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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-10-01 · 2 (10.1933) · p. Seite 80

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
2 (10.1933)
Date
1933-10-01
Page
Seite 80 (sequence 38)
Language
German
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Seite 80 Selbständigkeit einzelner nicht werden überbieten können. In allen deutschen Großgemeinden und auch hier in Frankfurt lastet die Verantwortung und die Arbeit auf ganz wenigen Persönlichkeiten. Als ein besonderer Fehler wird der mangelnde Kontakt mit der breiten Masse der Gemeindemitglieder gerügt. Es ist im Rahmen der " Gemeindeverwaltung heute wohl das einzige Verdienst und der einzige Grund für die Daseinsberechtigung der verschiedenen „Parteiorganisationen, daß sie die Beziehungen zu einer größeren Anzahl von Gemeindemitgliedern bei den Alten und bei der Jugend aufrecht erhalten. Von den anderen Möglichkeiten funktioniert die eine, die der Presse als Gemeindeblatt recht gut, die andere, die Gemeindeversammlung, hat sich als unpopulär, heute wohl auch als unzweckmäßig, erwiesen. So bleibt schließlich nur der eine Punkt zur Erörterung: Sind heute auch die richtigen Persönlichkeiten in der Gemeindeverwaltung? Es handelt sich hier weder um Kritik noch um Verteidigung der führenden Männer. Der Sinn der einleitenden literarhistorischen Bemerkungen ist der: welche Eigenschaften muß der Gemeindevorsteher haben? Er muß, ganz allgemein gesprochen, das Vertrauen der Gemeinde besitzen. Dies heute festzustellen, wird nur schwer möglich sein. Was aber dringend notwendig ist, ist Sachkenntnis im jüdischen Leben und dem Spezialgebiet seiner Verwaltungstätigkeit, Verständnis für die vielfach gänzlich neu und plötzlich auftretenden Aufgaben, viel freie Zeit und eine große Portion von Eigenwilligkeit und Charakterstärke sowie Unabhängigkeit, um die zahlreich auftretenden Widerstände gegen jede einzelne Verwaltungshandlung zu überwinden. Man hat schon heute den Eindruck, daß wir in den schwierigsten Zeiten für die deutsche Judenheit, die hoffentlich hinter uns liegen, nicht die Führer gehabt haben, wie viele sie gewünscht hätten. Der Grund dafür liegt darin, daß vielfach gerade die verantwortungsvollsten Stellen mit Männern besetzt waren, die in entscheidenden Momenten von dem allgemeinen Zusammenbruch ihrer Welt zu sehr betroffen waren. Bei vielen dieser Führer war es die Infragestellung ihrer eigenen materiellen Existenz, die sie den Kopf verlieren und zu unzweckmäßigen Maßnahmen greifen ließ. Zum Glück war dies nur bei einzelnen Stellen der deutschen Judenheit zu beobachten. Mag man noch so viel vorwärtsstürmenden Mut der Jugend besitzen, so muß man sich bei der Frage der Aenderung in der personellen Leitung unserer Gemeinden, die durch die Zeit und den Mangel an geeigneten anderen, jüngeren Kräften gebotene Mäßigung auferlegen. Die besten Absichten, das schönste Vorahnen kommender Ereignisse, die bestfundierte Ideologie nützt dem nur wenig, der Zeit und Sachkenntnis haben muß, um heute die verschlungenen Wege der Gemeindeverwaltungsarbeit zu gehen, wo mit wenig Geld aufrechterhalten, neugeschaffen, geholfen werden soll. Die Zeit zu einer grundlegenden Neugestaltung der Gemeindeverwaltungen mit ihren in besseren, reicheren und oft allzu unternehmungslustigen Zeiten geschaffenen Einrichtungen ist noch nicht da. Hoffentlich bleibt es einer starken gemeindeverbundenen Jugend vorbehalten, bald und selbständig hier anderes, neues und besseres zu schaffen. Dr. Ernst Freimann Das Wort hat die Jugend Die Redaktion dieser Beilage hat mir die Frage gestellt, welcher Generation der Juden in Deutschland heute die Führung gehöre, der alten oder der jungen. Führung: absolut gesetzt, wirksam also nach innen und nach außen. An dieser Fragestellung ist etwas neu: daß man nämlich nach einem Führungsanspruch fragt. Es scheint also — und die praktischen Umstellungen bestätigen das — als ob man auch in jüdischen Kreisen in Deutschland das liberalistische Prinzip verlassen hat. Denn liberalistisch gedacht, müßte ja das freie Spiel der Kräfte, die Erfahrungen einerseits und die vorwärtsstürmende Unbedingtheit andererseits, auf beiden Seiten ausgewählt nach charakterlichen und praktischen Fähigkeiten, eine Lösung ergeben, die richtig ist. Die Wirklichkeit sah freilich etwas anders aus: in fast allen jüdischen Gruppen dominierte an führender Stelle das Alter. Die Gründe dafür liegen wohl hauptsächlich in der Tatsache, daß bis zum 30. Januar 1933 ja wirklich noch das alte „System" herrschte und das Neue noch nicht durchgebrochen war. Da die Denkweise der führenden jüdischen Männer von jeher so war, wie die Denkart der führenden deutschen Politiker, Gelehrten und Künstler, war es klar, daß sie fest im Sattel saßen und sich leicht gegen die Jugend verteidigen konnten, die nach oben drängte. Wenn oben festgestellt wurde, daß sich die Art der Fragestellung geändert hat, so muß auch darauf hingewiesen werden, daß die Methode, nach der die großen jüdischen Verbände heute geführt werden, eine andere ist als früher. Die Verantwortung liegt—absolut parallel der allgemein deutschen Entwicklung auf allen Gebieten — nicht mehr nur auf Kommissionen, die endlos beraten und selten zum Ziel, aber meist zu einem Kompromiß gelangen; sie liegt nicht mehr bei Gremien und großen Vorständen, sondern sie liegt bei einem Führer, der weniger entlastenden Vorstandssitzungen als seinem Gewissen und seiner Gefolgschaft Rechenschaft schuldig ist. Diese Entwicklung ist in Deutschland in allen wesentlichen Punkten abgeschlossen, bei den meisten jüdischen Gruppen jedoch noch nicht. Es scheint aber, obwohl die Juden nicht in den gesamtdeutschen Volksorganismus eingebaut sind, daß der Weg zu einem Endpunkt führt, an dem das Führerprinzip anerkannt und durchgeführt wird. Die gestellte Frage hat nur einen Sinn,- wenn man die Situation berücksichtigt, in der sie aufgeworfen ist. Es gibt zwar nur eine Wirklichkeit, aber sie wird von verschiedenen Blickpunkten und Weltanschauungen her verschieden gesehen. Also muß ich, wenn ich wirklich verstanden werden will* zuerst das Bild zeichnen, das ich von der heutigen Lage der Juden in Deutschland habe, und dann aus der Einstellung zum konkreten Geschehen und zur voraussichtlichen Zukunft die Frage nach den Aufgaben und Notwendigkeiten des Führers stellen. Die nationale Revolution hat dem Zionismus recht gegeben und uns deutsche Juden, die wir „mit Herz und Hand für's Vaterland" standen und stehen, in eine geradezu furchtbare Situation gebracht: nicht nur, daß alle materiellen Positionen wanken, daß es nichts Gesichertes und keine aussichtsreiche Zukunft mehr gibt. Wir sind vor allem von jeder Gestaltung am deutschen Schicksal ausgeschlossen. Wir haben eine Revolution erlebt und einen totalen deutschen Staat erstehen sehen, der auf Blut und Rasse gegründet ist und uns Juden in vielen Lebensgebieten ausschließt. Da der Staat total ist, das heißt, alle menschlichen Bezirke umfaßt, bleibt uns keine Möglichkeit mehr zu deutscher Betätigung: wir können nur im Leiden und Ausharren unsere Verbundenheit mit dem Vaterland beweisen; gestalten können wir unser deutsches Schicksal nicht mehr. Die Entscheidung der Zionisten ist heute eindeutig: sie werden versuchen, möglichst viel Menschen nach Palästina zu bringen. Die Entscheidung der deutschen Juden heißt heute nicht mehr nur: hierbleiben öder auswandern (und dann: wohin?), denn es können, materielle Gründe sein, die zum Auswandern zwingen. Die deutschen Juden müssen sich heute bewähren, sie müssen trotz allem fest und unbeirrbar zu ihrem Vaterland stehen und ihren deutschen Weg gehen, auch wenn er ina Ghetto führen sollte. Führen beißt: nach innen Richtung geben, nach, außen repräsentieren. Der jüdische Führer, der auf deutschem Boden steht, hat Aufgaben nach verschiedenen Seiten. Er muß eine Gefolgschaft von jüdischen Deutschen bilden, die ein festes, einheitliches Gesicht hat. Das Gesicht muß geprägt sein von einer Haltung, die absolut deutsch ist. Auf diese Gefolgschaft muß sich der Fuhrer stützen können, wenn er mit den deutschen amtlichen Stellen verhandelt. Es kommt darauf an, daß er dann in seinen Entschlüssen autonom und unabhängig von Vorständen ist und zudem noch sagen kann: meine Gefolgschaft steht hinter mir. Ich glaube, daß an diesem Punkt die eingangs gestellte Frage beantwortet werden muß: mit dem heutigen Deutschland sprechen kann nur die Jugend, weil sie allein wirklichen inneren Zugang zu den Geschehnissen hat. Die ältere deutsch-jüdische Generation ist liberalistisch, Deutschland ist national-sozialistisch. Das ist kein Schlagwort, sondern eine bestimmte Haltung und Weltanschauung, die wesentlich geprägt ist durch ein Erlebnis und. eine Bewegung, die auch

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