 1932. 9) Beide Bücher bei Rohwolt, Berlin, 1929 und 1932.