Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 2 (10.1933)
- Date
- 1933-10-01
- Page
- Seite 50 (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 50 alterlichen Erklärer können, nach allen Kämpfen des Geistes, die Kämpfe 4ims -eigene heben waren, in ihrer so. gewonnenen Schlichtheit zu diesem Worte sagen: „Eines hängt am anderen. Wenn du das Gute tust, so hast du das Leben, wenn du das Böse tust, so hast du den Tod". * Unter diesem Gericht steht auch das Leben des Führers Moses. Er muß, bevor sein Werk, das Volk ins Land zu bringen, vollendet ist, wie sein Bruder Ahron sterben, „dafür, daß ihr euch wider mich überhobt inmitten der Söhne Jissraels..., dafür daß ihr mich nicht erheiligtet inmitten der Söhne Jissraels". (32,51.) Er bestellt seinen Nachfolger, übergibt ihm vor den Augen des Volkes die Befehle. Er selbst schreibt das Gesetz nieder, das von nun an alle sieben Jahre, in öffentlicher Volksversammlung, vorgelesen werden solle: „damit sie hören, damit sie lernen" (31,12). Und wie zum Bunde, wir sahen es, alle kommenden Geschlechter gehören, so zu seiner immerwährenden Erneuerung das junge, in die fernste Zukunft weisende Geschlecht der Kinder, „die noch nicht wissen, — auch sie sollen hören, sollen lernen..." (31,13). Wir sind gewöhnt, ein Nomadenvolk, das, um siedeln zu können, einen neuen Lebensraum zu erobern zieht, uns anders vorzustellen. Aber wir müssen lernen, uns zu den besonderen Formen unserer Geschichte zu bekennen. (Auch dem Bibelkritiker bleibt, von seiner Datierung aus, genug Erstaunliches, wenn er nur nicht befürchtet, durch Staunen seine Objektivität zu verlieren!) Die Versammlungen, die hier für das Volk festgesetzt werden, unterscheiden sich von anderen Volksversammlungen darin, daß ihre „Tagesordnung" nicht wechselt, sondern immer die gleiche bleibt: die Vorlesung der einen Schrift. Dem Fortschreiten und dem Wandel in Zeit und Geschichte wird, auf daß sie die Volkskraft nicht verzehren, das Zeitlose, Ewige des Bundes entgegengehalten, in dem seine Geschichte ihren .Ursprung hat. So geht das Volk von seiner Werdung ar* 'Jahrtausende lang in die Schule, „um zu hören und zu lernen", um von den Quellen genährt, jung zu bleiben. Es ist ein Volk durch seine Schule. Die Einheit von Volk und Schule bedeutet die Gesundheit Israels, der Zerfall dieser Einheit bedeutet Krankheit, Krise oder Zerfall Israels. Die Schule, wie sie das Judentum von Anbeginn an kennt, lehrt das Volk, den mühsamen, aber unausweichlichen Weg durch die Geschichte zu gehen, indem es, auf welchem Stück des Weges es sich befinden mag, an ein Zwiefaches zu denken joirt: an den Anfang des Weges und an sein Ende. Von beiden her wird der Ort, auf dem es steht, in seinem Sinn bestimmbar, verständlich und darum, wie er auch sei, erträglich. — Auf die große Rede Moses folgt das Lied „Lauschet ihr Himmel" (32,1—43),. das Hohelied der göttlichen Gerechtigkeit, das in solcher Weise mit dem Volke Schule hält. * Von den beiden Prophetenstücken schließt sich das eine an den Wochenabschnitt an und zählt zu den sieben Trostreden zwischen dem neunten Ab und dem Neujahrstag; das andere ist von den zehn Tagen der Umkehr bestimmt, in denen es gelesen wird. Das erste ringt um Heil und Recht Jerusalems, nicht bei den Völkern, sondern vor dem Gott dei Geschichte, wohl aber im Angesichte und als Beispiel der Völker. Der Bund, in dem Israel steht, verbürgt seine Zukunft nicht. Hier gibt es keine Sicherheit, kein Beruhigtsein: „Den ganzen Tag, die ganze Nacht, nie sollen sie schweigen: Dir Gottes Mahner, für euch gibt's keine Ruhe! Und keine Ruhe laßt Ihm, bis er gründet, bis er einsetzt Jerusalem zum Lobpreis auf Erden!" (Jes. 62,6—7). Israel ist nicht zu fordern gewohnt. Aber es lebt in ihm die nicht zu erschütternde Hoffnung, daß es sein Geschick nicht vergeblich trägt, daß sein Wirken Sinn hat: daß, wie das zweite Prophetenstück verkündet „Gottes Wege (und das sind die Wege der Geschichte) gerade sind; die Gerechten wandern darauf, die Abtrünnigen kommen zu Fall" (Hosea 14,20). Und es ist nicht zu klagen gewohnt, weil es die Gründe des Geschehens nicht im Draußen, bei den Mächten und den Machthabern sucht, sondern — mag es den Historikern der Mächte und den Mächten selber unverständlich sein — im menschlichen Herzen. Wie es den Hang zum demonstrativen Leben (das ein beispielhaftes Leben zu zersetzen droht) im inneren Gemache des Glaubens bekämpft — „Zerreißet eure Herzen, nicht eure Kleider!" (in der gleichen Haftara, Joel 2,13) — so auch im Volksdasein und in der Menschheitsgeschichte. * Handelt das fünfte Buch des Pentateuchs von der Geschichte des Volkes und seines Führers, so bietet sich dem Juden, der Jahr um Jahr den Weg der Schrift mitgeht, Beziehung genug zu dem, was Volksglied und Volksgemeinschaft weit übergreift, und er ist vorbereitet genug, wenn er nun die großen „Tage der Erinnerung" feiern soll, in denen es um die Person als Menschheitsglied und um Menschengemeinschaft geht. Seine Erinnerung reicht hier, die engen Grenzen der Volksexistenz sprengend, zur Schöpfung der Welt zurück, und was er von der Zukunft (fürs eigene Volk erwartet, tritt zurück vor dem, was er für die Menschheit erhofft. Erst die Fähigkeit, das Eigenste vor dem Umschließenden und Gemeinsamen zurückzustellen, gibt Israel — und jedem Volk! — das Recht zu der Beschränkung, die das Schicksal vormessianischer Geschichte ist. Ohne Volk und Völker gibt es keine Menschheit, aber auch kein Volk ohne die Menschheit. Dies ist nicht ein Luftbild schwärmerischer Phantasie, sondern ein Glaube an sie als die Wurzel des Volkes und als seine Vollendung. Als Wurzel: Die biblischen Stücke, die an den zwei Neujahrstagen gelesen werden, sprechen von der Magd Hagar, die von Abraham verjagt, in der Wüste die Stimme Gottes hört, daß sie zur Stammutter der Ismaeliter ersehen ist (I. B. M. 21,9—21). Sie sprechen von Abraham, der bereit ist, mit seinem Sohne die Zukunft seines Stammes zu opfern — um dem Herrn der Stämme und Welten zu gehorchen (I. B. M. 22). Sie sprechen von der gequälten und mißverstandenen Hanna, die zur Mutter Samuels wird, der die Volkskönige salbt (I. Sam. 1). Sie sprechen davon, daß das Volk nach Zion zurückkehrt, weil Gott die Stimme einer Mutter — Rahel — erhört hat (Jer. 31,1—19). Sie sprechen also von dem, was vor dem Volke war, von der Wurzel, aus der immer neu ein Volk ersteht: vom Menschengeschöpf, von der Mutter. Und als seine Vollendung: Im Kernpunkte der Liturgie steht die Alenu-Hymne, die vom Kommenden spricht. Um was betet - der Fromme, was ersehnt er? Die Welt wird geordnet für das Reich des Allmächtigen, alles Fleisch ruft Seinen Namen, die Frevler der Erde kehren sich zu Ihm, alle nehmen sie Sein Joch auf sich und König wird Gott über die ganze Erde. Die Zukunft des Volkes vollendet sich in der Zukunft der Menschheit. Israel bewahrt als Volk die Elemente, aus denen die Menschheit erwächst. Es leidet auf seinem Wege durch die Geschichte an dem Auseinanderfallen von Volk und Menschheit. Zwar kunnt es Zeiten der Annäherung, und mehr noch Zeiten der Scheinnähe. Aber seine Erlösung wird nicht kommen, bevor nicht die Welt erlöst ist. „Jiddisch", die Sprache der Ostjuden Von Prof. Dr. Heinrich Loewe Als in den Jahren 1496—1499 der niederrheinische Ritter Arnold von Harff eine Pilgerfahrt unternahm,'die ihn von Köln durch Italien, Syrien, Aegypten, Arabien, Aethiopien, Nubien, Palästina, die Türkei, Frankreich und Spanien führte, fand er deutsch sprechende Juden an vielen Orten seiner Wanderfahrt, und der fromme Bittersmann, der überall die heiligen Stätten "besuchen wollte und gewiß zu den Juden keine Zuneigung fühlte, erzählt in seinem hochinteressanten Reisebericht an seinen Landesherrn, den Herzog Wilhelm von Jülich und Berg und dessen Gemahlin geborene Markgräfin von Brandenburg, daß er nicht-bloß in Jerusalem deutsche Juden gefunden hat, sondern daß er auch sonst in allen heidnischen und türkischen Städten mit jenen um der Sprache willen oft Gesellschaft halten mußte1). Zehn Jahre früher (1486) hatte der Ritter Grünemberg eine Pilgerfahrt ins Heilige Land unternommen. Mit dem Grafen Siegmund von Lupfen durchwanderte er die Straßen von Jerusalem. Als wäre es so ganz selbstverständlich, erzählt er in seinem. Reisebericht: „Nahmen mit . uns einen jungen Juden,-; .der beides, deutsch und heidnisch, wohl konnte, und gingen in;fdie Stadt hinein". Am Freitag darauf hatte er wieder einen, andetn Juden auf seiner Herberge, „der gut deutsch und heidnisch konnte". . l) ind ouch sus in allen heydenschen /iind turdcsdien, Steden,- dere mit idi dude gesellsdiaff woist, halden vmb der spraidien wiL ...