Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 3 (11.1933)
- Date
- 1933-11-01
- Page
- Seite 100 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 100 scher Verschollenheit für Deutschland gerettet hatte. Das allein hier bei der Mutter lebende Freifräulein Hannah Louise aber stiftete ein Grundstück nebst dreiviertel Millionen Kapital für das nach dem Vater benannte „Carolinum", jetzt zahnärztliches Universitätsinstitut, und vor allem eine Million samt dem elterlichen Wohnhaus zur■ „Freiherrlich Carl von RothschildschenöffentlichenFreibibliothe k". Diese hat dann ihr erster Direktor, der oben als Biograph Mayer Amschels genannte B e r g h ö f f e r, zu einer der mustergültigsten Geistesstätten Frankfurts und nebenbei zu einer wahren Fundgrube für Rothschildiana ausgestaltet, wobei er sich noch über Krieg und Inflation hinaus freigebigster Unterstützung von seiten der ausländischen "Verwandten der Stifterin zu erfreuen hatte. Erst nachdem namentlich im Zusammenhang mit der Universitätsgründung die Subvention durch die Stadt imme^r unumgänglicher geworden war, kam es allmählich so weit, daß mit Berghöffers Rücktritt die Bibliothek als ganz und gar städtisches Institut dastand. Ist das aber ein Grund, daß die bekannte Heroldsche Marmorbüste der Stifterin Hannah Louise von Rothschild von ihrem langjährigen Ehrenplatz im Lesesaal entfernt wurde? Vielleicht haben es die beiden am spätesten dahingegangenen Frankfurter Träger des Namens Rothschild nur der ihrem streng altjüdischen Lebensstil entsprechenden Hintanhaltung selbst solcher bescheidensten äußeren Denkzeichen. zu verdanken, daß ihr keineswegs geringerer Dienst an der Allgemeinheit nicht mit ähnlichen Unliebsamkeiten beantwortet würde. Es handelt sich um Mayer Carls jüngeren Bruder, den „Baron Willy", mit dessen Tod 1901 das Frankfurter Bankhaus sein Ende fand, und um seine Gemahlin Hannah Mathilde (1832—1924),. welche als eine der frühesten Vertreterinnen der vierten Generation dieser ihrer Vaterstadt während einer beinahe derjenigen der Stammutter G u 11 e gleichkommenden Lebensdauer die Treue halten konnte (vgl. Gemeindebl. X. Jahrg. Nr. 7, März 1932). Während ihren Gatten, der mit ihr zusammen des Onkels Amschel Liegenschaften, darunter die Grüneburg, erbte, eine allmählich zur Weltflucht hinneigende Religiosität mehr und mehr der gesellschaftlichen und geistigen, vollends der politischen und beinahe auch der geschäftlichen Oeffentlichkeit entrückte, unterhielt sie selbst vielfache Beziehungen, wie z. B. auf ihrer Besitzung in Königstein, dessen Ehrenbürgerin sie wurde, sogar pait den Spitzen des deutschen Kaiserhauses. Als eine der nicht wenigen Frauen ihrer Familie, die sich in eigenem Schaffen künstlerisch betätigten, verkehrte diese einst von keinem Geringeren als Chopin unterrichtete Klavierspielerin und Komponistin auch im hiesigen Hause C1 ai r a S c h u m a n n s, und sie fand sich sofort zur Zeichnung einer Freistelle bereit, als Julius Stock hausen in Frankfurt seine Gesangsschule gründete. Wie sehr sie dieses Mäzenatentum gegenüber dem Künstlernachwuchs als eine Mitgift ihres nach Wien tendierenden väterlichen Hauses betrachtete, kam dadurch zum Ausdruck, daß sie noch vor dem zum Andenken an ihre Mutter für „Personen weiblichen Geschlechts" bestimmten, mit 125 000 Mark dotierten „Freifrau Charlotte von Roth schildsehen Fonds zur Linderung der Not in Frankfurt", dem Magistrat die „Freiherr Anselm Salomon von Roths childsche Stiftung zur Förderung des Kunstgewerbes" (250000 Mark) übergab, die vor allem der Kunstgewerbeschule zusrute gekommen ist. Das geschah im Augenblick der Vermählung ihrer älteren Tochter (vgl. unseren oben erwähnten Artikel zu deren 80. Geburtstag), während sie mit dem verwitweten Gatten der zweiten, dem heute ebenfalls mehr als neunzigjährigen Freiherrn Max -von Goldschmidt-Rothschild, 1913 für die damals entstehende Frankfurter Universität eine Million stiftete (vgl. Gemeindebl. XI. Jahrg. Nr. 11, Juli 1933). In ganz besonders sinnvoller Weise aber hat sie 1901 zum Gedächtnis ihres soeben verstorbenen Gemahls dessen besonderen Interessen zugleich mit dem wissenschaftlichen Gemeinwohl Frankfurts Rechnung zu tragen gewußt, indem sie der Stadtbibliothek ermöglichte, eine überaus stattliche Zahl seltener und kostbarer Judaicä, besonders Inkunabeln, zu erwerben und so die Stellung des Institutes als des auf dem europäischen Kontinent für dieses Gebiet führenden mit zu begründen. Den Schluß dieser kurzen Uebersieht mag die mahnende Frage bilden, ob nicht unserer jüdischen Gemeinschaft im weitesten Sinn — und dazu gehört nicht zuletzt auch die zahlreiche Rothschildsche Nachkommenschaft in den anderen Ländern — die Pflicht erwächst, die noch vielfach lebendige Geistessaat, die hier von einer der edelsten der Frankfurter Familien ausgestreut ist, um keinen Preis zu Grunde gehen zu lassen. Zur neueren jüdischen Geschichtsschreibung Ein Ueberblick I. Von Dr. Ernst Simon Gesamtdarstellung. In englischer Sprache ist ein Buch erschienen, das seinesgleichen in einem anderen Sprachgebiet kaum hat: nämlich eine wissenschaftlich begründete, lesbar geschriebene und quantitativ überschaubare „History of the Jewish People"1). Die als Gelehrte rühmlichst bekannten Verfasser Max Lo. Margulies und Alexander Marx erweisen sich in diesem Buch auch als vorzügliche Darsteller. Der Stoff ist gut proportioniert, weit besser z. B. als in Dubnows „Weltgeschichte des jüdischen Volkes", in der die neueste Zeit ungebührlich überwiegt: unser Buch zerfällt in drei gleich große Teile zu je 250 Seiten, deren erster bis zum Ende des Patriarchats in Palästina (425), deren zweiter bis zur Austreibung der Juden aus Spanien-Portugal (1497), und deren dritter bis zur Eröffnung der Jerusalemer Universität (1925) reichen. Die biblische Geschichte wird für die älteste Zeit im Einklang mt den Erzählungen der Thora, aber oft unter etwas übergenauer Festsetzung von Daten referiert; die Wunder werden rational und die Prophetie psychologisch erklärt. Gesichert erscheinende bibelkritische Erkenntnisse (Esther-Buch, 2. Jesaia) werden benutzt. Besonders gut sind die Darstellungen alles Talmudischen, Rabbinischen und Wirtschaftlich-Soziologischen; das rein Geistesgeschichtliche tritt dagegen etwas zurück. Werturteile erscheinen nur selten: die gewaltsame Bekehrung der Idomäer durch Jochanan Hyrkanos, die Graetz so heftig tadelt, wird z. B. einfach referiert" Andererseits wird dieselbe Kritik an den Pharisäern geübt, die sich im talmudischen Traktat Sota findet. Das Mittelalter ist ohne weinerliche Märtyrologie, die Neuzeit mit einem gemäßigten jüdisch nationalbewußten Pro - Zionismus behandelt. Ausgezeichnete und reichhaltige synchronistische Tafeln — bei der geographischen Anlage des Buches besonders notwendig — Bibliographie zu jedem Kapitel und Index erleichtern die Benutzung. Sollte den Verfassern etwa vorgeschwebt haben, ein jüdisches Seitenstück zu der berühmten kurzen englischen Geschichte von Trevelyan zu schaffen, so dürfte ihnen das weitgehend gelungen sein. Kürzer dürfen wir uns über Joseph Kasteins vielbesprochene „Eine Geschichte der Juden"2) fassen. Die Vorzüge des geistreichen und fesselnden Buches sind bekannter als seine Nachteile: das Buber gewidmete Werk hat für die biblische Zeit wenig von dessen methodischer Gewissenhaftigkeit, leidet aber im ganzen unter einer Art metaphysischer Zungenlösung, die in Bubers Gefolge — nicht bei ihm selbst — allzu leicht auftritt. Religiöse Termini werden oft ohne ihren letzten Wirklichkeitsernst gebraucht und erscheinen als Metapher. Die Tendenz, die Gottesvolkschaft der Juden nicht nur als treu durch alle Leiden festgehaltene Aufgabe, sondern als in allen Gesehichtszeiten irdisch bewährte Wirklichkeit darzustellen, führt zu einem nationalen Chauvinismus mit pazifistischem Vorzeichen. Bezeichnend für das Buch ist, daß das bei weitem beste, ja ein wirklich gutes Kapitel über Paulus handelt, während eines der schwächsten dem Talmud gewidmet ist, von dem der Verfasser offenbar keine Ahnung hat. Verkehrte Welt — aber gerade damit ein für den geistigen Zustand des deutschen Judentums symptomatisches Buch. In diesem Zusammenhang sei noch auf die bedeutende hebräische Antrittsvorlesung von Fritz Baer an der Jerusalemer Universität hingewiesen. Der Erforscher und Historiograph der jüdisch-spanischen Geschichte setzt mit ihr die „Hauptprobleme"3) der jüdischen Geschichte in neues Licht und neue Bewertung: der Makkabäerstaat erscheint als Episode, die Gemeinde als eigentlich legitime Organisationsform der jüdischen Nation seit der Zeit des zweiten Tempels. 1) Philadelphia, 1927. 2) Berlin, 1931. Rohwolt. 3) „Ikarim bechakiralh Toldoth. Israel", Jerusalem 1931. Verlag der Universität.