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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-10-01 · 2 (10.1933) · p. Seite 53

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
2 (10.1933)
Date
1933-10-01
Page
Seite 53 (sequence 11)
Language
German
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Seite 53 den, sind sie polnischen Ursprungs. Aber diese Wörter sind auf einen engen Kreis beschränkt. Einige Körperteile haben polnische Benennungen, wenn zum Beispiel der Tiermagen gelegentlich „Puppeok". der Darm „Kischke", die Gänsekeule „Pulke" heißt. Aber der menschliche Magen heißt „Mögen", und während das deutsche ..Maul" das edle Wort für Mund ist, dient als häßliches und höhnisches Wort für unser deutsches Maul das slawische „Pisk". Einzelne Handwerker haben polnische Bezeichnungen, wie der Tischler, Klempner und Topfdrahter, während Bäcker und Schuster, Müller und Schornsteinfeger (Kommenkehrer Kaminkehrer) deutsche Benennungen haben. Nur der Fleischer hat einen hebräischen Namen „Kazzef". Und das hat seinen vernünftigen Grund. Der Fleischgenuß ist durch das jüdische Religionsgesetz eng umschrieben ..und begrenzt. Darin ist ein Zusammenhang des Fleischergewerbes mit dem synagogalen Leben gegeben. Und abgesehen von einigen lateinischen und vielen deutschen Ausdrücken ist die Sphäre jüdischen gesetzlichen Lebens das Heim hebräischer Ausdrücke, die meist direkt der Bibel und dem jüdischgesetzlichen Schrifttum entnommen sind. Zum synagogalen Leben gehört natürlich in erster Linie der Festkalender. Deshalb haben viele Ausdrücke der Zeit hebräische Bezeichnungen. Für Monat sagt man „Chäudesch", für Stunde „Scho'e". Aber man sagt nur „Tog". „Woch" und „Johr". Daß der Sonnabend als Sabbat hebräisch „Schabbes" heißt, kann niemanden verwundern. Denn ein Tag, der im religiösen Leben der Juden eine solche Rolle spielt, hat bei ihnen natürlich einen hebräischen Namen. Entsprechend heißt der Feiertag „Jontef". Aber die Synagoge führt den deutschen Namen die ,,Schul", während die Gemeinde mit der hebräischen Bezeichnung „Kille" oder „Kohl" benannt wird. Auch die Synagogenbeamten haben hebräische Amtsbezeichnungen. Ueberhaupt sind es die Synagoge und die Familie, in die sich der Jude bei den Unterdrückungen geflüchtet hat, um sich das Gefühl seiner Menschenwürde zu retten. Der so streng gehaltene „Schabbes", der ihn allen Arbeiten jeder Art entzog und ihn dem Gotteshaus und der Familie gab, wurde zum besonderen Segen. An diesem Tage gab sich selbst der Ungelehrte dem Studium der heiligen Lehre hin. Das trug dazu bei, daß viele Ausdrücke, die dem Familienleben angehören, dem Hebräischen entnommen sind. So heißt die Familie selbst „Mischpoche", der Bräutigam „Choß'n", die Braut „Kalle", „Tno'im" der Verlobungsakt. Aber der Sohn heißt „Sülm", die Tochter „Tochter", die Tante „Muhme", der Onkel „Vetter", der Schwiegervater ist der „Schwäher", die Schwiegermutter ,,Schwigger", der Schwiegersohn auf gut deutsch „Eidam", der Enkel „Einikel". Dabei hat das Jiddische wiederum dem Hochdeutschen gegenüber die älteren deutschen Bezeichnungen beibehalten. Das Hebräische ist aber eine noch innigere Verbindung mit dem Deutschen in diesen jüdischen Mundarten eingegangen. Denn die dem Hebräischen entnommenen Wörter werden ganz deutsch dekliniert und konjugiert und sind, wenn sie sich nicht ohne weiteres dazu eigneten, entsprechend umgeformt und mit deutschen Vor- und Nachsilben so verbunden und verdeutscht, daß sie nunmehr ganz wie deutsche Wörter ungezwungen abgewandelt werden können. Also das Jiddische hat nicht das Deutsche hebraisiert, sondern umgekehrt das Hebräische verdeutscht. Zudem wiegt im Wortschatz das Deutsche so stark vor, daß kaum mehr als Fünf vom Hundert an Wörtern im Jüdischdeutschen nicht deutschen Ursprungs sind. Dazu kommt noch, daß von den in der -Brief- und Buchsprache häufigeren hebräischen Worten und Redewendungen der weitaus größte Teil im mündlichen Verkehr nicht zur Anwendung kommt. Da nun ferner das Jüdischdeutsche vor der endgültigen Abwanderung der Juden aus dem deutschen Sprachgebiet© seine letzte Form in Thüringen-Obersachsen erhalten hat, das ein halbes bis ein ganzes Jahrhundert später in Luthers Uebersetzung als Grundlage des neuen Hoch- und Schriftdeutschen in die Erscheinung trat, so ist das Jiddische in Bau und Wortklang zum Teil sogar im Wortschätze dem Hochdeutschen viel ähnlicher als irgendein niederdeutscher Dialekt oder eine bayerische oder schwäbische Mundart, wiewohl sich im Jüdischdeutschen auch manche Eigenheit gerade der süddeutschen und westmitteldeutschen Mundarten gehalten hat. Aber während der Niederdeutsche die bayerische Mundart in Ammergau oder Tirol nicht versteht und das Niederdeutsche dem Ober- und vielfach auch dem Mitteldeutschen unverständlich bleibt, kann man sich durch die schriftdeutsche Sprache stets ohne Schwierigkeiten mit den Juden Polens, Rußlands, Rumäniens oder Vorderasiens und Sibiriens, ja auch Amerikas und Südafrikas verständigen. Das Jüdischdeutsche ist ein leicht erkennbarer und ohne weiteres verständlicher deutscher Dialekt, das Jiddische eine durchaus zu verstehende „Nebensprache". Sie unterscheidet mehrere Mundarten, von denen die polnische, die litauische, die galizische und die ungarische die hervortretendsten sind. Aber auch die rumänischen, sowie überhaupt fast alle Juden des weiten russischen Reiches sprechen noch heute Jiddisch als Mutter- und Familiensprache, so daß von den etwa sechs Millionen polnischen und russischen Juden kaum mehr als 150 000 nicht diese Nebensprache des Deutschen als Muttersprache reden. Das heißt, daß abgesehen von einigen an der polnischen und russischen Assimilation besonders interessierten Kreisen die Juden Rußlands und Polens an ihrem zum Deutschen gehörigen Judendialekt festhalten und daß selbst mit Einreohnung der kaukasischen und asiatischen Besitzungen doch 97 Prozent aller russischen Juden noch heute am Jiddischen als ihrer Familien- und Umgangssprache festgehalten haben. Dazu kommt, daß diese Sprache von weiteren vier Millionen Juden in den Ländern des ehemaligen Oesterreich-Ungarn, auf dem Balkan, in Asien, Amerika und den überseeischen Besitzungen Englands, besonders in Südafrika und Australien, als Muttersprache gesprochen wird, so daß auch ebenso in New York und Cleveland, wie Singapore, in Philadelphia und in Chikago, wie in Johannisburg und Sidney, natürlich erst recht in Warschau und Lodz die jüdischen Zeitungen in jüdischdeutscher Sprache erscheinen. Eine jüdisehdeutsche Literatur gibt es freilich erst seit der Erfindung der Buchdruckerkunst. Bis dahin hatten die Juden kein Bedürfnis, neben dem großen hebräischen Schrifttum, das noch heute blüht und wächst, eine Literatur für die. breiten Volksmassen in der jüdischdeutschen Umgangssprache zu schaffen. Aber aus dieser jüdischdeutschen Literatur hat sich ein großes jiddisches Schrifttum entwickelt, das das größere und tiefere hebräische Schrifttum begleitet. So erscheinen heute nicht bloß große Tageszeitungen in jiddischer Sprache, deren Abonnentenzahl oft hunderttausend übersteigt, sondern Dichtungen in Poesie und Prosa, Dramen und erbauliche Werke. Wissenschaftliche Darstellungen und einfache Volksbücher werden täglich gedruckt und tragen dazu bei, daß das Volk, das diese Sprache, wie eben jedes Volk seine Muttersprache liebt, noch immer tiefer in den eigenen Sprachschatz eindringt. Durch diese Sprache hängen die Östjuden und ihre Abzweigungen noch heute untereinander zusammen, und diese Sprache verbindet sie zugleich mit der deutschen Kulturwelt, deren Literaturwerke und deren Verkehrssprache ihnen fast unmittelbar verständlich sind. Denn der russische Jude, der sogar ausnahmsweise eine nichtjüdische und nur russische Schulbildung mitgebracht, und der im Elternhause nur noch von der „Bube" (Großmutter) diesen Abkömmling des Jüdischdeutschen gehört hatte, wußte sich doch, wenn er nun des Studiums wegen Rußland, das ihm die Wege zur akademischen Bildung verschloß, gezwungen verließ, um in Deutschland oder der Schweiz zu studieren, nicht bloß sofort mit der deutschen Landesbevölkerung zu verständigen, sondern folgte ausnahmslos auf Grund dieser Kenntnisse des Volksdialekts seiner Väter allen wissenschaftlichen Vorlesungen. Er gehörte eben durch die jiddische Sprache dem deutschen Sprachkreise an und wurde damit Träger und Weiterleiter der Kultur und des Volksgeistes, die in der deutschen Sprache ihren Ausdruck finden. Die Feinde des deutschen Volkstums haben viel besser als die Deutschen den Wert dieses großen Vorwerkes deutscher Sprache erkannt. Seit hundert Jahren haben die slawischen Nachbarn im Osten mit Gewalt und List, mit Versprechungen und Drohungen die polnischen Juden von der jüdischdeutschen Sprache abzudrängen versucht. Während des Krieges hat Fürst Obolenskij als Stadthauptmann von Petersburg Juden mit hohen Zu haben in den Apotheken

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