Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 2 (10.1933)
- Date
- 1933-10-01
- Page
- Seite 57 (sequence 15)
- Language
- German
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Seite 57 Zur jüdischen Bildungsarbeit in Deutschland Von Dr. Hermann Gerson Wir deutschen Juden hatten vor dem Glück unseres Mitlebens in deutscher Kultur das Gewicht unseres Jude-Seins fast vergessen; wir versuchten, es zu spiritualisieren, wollten es nur im Geistig-Religiösen als mitbestimmend anerkennen. Jetzt sind wir durch die Ereignisse über die Wichtigkeit der Judenfrage belehrt worden, haben erkannt, daß unser Jude- Sein für alle Aeußerungen unseres Lebens, im Gesellschaftlichen und Geistigen, den nicht zu durchbrechenden Rahmen darstellt. Außer all der materiellen Not ergibt sich aus dieser Situation eine geistige Not für uns: wie wollen wir von unserer bisherigen jüdischen Anschauung her das Geschehen begreifen? Und wir müssen es begreifen: wir können nicht standhalten, ohne daß wir geistig den Ereignissen nachkommen, ohne daß wir auch von innen die Kraft unseres Judentums erfassen, die uns von außen gezeigt wurde. In dieser Fragestellung zeigt sich die Aktualität der ßildungsfrage. Ein bloßer Willensentschluß genügt ja hier nicht, er hat nicht die Kraft, uns in die Geschlechterkette einzureihen. Und auch praktische Mitarbeit bei den Notstandsmaßnahmen oder ein Entschluß zur Alijah machen den Mangel an selbstverständlichem Eingefügtsein in die jüdische Schicksalsgemeinschaft noch nicht wett. Wir sind an der Frage nach einer vollen Jüdischkeit in einer besonderen Weise interessiert; merken wir doch aus der geschichtlichen Betrachtung, daß in ihr die Kraft lag, die auch in großer Not Menschen aufrechterhielt und zusammenschloß. Und was brauchen, wir heute mehr als solchen Halt? Wir wissen, daß eines der Hauptelemente dieses geistigen Kraftzentrums in dem gelegen war, was man wohl „aktive Erinnerung" nennen könnte. Wir meinen damit jenes persönlich-verbindliche, persönlichkeitsgestaltende Miterleben jüdischer Geschichte, das wir etwa in dem Hagada-Wort finden: „In jedem Geschlecht soll der Mensch sich ansehen, als ob er selber aus Aegypten gezogen wäre." Solche Art des Beteiligtseins läßt den Menschen, wo ihm Schweres geschieht, an die Leiderfahrung der Generationen vor ihm denken und gewährt ihm darin Vertrauen und Zuversicht. Er lernt aus der Geschichte seines Volkes sich selber verstehen und bejahen, er erfährt in den großen geistigen Zeugnissen des Volkes etwas über seine eigene Bestimmung. — Wir sind durch historisches Schicksal — oder soll man „Schuld" sagen? — der Generationen vor uns aus dieser Kette lebensgestaltender Erinnerung herausgerissen worden, wir müssen bewußt diesen Zusammenhang wieder knüpfen. Das eben geschieht im L e r n e n. In einem Lernen, das nicht bloß Tatsachen und Geschehnisse kennen lernt, sondern das etwas für die eigene Lebensgestaltung empfangen will, das sich offen hält, vom Gelernten her im ganzen angefordert zu werden; das nach Sinn und Bestimmung all des Geschehens durch das Volk und am Volk fragt, um selber Richtung zu entdecken. Hier sollte die Absicht aller jüdischen Bildungsarbeit in Deutschland liegen. Ihr Ziel hieße: Die Kraft und Bedeutung des Jude-Seins von innen her verstehen und damit wieder eine innere Grundlage finden, die im Wirbel der Zeitgeschehnisse tragfähig 'bleibt, und zu fundierter, praktischer Beteiligung an allen jüdischen Gegenwartsfragen befähigt. Wir wiesen bereits darauf hin, wie sehr solche Zielsetzung eine aktuelle* Forderung erfüllt. Ein Großteil der deutschen Juden ist von solcher geschichtlich fundierten jüdischen Haltung noch weit entfernt. Immer wieder macht man auf dieser Seite den Versuch, die Verbundenheit mit Geschichte und aufbauenden Gegenwartstendenzeu des jüdischen Volkes abzustreiten, sie auf die Gemeinsamkeit gewisser ethischer oder religiöser Allgemeinbegriffe zu beschränken. Ein solches blutleeres Judentum hat keine Zukunft. Und auch die augenblickliche Gestaltung der deutschjüdischen Fragen leidet darunter; das ist am deutlichsten wahrnehmbar an dem, was auf dem Gebiet der kulturellen Arbeit bei uns — nicht geschah. Ich will hier nicht über die Frage der jüdischen Schule sprechen; sie wurde oft behandelt, und man wies darauf hin, daß sie wirklich in Inhalten und Gesamtgestaltung, nicht nur nach der Abstammung ihrer Lehrer und Schüler „jüdisch" sein müßte. — Je größer die wirtschaftliche Not wird, desto größer wird auch die Zahl der frühzeitig schulentlassenen Jugendlichen sein. Man müßte den Versuch machen, all diese Menschen systematisch zu erfassen. Von den Jugendbünden als Kern ausgehend, sollten in allen größeren Städten Abendschulen für die Jugendlichen eingerichtet werden. (In der Art der Berliner „Schule der jüdischen Jugend".) Die Lehrgegenstände hätten der Einfügung der Jugendlichen in Geschichte und Gegeuwartsaufgaben der Juden zu dienen. Hebräisch, Geschichte, Palästinakunde, Soziologie dürften die Hauptfächer bilden. Wo keine ständigen Abendkurse dieser Art möglich sind, müßte doch durch Reisen für einigermaßen genügende jüdische Weiterbildung gesorgt werden. Auch müßte geeignetes Buchmaterial für diese Arbeit zusammengestellt werden. All das erfordert natürlich eine Regelung durch eine zentrale Instanz. Vielleicht wäre es einer solchen Stelle auch möglich, in die heute starke Tendenz zum Hebräisch-Lernen allmählich Elemente ernsterer jüdischer Bildungsarbeit hineinzutragen; denn diese Strömung ist in ihrer Zweckhaftigkeit und Kurzatmigkeit doch recht oberflächlich und wenig fruchtbar. Die schwerste Frage wird bei all dem die Frage nach geeigneten Lehrern sein. Zwar hilft uns Palästina auch in dieser Hinsicht und will uns 15 hebräische Lehrer schicken. Dennoch besteht die Frage weiter und verlangt nach einer „zentralen Regelung. Auch die vielen Erwachsenen, die heute ihr Judentum neu entdecken, sollte man zusammenzuschließen suchen. Auch hier aber nicht nur zum Anhören allgemeiner Vorträge; der Versuch einer echten Zusammenarbeit, der Versuch, wirkliche Gespräche zu beginnen, die die jüdische Frage in ihrer historischen, gesellschaftlichen und persönlichen Formen klären sollten, — solche Einrichtungen könnten neue Gemeinsamkeit schaffen und die notwendige innere Wandlung vorbereiten. Denn um eine Wandlung handelt es sich, um eine Abkehr von den bisher meist von uns an jüdisches Leben angelegten, allzu engen Maßstäben. Es wäre das Bitterste in allem Geschehen unserer Tage, wenn wir deutschen Juden heute nicht die Kraft zu einer inneren Neugestaltung unseres Jude-Seins aufbrächten. Ein unbekannter Brief von Zunz {An Professor Victor Ehrenberg, einen Enkel von Samuel Meier Ehrenberg. Aas dem Nachlaß von Frau. Adele Rosenzweig in Kassel mitgeteilt von Edith Rosenzweig) Lieber Victor da ich weder mit den Russen, die in 6 Monaten von Sibirien nach Byzanz marschierten, noch mit der Erde, die seit Deinem jüngsten Briefe vom 7. Dezember v. J. 30 K Millionen Meilen gelaufen, Schritt halten kann, auch wenig oder nichts zu verkünden habe, so wirst Du mir die späte Beantwortung Deines freundlichen Schreibens zu Gute halten und umso schneller mir wieder schreiben in einem Interessantes aus Deinem Leben liefernden ausführlichen Briefe. Deinen Bruder sehe ich nur selten, was in Berlin, zumal bei Comptoir-Arbeiten, Regel ist. In die Academie bin ich auch noch nicht aufgenommen; Schuld ist: 1.) ich kann aramäisch ohne Vokale übersetzen und mich in hebräischer Sprache unterhalten; 2.) ein Jude wird in Preußen weder Offizier noch Beamter, weder ordentlicher Professor noch Richter; 3.) ich gehöre seit 30 Jahren zu den Democraten; 4.) man hat schon vor vierzig Jahren gedruckt, daß seit Spinoza kein so wichtiges Werk von einem Israeliten verfaßt worden als meine 1832 erschienenen gottesdienstlichen Vorträge. Du siehst, mir ist nicht zu helfen: hätte ein Prinz meine „Deutschen Briefe" geschrieben, wäre die dritte Auflage schon gedruckt und alle Zeitungen hätten in die Posaune geblasen. Arbeite nicht zuviel; bewahre Dir die Gesundheit, die körperliche Kraft für spätere Jahre, auch die gute Laune trotz dem Narrenstolze der ordinarii, vor allem aber schreibe mir bald einen langen Brief. Lebe wohl! Der Deinige alte Zunz. Berlin, 4. März 1878. Auguststraße 60.