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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-10-01 · 2 (10.1933) · p. Seite 60

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
2 (10.1933)
Date
1933-10-01
Page
Seite 60 (sequence 18)
Language
German
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Seite 60 Und so ist es: Wer herkommt und bringt sein Wissen mit, jeder, was er sich nach seinen Graden erworben, der fügt sich anfangs nicht ein, sein Sinn wird geradezu verwirrt, er wird umhergeworfen, ohne Ruhe und Sicherheit zu finden, steigt himmelhoch auf, versinkt in Abgründe, wie ein Schiff, das auf dem Meeere umhergeworfen wird, und er schafft anderen Mühe durch seine Angelegenheiten und Handlungen. Und von seiner Lebenshaltung in Tora und Geboten gilt: was war, ist nicht mehr — bis Gott ihm das Antlitz des Landes zeigt, dann kommt er zu Ruhe und Frieden. Aber dies ist eine Sache, die kein festes Maß hat: Länge der Zeit, wie, wieviel und wann, all das richtet sich bei einem jeden nach seinen Angelegenheiten und Taten und der Urwurzel seiner Seele. Und darum halte sich jeder, der ganz in das Heilige Land hineinkommen will, dies alles vor Augen und prüfe sich, ob er Kraft hat, all das zu bestehen, damit er nicht auch, was er bisher noch hatte, verliere. Tragt zur Erhaltung der Gemeinde bei, indem Ihr die Kultussteuer pünktlich entrichtet. Für 1933134 erfolgt zum ersten Male die Erhebung eines besonderen Gemeindegeldes mit Rücksicht auf die außerordentlich ernste Finanzlage der Gemeinde (vergl. Amtliche Bekanntmachung in dieser Ausgabe.) Der Gemeindevorstand gibt sich der sicheren Erwartung hin, daß die Veranlagten, den ganz besonders schwierigen Zeitverhältnissen Rechnung tragend, auch der Erhebung des Gemeindegeldes das erforderliche Verständnis durch möglichst pünktliche Begleichung entgegenbringen werden. Die Steuerverwaltung ist zur Auskunftserteilung gern bereit. Spreditage: Montag, Mittwoch und Freitag von 8l/s bis 72l/a Uhr im Gemeindehaus, Fahrgasse 146, 2. Stock, Zimmer 36. Piatons Leichenbegängnis Von Binjamin Segel (Aus dem Nachlaß) An einem trüben, kalten Nachmittag kehrte ich von einem längeren Ausflug nach der Stadt zurück. Ich ging die breite, ziemlich einsame Janowerstraße entlang, die zu beiden Seiten von zerstreuten, kleinen Häuschen eingerahmt war, zwischen denen sich hie und da öde Gemüsegärten mit welkem Grün lagerten oder entlaubte Baumgruppen sich schwärzlich vom Himmel abhoben. Von der Stadt kam ein Trauerzug herbei, der einen ungewöhnlich niederdrückenden Anblick darbot. Auf einem armseligen Wagen stand ein kleiner, schmaler Sarg, kaum verhüllt von einer ausgefransten Decke. Auf dem Bock schlummerte der in einen groben Mantel eingewickelte Kutscher, das magere Pferdchen trottete langsam und schläfrig dahin. Diesem Gespann folgte eine Droschke, in der eine dichtverhüllte Frauengestalt hin und her geschüttelt wurde, von der aber nur der fahle Schimmer der Gesichtsfarbe zu bemerken war. Sonst folgte niemand dem Zug. Hinterher kamen nur zwei Männer, in denen ich zwei meiner älteren Freunde erkannte. Ich schloß mich ihnen schweigend an. Wer war es, dem sie das letzte Geleite gaben? . . . Als wir wortlos eine Strecke zurückgelegt hatten, wandte ich mich mit fragendem Blick an einen von ihnen. Er neigte sich herüber und flüsterte: „Plato!" Ich konnte mich kaum eines Aufschreis enthalten. Er stand wie lebendig vor mir, der kleine, wacklige Greis, den wir halb scherzend, halb ehrfurchtsvoll „unseren Plato" nannten, und der nun nach dem Friedhof hinausgeführt wurde. Ich entsann mich lebhaft der wunderlichen Szene, in der ich ihn kennen lernte. Erst vor einem Jahr war es gewesen. Auf meinem täglichen Gang von der Universitätsbibliothek trat ich häufig in einen kleinen Laden ein, wo eine ältliche blasse Frau Zigaretten, Schreibzeug und Papier feilhielt. Mich zog die peinliche Sauberkeit, die im Laden herrschte, und der stille, freundliche Gesicbtsausdruck der Verkäuferin an. Oftmals am Abend drang durch die verhängte Glastür aus dem angrenzenden Zimmer ein gedämpftes Murmeln, das wie der liebe alte Singsang tönte, mit dem wir vor Jahren im Bethhamidrasch den Talmud zu studieren pflegten. Eines Abends, als ich eintrat, war die Glastüre nur angelehnt, die her eindringende Stimme war viel deutlicher hörbar. Ich lauschte ihr, während mein Einkauf zusammengepackt wurde. Ja, das war die alte, traute Melodie, voll sehnsüchtiger Klänge, wie von einer geheimen Extase durchwogt, unterbrochen von jenen zeitweise entschlüpfenden Interjektionen des Entzückens: „Oh, ah, ah, ah!... hm... hm... ho, ho, o weh!... Noch einmal von Anfang! Ach, ach, ha!"... Ja, das waren die wundersamen, lieblichen Kadenzen, mit denen wir in den schönen Knabenjahren die stillen Winternächte hindurch in die Tiefen der Gelehrsamkeit einzudringen uns bemühten. Ich war von dem Klange der Melodie derart ergriffen, daß ich anfangs auf die Worte gar nicht achtete, von denen sie getragen waren. Unwillkürlich kamen mir abgerissene talmudische Sätze in den Sinn. Aber je aufmerksamer ich hinhörte, desto fremdartiger tönten die einzelnen Laute an mein Ohr:... tharrein ehre.....eiase dia rein... hegesamenos ... apergadzestai... Nein, das war nicht hebräisch. Und da rieselte es in einem fort, wie das sanfte Gemurmel eines Bächleins, allemal von einem Seufzer oder von einem Ausruf verhaltener Begeisterung unterbrochen. Ich horchte gespannt. „Mein Vater lernt", sagte die blasse Frau mit einem stolzen Lächeln. Meine Neugierde wuchs. Endlich gelang es mir, aus den Bruchstücken einen halbwegs zusammenhängenden Satz herauszuhören:... allä tuton de heneka tharrein ihre ... darum auch muß er beruhigt sein wegen seiner eigenen Seele, ha ha ... tharrein ctire peri te tieautu psyjie andra .. ja, ja, beruhigt sein soll?r... tas men alias h°donas... tasperi te söma ... eiasv chairrin .. wenn er alle Vergnügungen des Leibes, alle die Dummheiten, ach, ach, ja... alle die Kindereien, o weh ... alle die Narrheiten, die sich auf dem trüben Lehm, auf den Staub, der unseren Leib bildet, beziehen, verabscheut hat ... sondern nur ... kosmesasi ten psydien uk allotrio .... geschmückt hat seine Seele nicht mit fremden, ah, ah, ah, nicht mit fremdem Zierat und kindischem Flitterwerk, sondern, womit denn hat er sie geschmückt? ... hm.. hm.. ah! ... aliä to cutis kosmö sondern mit ihrem eigenen Schmuck,... noch einmal ... to autes kosmö ... mit ihrem eigenen Schmuck, mit dem Schmuck, welcher ihr allein ansteht... was heißt aber ihr eigener Schmuck?... oh, oh, oh... das heißt sophrosyne, te kai dikaiosyne, kai andreia .....kai eleutheria, kai aleiheia.....das heißt mit Weisheit ... mit Chochmah, also ... mit Gerechtigkeit... das heißt mit Zedakäh... kai andreia ... und mit Tapferkeit, kai eleutheria ... mit Edelmut ... mit Wahrhaftigkeit!" Ich hatte genug gehört. Dort drinnen saß also jemand und „lernte" Piatons Phaedo in der Ursprache und verdeutschte sich ihn mit demselben „Niggun" und auf dieselbe Weise, wie ein eifiiger Talmudjünger, der etwa über einer „herben" Mischna brütet, sie in einzelne Sätze zergliedert, um jeden besonders auszukosten, den ganzen geistigen Inhalt herauszupressen und zu genießen Mein Staunen und meine Neugierde waren dermaßen angeregt, daß ich unbewußt einen Schritt tat, um in das angrenzende Zimmer zu treten, aber ich besann .mich und wich zurück. „Bitte treten Sie nur ein, stören Sie ihn nur ein wenig", sagte die Frau, die meine Bewegung gemerkt hatte. „Er sitzt .so stundenlang und verdirbt sich die Augen." Steuerberater Rudolf Wittich Erledigung aller Steuersachen für Hausbesitzer u. Gewerbetreibende. Übernahme von Hausverwaltungen Einstellung v. Zwangsversteigerungen. Aufhebung v. Zwangsverwaltungen Bsi Uebernanme der Hausverwaltung Erledigung der Steuersachen u. Führung v. Prozessen o. bes. Gebühr. Nachweisb. Erfolge. Gute Ref. Persönliche Vertretung v. Behörden Büro: Bergerstr. T1 (Linio 2 u. 10) Srechstunden täql. von 3—6 Uhr nachm. auß. Samstags. Telefon 4-8462

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