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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-10-01 · 2 (10.1933) · p. Seite 51

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
2 (10.1933)
Date
1933-10-01
Page
Seite 51 (sequence 9)
Language
German
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Seite 51 So war es vor mehr als vierhundert Jahren. Wer aber heute im Auslande reist, wird bald diese Bemerkung noch weit mehr als diese frommen Rifctersleute machen. Denn seitdem haben die Juden ihre deutsche Sprache durch den weiten Osten bis ans Gelbe Meer und darüber hinaus in alle Länder Amerikas ebenso wie nach Südafrika und Australien getragen. Das Deutsche dieser Juden ermöglicht es dem deutschen Reisenden, ohne andere als deutsche Sprachkenntnisse sich mit seiner Muttersprache durch fast alle Länder der bewohnten Erde hindurch- . zuhelfen. Daß die Juden im Auslande Deutsch verstehen, war also vielen bekannt, die Gelegenheit hatten, in Gegenden, deren Sprachen ihnen fremd waren, sich der Hilfe von Juden zu bedienen. Man führte das meist auf die Sprachkenntnisse der Juden zurück, die als Handelsleute sich mit verschiedensprachigen Bevölkerungsgruppen verständigen müßten. Das ist ein Irrtum. Wie bereits Hildebrandt in der Germania (1869, 128) festgestellt hat, findet das vielmehr darin seinen Grund, daß die Juden weit länger als die aus Deutschland ausgewanderten Christen die deutsche Sprache als Umgangs- und Famüiensprache beibehalten haben. Hat doch schon Johann Christof Wagenseil in seiner 1699 erschienenen „Belehrung der jüdisch-teutschen Red- und Schreibart" festgestellt, daß: Teutsche Juden aber / sind nit allein die / so in Teutschland wohnen / sondern es ist deren auch eine große Menge a,ußer denen Ländern, so dem König in Spanien unterworfen / überall in Italien / zu Metz in Lothringen / zu Avignon in Franckreich / und bevorab mehr als irgendwo in Polen zu finden / welche von denen / so vormalen aus Teutschland sich in selbige Länder begeben / und darinnen niedergelassen / herstammend / ihrer Vor-Eltern-Sprach / Sitten / Gebräuch / Kleider-Art behalten / und solche auch auf ihre Nachkommen fortpflantzen. Die Ursache davon, daß Juden in so großer Zahl in vielen zum Teil recht fernen Ländern noch immer an einer Mundart der deutschen Sprache festhalten, ist vor allem in dem engen Familienzusammenhang der Juden begründet, welcher sie zu konservativem Festhalten am Althergebrachten führt. So sprechen noch heute die bucharischen Juden ein altertümliches Judenpersisch mitten in einer Umgebung, die kein Persisch kennt. "Jetzige chinesische Juden sprechen ein aus Indien mitgebrachtes Arabisch, türkische Juden, deren Väter vor 400 Jahren vor spanischen Scheiterhaufen die Flucht ergreifen mußten, haben eine altertümliche Form des Spanischen, in das hebräische Wörter gemischt sind, noch bis auf den heutigen Tag als spezifischen Judendialekt bewahrt. Während es sich aber bei diesen anderen Judengruppen, die aus den Sprachen der früher von ihren Vätern bewohnten Länder ein besonderes Judenidiom gebildet haben, um verhältnismäßig kleine Judenschaften handelt, hat die deutsche Sprache der polnischen Juden schon deshalb eine größere Bedeutung, weil sie von Millionen von Bürgern und Arbeitern gesprochen wird, und weil sie nicht bloß von der großen Mehrzahl aller Ostjuden von Polen bis hinein in die Tschuktschenl-Halbinsel gesprochen wird, sondern weil sie zugleich auch in Amerika und in Südafrika, in Syrien wie in Australien die Umgangs- und Familiensprache des weitaus größten Teils der dortigen Judensiedlungen ist. Durch die Existenz dieser Juden kann man, ohne ein anderes Wort als Deutsch zu verstehen, nicht bloß in Polen, Rumänien und im ganzen russischen Reiche, sondern in einem sehr großen Teile aller Erdteile reisen und sich verständigen. Was dem Reisenden auffällt und allenfalls ein Rätsel ist, erklärt sich aus der Geschichte dieser Juden leicht. Die Vorfahren aller dieser Juden wohnten vordem auf dem Boden des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, wo sie während des Mittelalters im Verhältnis zur übrigen Bevölkerung ebenso zahlreich waren, wie jetzt in Polen, ehe sie die im Gefolge der Kreuzzüge und des schwarzen Todes einsetzenden Judenverfolgungen vertrieben. Bis dahin hatten die Juden einen ganz hervorragenden Anteil am deutschen Bürgerleben gehabt. Sie hatten nicht bloß den Großhandel zwischen Orient und Okzident in Händen, nicht nur Handelsstraßen von Deutschland bis China, vom Lande der Franken bis Indien und China gehabt, nicht bloß im ganzen Schwaben- und Bayerlande den Handel ausgeübt, sie waren überhaupt mit eine der wichtigsten Klassen der deutschen städtischen Bevölkerung gewesen, die o h n e sie gar nicht denkbar war. Nach Wilhelm Arnold (Geschichte der deutschen Freistädte, Band 1, 1854, Seite 73) haben sie in der Tat mit ER ist mein Licht und mein Heil — vor wem soll idi midi fürchten? ER ist die Schutzwehr meines Lebens — vor wem soll ich zagen? Psalm 27 zum Begriffe der Stadt gehört, — und die hervorragende Stellung der Juden im deutschen Städteleben wird uns erst recht gegenwärtig, wenn wir sehen, wie beim ersten selbständigen Eingreifen einer deutschen Stadt in das nationale Leben, bei der patriotischen Erhebung von Worms für Kaiser Heinrich fV., nach Ausweis des kaiserlichen Privilegs von 1074 der Juden an bevorzugter Stelle gedacht wird, und daß ferner das städtische Rathaus von Köln, der mächtigsten Stadtgemeinde Deutschlands im früheren Mittelalter, im Judenviertel lag. Die Juden waren ebensosehr an Zahl wie an Einfluß und bürgerlichem Wert von hoher Bedeutung für die deutschen Städte. Sie gehören auch zu den frühesten Bürgerschichten, die sich an deutscher Dichtung beteiligten, und es ist kein Zufall, daß uns die Heidelberger Liederhandschrift mit dem Bilde aiich Lieder des jüdischen Minnesängers Süßkind von Trimberg überliefert. Sie hatten zum großen Teile erbliche deutsche Familiennamen, ehe diese sonst bei der bürgerlichen Bevölkerung Deutschlands gebräuchlich wurden. Die jüdisch-deutsche Literatur lehnte sich entschieden an die Bibel an. Darum spielen die Bibelübersetzungen in ihr eine besonders große Rolle. Sie sind Vorgängerinnen der großen Lutherischen Uebersetzungstat. Umgekehrt haben aber Bibel und jüdisches Schrifttum auch auf die deutsche Literatur -der Zeit gewirkt, wie u. a. Freydanks Bescheidenheit beweist. Alte und älteste deutsche Volksbücher sind in jiddischer Sprache erhalten, und als jiddische Volkslieder sind viele alte deutsche Lieder gerettet worden, die im deutschen Volksmunde längst verklungen sind. Später hat die neuzeitliche Literatur Deutschlands das Werden jiddischen Schrifttums beeinflußt, wobei namentlich Lessing und vor allem Schiller hervortreten. Durch das Jiddische hat dann die deutsche Sprache und ebenso die in ihr geschriebene Literatur auch auf Form und Inhalt der neuen hebräischen Sprache Wirkungen ausgeübt. Diese deutschen Juden des Mittelalters sind die Vorfahren vor allem der heutigen polnischen und Htauischen Juden. Das 14. und 15. Jahrhundert hatte die Juden in voller Wanderschaft gesehen. Die damaligen Zustände ihrer Heimat, in der sie fast anderthalb Jahrtausende gewohnt hatten, versuchten sie zu bewahren. So ist die ihnen eigentümliche Tracht aus dem deutschen ausgehenden Mittelalter erhalten. Sie beginnt erst jetzt zu schwinden. Ihr langer Rock war modern in der Zeit der Meistersinger. Deutsche Bräuche jener Zeit und deutsche Märchen und Lieder wanderten mit ihnen. Vor allem aber haben sie die deutsche Sprache, an deren Umbildung aus dem allgemeinen Westgermanischen zum Althochdeutschen sie schon teilgenommen hatten, in die neuen Wohnsitze mitgenommen und mit einer Treue bewahrt, die wir vergeblich bei deutschen Stämmen suchen, die ebenso lange die deutsche Heimat verlassen hatten, wenn auch nicht ebenso schroff von ihr getrennt wurden. Sie, die aus Deutschland fliehen mußten, die man wegen angeblicher Kinderabschlachtung und Brunnenvergiftung verfolgte und verjagte, die für die wirtschaftlichen Gründe als Vorwand dienten, und die in Polen gastliche Aufnahme fanden, widerstanden allen Lockungen, ihre deutsche Mundart gegen die herrschende polnische Sprache einzutauschen. Dagegen haben die deutschen Kaufleute in Polen frühzeitig ihre Sprache aufgegeben, und so sind sie wie auch zahlreiche Adelsfamilien die Vorfahren jener polnischen Bürgerschaft in den Städten geworden, die als Träger nationaler polnischer Anschauungen gerade die entschiedensten Feinde des deutschen Volkstums wurden. Deutsch wurde den Juden in Polen eine Art zweiter jüdischer Nationalsprache'neben dem Hebräischen und bekam einen Hauch der Heiligkeit ab, die jener nach der Ueberlieferung zukam. Wie alle Sprachen, die Juden im Laufe ihrer Geschichte gesprochen; haben, schrieben und schreiben sie das Deutsche mit hebräischen Buchstaben. Die zähe Natur der Juden macht es begreiflich, daß sie schon seit einem halben Jahrtausend in dieser slawischen Umgebung ihre deutsche Sprache beibehalten haben. Aber es wird zugleich auch verständlich, daß sie bei ihrer räumlichen Entfernung, die durch eine Unsumme von Judenhaß noch vervielfältigt wurde, eigene Wege gehen mußten. Obwohl sie sich bemühten, mit der Kultur der verlassenen deutschen Heimat in Zusammenhang zu bleiben, war es natürlich, daß die von der Heimat getrennte

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