Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 2 (10.1933)
- Date
- 1933-10-01
- Page
- Seite 62 (sequence 20)
- Language
- German
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Seite 62 Aber er griff noch weiter zurück, biß auf jene Zeit, da die Bibel ins Griechische übersetzt wurde. Man mußte ihn hören, welche Akzente der bitteren Wehmut und des herben Grolls in seiner Stimme erbebten, sobald er erwähnte, wie unverzeihlich es war, daß nicht gleichzeitig mit der Uebersetzung der Heiligen Schrift ins Griechische auch Plato. ins Hebräische übertragen wurde. Als wäre diese Unterlassungssünde erst gestern geschehen, erging er sich in schmerzlichen Betrachtungen, wie es gekommen wäre, wenn der hebräische Geist, noch voll urwüchsiger Kraft, in seiner Urheimat von dem frischen Hauch des Hellenentums unmittelbar befruchtet worden wäre, anstatt daß das jüdische Volk erst im zehnten Jahrhundert, entwurzelt und ermattet, aus fremder Hand die verwitterten Schätze Griechenlands übernahm, aus denen die Seele längst entflohen war. Er war überzeugt, daß im ersteren Fall die Weltgeschichte einen anderen Lauf genommen hätte. Daß daran nichts mehr zu ändern war, grämte ihn tief. Nun galt es, das Verlorene wenigstens zum Teil wieder zu retten, und dieser Aufgabe hatte er seine Lebensarbeit gewidmet. Er arbeitete an einem großen Werke, welches in zwei Teile fallen sollte; der erste sollte die Lehre Piatos in einer neuartigen Beleuchtung darstellen, der zweite sollte die Entwicklung der platonischen Gedanken im jüdischen Schrifttum von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart verfolgen und seine tiefe Verwandtschaft mit dem Genius der Propheten nachweisen. Er hatte umfassende Vorarbeiten hierzu seit mehreren Jahren betrieben, und jetzt ging er an die Niederschrift des Werkes. Ich machte zwei meiner älteren Freunde mit ihm bekannt, und wir nannten diesen sonderbaren, weltentrückten Grübler halb scherzend, halb ehrfurchtsvoll „unsern Plato". Sonderbar war auch sein Schicksal, obgleich es äußerlich ohne Stürme und aufregende Zwischenfälle verlief. In einem galizischen Dorfe als Sohn eines ziemlich bemittelten Schankwirtes geboren, hatte er seine Kindheit und sein Knabenalter im Studium des Hebräischen und des Talmud nach althergebrachter Methode, unter Anleitung tüchtiger Hauslehrer, verbracht. Als heranwachsender Jüngling kam er nach der benachbarten größeren Stadt, um sich im Studium zu vervollkommnen. Hier lernte er die mittelalterliche philosophische und kabbalistische Literatur kennen, hatte aber auch Gelegenheit, sich mit dem modernen hebräischen Schrifttum vertraut zu machen. Sein Wissensdrang wurde angestachelt, und er beschloß, sich den profanen Sprachen und Wissenschaften zuzuwenden. Der biedere und schlichte Vater legte ihm nicht nur kein Hindernis in den Weg, sondern förderte ihn auch hierin nach Kräften. In jahrelanger, fleißiger Arbeit erwarb er sich eine gediegene Kenntnis der antiken und modernen Sprachen, der Mathematik, der Naturwissenschaften und der Geschichte. Langsam drang er auch in die alte und neuere Philosophie ein. Seine Heirat unterbrach seine Studien keineswegs, denn im Hause seines wohlhabenden Schwiegervaters, in einer ruhigen und freundlichen Umgebung, konnte er um so eifriger „lernen". Er war im wesentlichen Autodidakt. Aber sind nicht alle bedeutenden Menschen im Grunde Autodidakten? Nur, was man an Kenntnissen sich allein erringt, darf man ehrlich sein eigen nennen. Die großen Geister der Vergangenheit und der Gegenwart erschließen uns ihr Innerstes, schenken uns ihr Bestes nur im stillen, einsamen Umgang mit ihnen. Ihn aber bewahrte überdies seine klare Vernunft und sein selbstloser Wahrheitsdrang vor Verworrenheit und Zersplitterung. Allmählich reiften seine philosophischen Ueberzeugungen, und schon damals entstand bei ahm der Plan, ein Werk über Piatons Ideenlehre zu schreiben. Aber mittlerweile galt es für ihn, in der Welt der Wirklichkeit für seine Familie den Unterhalt zu erwerben. Da es ihm fern lag, seine Wissenschaft als Spaten zu gebrauchen, mit dem man nach Gold gräbt, so wandte er sich dem Handel zu. Seine Studien hatten ihn keineswegs zum weltfremden Stubenhocker gemacht, sondern eher seinen Sinn noch geschärft und seine Kombinationsgabe auf verschiedenen praktischen Gebieten entwickelt. Er hatte einige glückliche Ideen in bezug auf den Eisenhandel und den Getreideexport, doch mußte er sich zu deren praktischer Durchführung mit anderen Kaufleuten verbinden, die in den Einzelheiten versiert waren. Diese Söhne des Merkur schwindelten dem Jünger Piatos mehrere Male nacheinander weidlich sein Geld ab, verdrängten ihn aus dem Bunde und wurden durch die alleinige Ausnutzung seiner Ideen enorm reich. Schließlich sah er sich gezwungen, in einem großen Bankhause in Bukarest eine Stelle als Korrespondent für englische und französische Sprache anzunehmen. Hier wurde er von seinem Brotherrn nach Kräften ausgebeutet, aber immerhin gelang es ihm, sich nach dreißigjähriger anstrengender Arbeit und Entbehrung eine kleine Rente zu sichern, die es ihm ermöglichte, endlich in Ruhe an die Verwirklichung des langgehegten Traumes zu schreiten. Seiner inzwischen verwitweten und verarmten Tochter, die ihm allein von mehreren Kindern noch lebte, errichtete er einen kleinen Papierladen, - und nun konnte er unter ihrer kindlichen und zugleich mütterlich liebevollen Wartung seinen Studien leben. Als ich ihn kennen lernte, war "die Arbeit an seinem Werke schon ziemlich vorgeschritten. Wie ich nun hinter seinem Sarge herschritt an diesem trüben Herbstnachmittage, dachte ich mit tiefer Wehmut und mit Dankbarkeit an die genußvollen und lehrreichen Stunden, die ich in seiner Gesellschaft verbrachte. Was mußte er wohl empfunden haben, als es ihm klar wurde, daß er sein Lieblingswerk, an dem seine Seele hing, das der Traum seines ganzen Lebens gewesen, unvollendet liegen lassen mußte. Und nun gaben ihm drei Menschen das letzte Geleite, und diese arme Frau, die dort von einem verhaltenen Schluchzen geschüttelt wurde, hatte niemand mehr zu bemuttern und zu beschützen und war des einzigen Lebensinhaltes beraubt. FRANKENTHAL G. M. B. H. KOLONIALWAREN, DELIKATESSEN, WEINE UND SPIRITUOSEN Alerheil-;ger;sir.79 TELEFON 2 3839 Albert Levy Spitzen ~Sßhmerstr. n |„ der Börse und Wäsche Qualitätswaren zu billigsten Preisen "BANKHAUS HEINRICH CAHN & Co? Taunusstr. 7 / Gegründet 1 873 / Telefon 34247-48 / Inhaber: Moritz Feibel u. Arthur Schiff Ausführung sämtlicher bankmäßigen Geschäfte. Individuelle Vermögensberatung u. Verwaltung. V*_,--->