Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-10-01 · 2 (10.1933) · p. Seite 61

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
2 (10.1933)
Date
1933-10-01
Page
Seite 61 (sequence 19)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3094266-3094399-3094401--3778-3098558
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 61 Nun konnte ich mich nicht mehr beherrschen. Im vollen Bewußtsein, eine Taktlosigkeit zu begehen, öffnete ich so geräuschlos wie möglich die Türe und schlüpfte hinein. Ich befand mich in einem geräumigen Zimmer, das von einem grünlichen Dämmerschein erfüllt war. Ueber einen großen Tisch oben in der Ecke verbreitete eine mit grünem Papierschirm verhüllte Lampe einen hellen Lichtkreis, in dem ab und zu ein Greisenkopf mit einer mächtigen dunklen Brille vor den Augen und einen grünen Schirm an der Stirn auftauchte, um sich über einen großen Folianten niederzubeugen. Soweit ich im Halbdunkel wahrnehmen konnte, waren die Wände mit Büchern bedeckt, Bücher lagen auch überall herum auf Sesseln und Tischen, auf dem Boden, sogar auf dem kleinen, schmalen Bett, welches sich bescheiden in einen Winkel zu drücken schien, Bücher und Bücher, alte und neue, von allen Größen und den verschiedensten Einbänden. Ich stand eine geraume Weile wie festgenagelt und wagte mich nicht zu rühren, um dieses seltsame Platostudium nicht zu stören. Doch der Alte mochte wohl die Anwesenheit einer fremden Person in seinem Heiligtum verspürt haben. Er unterbrach sich, hob lang-sam den Kopf, schob den grünen Schirm etwas zurück und rief: „Hm, ha? ... Wer ist hier?" Ich geriet in eine arge Verlegenheit und fühlte, wie ich rot wurde. Verwirrt stammelte ich: „Verzeihen Sie, mein Herr... ich komme ... Ihre Tochter ... ich bin eingedrungen ... will nicht weiter stören ..." Beschämt schickte ich mich zum Gehen an, als mir die Tochter zu Hilfe kam. Sie trat ein mit einer Tasse Milch in der Hand, die sie neben den Folianten hinstellte und rief: „Trink jetzt, Papa, und ruh' ein wenig aus. Du darfst es dir gönnen. Ich habe den Herrn absichtlich hereingebeten, damit du mit ihm eine Weile plauderst." Ein freundliches Lächeln glitt über sein Gesicht, und er streichelte die Haare der Tochter, die sich zu ihm niedergebeugt hatte. Er, wandte sich um, so daß ich ihn genau betrachten konnte. Sein Gesicht erinnerte entschieden viel mehr an den Sokratestypus als an Plato. Ein kurzes, dünnes Bärtchen umrahmte ein gefurchtes, zerknülltes Antlitz, in dem eine kleine Stülpnase befestigt war, wie es seiden, nur zu dem Zweck, um die Last der ungeheuren Brille zu' tragen, die mich hinderte, seine Augen zu sehen. Den fast ganz kahlen Schädel bedeckte ein kleines, schwarzes Käppchen. Nur der feine Schnitt der mageren welken Lippen fiel mir auf und fesselte mich. Er lud mich in sehr höflichem Ton zum Sitzen ein, wobei ich bemerkte, daß im Sprechen sein Gesichtsausdruck viel an Lebhaftigkeit und Frische gewann. Da die paar herumstehenden Sessel sämtlich mit Büchern belegt waren, so machte sich die Frau daran, einen von ihnen hurtig abzuräumen. Dabei fiel ein schmales,. schmuckes Bändchen herab. Ich hob es auf und warf einen Blick auf das Titelblatt. „Schire Romi" — Römische Geschichte — stand darauf in zierlichen, hebräischen Lettern. Mich beschlich eine eigenartige Rührung. Als vierzehnjähriger Knabe hatte ich diese wunderschönen Uebersetzungen lateinischer Dichter verschlungen. Es war eines der ersten profanen hebräischen Bücher, die mir in die Hand kamen und eine neue Welt vor mir erschlossen. Horaz, Ovid, Persius, Properz, Tibull und sogar Lukretius waren darin vertreten. Des letzteren Gedicht von der Natur der Dinge war in einem umfangreichen Auszug gegeben, dem aber eine lange, eingehende Widerlegung des Uebersetzers, ebenfalls in poetischer Form, folgte, die den ganzen . Materialismus des römischen Epikuräers zunichte machte. Ich erinnerte mich genau, daß es mehr die Schönheit und die Kraft der Sprache war, die mich bezauberte, als der poetische Gehalt dieser römischen Gedichte, die mir viel zu kalt und trocken erschienen, nach den gefühlsinnigen und ergreifenden Poesien des jüngeren Lebensohn, die ich kurz zuvor gelesen, und an denen ich mich berauscht hatte. Was mir aber an ihnen am meisten imponierte, war, daß es eben lateinische Gedichte in hebräischer Uebersetzung waren. Das Wort Latein umschloß damals für meine Begriffe eine ganze Welt voll der tiefsten Geheimnisse aller menschlichen und göttlichen Weisheit. Nur wer den Schlüssel zu diesem Zauberturm besaß, durfte hoffen, ein vollendeter Weiser zu werden. Darum verschlang ich mit heißer Gier die römischen Gedichte und lernte sie sogar auswendig. Sie waren auch schuld daran, daß ich ernstlich Latein zu lernen anfing, um vermittelst dieses Schlüssels in besagten Zauberturm einzudringen — und mir eine der größten Enttäuschungen meines Lebens zu holen. Aber wie ich nun das schmale Bändchen in der Hand hielt, überkam mich eine Rührung, wfe wenn wir unvermutet das Antlitz eines Menschen Avieclersehen, der auf unser Seelenleben in der Jugend einen nachhaltigen Einfluß geübt. „Das habe ich vor etwa 25 Jahren geschrieben", sagte mittlerweile der Alte, mit einer Stimme, als galt es, sich zu entschuldigen. Eine neue Ueberraschung, der war es also! Ich fühlte in mir etwas wie einen Widerschein jener Ehrfurcht sich regen, die ich damals für den großen Unbekannten empfand, welcher die lateinischen Dichter so gut kannte und sie in solche herrliche hebräische Verse zu gießen verstand. „Ich gedachte, darauf eine Sammlung griechischer Gedichte folgen zu lassen, aber ich bin nicht dazu gekommen," fügte er hinzu. Ich konnte mich nicht enthalten, ihm nachträglich für den großen Genuß, den mir seine Uebersetzung bereitet hatte, in warmen Worten zu danken. Nun war das Eis gebrochen; es entspann sich ein lebhaftes Gespräch, und wir wurden gute Freunde. Ich besuchte ihn nachher sehr häufig und bewunderte immer mehr sein großes und exaktes Wissen, welches sich auf die Geisteswie auf die Naturwissenschaften erstreckte, noch mehr aber seine Persönlichkeit, die außerordentlich reich, vielseitig und tief war. Ich lernte in ihm einen jener merkwürdigen Sonderlinge kennen, wie sie in dieser Ausgeprägtheit und Eigenart nur in Zeiten und Ländern gedeihen, wo entgegengesetzte Kulturen und heterogene Strömungen sich kreuzen, zwei Bedingungen, die für die Juden des Ostens zutreffen. Das erstemal im Leben trat mir in seiner Person die Verkörperung der Philosophie nicht nur als begriffliches Lehrsystem, sondern als Lebensanschuung, ja mehr noch, als Lebensinhalt und Lebensaufgabe entgegen. Dieser einsame, stille Denker, der der Philosophie auf ihren verschlungensten Pfaden, bis zu ihren äußersten Ausläufern gefolgt war, hatte sich schließlich zu Plato bekehrt, ihn als den Höchsten anerkannt, und es sich zur Lebensaufgabe gemacht, seine Lehre zu erneuern und zu verkünden. Eine Weile hatte ich ihn für einen sonderbaren Dilettanten gehalten, dessen Schrulle es war, auf die alten Tage griechische Philosophen zu buchstabieren. Bald aber mußte ich mich dieses Verdachtes schämen. Ich gewahrte allmählich, daß er in der grichischen Literatur zu Hause war wie ein Spezialist ersten Ranges. Er kannte die neuesten Arbeiten über die einschlägigen Einzelfragen und stand mit bedeutenden Forschern in regem Briefwechsel. Seine Studien hatten ihn zu der Ansicht geführt, mit der er übrigens nicht vereinzelt dastand, daß Plato die höchste Blüte des griechischen Geistes, Aristoteles dagegen dessen Dekadenz darstellte. Der Ideenlehre des ersteren maß er auch für das moderne und zukünftige Geistesleben eine sehr hohe Bedeutung bei. Die unbestrittene Oberherrschaft des Aristoteles bis in die neue Zeit erachtete er als ein förmliches Unglück. Besonders lebhaft schmerzte es ihn, daß die jüdischen Denker des Mittelalters sich mit dem Stagiriten so intim eingelassen hatten. Wenn er auf dieses Thema zu reden kam, belebten sich seine Züge, und seine Stimme zitterte vor Erregung. Er schien es wie einen ihm persönlich widerfahrenen Schmerz zu empfinden, daß von den beiden Quellen hellenischen Gedankenlebens die aristotelische sich in breitem Strom durch das ganze jüdische Schrifttum ergoß, während lie platonische sich mühsam unter dem Geröll der mystischen Literatur ein Bett graben mußte und verborgen unter den Blumen und dem Sand der Kabbala und des Chassidismus bis auf den heutigen Tag dahinrieselte. Einstimmig ist das Urteil Uber $ «10 «12 LINCE I. Der schönste deutsche Herrenschu Uber 1000 deutsche SchuhhandlerführQn Llngel Kaiserstrasse 27, Ecke Neue Mainzerstrasse

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.