Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 3 (11.1933)
- Date
- 1933-11-01
- Page
- Seite 96 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 96 Ein Wort Franz Rosenzweigs Ueber das alte Thema „Deutschtum und Judentum", das nun eine neue Aktualität erhalten "hat, spricht sich Rosenzweig in einem bedeutenden Brief aus, der vor kurzem im Schocken-Almanach erschienen ist. Hier folgen zwei Stellen aus einem unveröffentlichten Brief an Rudolf Hallo, geschrieben Ende Januar 1923. Damals konnte niemand ahnen, daß zehn Jahre später aus einem Gegenstand innerjüdischer Diskussion eine wahrlich „lebensgefährliche Frage" werden sollte. .,. . . Ich habe ja vielleicht eine besondere Harmlosigkeit gegenüber dem Problem Deutschtum und Judentum. Ich glaube, die Verjudung hat aus mir keinen schlechteren, sondern einen besseren Deutschen gemacht. ... Je jüdischer wir sind, um so realer können wir sein und um so schwerer wiegen wir. Dieses Gewicht aber fällt in die Wagschale Deutschlands. ... Versuch Du auch einmal, an diesem Punkt, ich meine die Frage Deutschtum und Judentum, etwas harmloser zu sein. Würde das jüdische Denken die Gesetze und die Formen annehmen, in denen das Dasein des jüdischen Volkes auf Erden verläuft, so müßte es so verkapselt, so;^bhäi)'n;if>'. so bedrängt, so unfrei wie dieses sein. Aber es ist bezeichnend, daß das Denken sehr frühzeitig die Gefahr merkte, die ihm, wenn man so sagen könnte, vom Leben her drohte, oder besser, daß es seine Aufgabe dem Leben gegenüber erkannte. So kommt es dazu, daß, so oft Erscheinungen von Einseitigkeit, Absperrung oder Abstrahierung in der Lehre aufkommen, aus innerjüdischem Grunde eine Selbstberichtigung und Selbstergänzung auftritt, die der einen Seite die andere als ihr Gegenbild vorhält, um der goldenen Mitte willen, die vom Denken für den inneren Bezirk des Lebens angestrebt wird, und um so gründlicher angestrebt wird, als sie dem äußeren Bezirk versagt ist. Wenn wir von den ..letzten Dingen" reden, sollen wir an die ersten Dinge nicht vergessen, wenn wir von uns selbst reden, sollen wir an die Anderen nicht vergessen, wenn wir vom wohlgeordneten Bau des jüdischen Gesetzes reden, sollen wir an die Frömmigkeit nicht vergessen, die jenseits von ihm in schlichter Unmittelbarkeit lebt, wenn wir von der Macht der Mächtigen reden, sollen wir an die Macht der Ohnmächtigen nicht vergessen, wenn wir vom erreichten Ende reden, sollen wir an den erneuten Anfang nicht vergessen. Nicht weil das andere Extrem das Ideal wäre, sondern um der Mitte willen, in der die Wahrheit liegt. Das jüdische Denken hat nicht oft Systeme ausgebildet, wie das des Maimonides, welches in seinem ersten und grundlegenden Teil, dem „Buch der Erkenntnis", in einer den Leser fast aufregenden Weise alle Extreme im religiösen Leben und Denken — mit Ausnahme der Demut und der Milde — ablehnt und die Mitte als den „göttlichen Weg" erkennen lehrt. Wichtiger als die Systeme sind die stilleren Kundgebungen der unliterarischen Quellen der Lehre des Kalenders, der aufs jüdische Jahr verteilten heiligen Schrift und der Gebetordnung. In ihnen, und nicht erst in den Büchern soll das „Volk des Buches" dem jüdischen Denken begegnen. Freilich müßte sich der Jude, der eine, dem die religiöse Uebung zu einem selbsttätig funktionierenden Apparat geworden ist, und der andere, der so simplen Zeugnissen für so hohe Dinge im vornherein skeptisch gegenübersteht, gründlich wandeln, um diese stillen Kundgebungen vernehmen zu können. * Zu der Ordnung der Schrift fürs jüdische Jahr gehört es, auf die Vorlesung des Abschnittes aus dem Fünf buch ein Stück aus den Prophetenbüchern als Haftara (Abschluß, Abschied) folgen zu lassen. (Auch „Messe" bedeutet Entlassung der Gemeinde.) Wann und wie diese Einrichtung entstanden ist, ist noch völlig ungewiß. Jedenfalls scheint ihr Sinn zu sein, daß sich durch Vergleich und Zusammenfassung der histo- Als man anich in H. in jener Sitzung vor die diversen Gretchenfragen stellte, fragte einer auch diese. Da habe ich erwidert, die Antwort auf diese Frage lehnte ich ab; wenn das Leben mich einmal auf die Folter spannen würde und mich in zwei Stücke risse, so wüßte ich freilich, .mit welcher der beiden Hälften das Herz, das ja unsymmetrisch gelagert sei, mitgehen würde; ich wüßte auch, daß ich diese Operation nicht lebendig überstehen würde; die Herren wollten mich aber doch lebendig haben und da müßte ich sie schon bitten, mich nicht aiuf die Folter dieser im wahren .Sinn lebensgefährlichen Frage zu spannen, sondern mich ganz zu lassen. Vielleicht ist es diese Ganzheit, die man, soweit sie ge: lernt werden kann, .durchs Lehrhaus lernen kann. Denn daß die Generation, die ihr Herz in eiserne Ringe faßte, damit man es nur ja nicht auf der linken Seite schlagen hörte — ohne zu bedenken, daß man es dadurch noch lange nicht auf der andern schlagen hörte — davon herzhafter geworden sei, das habe ich nicht gemerkt. . . ." Tora- und Prophetenabschnttlen an >ur, Sukkol und den drei folgenden Sabbaten. rische Grund des einen am übergeschichtlichen, ewigen Ziel des anderen Wortes prüfe und bewähre. Der Midrasch (Leviticus rabba 16) berichtet von einem Meister, der Worte der Tora anzureihen pflegte den Worten der Propheten und Worte der Propheten den Worten der Hagiographen, „und die Worte freuten sich, wie am Tage, da sie am Sinai gegeben wurden". Dieses Zueinanderbringen der Worte führt zum Ziele, den das jüdische Denken erstrebt, — und zum Ursprung zurück. Wir wollen nun an dem Beispiel der Schriftworte, die vor uns liegen, darauf hinzuweisen versuchen, wie im Nebeneinander von Tora und Haftara jener Gedanke der Selbstberichtigung und Selbstergänzung der Lehre, jenseits der Systeme, aber eben in einer dem jüdischen Denken eigentümlichen Form seinen Ausdruck findet. * Das Torastück, das am Morgen des Versöhhungst a g e s gelesen wird, berichtet von dem bis ins einzelne geregelten Opfer- und Entsühnungsritual im Wüstenheiligtum, das „Satzung bleibt für alle Zeiten" (3. B. M. 16,34): Zeit, Priesterkleidung, Opfertiere, Opferfolge, Sprengung des Opferblutes, Altarordnung, Absendung des Sündenbockes in die Wüste, Fasten des Volkes: all dies ist ehern festgelegt. Und schon meinen wir: dies und nur dies ist Sühne vor Gott und sehen vor uns den Menschen, der selbstgerecht und heilsgewiß ist, weil alle Form pünktlich erfüllt wurde. Da bringt die Haftara die jesajanische Rede vom wirklichen Fasten: „Das ist das Fasten, das ich erwähle, die Klammern des Frevels zu öffnen, des Joches Bande zu sprengen und Unterdrückte frei auszuschicken, jedes Joch solltet ihr zertrümmern. Das ist es: Für den Hungrigen brechen dein Brot, daß du die Armen, die im Elend sind, ins Haus führst, wenn du einen Nackenden siehst, daß du ihn hüllest, vor deinem Fleisch verstecke dich nicht!" (58, 6—7). Dann erst: „Dann wirst du rufen, und der Ewige wird, dir antworten, du wirst schreien, und er spricht: Hier bin ich!" (Vers 9). Erfuhren wir aus dem Opferritual der Tora, daß Gott „in der Erhabenheit; und Heiligkeit wohnt" (Jes. 57,15), so erfahren wir hier, daß er „bei den Zermalmten und Erniedrigten ist" (ebd). Und. verkündet Jesaja (Vers 19) „Frieden, Frieden dem Fernen und dem Nahen", so verstehen wir, wie recht die talmudische Präzisierung hat: »^Zuerst dem Fernen und dann dem Nahen!" Später als ein halbes Jahrtausend nach Jesaja, faßt Rabbi Akiba die Gedanken der Sühne in unserem Pentateuchstück und bei den Propheten in ein. Wort zusammen: „Heil euch Israel, wer reinigt euch, und vor wem reinigt ihr selber euch: es ist euer Vater im Himmel" (Talmud Babli, Joma 85b). Der ganze Monotheismus legt sich in diesem Losungsworte Akibas dar, sagt Das Schriftwort Ende und Anfang Von Dr. Nahum Glatzer