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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-11-01 · 3 (11.1933) · p. Seite 99

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
3 (11.1933)
Date
1933-11-01
Page
Seite 99 (sequence 9)
Language
German
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Seite 99 Heines gegen Börne zu erinnern, weil dieser seine einstigen 'Nachbarn aus der Judengasse, die eigentlichen Wegbereiter der Demokratie — wie Heine meinte — als angebliche Verbündete aller reaktionären Mächte so heftig angegriffen habe. Die „Freiheitsprediger" aus der nichtjüdischen Volksmenge Frankfurts waren einer Meinung mit Börne, und so kam es schließlich bis zu Hetzereien wie jenem ironischen Flugblatt eines radikalen Buchdruckers, das zur Geldsammlung für den nach einem ihm untergeschobenen Wort ..zum armen Mann gewordenen" „Freiherrn Baron M. A. von Rothschild" aufforderte, um den Ertrag ,.im Falle der Nichtannahme . . . den Brüdern in Schleswig-Holstein" zuzuwenden. Wie diese Dinge mit einem im März 1848 erfolgten Sturm gegen die Fensterscheiben des Rothschildschen Hauses auf der Zeil zusammenhängen, den auch der gewissenhafteste Historiker der Bundestagsstadt, Richard Schwemer, nur dadurch zu erklären vermag, daß er Anselm Mayer irrtümlich als preußischen statt als bayerischen Generalkonsul bezeichnet, darüber gibt es eine wenig bekannte Darstellung von ganz einwandfrei demokratischer Seite. Friedrich Stoltze, durch häufigen Verkehr und so etwas wie ein Hausdichteramt genau mit dem Wesen des Barons Amschel vertraut, hat sie in späteren Erinnerungen an das Revolutionsjahr gegeben. Sie charakterisiert so treffend den alten Amschel selbst, ferner Art und Ausmaß der Hilfsbereitschaft des Hauses Rothschild gegenüber einer ganz aktuell anmutenden sozialen Not, sowie endlich sein Verhältnis zur vaterstädtischen Bevölkerung, daß sie dem Leser nicht vorenthalten werden soll. Wir verzichten nur der Kürze halber auf die Wiedergabe der vorangehenden Episode, wie ein Porträt Metternichs, der, so wurde ausgesprengt, als Flüchtling sich in Frankfurt versteckt hielt und dadurch die Volkserregung an jenem Abend verursachte. ,.in einem Garten auf der Bockenheimer Chaussee" verscharrt wird, obwohl sie vermutlich ebenfalls bei A. M. von Rothschild spielt. Erläuternd sei ferner vorausgeschickt, daß die Menge schon andere mit den üblichen ..Katzenmusiken" geärgert und einen der Mißliebigsten zur Abbitte hoch oben an ein Fenster genötigt hatte. ,,. . . ÄUdi dem alte Baron Amschel von Rothschild uff der Zeil ward e net ganz musikalisch Serenad dargebracht. Awer er hat bei dere feierliche Gelegenheit e bedeitend größer Corraasch entwickelt als wie sei Vorgänger un Leidensgenosse, dann er is net in respektvoller Entfernung un weit derrvo un gut vorm Schuss drowe im zwette Stock am Fenster erschiene, sonnern er wollt sich sei gute Freund e bissi näher betrachte un is unne am Parterrfenster und dann sogar am offene Hausdhor erschiene. — Des scheint awer äänige von de vorderste un vornehmste Serenade-Dirigente nicht ganz aagenehm gewese zu sei, von wege ere niegliche rihrende Erkennungsscene; dann sie hatte vielleicht noch von dene Rothschildische Kadoffele im Leib, die se sich am Awend an der trauliche Flamm von em Vertel odder Halwe Stecke Rothschildisch Holz abgequellt hatte. Hatte se ääch net e Rothschildisch Brodkard als Kokard uff dem Hut stecke, so könnt se doch ääner odder-der annere grad bei sich im Sack hawe un se könnt em bei ere heftige Bewegung erausfalle. — Bei der Broddheuerung im Winter siwenunverrzig uff aehtunverrzig hatt der Lääb Brod achtunverrzig Kreuzer gekost un der alte Amschel hatt, damit die Dheuerung de Unbemittelte net gar so schwer dricke' sollt, Brodkarte1) ä 24 kr. ausgewe lasse for Jeden, der derrvo Gebrauch mache wollt, so dass des Brod for die Hälft der Tax von jedem Bäcker zu kriehe war. Des hat en allerdings nor e paarmal hunnertdausend Guide gekost't. Awer so was versteht sidi nadirlich ganz von selwer,. dann daderrfor war er ja äädi der Rothschild. Die iwerig Haute finance un Milljonärsdiaft, die gar nix gewe hatt, könnt sclbstversändlich ääch uff e Uffmerksamkeit, wie so e Katzemusik ää war, kään Aaspruch mache. — Der eigentlidie Grund zu dem unmelodische Awendständdie uff der Zeil war awer der: Dem alte Baron Amschel warn seit verrzeh Dääg so viel Freisdiäärler un ääch net Freischäärler uff des Contor gerickt, die all' Fahrun Zehrgeld un e sonstig gut Ausstaffierung hawe wollte, dass der alte Amschel selbst, wann des nodi so e bissi fortgange war, sich um e Zehrgeld hätt umdhu — könne. Un dessentwege hatt er dann an em besonnerscht gesegnete sdieene Dag emal gesagt: „Wie heusst? geht der Weg nadi Schleswig-Holstein dorch mei Contor?" — Diese Äußerung, die unner alle Umstänn den Beweis liewert, daß der alte Amschel in der Geographie un der Ortsun Wegkunde von Deutschland net ganz unbewannert war, ward in der Stadt un Umgegend bekannt un es ward besdilosse, e „Hellersammlung for den aarme Mann" zu veraastalte un em die unner entsprechende Feierlichkeite zu iwwerräüche. Ob die Sammlung sehr bedeitend ausgefalle is, wääss mer net, dann in dem ferditerlidie Gedrick von Mensche uff der Zeil un vor dem llothschildische Haus an jenem festliche Awend, könnt sidi der Kassirer net bis zum alte Baron Amschel dorcharweite un hat wahrscheinlich in de Woge sein Dod gefunne. — Der alte Amschel stann reidilich e Vertelstunn mit dem Hut im Genick un de Händ in de Hosesäck, seiher gewöhnliche Attitüd, un mit sdieinbar großer Seeleruh unner seiner Hausdhir un hat sich des Ständche aagehört. Gekrische is viel worn un es ward ääch e Sdieib eigeworfe. Wie awer der alte Amschel gesagt hat: ..Wann's mei Glaser war, verzeih idi's em!" gab's e gross Gelächter un daderrmit war der Storm gebrodie. — (Frankfurter Latern, 5. April 1873, No. 14.) *) Diese „großartige milde Gabe" A. M. von Rothschilds ist durch einige interessante Aktenstücke des Stadtarchivs aus dem Mai 1846 bezeugt. Als der kinderlose Anselm Mayer, der wenige Monate später seine Frau begraben mußte, 1855, im gleichen Jahre wie seine Brüder Karl und Salomon, selbst die Augen schloß, stachen unter den sehr anerkennenden Nachrufen für die drei Barone vor allem die Mitteilungen über Amschels Testament hervor: ansehnliche Legate an verschiedene Institute Frankfurts und eine die Million übersteigende Stiftung für die allgemeine Armenpflege der Stadt. Die Leitung des hiesigen Bankhauses gelangte nun in die Hände der dritten Generation, unter deren Kindern es hier kaum Söhne gab, so daß der Mannesstamm des im engeren Sinne Frankfurtischen Zweiges mit ihr aussterben mußte. Keineswegs aber erlosch bis zum Ende das reiche Erbe an Bürgersinn und an aktivster Pflege des geistigen und künstlerischen Lebens der Stadt. Als früher Beweis dafür kann ein längeres Hochzeitssredieht gelten, 1862 von Wilhelm Jordan der ersten Tochter des nunmehrigen älteren Chefs Mayer Carl gewidmet, die die Heimat verließ, um den Pariser Baron Salomon zu heiraten. (Die vielen an den Senat gerichteten Gesuche um Genehmigung der Verwandtenehe, denen oft regelrechte Stammtafeln beigefügt sind, bilden übrigens eine Spezialität der städtischen Rothschild- Akten.) Zu Anfang weist da der Dichter auf seine Beziehungen zu der Familie hin mit den Versen: Wie mit geduldig ruhigem Entzücken Der Gärtner knospen sieht die junge Rose. Sah ich Dich werden, fähig zum Beglücken . . . Seine zuversichtlichen Wünsche an die Braut gingen allerdings nicht in Erfüllung, da sie schon nach zwei Jahren Witwe wurde. Als Erinnerung ao ein neues Unglück, welches ihre Eltern bald darauf durch den Tod einer noch nicht verheirateten Tochter traf, stiftete die Mutter später auf deren Namen das „Clementine-Mädchenspital", heute „Clementine-Kinderkrankenhaus". Am eigenartigsten aber hat Baron Mayer Carl die Tradition seines Hauses dadurch gewahrt, daß er dem Antiquitätenhandel, mit welchem sein Großvater Mayer Amschel einst die Prosperität begonnen, ein Leben hindurch, aber nunmehr als Auftraggeber und Käufer größten Stils, seine Aufmerksamkeit zuwandte. Mit höchster Kennerschaft verstand er allmählich, die von seinem Vater in der Günthersburg gehüteten Kunstgegenstände rastlos vermehrend, auch seine Stadtwohnung am Untermainkai mit zahlreichen kunstgewerblichen Kostbarkeiten verschiedenster Art,- insbesondere auf dem Gebiete der Gold- und Silberbearbeitung zu füllen — alles in allem eine Sammlung, die in der ganzen Welt ihresgleichen suchte. Wern ein solcher Schatz in ihrer Mitte der Bewunderung der Mitbürger dauernd vorenthalten blieb — nur nach dem Tode des Besitzers war der Besuch kurze Zeit gestattet—, so ist dabei doch wohl an die Verärgerung durch die Oeffentlichkeit zu denken, die, ein uns nunmehr schon vertrautes Schicksal der Rothschilds in Frankfurt, dem Baron Mayer Carl besonders reichlich und deutlich zuteil wurde. Zumal seitdem er sich auf die Bahn der Politik begeben hatte, wartete seiner fast allenthalben Verkennung oder Enttäuschung: in der Leitung" der Handelskammer wie bei seinen entscheidenden Verhandlungen mit den preußischen Machthabern, die 1866 der Freien Stadt den Untergang bereiteten. In seiner damaligen Vermittlerrolle hatte er es eben nicht so gut wie sein alter Onkel Jaimes in Paris, der dem um Hilfe dorthin delegierten Landsmann noch als ein so „guter Frankfurter" erschien, und er konnte es noch weniger Anselm Salomon, dem Universalerben Amschels, gleichtun, der samt seinen nicht hier verehelichten Kindern kurzerhand aus dem Bürgerverband schied.- Auch als erwählter Vertreter der Stadt im norddeutschen R^Tchstag vermochte er es denen daheim nicht recht zu machen, und mit seiner Kandidatur zum ersten deutschen Reichstag unterlag er gegen Leopold Sonnemann. Daß ihn dann das Vertrauen des Königs Wilhelm ins preußische Herrenhaus berief, machte den konservativ gesinnten Mann bei der hiesigen Bürgerschaft nicht beliebter, deren politische Behörden im Namen einer sonst nicht immer so prinzipienfesten Demokratie noch seinen Hinterbliebenen nichts zu Gefallen tun mochten. 7 Um so rühmlicher daher, daß die nicht nur äußerTTclf vornehmen Frauen sich in keiner der Ueberlieferungen ihres Hauses beirren ließen und z. B. die allwinterliche Verteilung von „Rothschildisch Holz" (vgl. unser obiges Stoltze-Zitat) fortsetzten, deren sich ältere Leute aus der Bornheimer Nachbarschaft noch heute dankbarst erinnern. Baronin Salomon, die Erbin der Günthersburg, schenkte aus deren Räumen der Vaterstadt das Beste, was diese «ich wünschen konnte: das fast zu einem ihrer Wahrzeichen gewordene Goethebild Tischbeins, welches ihr Großvater Karl einst aus italieni-

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