Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 3 (11.1933)
- Date
- 1933-11-01
- Page
- Seite 97 (sequence 7)
- Language
- German
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Seite 97 Hermann Cohen, — der wieder in ein System faßt, was sich uns als stille Lehre aus der kommentarlosen Aneinanderreihung von Tora und Haftara ergab. * Am Nachmittag des Versöhnungstages wird ein Stück aus dem Heiligkeitsgesetz gelesen: von Verwandtenehen, von Ehebruch, von Päderastie und Sodomiterei, von der Reinheit der Ehe und Familie also, die die Reinheit des Volkes verbürgt. Das Gesetz wendet sich zu Beginn gegen das Tun der Aegypter, unter denen Israel gewohnt hat, und der Kanaaniter, unter denen es wohnen wird (3. B. M. 18,3); es schließt, indem es dem Volke, dessen Stammesreinheit es anstrebt, das schlimmste entgegenhält, das einem Volke geschehen kann: „Daß nicht das Land euch ausspeie, wenn ihr es verunreiniget" (Vers 28). Es geht ums eigene Volk. Und die Völker und die Menschheit, — dürfen wir, wenn auch nur in diesem Augenblick, an sie vergessen? Die Haftara führt uns dem Propheten Jona vor, der gesandt ist, die sündigen Heiden Ninives zur Buße aufzurufen. Er flieht vor seiner Sendung und muß sie doch erfüllen und zusehen, wie „Israels Gott" mit den „Feinden" Erbarmen übt. Denn Gott sorgt für Ninives Heil wie für Israels. Ja, er ist „unser Gott", als den wir ihn in jedem Segensspruch ansprechen, wenn wir nur recht wissen, daß er „der König der Welt" ist. (Wem dies keine Phrase ist, dem brauchte der Gedanke der Auserwähltheit nicht mehr peinlich zu sein.) Jetzt wird es deutlich, wie die jüdische Lehre die Reinheit der eigenen Art versteht: In Isolierung, wenn man so will, aber um der Völker, um der Menschheit willen. Ein maßgebender evangelischer Bibelforscher sagt in seiner Einleitung zum Jonabuch: „Unter allen Umständen bleibt es merkwürdig, daß in einer Zeit, die man sonst vom engherzigen Eifer für das Zeremonialgesetz ausgefüllt glaubt, ein solches Buch voll des edelsten Kosmopolitismus möglich war." Ja, es ist merkwürdig: Wir begannen uns nicht um die Welt zu sorgen, als wir, unter Wirtsvölkern lebend, keinen Boden unter den Füßen zu verlieren hatten, sondern auf der eigenen, heißgeliebten, heiß verteidigten Scholle, und wir taten es, ohne daß so die Liebe zum heimatlichen Boden geringer wurde, wir mußten es tun, weil wir nur in schwächlichen Zeiten vergaßen, daß Gottes nicht nur unser Land ist, sondern „die Erde und was sie füllt". Es ist leichter dafür zu sorgen, daß einen „das eigene Land nicht ausspeit", als nach Ninive zu gehen. Aber wir können nicht fliehen. — nicht einmal ins „Zeremonialgesetz"! * Das Thema der an den Tagen des Hüttenfestes aus der Tora verlesenen Stücke ist vor allem die Ordnung des jüdischen Jahres. Es ist aufgebaut auf den Rhythmus der Sabbate, der drei Wallfahrtsfeste und der „Erhabenen Tage" Neujahr und Versöhnungstag. Daß die Feste nicht zum geruhsamen Verweilen im Augenblicke werden, bewirkt bei den Wallfahrtsfesten etwa ihre historische Bedeutung, die die „natürliche" begleitet; so ist Pessach Gerstenerntefest und der Tag dts Auszuges aus Aegypten, Schawuot Weizenerntefest und der Tag der Offenbarung am Sinai, Sukkot Obst- und Weinlesefest und Erinnerung an die Wüsten Wanderung. Die Beziehung der Gegenwart zur Vergangenheit ist somit gegeben. Ihre Beziehung zur Zukunft herzustellen, ist die Aufgabe der Selbstergänzung der Lehre, die die Stücke der Haftara erfüllen. Da Ein Königssohn, der nach dem Heiligen Land zog, fragte einen dort ansässigen Nasiräer: „Warum hast Du Dich in diesem unwirtlichen und verwüsteten Land niedergelassen? „Die Antwort lautete: „Nicht umsonst hat Gott zu Abraham gesagt: Geh hinweg aus Deinem Land!" Aus dem ßudi .Ben hameledi wehanasir" von Abraham ibn Chasdai (13. Jahrhundert) ist von den Endzeitkärapfen die Rede, die der Aufrichtung des Gottesreiches vorangehen. Hier aber sind nicht mehr besondere Tage oder Räume als „heilige" herausgehoben, denn die Welt ist vollendet und sogar „die Schellen der Rosse sind zu jener Zeit heilig dem Ewigen" (Secharja 14, 20). Und nicht Israel allein, sondern, was schon das Gebet Salomo« bei der Einweihung des Tempels ersehnte, „alle Völker der Erde erkennen, daß der Ewige Gott ist" (1. Könige 8, 60). — Ist das letzte Wort des Versöhnungstages „Höre Israel, der Ewige ist unser Gott . . .", so lehrt das Hüttenfest, die andere Seite nicht zu vergessen: „Und der Ewige wird König sein über die ganze Erde . . ." (Secharja 14, 9). Beide Schriftworte gehen mit ihren Gegensätzen ins tägliche Gebet ein, — um der Mitte willen, in der wir leben. * Am Feste der Torafreude wird die Selbstberichtigung schon in die Leseordnung des Pentateuchs selbst hereingenommen: Dem Ende des Buches, das vom letzten Segen und von der Tragödie des großen Führers spricht, der das Land nur sehen, aber nicht betreten darf, reihen sich in sonderbarem Kontraste die ersten Seiten des Buches an, die in feierlicher Stille den Anfang setzen: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde". — Dem Neubeginn hält die Haftara, im Sinne der Selbstergänzung, die Fortsetzung entgegen: Moses ist tot, der neue Führer, der vom alten nicht nur die Macht, sondern auch die Lehre geerbt hat, übernimmt sein Werk. * Die nächsten Sabbate erzählen von der jungen Welt, vom Paradiese, den ersten Menschen, der ersten Sünde, dem Brudermord, der Entartung der Menschen und der Flut, der neuen Menschheit, die den Turm zu Babel baut, — bis zu Abraham, dem Babylonier, den Gott in ein fernes Land auswandern heißt, das die Heimat des ihm entstammenden Volkes wird. Neben diese Berichte der Tora über die Vorgeschichte und die ersten Schritte Israels stellt die Haftara drei jesajanische Reden über die tiefsten Aufgaben des vollendeten „durch Gerechtigkeit aufgerichteten" (Jes. 54,14) Volkes. Der Gestalt Abrahams, der Israel gründet, steht gegenüber die Gestalt des leidenden, verborgenen, namenlosen Erfüllers göttlicher Sendung, „der Knecht Gottes" (Jes. 41, 8—20), in dem sich Israel vollendet. Was ist der Sinn der Gegenüberstellung, die die Lehre hier vornimmt? Daß wir unseren, den menschlichen, den jüdischen Ort zwischen den beiden Polen finden und nicht stehenbleiben in romantischer Verklärung unseres Anfangs und nicht in schwärmerischer Schau unseres Zieles. Dies wäre ja nichts anderes als armselige Rettung vor der Wucht, mit der die Geschichte uns anpackt, und unser Denken würde die Formen des Daseins annehmen, in das wir gezwungen werden. Wir aber wollen nicht vor der Geschichte gerettet, sondern für sie ausgerüstet werden. Die Rothschilds und ihre Vaterstadt Frankfurt (Mit Benutzung ungedruckter Akten des Frankfurter Stadtarchivs) Von Professor Dr. Moritz Werner Unter den mancherlei Umtaufen, welche Straßen und Plätze unserer Stadt infolge des politischen Umschwunges der letzten Monate erfahren haben, erregt eine durch den weltbekannten Klang des ausgemerzten Namens besonderes Aufsehen. In einem Stück des verhältnismäßig modernen Ringstraßenzuges der nördlichen Außenviertel sind die Schilder mit der Bezeichnung „R o t h s c h i 1 d - A 11 e e" durch anders lautende ersetzt worden. Die bisherige „Rothschild-Allee" gehört zu den Neuschöpfungen aus der Aera Adickes, stammt also aus den Vorkriegsjahren und wird ihren Namen wohl dem Umstand verdanken, daß sie die ältere „Günthersburg-Allee" kreuzt, die in ein zum öffentlichen Erholungspark gewordenes früheres Privatbesitztum der Rothschilds einmündet. Dieser Sachverhalt sei hier erwähnt, weil wir ihn für einen geeigneten Ausgangspunkt halten, um in Erfüllung der kürzlich gegebenen Zusage (vergl. Gemeindeblatt Jahrg. XI Nr. 12, August 1933) einen Blick auf das Soll und Haben im Buche der Beziehungen der Familie Rothschild zu der Stadt ihres Ursprunges zu werfen. Allenthalben hat man ja immer wieder behauptet — und auch in den beiden Bänden des Grafen Corti ist es reichlich oft geschehen —, das Haus Rothschild habe zumal während seines „Aufstieges" und seiner „Blütezeit" alles nur um des Geschäftes willen getan. Es ist aber nicht schwer zu zeigen, daß die Rothschilds als Frankfurter Bürger in der materiellen Auswirkung ihres Gemeinsinnes wohl von keiner anderen Familie ihrer Vaterstadt auch nur relativ, geschweige denn absolut übertroffen werden. Man darf nur dabei die Mühe