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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-09-01 · 1 (9.1933) · p. Seite 31

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
1 (9.1933)
Date
1933-09-01
Page
Seite 31 (sequence 33)
Language
German
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Seite 31 leben. Sie will ihren Platz finden, an dem sie leben kann. Und sie weiß, daß für sie nur in Palästina Platz und Lebensmöglichkeit ist. — Es genügt auch durchaus nicht, daß jeder Lehrer sein jüdisches Spezialgebiet hat, auf dem er gut beschlagen ist. Das ist zu wenig; Wenn der jüdische Lehrer ein Führer sein will, dann muß er, das ist unbedingte Forderung, in der jüdischen Gemeinschaft eine Rolle spielen. Er muß Kontakt haben mit den Jugendbünden und ihrer Arbeit. *Nur dann wird er auch den Weg zur Jugend finden. Andernfalls wird er niemals der Aufgabe gerecht werden können, die die jüdische Schule in Deutschland heute zu lösen hat. Und diese Aufgabe lautet: Eine Jugend zu erziehen, die sich ihrer Vergangenheit bewußt ist, die die Gegenwart mit Würde trägt und die an der Gestaltung einer besseren tZaikunft tätig mitarbeitet. Fritz Saalberg Rationale Gesinnung „Denken ist Graben und mit einem Senkblei messen. Viele Menschen haben keine Kräfte zum , Graben, auch andere keinen Mut und Gewohnheit, das Blei ins Tiefe sinken zu lassen.*' R. a h e 1. Man konnte in den vergangenen Jahren von Jungens und Mädels immer wieder gefragt werden: warum lernen wir „das alles'" eigentlich? Kam die Frage nun aus einer persönlichen Lernmüdigkeit oder war sie Ausdruck einer allgemeinen „B i 1 d u n g s k r i s e", gleichviel: der Schüler beruhigte sich schließlich mit irgendeiner Antwort, etwa der, daß man doch nicht nur um eines engen Berufsziels willen lebe oder daß „Wissen gleich Macht" sei oder was dergleichen mehr war. Mit den Ereignissen der letzten Monate aber scheinen diese Frager, soweit sie junge Juden waren, mit ihrer Kritik des „Bildungsballasts" zuletzt doch Recht behalten zu haben. Nicht nur diejenigen, die nach Erez Jisroel wollen, geben jetzt notgedrungen das Ziel irgendeines „hö'heren" Berufs auf, und viele stellen sich entsprechend auf ein kleinstes Maß von geistiger Arbeit ein, weil man mit „Bildung" angeblich ja doch nicht weiterkommt. Ja, manche glauben gar, Bildungsflucht und Primitivwerden nach gewissen Vorbildern sei jetzt Anstandspflicht jedes jungen Menschen überhaupt. Ich möchte hier beileibe keinen Werbefeldzug für eine Schule der Wissenshäufung unternehmen. Auch über das „Wesensjüdische" unserer Schulen hat man Bedeutsames von berufenerer Seite gehört. Ich sehe eine wichtige Aufgabe unserer Erziehung darin, daß wir unsere geistige Wachheit und kritisch« Bereitschaft, die uns Juden Tag um Tag als ^Intellektualismus" vorgeworfen wird, gerade in diesem Augenblick bewahren. Leben, das sich selbst genug ist, reine Vitalität, die Rasse als ein Wert oder Unwert schlechthin, die Entwertung des Verstandes als etwas Zersetzendes: dies sind heutige Gedanken, und sie beginnen bereits merklich, bei uns selbst und besonders in unsrer Jugend heimisch zu werden, so daß man sich manchmal fragt: Wollen wir in unserer eignen Mitte nicht mehr leisten, als das zu wiederholen, was uns fremd sein will? Der Schüler muß erkennen, daß ihm und uns allen eine neue Assimilation droht. Es ist jüdische Tradition, den mutigen Gebrauch des Verstandes nicht als etwas „■Dekadentes" abzulehnen. Religion und Rationalität waren bei uns nie Gegensätze; selbst unsere Mystik besitzt einen rationalen Unterbau. Bei uns wird „gelernt", wo anderswo geglaubt wird. Beispielsweise mußten im Mittelalter die jüdischen Kinder bei der Einschulung eine honigbestrichene Lesetafel ablecken, um so sinnbildlich die Süße der Lehre und des, Lernens zu schmecken. Die jüdischen Wissenschaftler unserer Zeit seien in unseren Schulen Vorbilder der geistigen Selbständigkeit und eines Ethos des Denkens; sie erfüllen so eine bessere Aufgabe, als wenn sie zu ohnmächtigen Versuchen herhalten müssen, unsere kulturelle Gleichberechtigung im gegenwärtigen Deutschland zu ^beweisen". Kritik und zugleich Verstehensbereitschaft sine ira et studio, selbst für diejenigen, die heute gegen uns handeln, wird besonders Aufgabe des Geschichtsunterrichts sein. Er wird sich bei uns eine selbständige Bewertungsgrundlage, besonders für die Geschichte des 20. Jahrhunderts, zu schaffen haben. Das Hebräische ist uns durchaus keine fremde Sprache, aber wir müssen uns bewußt halten, daß sie in diesem Augenblick noch durchaus als Fremdsprache im pädagogischen Sinn an den Schüler herantritt. Bei bestem jüdischen Aufbauwillen kann sie daher noch nicht der erzieherische Mittelpunkt einer jüdischen Schule sein, wenn wir ihr auch im Stundenplan den ersten Platz einräumen würden. So selbstverständlich diese Tatsache scheinen mag, so notwendig ist es, sie in der heutigen Diskussion einer totaljüdischen Schule zu betonen, in der gelegentlich das Deutsche fast den neueren Fremdsprachen unterrichtlich gleichgestellt wird. Ist schaffende Teilnahme an der deutschen Kultur uns auch versagt, so ist doch — und das ist der elementare Widerspruch in der heutigen jüdischen Erziehungssituation — für uns die deutsche Sprache augenblicklich noch immer das Organ unseres Ausdruckswillens und unserer inneren Selbstverständigung. Damit soll nur gewissen Selbsttäuschungen die wirkliche pädagogische Lage entgegengehalten werden. Ob es eine spezifisch jüdische Unterrichtswissenschaft geben kann, bleibt vorläufig Problem. Solange es nicht gelöst ist, müssen wir jüdischen Lehrer in engster Verbindung vor allem mit der pädagogischen Psychologie in Deutschland bleiben. Das Studium fortgeschrittener Gedanken, wie beispielsweise der über „Entwicklungsgemäßen Schaft'ensunterricht" (Elsa Köhler), zeigt, daß in diesen Gebieten vorerst jede Sonderung des Jüdischen abwegig wäre. In palästinensischer Zeit bildeten wir mit unserem reinen, „aufgeklärten" Gottesglauben inmitten naturgebundener Völker eine Enklave. Heute; wo man zu neuer mythischer Bindung zurückstrebt, sind wir in einer ähnlichen Lage. Wir wollen keine Gelehrten erziehen, — wozu auch? Wir müssen sogar Mut fassen zu einem planmäßigen Abbau der Stoffmasse, die, trotz aller Warnungen in den letzten Jahrzehnten, noch immer das Pensum ausmacht. Wenn der jüdische Stoff jetzt noch größere Bedeutung bekommt — und das soll er —, dann muß auf anderen Gebieten rücksichtslos, aber mit Ueberlegung gestrichen werden. Mit der Stoffbeschränkung aus pädagogischen Gründen aber muß sich eine rationale Gesinnung verbinden, die überall da, wo wir überhaupt ein Urteil abgeben, ihren Ausdruck findet. Sie darf nicht mit Wissenschaftsbildung verwechselt werden. Wille zur Objektivität ist ihr eigen, aber nicht die tote Objektivität des Stubengelehrten, sondern eine lebendige Sachlichkeit, die mit der Selbstprüfung immer wieder beginnt. Mit solcher rationaler Gesinnung erfüllen wir eine Pflicht an unserer Vergangenheit und schaffen für die Zukunft der jungen Generation eine Grundlage, auf der sie ohne Illusionen sicher stehen kann. Behalten wir, wo und wie wir auch unser Tagwerk verrichten, die Worte im Bewußtsein, die Martin Buber vor 22 Jahren sprach: „Dies ist die Gefahr, die dem jüdischen Volke droht: daß es das Leben des Geistes verliert." Kurt Bergel Ansichten eines Schulmannes Der gegenwärtige Augenblick ist wegen der völlig verhüllt vor uns liegenden Zukunft gänzlich ungeeignet, irgend etwas Bestimmtes über Sein oder Nichtsein der jüdischen Schule zu sagen. Zwar ist die alte Frage „Simultan- oder Konfessionsschule" durch die Vorgänge der letzten Monate stark zugunsten der letzteren entschieden worden. Aber niemand weiß, ob, wenn die Entwicklung weiter in .dieser Linie verläuft, die Gemeinden wirtschaftlich imstande sein werden, die bestehenden jüdischen Schulen zu erhalten, geschweige denn, neue zu gründen. Wenn trotzdem der Herr Redakteur dieser Blätrer eine Aussprache über das Thema und dazu meine Meinung wünscht, so fällt es auf ihn, wenn Entscheidendes und eigentlich Neues nicht zutage gefördert wird. „Die wahre Armut ist die Geistesarmut." Dieses jüdische Wort erhellt die Bildungsbeflissenheit unserer Gemeinschaft. Deshalb empfinden wir jede Erschwerung des

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