Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 2 (10.1933)
- Date
- 1933-10-01
- Page
- Seite 79 (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 79 tungweisend für viele Jahrhunderte. Wenn der Rabbi späterer Zeiten z. B. in der Rechtswissenschaft genau so Bescheid wußte wie in der Astronomie, der Anatomie, der Philosophie, der Geschichte usw., so hat eben zu diesem universellen Denken und geradezu enzyklopädischen Wissen, dem kein Bereich des menschlichen Lebens fremd war, wesentlich Hillel erzogen. Bei einem so weltoffenen Menschen wie Hillel konnte auch keine Spannung zwischen Religion und Leben aufkommen; das Leben wurde durch die Religion geheiligt, und die Religion im Leben verwirklicht. Als ein gütiger, bescheidener, friedfertiger Mensch, dessen schlichtes Leben von zahllosen Legenden umrankt ist, geliebt und verehrt von seinen Zeitgenossen, ist er eine große Führerpersönlichkeit des klassischen Zeitalters des antiken Judentums. Wir Juden sind offensichtlich ein Volk mit sehr schlechtem politischen Instinkt. Man könnte dies an zahlreichen Beispielen der Gegenwart belegen. Wenn es auch psychologisch und soziologisch sehr verständlich ist, daß in der langen Galuth die Juden oft falschen Führern und Messiassen nachgelaufen sind, so erstaunt man trotzdem über das Verhalten der Juden zu Sabbatai Zewi. Er war ein genialer Mensch, der es verstanden hat, durch sein liebenswürdiges und freundliches Benehmen alle Menschen, die mit ihm in nähere Berührung kamen, an sich zu fesseln. Es ist schwer zu sagen, wie weit er bewußt ein Betrüger war, oder wie weit er sich von dem Strom hat mitreißen lassen. Die Juden, seiner Zeit aber befanden sich in einem ekstatischen Rausch wilder Erlösungssehnsucht, und der Funke, der von Sabbatai Zewi ausging, entfachte einen Riesenbrand. Sabbatai Zewi war sich wohl kaum der Verantwortung bewußt, die er durch sein Handeln auf sich nahm. So hat er unermeßliches Unheil gebracht. Er wühlte die zeitgenössische Judenheit zutiefst auf, und die enttäuschten übersehwänglichen Wunscherwartungen schlugen in dumpfe Hoffnungslosigkeit um. Ihm fehlte vor allem eines: Charakter. Er war ein theatralischer, eitler, selbstgefälliger Mensch. Sein Unglück war die Regungslosigkeit seiner Zeit. So konnte ein Mensch an die Spitze der Judenheit treten, dem jegliche Qualifikation dazu fehlte, und konnte den in unserer Geschichte immer falschen Weg aus der Not, nämlich den „leichteren", zeigen, den Weg passiver Erwartung von Wundern, die, durch einen gleichsam außergeschichtlichen Vorgang, alle Nöte der Juden beseitigen sollten. Die Juden, ließen sich von ihrem Verführer einreden, sie könnten darauf verzichten, sich durch eigene Arbeit ihr Schicksal zu gestalten. Eine Führerpersönlichkeit von ganz außergewöhnlichem Format hat das neuere Judentum in Theodor Herzl hervorgebracht. Herzl hat es verstanden, der zerstreuten Judenheit wieder ein Zutrauen, eine richtunggebende Idee zu schaffen. Er scharte Vertreter der verschiedenen religiösen, sozialen und geographischen Gruppen des zersplitterten Judenvolkes um einen Tisch, um einer großen, gemeinsamen Sache, dem Wiederaufbau von Volk und Heimat, zu dienen. Er gab den Juden wieder Stolz und Ehre und führte mit Würde die jüdische Sache. Er machte die Juden wieder zu Subjekten ihrer Geschichte und gab ihnen das Bewußtsein, daß sie ihr Schicksal nur dann meistern könnten, wenn sie es selbst in die Hand nehmen. Mit restloser Hingabe setzte er sich für die Verwirklichung des Zionismus ein. Seine Wirkung errang er wohl weniger durch seine politischen Erfolge als durch den Glanz, der von seiner Persönlichkeit ausging, durch seine rücksichtslose Ehrlichkeit und die lautere Reinheit seines Charakters. Er muß dies selbst geahnt haben, wenn er in seinen Tagebüchern einmal schreibt (Bd. III, S. 115): „Ich glaube, meine Wirkung, als Führer ist darauf zurückzuführen, daß ich, der ich als Mensch und Schriftsteller so viele Fehler habe und hatte und so viele Fehler und Dummheiten beging, in der zionistischen Sache reinen Herzens und ganz selbstlos war." In diesen Worten liegt das Geheimnis seines Wirkens und seiner Größe. Jüdisches Führertum läßt sich schwer auf eine Formel bringen; es unterscheidet sich von dem Führertum anderer Völker wie unsere Geschichte von der der anderen. Daher kann kein echter jüdischer Führer es den Juden „leicht" machen, denn Jude sein bedeutet seit Jahrtausenden einen historischen Anachronismus. Darum kommen wir nicht herum. Man nannte die Juden einmal „die ewigen Nonkonformisten der Welt geschieht e". Wenn es um unser Selbst ging, um unsere nationale Existenz, mußten wir immer den „schweren" Weg gehen, seit den Zeiten Sabbatais Zewis, ja schon früher, seit Jesus aus Nazareth, seit Jeremia, ja sogar, seitdem es hieß: „Und Gott führte sie nicht den Weg durch das Land der Philister, obwohl dieser nahe war" (II. B. M. 13, 17). So können auch heute alle diejenigen, die eine „leichte" Patentlösung der Judenfrage bringen wollen, oder die Hände in den Schoß zu legen und auf Wunder zu warten uns empfehlen, keine Führer sein. Nur wer uns den „schweren" harten Weg eigenen Schaffens, konstruktiven Wiederaufbaus jüdischen Lebens in Erez-Israel weist, dem können wir folgen. G. Soll die Führung der Gemeinden geändert werden! Die jüdischen Gemeinden des Altertums hatten drei Arten von Führern: den „Leiter des Lehrhauses", den „Vorsitzenden des Gerichts" und den „Vorsteher" als Leiter der Verwaltungsgeschäfte. Der „Parneß", so genannt, weil er als „Gabbai", als „Erheber der Armengelder" für die Ernährung der Armen zu sorgen hatte, besorgte die weltlichen Angelegenheiten. Aus einer großen Anzahl von Talmudstellen, die sich mit der Wahl, den Eigenschaften, der Tätigkeit des „Parneß" beschäftigen, sei hier nur eine kleine Auswahl zitiert. Zur Wahl war die Zustimmung der Gemeinde notwendig (Berachoth 55). Es sollte möglichst ein Gelehrter gewählt werden (Sabbath 114). Es kam dabei nicht auf seine vornehme Abstammung an (Jona 22). War er jedoch in sein Amt eingestzt, so war er „der Mächtigste unter den Mächtigen". (Rosch. haschana 25.) Mit den Leiden der Gemeinde sollte er verbunden sein, (Berachoth 28) sich nicht stolz über die anderen erheben (Chagiga 5) und keine unnötigen Lasten auferlegen. (Roschhasehana 17.) Die halachische Literatur hat sich nur wenig mit dem Amt des Vorstehers beschäftigt. Von Maimonides und im Choschen Mischpat des Schulchan Aruch wird seiner nur im Zusammenhang. mit dem Richter Erwähnung getan. Historisch gesehen gab es zwei Arten von Gemeindevorstehern: den „Parneß" und den „Schtadlan". Der letztere war häufig Gemeindebeamter in der Art der jetzigen Gemeindesyndici, meistens jedoch war er ein angesehener, reicher Mann, dessen sich die Gemeinde wegen seiner guten Beziehungen zu Verhandlungen mit der Regierung und den Behörden bediente. (Hofjuden, Judenmeister.) Dem Vorsteher stand ein Gemeinderat aus den „Besten der Stadt" zur Seite, der das Recht der Steuerfestsetzung, der Verteilung von Gaben an die Armen und die Pflicht zur Erhaltung von Synagogen und Schulen hatte. Wenn, ganz gegen die bisherige Uebung dieser Beilage „Jugend und Gemeinde", das Problem der Gemeindeführung auch von der literarischen und historischen Seite beleuchtet wurde, so liegt der Grund dafür in der sich heute auch in der Jugend anbahnenden Erkenntnis der Notwendigkeit, Gestaltungen im Bezirk jüdischen Seins im Gleichklang mit der jüdischen Vergangenheit zu erreichen. Was wir heute in den deutschen Großgemeinden als Führung der Gemeindeverwaltung vorfinden, ist das Produkt aus der fast hundert Jahre alten Judengesetzgebung und dem Versuch einer Anpassung an demokratische Gedankengänge der letzten Jahrzehnte. Neben einem ausgedehnten Beamtenapparat führt der Gemeindevorstand die Verwaltung. Die Gemeindevertretung hat meist ein Scheindasein. Die große Ausdehnung der Verwaltungsgeschäfte hat Referenten und Kommissionen für die einzelnen Gebiete (Kultus, Krankenhaus, Wohlfahrtspflege, Bau, Friedhof, Personal etc.) notwendig gemacht. Jedes Vorstandsmitglied muß einen großen Teil seiner Zeit seinem Ehrenamt widmen können, wenn er den an ihn gestellten Anforderungen auch nur einigermaßen gerecht werden will. Der Versuch, die Arbeit der Gemeindeverwaltung auf eine größere Anzahl von Gemeindemitglieder zu verteilen, ist an der Trägheit des parlamentarischen Apparates und der gerade heute vorliegenden Notwendigkeit, Entschlüsse schnell zu fassen, gescheitert. Wenn bei der Jugend die Meinung verbreitet ist, daß es zu einer Aenderung der Führung in der Gemeinde kommen soll, so ist dies aus vielen Gründen zu verstehen, jedoch ohne Schädigung der Gemeindeinteressen nicht durchführbar. Der Ruf nach dem Führer, nach autoritärer Gemeindeleitung in Angleichung an die deutschpolitischen Verhältnisse ist überflüssig, weil wir auf diesem Gebiete die jetzigen Verhältnisse, d. h. die schon vorhandene