Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 2 (10.1933)
- Date
- 1933-10-01
- Page
- Seite 59 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 59 Karl Wölfskeht Herr! Ich will zurück Herr! Ich will zurück zu Deinem Wort. Herr! Ich will ausschütten meinen Wein. Herr! Ich will zu Dir, ich will fort. Herr! Ich weiss nicht aus und nicht ein! Iah bin allein. Allein in leerer, atemleerer Luft, Allein im Herzen, vor mir selber scheu. Alle meine bunten Bälle sind verpufft, All meine Weisheit ward Dunst und Spreu. Ich bin arm, Gott! Neu Neig Dich her wie den Vätern, Oder triff mich mit Deinem Strahl: Auch den ärgsten Tätern Warst Du nah einmal. Zeig Dich, Gewölk oder Feuer, Hol uns zur Wüstenfahrt — Herr, sind wir Dir nicht teuer: Warum hast Du uns aufgespart? Ist der bange Tag nun verstrichen? Brach die Nacht hinter uns entzwei? Alle Sterne sind blind, sind verblichen Ruf uns, wir rufen Dich herbei — Noch vorm Hahnenschrei Kommen Deine Boten geschlichen. Ohne Laut geschlichen — Zwei chassidis Die Söhne Ein Mann kam zum Kozker Eabbi und fragte, wie er wohl seine Söhne dazu bringen könnte, sich mit der Lehre Gottes zu befassen. Der Rabbi antwortete: „Willst du's in Wahrheit, befasse du dich mit -der Lehre, und sie werden es dir absehn. Sonst werden auch sie sich nicht damit befassen, sondern ihre Söhne anweisen, das zu tun, und so fort und fort. Es steht ja geschrieben: ,Wahre dich ...! Du möchtest etwa vergessen die Dinge, die deine Augen sahn ...! Du wirst sie zu wissen geben deinen Söhnen und den Söhnen deiner Söhne!' Vergissest du selber die Lehre, dann werden auch deine Söhne sie vergessen und nur wieder ihren Söhnen sie zu wissen geben, und auch die werden vergessen und nur zu wissen geben, alle werden zu wissen geben und keiner wird wissen!" Die Himmels stimme Man fragte Rabbi Jizchak von Worki, wie der Spruch unsrer Weisen zu verstehen sei: „Was dir der Hausherr sagt, das tu, he Antworten bis auf das Fortgehn." Man müsse doch dem Wirt erst recht willfahren, wenn er einen gehen heißt! Der Rabbi antwortete: Die haben recht, die den Spruch auf Gott, unseren Hausherrn, deuten. In allem sollen wir ihm botmäßig sein, — nur dann nicht, wenn er uns bescheidet, uns von ihm zu entfernen. Denn wir wissen: ,.Der Verstoßene ist von ihm nicht verstoßen." Es verhält sich aber so, daß einem, der viel Uebel getan hat, ein besonders harter Weg zur Umkehr bestimmt ist: vom Himmel her wird ihm kundgetan, man begehre seine Umkehr nicht mehr und würde sie nicht mehr annehmen. Läßt er sich aber nicht anfechten, bricht es vielmehr eben da in ihm durch, spricht er: „Dennoch!" und kehrt um, dann wird die Heilung ihm. Von dem Erzketzer Elischa ben Abuja, der „Acher", „Andrer", genannt worden ist, wird erzählt, er habe eine Hirnmelsstimma ausrufen hören: „Kehret um, abgekehrte Söhne, bis auf Acher!1' Da löste er die letzten Bande, die ihn an Gesetz und Gemeinschaft hefteten, und sagte der Wahrheit ab. Gott aber hatte ihm, indem er ihn abwies, den einzigen Weg zur Aufnahme angeboten. Martin Buber Hachschara Dieses Sendschreiben über Hachschara d. h. Vorbereitung auf die Ansiedlung in Eres Israelhat Rabbi Abraham Kalisker am 1790 von Tiberias aas an seine Freunde in Europa gerichtet. Der Abdruck (in der Verdeutschung von G rhard Scholem) ist dem soeben erschienenen Alma nach des Schocken Verlags entnommen. Dieses scheint mir geziemend denen zu antworten, die mich anfragen, weil sie wünschen, im Heiligen Lande zu wohnen. Hierzu ist nötig zu wissen und bekannt zu geben, was denn eigentlich das Land sei. Unsere Lehrer haben im Midrasch Schocher tob zu Psalm 85,2: „an Deinem Land hast Du, Gott, Gefallen" gesagt: Gott wandelt es immer wieder um und um und betrachtet es und richtet seine Augen darauf, bis es seine Werke vor ihm wohlgefällig macht. Viele und viele Wandlungen, Fügungen, Ereignisse und Schicksale gehen überjeden einzelnen hin, der ins Land kommt, bis er sich ihm einfügt, und er an seinen Steinen Freude hat und seinen Staub liebt und die Ruinen des Landes Israel ihm lieber sind als ein Palast im Ausland, und trockenes Brot hier ihm lieber ist als alle Leckerbissen draußen. Aber nicht in einem Tag und nicht in zweien, nicht in einem Monat und nicht in einem Jahre; sondern manches Jahr geht hin, bis die Tage der Aufnahme vorüber sind, seiner Aufnahme ins wahre Leben. Dann aber wohnt er in der Heimat, ständig vor Gott, wie es heißt: „ein jeglicher wird dort geboren", das heißt, ein jeder, der zum Heiligtum kommen will, braucht eine neue Empfängnis und Säuglingszeit, Kindheit, Jugend usw., bis er unmittelbar das Antlitz des Landes schaut, und seine Seele der des Landes verbunden ist.