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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-11-01 · 3 (11.1933) · p. Seite 95

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
3 (11.1933)
Date
1933-11-01
Page
Seite 95 (sequence 5)
Language
German
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FRANKFURTER ISRAELITISCHES GEMEINDEBLATT Amtliches Organ der Israelitischen Gemeinde *«======3====*==gSBgg-~- " 1 -——-- . Das Gemeindeblatt erscheint monatl. u. wird den Gemeindemitgl. unentgeltl. zugestellt. Preis der Einzelnummer 40 Pfg. — Jahresbezug RM. 6.—. Schriftleitung: Fahrgasse 146; Fernsprecher: Sammel-Nummer H. 27544. — Postscheekkonto: Frankfurt am Main Nr. 33521. — Anzeigenverwaltung: M. Isaac & Co., Ravensteinstraße 11, I. Fernsprecher 44868 und 44888. — Anzeigen nach Tarif. — Anzeigenschluß für die nächste Nummer: 20. Oktober. — Die Schriftleitung übernimmt für den Inhalt des Gemeindeblattes nur die preßgesetzliche Verantwortung. Nachdruck nur mit Erlaubnis der Schriftleitung gestattet. 12. Jahrgang- Frankfurt a. M., November 1933 Nr. 3 Ein Jüdisches Lehrhaus Unter dem Protektorat der Israelitischen Gemeinde Frankfurt wird demnächst ein Lehrhaus eröffnet, das zugleich das Vermächtnis des einst von Franz Rosenzweig begründeten „Freien Jüdischen Lehrhauses" getreu übernehmen und den besonderen Anforderungen der gegenwärtigen Stunde gerecht werden soll. „Das jüdische Bildungsproblem auf allen Stufen und in allen Formen", schrieb Rosenzweig 1917, „ist die jüdische Lebensfrage des Augenblicks." Und 1920 fügte er hinzu: „Die Not fordert die Tat, so gebieterisch, wie je. Und es genügt nicht, den Samen auszustreuen, der vielleicht erst in ferner Zukunft, aufgeht und Frucht bringt. Heute drängt die Not, heute muß das Heilmittel gefunden werden." Seit damals sind 13, seit dem Tode Rosenzweigs fast vier Jahre vergangen. Aber seine Worte sind heute erst, von der Situation an, in der wir stehen, zu ihrer vollen Bedeutung erwachsen. Heute erst wissen wir vom Grunde aus, was Augenblick und was Lebensfrage, was Not und was Forderung der Tat ist. Den Worten ist ein neuer ungeheurer Stoff zugefallen, der ihren Sinn verstärkt und noch vertieft. Es ist jetzt ein anderer, andersartiger Augenblick als damals, ja, man möchte sagen, daß es .erst jetzt den Augenblick in der ganzen, strengen Bedeutung des Wortes gibt, den nicht verweilenden, den eine unverzügliche, unaufschiebbare Antwort heischenden. Diese Not, diese Härte ihrer gebieterisch fordernden Stimme haben wir damals nicht vorgeahnt. Aber die Lebensfrage unseres Augenblicks ist immer noch, und noch schärfer deutlich als damals, das jüdische Bildungsproblem; die Tat, die von der Not gefordert wird, ist immer noch, und noch unabweislieher drängend als damals, die aktive, baumeisterliche Lösung dieses Problems: überall, wo noch, eine deutsch jüdische Gemeinde zu wirken vermag, Errichtung volksbildnerischer, volkserz'ietherischer Anstalten, an jedem Ort nach den vorhandenen Kräften, aber auch wirklich nach den ganzen vorhandenen Kräften. Dieser Pflicht uns bewußt, eröffnen wir in Frankfurt das altneue Lehrhaus. Der Situation und den von ihr bestimmten Bedürfnissen Rechnung tragend, müssen wir in unseren Lelirplan mehr und anders einbeziehen als einst. Es kommt nun darauf an, wie wir dieses Mehr und dieses Andre leisten können, ohne den dem „Freien jüdischen Lehrhaus" eigentümlichen Geist und die ihm eigentümliche Methodik zu verleugnen. Der dem Lehrhaus eigentümliche Geist, das ist die Zentralität des Judentums, das in alle Welt- und Lebensbezirke ausstrahlt und. so auf allen Gebieten des Lernens Stoffauswahl und Stoffbehandlung diktiert. Die dem Lehrhaus eigentümliche Methodik, das ist der intensive Verkehr zwischen Lehrern und Schülern, die tiefe Gemeinsamkeit der Arbeit, die den Lehrer zu n Schüler macht, indem sie ihm das Lauschen auf die Seelen der Teilnehmer beibringt, und den Schüler zum Lehrer, indem sie ihn zur tätigen Teilnahme erzieht. An hei den darf das Lehrbaus in seinem veränderten und verbreiterten neuen Aufbau keine Einbuße erleiden. Das „Andere" darf uns nicht an Jüdischkeit und das ..Mehr" uns nicht an Gemeinschaftlichkeit ärmer machen. Das Lehrhaus muß den jungen jüdischen Menschen von heute ausrüsten helfen, der Situation standzuhalten. Aber es muß ihn auch ausrüsten, ihr a 1 s J u d e standzuhalten. Mehr als je brauchen wir heute einen „Mittel- und Keimpunkt für das jüdische Leben des jüdischen Menschen", wie Rosenzweig die von ihm entworfene Bildungsanstalt bezeichnet hat. Das Lehrhaus muß trotz seiner Uebemahme der ihm von der Stunde auferlegten ausrüstenden Funktion, vielmehr um ihrer rechten Uebemahme willen, ein solcher Mittelpunkt werden, und zwar dadurch, 1. daß die Judentumskunde, d. h. das Wissen um das geschichtliche und gegenwärtige jüdische Sein, den größten und zentralen Raum in seinem Arbeitsprogramm einnimmt, 2. daß der Geist, der seine Leiter und Lehrer erfüllt, echt jüdischer Geist ist, 3. daß die Lehre auch in den allgemeinen Disziplinen auf die Sorgen und Anliegen der gegenwärtigen Judenheit achtet, 4. daß nicht bloß Wissen und Können gefördert, sondern auch jüdischer Gemeinschaftssinn praktisch gepflegt, jüdische Gemeinschaft in werktäglicher und in festlicher Gestalt geübt wird. Auch hier geht es um die Befriedigung von Bedürfnissen, wenn auch von solchen, die vielfach nicht ins Bewußtsein treten, sondern nur als elementare Sehnsucht nach einem konkreten, umfangenden, zeitdeutenden, tröstenden, haltverleihenden Judentum bestehen. Ich habe der an mich ergangenen Aufforderung Folge leistend, die Leitung des Lehrhauses übernommen; die Herren Prof. Dr. jur. Ernst Kantorowicz, Dr. Eduard Strauß und Prof. Dr. Gotthold Weil haben mir ihre Mitwirkung dabei zugesagt. Das Lehrjahr soll aus 3 Trimester - Lehrgängen bestehen. Der erste Lehrgang beginnt Anfang Januar: doch soll ihm ein vierwöchiger Eröffnungs-Lehrgang vorausgehen, der vom 19. November bis zum 16. Dezember dauert. Er wird naturgemäß nicht das Bild eines regulären Lehrgangs im kleinen geben können, da in ihm alle jene Kurse ausgeschaltet sein müssen, die ihrem Wesen nach eine längere Zeitdauer beanspruchen; aber er wird einen Einblick gewähren in das, was wir meinen und wollen. Die feierlicheEröffnung des Lehrhauses findet statt Sonntag, den 19. November um 5 Uhr nachmittags im großen Saal der Frankfurt-Loge, Eschersheimer Landstr. 27. Ich werde über das Thema „W ieistVolkserziehung m ö g 1 i c h?" sprechen. Meinem Vortrag werden sich einige Ansprachen von Freunden des Lehrhauses anschließen. Anmeldungen, Anfragen und Lehrplan-Bestellungen sind an das Sekretariat des Jüdischen Lehrhauses (vorläufig Fahrgasse Nr. 146, Israelitische Gemeinde) zu richten. Prof. Dr. Martin Buber

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