Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 2 (10.1933)
- Date
- 1933-10-01
- Page
- Seite 48 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 48 daß diese Triebkraft ■■ der sittlichen Welt in unserer Begriff swett fehlen könne. Das Gott es reich ist derjenige Begriff, der alle die sittlichen Motive in sich faßt, welche im modernen Begriffe der Gesellschaft ■-wirksam werden. Das Gottesreich ist der Begriff, äus dem erst 4er Begriff der Gesellschaft seine innersten Kräfte gesogen hat. ~ In gewaltigen Gegensätzen ringt sich, wie alles Begriffliche, so auch alles Religiöse empor; und nur in Gegensätzen vermag es sich durchzuwirken. So vereinigt der einzige Gott die Gegensätze der Gerechtigkeit und der Liebe in sich. Und so vereinigt der Mensch in seinem Verhältnis su Gott die Gegensätze der Liebe und Ehrfurcht in sich. Ein Psalmenwort spricht dies in Lauterkeit aus: „Denn bei dir ist die Vergebung, auf daß du gefürchtet werdest" (130,4). Nicht als der Gott der Strafe und der Heimsuchung wird Gott gefürchtet, sondern als der Gott der Liebe und der Vergebung. Solche Einigkeit der Gegensätze, welche Gott und Mensch bilden, vollzieht das Problem der Versöhnung, wie es das Judentum in der Grundverfassung seiner Religion darstellt. Die Versöhnung des Menschen mit Gott bleibt das ewige Problem und die stete Aufgabe des Bekenners der jüdischen Religion. Die Gegensätze bleiben und sollen bleiben; sie werden in der Versöhnung nicht etwa zur pantheistischen Aufhebung gebracht: wohl aber zum Ideal ihrer Wechselwirkung. Das Grundelement der gesellschaftlichen Gegen-- Sätze unter den Menschen bildet der Unterschied von arm und reich. In demselben Kapitel, gleichsam in einem Atem, sagt das Deuteronomium: „Denn es wird nicht aufhören der Arme inmitten des Landes" (15, 11). Aber vorher: „Nur daß bei dir kein Armer sein wird" (15, 4). Der leitende Gedanke, nur daß bei dir kein Armer sei, setzt sich in die Zuversicht um, welche seine Wirklichkeit annimmt. Wie sehr dieser Gegensatz das Deuteronomium beherrscht, wird an der veränderten Fassung erkennbar, welche in ihm dem Sabbatgesetze gegeben wird. Der Schöpfungsgedanke aus dem zweiten Buche tritt hier zurück gegen die Begründung: „Auf daß dein Knecht und deine Magd ruhe wie du selbst . . . Darum hat dir der Ewige, dein Gott, geböten, den Sabbattag zu halten" (5, 14, 15). In der Ruhe von der Lohnarbeit soll dieser härteste Gegensatz unter den Menschen geschlichtet. werden. Und bedeutsam tritt hier dasselbe anspruchsvolle Wort: „wie du selbst" auf, das in dem Gebote der Nächstenliebe erdacht worden war. Hier kommt der soziale* Gesichtspunkt, zu unmittelbarer Evidenz. Daher könnte man in Analogie «u dem kühnen Gedanken Ben Asäis das Sabbatgesetz wegen dieser seiner weltgeschichtlichen Aktualität sogar über das Gebot der Nächstenliebe stellen wollen. Denn dieses Gebot bleibt doch immer die Abstraktion eines Affektes, und der Affekt ist ein unsicherer Wegweiser. Mit der Liebe kann die sittliche Ebenbürtigkeit der Menschen nicht zuverlässig begründet, der Begriff des Menschen nicht unzweideutig bestimmt werden. Eine gleiche Befreiung von der. Arbeit dagegen bringt ein gleiches Maß in das menschliche Getriebe. So vertritt der S a b b a t das Ide,al der Einheit der Menschen in der Ausgleichung dieser Grundgegensätze aller Menschengeschichte. Einen weiteren Gegensatz bilden die V ö 1 k e r und die Menschheit, und er wird scheinbar noch verschärft: 1-8xSi-e 1 trägt als seinen Beruf die Erwählung zur Verbreitung des Gottesglaubens: ein einzelnes Volk tritt damit in einen Gegensatz zur gesamten Menschheit. Aber der Gegensatz soll auch hier nur /zur Einheit führen. Dies einzige Volk soll zur Menschheit werden, sofern es seinen Beruf erfüllt: die Einheit Gottes über die ganze Menschheit auszubreiten. Die Menschheit, die einig den einzigen Gott bekennt, soll das Vaterland des einzigen, zur Verbreitung des Gottesghxubens erwählten Volkes werden. Das ist keine neue Weisheit für uns, geschweige, daß eine Polemik sie erweckt hätte. Durch unsere Philosophie, die zugleich unsere Glaubenslehre ist, ist sie längst entdeckt worden. Der Begründer der jüdischen Philosophie, der GaonSaadja schon hat es im 9. Jahrhundert ausgesprochen: „Unsere Nation ist nur Nation durcf ihre Lehre." Nur der Lehre wegen sind und bleiben wir Nation; aber der letzte. Sinn und Inhalt unserer Lehren ist die Unterwerfung der Nation unter die Menschheit. Kein Höhepunkt unserer Religion ist in den" neueren Zeiten zu solcher Anerkennung gekommen wie der Begriff des M es - siänismvls. Und dennoch fehlt noch viel daran, "daB ^däs Verständnis dieser " Idee und des Gegensatzes in ihr völlig durchdrungen wäre. Unser großer Philosoph Maimonides, in allen Beziehungen der weise und kläre Führer unseres Ratio nalismus, hat auch hier die Richtung vorgezeichnet: indem er die Zukunft (athid labo) unterschied vom Jenseits (olam haba). Der Messianismus wird erst dann völlig verstanden werden, wenn vom Begriffe der messianischen Zukunft jeder Jenseitssinn abgetrennt sein wird. Die Zukunft, welche die- Propheten im Symbol des Messias vorzeichnen, ist die Zukunft der Weltgeschichte. Sie ist das Ziel, sie ist der Sinn der Geschichte, welche den Gegensatz bildet aur Geschichte in ihrer isolierten Wirklichkeit. Und die Menschen selbst sind es, welche dieses Zeitalter des Messias herbeizuführen haben. Das Ideal des menschlichen Daseins, der Individuen, wie der Völker,^ die Zukunft des Messias müssen die Menschen der Kultur , erst denken und ersehnen lernen in der Zukunft des Menschenge- 8 c h 1 e c h t s: Die Verwirklichung der Sittlichkeit auf Erden, ihrer Aufgäben und ihres ewigen Zieles, dies und nichts anderes bedeutet uns die Idee des Messias. Dem geschichtlichen Leben der Menschen und der Völker, ihrem Recht und ihren Staaten gibt die Idee des Messias die neue Verfassung des ethischen Ideals. Das Reich des Messias, das ist das Gottes« reich. Nicht ein persönlicher Herrscher ist der Messias in jener Zukunft, nicht ein Heros, aber der Geist Gottes ruht auf ihm, und er bringt den Völkern das Recht. In den Tagen des Messias erhoffen wir die Aufrichtung des Gottesreiches, in dem Gottes Herrschaft allein die Wirklichkeit bestimmt. Wie sehr immer unser ältestes Schrifttum bereits die Stiftung von Recht und Gesetz, und so die Anerkennung des Staates klar und. tief begründet hat, so weist doch über alle Rechte, Gesetze :und„ Staaten der Wirklichkeit hinaus die Staatsidee der messianischen Zukunft. Diese Bedeutung hat das Gottesreich als das Ideal der Weltgeschichte. Und dieses Ideal ist im strengsten Sinne das ethische! Ideal, Wie sehr immer die Propheten mit ihrer poetischen Phantasie den Näturfrieden im Völkerfrieden besingen, und der Psalmist auch die Unschuld der Lebensfreuden in dieses Zukunftsbild hineinwebt, so hat auch hier wiederum Mäim.o n ides vor der Gefahr des EudämoniSmus gewarnt. Niehl ein Schlaraffenland, nicht ein Utopien sollte den geschichtlichen' Begriff der messianischen Zeit entstellen;' aber allerdings: fordert er mit Klarheit die unerläßliche Bedingung: daß die Bedürfnisse) des materiellen Lebens den Pflichten der geistigen, Kultur keine Hemmung mehr bereiten dürfen. So wird , in unserer Glaubenslehre das soziale Problem in aller seiner Schärfe wohl erkannt und aus dem ethischen Schwerpunkt heraus gelöst. _ Kann es noch bezweifelt werden, daß dieses messianische Reich, das Gottesreich, der Leitstern der Sittlichkeit für alles natürliche, für alles geschichtliche Dasein der Menschen und: der Völker ist? ' ■ Die Sozialität ist aus der Sozietät entstanden: beide , aber setzen nur das Verhältnis von Mensch zu Mensch voraus. —% Bei dieser Voraussetzung bleibt das jüdische Denken nicht stehen: ihm ist der Brennpunkt für alle Verhältnisse der Menschenuntereinander doch überall und immer der einzige Gott. Ein Wort, welches der Gesellschaft .entspringt, mithin dem bloßen Verhältnis von Mensch zu Mensch, ein solches; Wort könnte unser religiöses Gefühl für.Staat und Gesellschaft, nicht befruchten. Unser religiöses Denken und Fühlen bewegt, im letzten Grunde beständig der Gedanke, der Glaube an das Gottesreich als den Zweck der Weltgeschichte, den kein Zeitalter und keine Verirrung vereiteln- und vernichten kann. Unsere Ethik ist sozial, weil und sofern sie messiänisch ist. Und die Bezugnahme unserer Ethik auf das soziale Leben ist begründet in der Urkraft, welche das Gottesreich über'alles Tun und Streben des Juden ausstrahlt. So erklärt sich auch die rabbinische Bestimmung, daß bei: dem Ausrufen des Bekenntnisspruches „Höfe Israel" im einzigen Gotte zugleich mitgefühlt werden soll der-Wille zur Hingabe des Lebens an ihn. Und diese Hingabe muß nicht allein die des Martyriums sein, sondern ebenso innig die . Durchdringung aller menschlichen Aufgaben und Geschicke mit dem Gedanken: Gott und sein Reich.