Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 2 (10.1933)
- Date
- 1933-10-01
- Page
- Seite 78 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3094266-3094399-3094401--3795-3098575- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt _Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde_ Nr.l____OKTOBER 1933 Alle Artikel sind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Schriftleitung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Verantwortung. — Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an den Schriftleiter der Beilage, Ernst Holzer, Corneliusstrasse 8, zu richten BRAUCHEN WIR NEUE FÜHRER? Im Leben des Staates hat eine neue Generation das Ruder ergriffen. Da kann es nicht Wunder nehmen, dass auch im jüdisdien Kreis die junge Generation immer lauter Ansprudi auf die Führung erhebt—sie vielfach sdion erlangt hat. Die Blätter „Jugend und Gemeinde" wollen an diesem Problem nicht vorbeigehen. Indem sie aber diese Nummer zu den .Jomim Noroima, den Ernsten Tagen, bringen, wollen sie zum Ausdruck bringen den Ernst und die Verantwortung, mit denen an die Behandlung und Lösung der Generationsfrage und der Führerfrage herangegangen werden muss. Die Schriftleitung. Jüdisches Führertum Als nach der nationalen Revolution das deutsche Volk sich neue staatliche und politische Lebensformen gab, in denen das Führertum eine neue Wertung erhielt, wurde auch bei uns ein Problem akut, das Einsichtige schon zuvor als bedeutsam angesehen haben, das Problem des Führertums. Man spürt es deutlich: das deutsche Judentum ist heute ohne Führung, und die Tatsache, daß in vielen jüdischen Kreisen über „Führung" diskutiert wird, ist ein sichtbares Zeichen dafür, daß keine wahre, tatkräftige und von allseitigem Vertrauen getragene Führerschaft des deutschen Judentums da ist. Die hin und wieder ertönende Klage: „Wo sind unsere Führer?" ist aber sinnlos, da man diese nicht herbeizaubern kann, und ein derartiges Jammern attestiert allenfalls dem Jammernden seine eigene Unfähigkeit und hilft uns keine Spur weiter. Es ist auch müßig, darüber zu diskutieren, wie die Dinge von heute auf morgen anders werden könnten. Denn: hätten wir die geeigneten Persönlichkeiten, dann wären sie unsere Führer. Das deutsche Judentum jedenfalls, scheint uns, ist heute bereit, sich führen zu lassen. Wir müssen uns also resigniert damit abfinden, daß wir heute keine Führung nach breiter Vertrauensbasis haben, und daß wir diese auch nicht herbeihexen können. Allerdings war bei uns Juden das Führertum immer eine schwierige und konfliktreiche Sache. Wahrscheinlich liegt das an der Sonderheit unserer Geschichte. Wir haben seit dem babylonischen Exil „gegen die Geographie kämpfen" müssen, wie Weizmann einmal sagte. Es ist besonders schwer, die Judenheit, die unter den mannigfachsten staatlichen, ökonomischen, gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen lebt, unter eine einzige Führung zu bringen. Trotzdem hat unser Volk in seiner wechselvollen Geschichte es meist verstanden, im entscheidenden Augenblick große Führerpersönlichkeiten hervorzubringen, deren Bild wir allerdings nur in legendärer Ueberlieferung kennen. Die Gestaltung der Legende ist aber oft charakteristisch: hier hat das Volk das Bild des Führers nach seinem eigenen Herzen gestaltet, oft gegen die geschichtliche Ueberlieferung. (Das beste Beispiel dafür ist König David.) Nach Achad Haams-richtiger Erkenntnis ist für die Beurteilung des Führertums, d. h. des Verhältnisses zwischen Volk und Führer, die legendäre Figur des Volksgeistes wesentlicher als die exakt-historische. Das Idealbild jüdischen Führertums ist für alle Zeiten: M o s'c h e h. Höchst bezeichnenderweise weiß die Bibel zu seiner Charakteristik nichts zu berichten als: „Der Mann Moscheh war sehr bescheiden, mehr als alle Menschen auf der Erde" (4. B. M. 12, 3). Die spätere Legende machte ihn zum Meister aller Propheten, und als der große Lehrer steht sein ehernes Bild am Anfang unserer Geschichte. Trotz der beispiellosen Verehrung haben die Juden es stets vermieden, Moscheh aus dem Bereich des Menschlichen hinauszuheben. Er war ihnen ein Mensch mit allen seinen Fehlern und gerade deswegen der große Führer, der aus einer widerstrebenden Sklavenhorde ein Volk geschaffen hat, das die Jahrtausende überdauern konnte. Moscheh war nach ihrer Vorstellung der Mann der absoluten Gerechtigkeit, ein Fanatiker der Wahrheit und des Rechts, der ihnen das gegeben hat, was ihren, Bestand auch späterhin garantierte, den „tragbaren Staat" (Klatzkin), das Gesetz; sie sahen in ihm das Idealbild des Volkserziehers, wie zahllose Legenden beweisen. „Es erstand kein „Nawi" (Prophet) mehr auf in Israel wie Moscheh" (5. B. M. 34, 10). Das hier kurz skizzierte Urbild jüdischen Führertums kehrt später in vielen Variationen wieder. J e r e m i a, verachtet und verfemt von seinen Zeitgenossen, von den Pseudopatrioten seines Vaterlandes als Defaitist und „Verräter" bekämpft — erst die jüdische Nachwelt hat sein überragendes Führertum anerkannt und gegen das offizielle Juda seiner Zeit entschieden. Es dürfte sonst kaum ein Beispiel in der Weltgeschichte geben, daß ein Volk die politische und staatliche Repräsentanz eines Zeitabschnitts seiner Vergangenheit so ausgesprochen desavouiert, seine eigene geschichtliche Haltung gleichsam korrigiert, um für einen, von seinen Zeitgenossen als religiösen und politischen Sonderling gehaltenen Mann Partei zu ergreifen, der im Namen der Gerechtigkeit und des Rechts aufgetreten ist, und der der größte innere Gegner dieses Staates war. Jeremia schwimmt gegen den Strom seiner Zeit, seine Politik ist unpopulär, weil sie gegen hohle und billige Schlagworte ankämpft. Dabei ist er ein jüdischer Politiker ganz großen Formats: er baut Voraussetzungen für die politische Existenz des Volkes auch nach dem Untergang des Staates. Ein innerer Zwang treibt ihn (Jer. 20, 9), oft gegen seinen Willen (15, 10, 7,16, 9,1), er muß zu dem Volke reden. Seine große Stunde, sollte man meinen, kommt nach der Eroberung Jerusalems: der Oppositionspolitiker und Unglücksprophet hat recht gehabt. Hier zeigt sich sein großer, lauterer Charakter: er lehnt das Anerbieten Nebukadnezars ab, er bleibt in Erez-Israel bei dem verzweifelten und völlig hoffnungslosen Rest des Volkes. Trost und Aufrichtung brauchen sie; an ihn halten sie sich. Er bleibt bei ihnen, auch als sie ihn nach Aegypten schleppen. Keine Spur von Hochmut zeigt er. Ein bescheidener Diener seines Volkes und seines Gottes, stirbt er unbekannt in der Fremde. War der „Nawi" die kennzeichnende Führerspur des ersten Staates, so ist der pharisäische Rabbi die des zweiten Staates. Er ist der wahre, von den' politischen und finanziellen Mächten unabhängige Führer des Volkes, der keiner anderen Legitimation bedarf als der Kenntnis des Gesetzes. Der Prototyp des pharisäischen Rabbi, ja des Idealbild des jüdischen Rabbi überhaupt, ist Hillel. Der babylonisch-jüdische Holzfäller Hillel kam nach Erez-Israel und errang durch die systematisierende Logik seiner Methode der Schriftauslegung, durch die Universalität seines Wissens und nicht zuletzt durch seine tiefe Herzensgüte und die Anständigkeit seines Charakters ein solches Ansehen in den breiten Volksmassen, daß jahrhundertelang nur seine Nachkommen für würdig befunden wurden, das hohe Amt des Synhedrialpräsidenten zu bekleiden. Erst Hillel hat das Gesetz so fest im Volksleben verankert, daß es auch tatsächlich auf alle Fragen des gesellschaftlichen und privaten Lebens eine Antwort geben konnte. Durch seine Regeln der Schriftdeutung garantierte er dem Gesetz die nötige Elastizität, um sich dem Volke auch unter den verschiedensten Lebensbedingungen anpassen zu können. So wurde sein Werk rieh-