Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 2 (10.1933)
- Date
- 1933-10-01
- Page
- Seite 58 (sequence 16)
- Language
- German
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SeiteT58 Seltene Sukkosgeräte in Frankfurter Privatbesitz Von Dr. Hermann Gundersheimer Dem häufigen Vorkommen künstlerisch gestalteter Kultgegenstände für das Pessachfest steht die Seltenheit von Geräten, die den Zeremonien des Sukkosfestes dienen, gegenüber: Mit den handschriftlichen und gedruckten Haggadot aus frühen Zeiten können die bescheidenen Blätter, die als Wandschmuck in der Laubhütte aufgehängt werden, nicht in Wettbewerb treten. Vor dem Reichtum des Sedertisches mit seinen Platten, Bechern und Textilien verblassen die wenigen Erzeugnisse der Goldschmiedekunst, die aus Anlaß des Sukkosfestes entstanden sind. Aber nicht erst heute gehören diese Geräte zu den Seltenheiten, sie waren von jeher nur in kleiner Zahl entstanden, und das wechselvolle Schicksal der Juden und der Gemeinden war nicht dazu angetan, pfleglich und verwahrend zu wirken. In den reichen Beständen des Frankfurter Museums jüdischer Altertümer ist darum auch die Abteilung Sukkos recht schmal, wenn auch keineswegs uninteressant. Neben einigen mehr volkskunsthaften als wirklich künstlerischen Blättern für die Sukkoh, ist nur noch eine Dose vorhanden, deren Form, die Nachbildung eines Esrog, deutlich die Zweckbestimmung enthüllt. Um so dankbarer begrüßt man die Möglichkeit, dennoch in Frankfurt Gelegenheit zu haben, einige durch Kunst und Erhaltung gleichermaßen bemerkenswerte Kultgegenstände des Sukkosfestes sehen zu können. In der mit feinster Kennerschaft und geläutertem Geschmack zusammengetragenen Sammlung des Herrn Sigmund Nauheim sind neben vielen anderen Köstlichkeiten jüdischer Kunst einige Esrogdosen, die um so mehr verdienen, einem größeren Kreise bekannt zu werden, als sie eigens für ihre spezielle Aufgabe geschaffen wurden. Das ist es, was diese Gefäße von den meisten unterscheidet, die unter der Bezeichnung Esrogdose heute noch in manchen Familien vorkommen. Meist sind es Zuckerbüchsen, Konfektschalen oder ähnliche Gegenstände des profanen Gebrauchs, die während des Festes zur Aufbewahrung des Esrog dienen. Die Gefäße der Sammlung Nauheim jedoch sind als Esrogdosen geschaffen worden. Die ältere von beiden ist in zweckmäßiger Weise mit einem Sockel verbunden, der zu einem Teller erweitert wurde. Der Rand dieser Fußschale ist mit Ranken und Blättern bedeckt, ein Ring in der Mitte umschließt die abhebbare kugelförmige Dose, die den Umrißformen eines Esrog entspricht. An der Vorderseite zeigt der Davidsstern die Zugehörigkeit des Gerätes zu jüdischer Festesübung, die nähere Bestimmung aber wird erst durch den Deckel ausgesprochen: Er umschließt die halbkugelige untere Hälfte sehr dicht und hat als Aufsatz einen mit spitzen Blättern dicht belaubten Zweig, aus dem kleine Esrogfrüchte ragen. Das Ganze, geschaffen in der illusionistischen Absicht, eine Esrogfrucht am Zweige darzustellen, die auf eine Platte aufgesetzt ist,' ist eine iPhot. Bernhard Stein) Formung des 18. Jahrhunderts. In vollendeter Weise verbindet sieh hier die Freude der Zeit an der Uebertragung realer Formen in die Welt des Scheins mit der durch die jüdische Aufgabe festgelegten Gebrauchsform des Gegenstandes. Diese silberne Esrogdose hat in der gleichen Sammlung ein Gegenstück gefunden, das nicht weniger selten und das gleich ansprechend genannt werden darf. Auf einer runden Fußplatte steigt in sachter Kurve der silberne Fuß an, der die Dose trägt. Sie ist aus Kokosnuß, der Deckel ist von einem silbernen, leicht gravierten Bande gefaßt, als Knauf dient ein kleines silbernes Esrog mit schönem langem Stiel, ganz so, wie die Vorschrift es wünschenswert macht. Die dünne, fast durchsichtige Nußschale ist wie durch Blätter bedeckt, die Frucht auf dem Deckel ist auf ein auseinandergebreitetes Blatt gelegt. Auch hier also eine eindeutige Zweckbestimmung; auch hier Verschmelzung von sachlicher Bedingtheit und künstlerischem Gestaltungswillen. Wenn über die Entstehungszeit der beiden Dosen kaum Zweifel herrschen können — sie sind im 18. Jahrhundert gefertigt worden —, so ist die Frage nach den Meistern keineswegs sicher zu beantworten. Mit großer Wahrscheinlichkeit aber darf gesagt werden, daß das Fehlen von Meistermarken (Silberstempel, Signatur) für jüdische Handwerker spricht, wenn man nicht schon geneigt ist, allein in dem tiefen Verständnis für die spezifische Aufgabe jüdische Meister zu erkennen. Aus der bedeutsamen Reihe von Textilien der Sammlung Nauheim — sie sind nach Zahl und künstlerischer Wertigkeit ungewöhnlich — sei hier noch auf eine gestickte Decke verwiesen, die, begründeter Vermutung nach, als Kidduschdecke am Festtag gedient hat. Das Wort Ezechiels 41, 22: „Und er sprach zu mir: Dies ist der Tisch, der vor dem Ewigen steht" ist umrahmt von Blütenranken und Blättern, und die zierlichen Pflanzenornamente in den Ecken binden den inneren Kranz zu einer beinahe laubenhaften Vegetation. Rote und blaue Farben bestimmen den Ton, und die in der Abbildung schwarz-weiß wirkende Stickerei ist in Wahrheit von bunter, lustiger Belebtheit, von so graziöser Leichtigkeit und farbiger Ausgewogenheit, daß man hier eine wirkliche Erfüllung des Geschmacksideals des Entstehungslandes und der Entstehungszeit erkennen darf: die Decke ist italienisch und in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts gestickt worden. Diese Gegenstände, heute mit Recht als Zeugen künstlerischen Hochstandes ihrer Entstehungszeit gewertet, sind einst aus lebendigem Verstehen ihrer Aufgabe gestaltet worden. Aus dem Verstehen dieser besonderen. Aufgabe und aus Versenkung in die künstlerischen Werte, die sie besitzen und die sie schenken, sind sie erhalten und gesammelt worden. Auch diese Zeilen wollen helfen, den Boden zu bereiten, auf dem solche Werte nicht nur wieder geschaffen, sondern auch wieder . gefordert werden.