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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-11-01 · 3 (11.1933) · p. Seite 98

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
3 (11.1933)
Date
1933-11-01
Page
Seite 98 (sequence 8)
Language
German
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Seite 98 nicht scheuen, bis zu den Einzelquellen der Frankfurter Lokalchronik vieler Jahrzehnte vorzudringen, und es würde ein ebenso umfangreiches wie glänzendes Ehrenbuch der Frankfurter Rothschilds entstehen, das bisher nicht geschrieben ist, ja zu dem noch fast alle Vorarbeiten fehlen. Wir müssen uns schon deshalb hier auf wenige Stichproben beschränken, bei denen wir obendrein für diesmal die besonders ausgedehnte Rothschildsche Liebestätigkeit innerhalb unserer religiösen Gemeinschaft bei Seite lassen und dem entsprechend die Beweisdokumente lediglich aus dem nicht jüdischen Kreis wählen. Als Fazit wird sich auch dabei zur Genüge ergeben, daß — ganz .abgesehen von der aller jüngsten Entwicklung — die Frankfurter Oeffentlichkeit jederzeit gegenüber den Rothschilds nicht bloß ihren Dank, auf den diese allerdings so wenig wie andere echte Philanthropen rechneten, höchstens in so spärlichen und sozusagen posthumen Anzeichen wie der Benennung der früheren „Rothschild-Allee" hat sichtbar werden lassen, sondern sogar alles eher getan hat, als ihnen die Anhänglichkeit an die Vaterstadt auch nur zu erleichtern. Der Begründer des Rothschildschen Wohlstandes, Mayer Amschel, für den übrigens allein die vorhin beklagte Lücke durch eine Arbeit des hochverdienten Frankfurter Gelehrten Christian Wilhelm Berghöffer ebenso gründlich wie vorurteilsfrei ausgefüllt ist, kommt dabei noch nicht in Frage. Denn trotz seiner Beziehungen zu einer ganzen Reihe deutscher Fürsten und Grafen blieb ihm vor seinem Tode kaum Zeit, als Bürger der Vaterstadt im damaligen Großherzogtum Frankfurt aufzutreten, nachdem gerade er den Glaubensgenossen die Möglichkeit dazu bei Dalberg finanziell und personell hatte erwirken helfen. Seinen Söhnen aber wurde in ihrem von Hardenberg, dem preußischen, wie von Metternich, dem österreichischen Staatskanzler, als gerecht bezeichneten Streben, die kaum erworbenen politischen Rechte nicht wieder verloren gehen zu lassen, keine Schikane der nach den Freiheitskriegen wieder reaktionär gewordenen Stadtrepublik erspart. So muß für Anselm Mayer, den ältesten, angesichts des Verbotes für jüdische Hausvorstände, mehr als ein Grundstück zu besitzen, der Erwerb des heute Herrn von Goldschmidt- Rothschild gehörenden „Gartens vor dem Bockenheimer Tor", der bald eine der offiziellen Frankfurter Sehenswürdigkeiten wurde (die Eintrittskarte für fremde Besucher ist bei Corti abgebildet), nicht etwa durch den Käufer, sondern durch die Erbverwalter der patrizischen Vorbesitzerin beim Senat mit allerhand seltsamen Argumenten förmlich durchgedrückt werden. Darunter spielt aber irgendwelche persönliche Rücksicht auf den Inhaber des Bankhauses M. A. von Rothschild und Söhne, das doch bereits auf dem Wege war, Frankfurt kommerziell in eine Reihe mit den Hauptstädten Europas zu rücken, nicht die geringste Rolle. Aehnlich grotesk wirkende Schriftsätze gab es, als K a r 1 M a y e r , der zweitjüngste Bruder, aber auch schon „Königlich Preußischer Geheimer Kommerzienrat", bei seiner Verheiratung 1818 in der Neuen Mainzer Straße das Haus des Stadtbaumeisters Heß ersteht, als dann seinem Mittelsmann 1823 das architektonisch damit zusammenhängende Nachbargebäude in einer Nachlaßversteigerung zugeschlagen wird, ja noch, als er 1837 von Rat Beil die Günthersburg übernimmt und diesen Besitz durch den Kauf anliegender Felder erweitert. Und doch war um diese Zeit längst ein sehr wesentlicher Fortschritt in der Gleichberechtigung der Juden durch den seit 1824 bestehenden „israelitischen Bürgereid" erzielt, dessen Sachleistung nun dem neuen Herrn der Günthersburg zur Bedingung gemacht wird. Denn bisher, so entschuldigt der Bittsteller diese Versäumnis, war das infolge seiner häufigen längeren Abwesenheit von der Heimat unterblieben. Für die Aufrichtigkeit seines Empfindens gegenüber der letzteren zeugt aber schon in jenem frühesten Gesuch die Begründung, er müsse als angehender Familienvater wählen, ob er „in Frankfurt, London, Paris oder Amsterdam wohnen" solle. „Meinem Wunsche nach", fährt er fort, „ziehe ich aber meine! Vaterstadt jeder anderen vor, und es würde mir, ich gestehe; es gern, sehr wehe thun, sie verlassen zu müssen." Er ahnte \ damals nicht, daß ihn sehr bald die Geschäftspolitik seines; Hauses nötigen würde, in Neapel, wo er an die Spitze der \ neuen Filiale trat, einen zweiten Wohnsitz zu errichten, an dem er und seine Familie viele Jahre lang oft ununterbrochen weilten. Dabei bleibt aber immer das Frankfurter israelitische Bürgerrecht ein Palladium für seine fast ausnahmslos hier geborenen fünf Kinder, ebenso wie für die anderen Frankfurter Rothschilds, auch wenn sie ständig oder für längere Zeiträume In der Ferne leben, wie James, der jüngste Bruder und Gründer der Firma in Paris, und aus der nächsten Generation Anselm Salomon, der Sohn Salomon Mayers, und nach ihm Chef des Wiener Hauses. Ja "selbst für den Engländer Lionel, den ältesten Sohn Nathans, werben mehrere Eingaben des Schwiegervaters und des Onkels Anselm um dieselbe Ehre, als er im Sommer 1836 hier Karls einzige Tochter Charlotte inmitten eines Familienkongresses heiratete, der dann mit dem raschen Tode seines Vaters ein trauriges Ende nahm. Doch bedurfte es bei den Rothschilds nicht erst solcher besonderen Anlässe von Freud und Leid, um neben dem Bürgerte c h t auch die Bürger p f 1 i c h t eines vielleicht zumeist durch sie sprichwörtlich gewordenen Frankfurter Gemeinsinnes zu Ehren zu bringen. Kein anderer als der Afrikareisende R ü p p e 11, ein Sohn jenes Bankhauses, das einst durch den alten Mayer Amschel den Stachel einer unüberwindlichen Konkurrenz zu fühlen bekommen hatte, erzählt in einem Aufsatz über Frankfurter Schaumünzen, in welchem auch zwei Medaillen auf die Brüder Nathan und Salomon vonRothschild (s. Gemeindebl. XI. Jahrg. Nr. 8, April 1933) behandelt sind, von den frühen Verdiensten ihres Hauses um die Senckenbergische Naturforschende Gesellschaft. Schon 1820, als sie noch nicht lange gestiftet war, unterstützte es die Arbeiten eines für sie in Brasilien tätigen Frankfurter Gelehrten mit 1500 Gulden. Und aus den ersten Festreden ihres Sekretärs Dr. J. M. M a p p e s, der neben Dr. Christ in so manchem Rothschildschen Zivilstandsakt als Entbindungsarzt erscheint, wissen wir, daß Baron Kärl seine Niederlassung in Neapel alsbald zum Anlaß nahm, wiederholt seltene Mittelmeerfische „vollständig zubereitet und kostenfrei ins Museum" zu liefern, wo dann sein Bruder Anselm ihre Aufstellung zu seiner Angelegenheit machte, nicht ohne mitunter eigene Geschenke hinzuzufügen. Aber wie in solcher kulturellen, so hat auch vor allem in gesellschaftlicher Hinsicht an dem Glanz, welcher die Stadt Frankfurt während des halben Jahrhunderts der Bundestagszeit wie nie zuvor oder nachher auszeichnete, das Haus Rothschild einen wohl ebenfalls noch nirgends voll gewürdigten Anteil. Wenn wir. so oft von Diplomatenempfängen, von Bewirtung literarischer oder künstlerischer Berühmtheiten, von Einladungen in Theaterlogen und zu Gartenfesten bei „Herrn von Rothschild" hören, so ist es gar nicht immer sicher, ob es sich um Anselm oder Karl oder um einen Dritten handelt. Denn auch der vorhin erwähnte Anselm Salomon, der österreichische Generalkonsul, von dem zwei Töchter Söhne Karls heirateten, hatte auf der Neuen Mainzer Straße, wohl gemeinsam mit seinem Vater, ein Haus. Ueberhaupt gibt solche lokale Chronik schon heute manche Rätsel auf und enthält gewiß bereits auch Lücken. Doch müßte es trotzdem gelingen, von den „fünf Frankfurtern" und ihrer Umgebung statt" der groben Verzerrung durch die so populäre Komödie Karl Rößlers menschlich und stadtgeschichtlich ein richtigeres Bild zu gewinnen. Auch werden sich offenbare Gehässigkeiten wie die Joh. Konr. Friederichs, des Verfassers der „Vierzig Jahre aus dem Leben eines Toten" leicht ausschalten lassen, weil sie augenscheinlich der nur allzu menschlichen Schwäche entspringen, einenj^Rothschild niemals seinen Reichtum verzeihen zu können. \ "Es wäre auch einseitig, die Häuslichkeit Karl Mayers^ lediglich mit der Erinnerung an die grammatischen Stmmtzer in der Geschäftskorrespondenz seiner Junggesellenzeit zu belasten, die nicht einmal in einem so gerechten Buch wie Ehrenbergs „Große Vermögen" verschwiegen sind, während nirgends von dem hier sicher stark entgegenwirkenden Einfluß seiner Gattin, der aus Hamburg stammenden A d_j}J h e i d Herz, die Ttede~-ist. Und doch kennen wir einen langst vergessenen Zeitungsartikel, der 1850, also einige Jahre vor ihrem Tode rühmt, daß in den Häusern der Rothschilds „nicht das Deutsch der Wiener oder Münchner Hofleute" gesprochen werde, „welche gern die Sprache ihrer Bedienten reden, auch nicht das schnarrende oder näselnde Deutsch der Berliner Hofleute und Gardeoffiziere, das wie jenes mit so vielen französischen Brocken vermischt" sei, sondern „das reine Deutsch der gebildeten Hamburger". War doch Adelheid Herz mütterlicherseits eine Cousine PaulHeyses und vom Vater her verwandt mit einem in seiner Art nicht minder hervorragenden Meister deutscher Rede, dem um jene Zeit hierher berufenen Rabbiner Samson Raphael Hirsch."] An Anselm Mayeiv-meist „A m s c h e 1" genannt, hat trotz mancherlei Ehrenerklärungen unverdächtigster Art — wir entsinnen uns einer nur selten zitierten aus der Feder des Frankfurter Historikers Georg LudwigKriegk — die vox populi am meisten gemäkelt, weil da, zumal in den bewegten Zeiten zu Ausgang der vierziger Jahre, das politische Moment hereinspielte, mit welchem die Rothschilds von jeher leicht zwischen zwei- Feuer gerieten. - Man braucht sich nur der Polemik

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