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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-10-01 · 2 (10.1933) · p. Seite 52

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
2 (10.1933)
Date
1933-10-01
Page
Seite 52 (sequence 10)
Language
German
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Seite 52 Sprache nicht gleichen Schritt mit dem Werden und Wachsen des Deutschen im alten Stammlande halten konnte, sondern trotz eines gewissen Zusammenhangs doch eine eigene Entwicklung nehmen mußte. Die Umgebung brachte es mit sich, daß einzelne polnische, und weiter im Osten auch russische Wörter in die deutsche Sprache dieser aus Deutschland stammenden Juden eindrangen. Es sind aber bei weitem nicht annähernd so viele, wie etwa die moderne deutsche Sprache trotz aller Reinigungsversuche noch immer an romanischen Fremd- und Lehnwörtern birgt. Viel bemerkbarer machen sich hebräische Begriffe. Da die Synagoge mit ihren Gebeten und der ganzen jüdisch-gelehrten Literatur der Mittelpunkt des geistigen Lebens war, so wurden viele in den Gebeten und in diesem Schrifttum, zumal in der Bibel, häufigen hebräischen Wörter im Volksmunde heimisch. Für Abstrakta und namentlich für solche Begriffe, die dem Seelenleben und der religiösen Stimmung entnommen sind, wurden hebräische Wörter gebräuchlich. Begriffe wie Barmherzigkeit und Mitleid, Mildtätigkeit und Armenpflege, Armut und Krankenpflege, aber auch Haß und Neid wurden dem Hebräischen entnommen, natürlich erst recht Gebet, Sünde, Reue und Buße. Die ganze konkrete Welt blieb deutsch. Endlich wurde auch durch die deutsche Flexion der aufgenommenen hebräischen Wörter die Sprache zum Ausdruck neuer und weiterer Begriffe gedehnt. Aber der Charakter der Sprache blieb deutsch, viel deutscher als die heutige englische Sprache germanisch ist. Durch die Vereinsamung aber ging sie ihren eigenen Gang und bildete sich zu einer besonderen Nebensprache des Deutschen aus. Die ersten Flüchtlinge in größerer Zahl kamen vom Rhein und Main und brachten ihre heimischen Mundarten mit. Dann aber erfolgten Wanderungen aus anderen Gegenden des Reiches. Schließlich drang am meisten die obersächsischthüringische Mundart des 15. Jahrhunderts durch, weil in diesen Ländern die Zwischenstation der Wanderung gewesen war. Dazu aber kommen Beimischungen aus fast allen Dialekten der oberdeutschen und mitteldeutschen Sprache. Am wenigsten ist Niederdeutsches in diesen jüdischen Mundarten des Deutschen. Vor allem erhielten sich auch viele alte deutsche Formen und Wörter, und sie gerade sind es, die häufig dem Deutschen aus dem Reiche unverständlich bleiben, weil sie aus seinem Sprachgebrauch längst entschwunden sind. Wenn der polnische Jude ein Linnentuch „Leilech", ein Tischtuch „Zwehl" nennt, wenn er für Träne „Treher" oder „Trer" und für Lippen „Lefzen" sagt, so gebraucht er altes deutsches Sprachgut, Aber auch seine Haupt-Sabbatspeisen haben echte alte deutsche Namen. Der „Barches", das Sabbatbrot, hieß einmal Berchtas (Bertas) Brot, und das süße Sabbatgemüse „Zimmes" hat seinen altdeutschen Namen, wie wir aus Hebel wissen, im alemannischen Basel ebenso bewahrt, wie im Jüdischdeutschen Polens. Aber wir empfanden es als fremd und haben nicht darauf geachtet, daß der polnische Jude deutsche Sprachformen älterer Zeit bewahrt hat, wenn er uns fragte: „Von wannen kommt Ihr" im Sinne von „Von wo kommen Sie" oder wenn er statt „gestern" das alte „nächten" gebrauchte. Wenn der polnische Jude sich etwas „verteitscht" (übersetzt), so bringt er es damit seiner Muttersprache und seinem Verständnis näher. Die häufige Redensart „s'teitsch" hat den Sinn: „Was soll das bedeuten?", eigentlich: „Zu deutsch?", und man kann hören, wie man etwas „auf russisch" oder „auf polnisch verteitscht". Sie sind eben ihrer alten aus dem Mittelalter mitgebrachten Sprache ebenso wie ihrer Religion und eigenartigen Kultur treu geblieben. Die Diphthonge des polnischen Juden, die uns auffallen, sind in ihrem Ursprung deutschen Mundarten des ausgehenden Mittelalters entnommen. Formen wie „etz" an Stelle von „ihr" und „engker" für „euer" sind gut bayerisch. Da« so oft als Mauschelei verspottete: „Was ist dermehrV" ist nichts weiter als die gute mittelhochdeutsche Frage: „Was ist der Mär?" im Sinne von „Was geht da vor?" oder „Was gibt es zu berichten?" Ebenso sind die jüdischen Namen, soweit sie nicht gerade dem Alten Testament entnommen sind, zum allergrößten Teile alte deutsche Namen, die sich bei den Juden erhielten, während sie bei den Deutschen im alten Vaterlande ungebräuchlich geworden sind, so die oft bespotteten Namen Gumprecht, Selig, Wolf, Hirsch, Bär, nebst ihren Koseformen. Der so häufige polnische- Judenname Henech (Henoch) hat nichts mit dem biblischen Henoch zu tun, der hebräisch Chanoch heißt, sondern ist die mittelalterliche Koseform von Heinrich, die als Hennig noch ein häufiger deutscher Familienname ist. Die jüdischen Frauennamen sind zumal solche wie Gute (Güte), Scheine (Schöne), Freide (Freude), Seide (von Salida, althochdeutsch Glück), Glück, Per'l, Rös'l, Braine (Braune), Gelle (Gelbe Blonde), Süß'l, Süße-Biene, Taube, Bunde, Reize, Zier'l, Liebe. Die jiddische Sprache der Ostjuden, deren uns bekannteste Vertreter die polnischen Juden sind, ist in ihrem sprachlichen Grundbestande durchaus deutsch. Aber sie hat Beimischungen erhalten, die sie ebenso vom Deutschen entfernt halten, wie die eigenartigen Neubildungen, die die Sprache vorgenommen hat. Freilich am meisten erscheint dem Deutschen oft gerade das in der jiddischen Sprache fremd, was am urdeutsehesten ist, nämlich die beibehaltenen altdeutschen Wörter und älteren Formen! Wörter, die uns beispielsweise nur aus der Lutherschen Bibelübersetzung noch geläufig sind, wie Schnur, Eidam, Schwäher, Lefzen, Leilich und ähnliche mehr, aber auch viele Wörter, die bereits der Reformationszeit im "allgemeinen entschwunden waren, sind im Jüdischdeutschen gebräuchlich. Ja sogar die harte Aussprache gewisser Konsonanten ist uns zwar heute ein charakteristisches Kennzeichen jüdischer Sonderart, in Wahrheit aber aus der mittelalterlichen Aussprache des Deutschen zurückgeblieben. Das harte „ch", das immer wie in „Nacht" ausgesprochen wird, entstammt keineswegs dem Hebräischen, ist vielmehr früher im Deutschen allgemein gewesen und" hat sich in Grenzdialekten, wie dem Alemannischen ebenso wie im Jüdischdeutschen erhalten. Auch das Holländische hat diese Aussprache, die früher den deutschen Stämmen gemein war. An den Außenbezirken der Sprache haben sich Reste alter Aussprache erhalten. Von den Beimischungen sind zuerst eine Anzahl von Ausdrücken zu beachten, die dem Lateinischen des Mittelalters entstammen, und die sich zum großen Teile auf Begriffe beziehen, die dem Kultus angehören. Ursprünglich sind sie den Juden wohl mit der katholischen Kirche in Deutschland gemeinsam gewesen. Das Vorlesen der Heiligen Schrift in der Synagoge heißt „leinen" (von legere), das tägliche Beten „oren" (orare), oder „dawwenen" (devovere), für segnen und das Tischgebet sprechen sagt man „benschen" (benedicere), das christliche Weihnachtsfest heißt „Nittl" (Natale), der Märtyrer gedenken „memmern" (memor). Die „Jahrzeit" war ursprünglich der Tag, an dem man in der katholischen Kirche den Todestag des Heiligen beging. Nichtsynagogal ist „chappen" (capere) im Sinne von zufassen. Die gewärmten Sabbatspeisen heißen „Scholent" oder „Tscholent" (im Französischen: chaulent) und erst Heinrich Heine, der freilich wohl das Wort für deutsch hielt, lautete es irrtümlicherweise in „Schalet" zurück, eine Form, die es bis dahin kaum gegeben hatte. Weitere Ausdrücke sind der slawischen Umgebung entnommen. Soweit sie von allen Ostjuden gemeinsam gebraucht werpUlllllllllillllllllllllllllllllllllllllllllllllllM 1 &tbC1lft ott 6ett doftett Feiertagen derer, benett äfrftett ttttft $eri>ienff entgegen fürt! | 1 3Ber fönnte bie „erhobenen Sage" ftegeljen, oljne 6te flögen trnb aufrtdjten | | su twffett, bte ftefonfter* Ijarf getroffen ftnft? | | & C tf tamtt t»tr fcelfen tonnen! § | 3öWföe IBoWafrtepflege - 3üMföe »erafungdfletfe für BiHf*i>f<4«fe I j Pofffdjerf: 3üMföe floföitfe 1933, $fm. Hr. 29990. | luniniimmiiiiiHiiiitiiiiiiiii^

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