Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 1 (9.1933)
- Date
- 1933-09-01
- Page
- Seite 16 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3094266-3094399-3094400--3728-3098507- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 16 der Gemeinde zuzuführen, die ihrerseits die Zinsen der Zentrale für wohltätige Zwecke im Sinne der betr. Verfügungen zu überweisen hätte. Hier gilt es, ein großes Werk durchzuführen, das der Allgemeinheit und jedem einzelnen Gemeindemitglied zugute kommt. Andrerseits gibt es natürlich auch jüdische Wohlfahrtseinrichtungen, deren Fortbestand unbedingt erforderlich ist, aber durch die weite Verzweigung und die Verteilung auf so viele Einrichtungen fließen ein großer Teil der Spenden und Beiträge nicht an die Stellen, die sie unbedingt zur Aufrechterhaltung ihres Betriebs benötigen. Viele unserer Glaubensgenossen haben ihre Zuwendungen auf Grund der Wirtschaftslage und behufs Einsparungen gerade den jüdischen Wohlfahrtseinrichtungen ganz oder teilweise entzogen. Ist nicht jetzt der rechte Augenblick gekommen, alle daran zu erinnern, daß sie ihre -Zugehörigkeit zum Judentum nicht besser bezeugen können, als Einkehr bei sich selbst zu halten? Gilt es nicht, die Aermsten unter uns vor der Verzweiflung zu retten? Anstandsregeln Ein eifriger Leser des Gemeindeblatts beanstandet in einer längeren Zuschrift, daß sich Leute auf dem Wege zur Synagoge ihr Gebetbuch in Papier einwickeln und dann im Gotteshaus auspacken, daß andere ihren Zylinder „als Handgepäck" mitnehmen und wieder andere, die keinen .Zylinder besitzen, mit hellfarbigen Hüten erscheinen. Alles dies entspreche gerade in der jetzigen Zeit nicht der auch im äußeren Auftreten gebotenen Würde. Literarische Rundschau Die Judenfrage Offener Brief an Gerhard Kittel.1) Sie haben mir, werter Herr Kolleg«. Ihre Schrift über die Judenfrage2) gesandt. Aus dem Brief, der sie begleitete, und aus dem Text selber (S. 67 f.) -ergibt sich mir. daß Sie zwar nicht hinsichtlich all Ihrer Urteile über das Judentum und Ihrer Einzelforderungen für dessen Behandlung, wohl aber im Wesentlichen, hinsichtlich der glaubensmäßigen Grundhaltung also, in einem Einvernehmen mit mir zu sein meinen. Dem muß ich — da auch das von Ihnen öffentlich Geäußerte in diese Richtung weist, auch öffentlich — widersprechen. Zu Ihren Urteilen und Forderungen brauche ich nichts zu sagen. Es sind die herrschenden. Ich erfuhr aus Ihrer Schrift — was ich bis dahin nicht wußte und nicht ahnte —, daß es auch die Ihren sind: daß sie z. B. dafür halten, .,der Angehörige des fremden Volkes" habe ..in der deutschen Literatur nichts zu suchen", er möge daher. ,.will er Schriftsteller sein", „in einer für seine Glaubens- und Volksgenossen bestimmten, deutlich als jüdisch markierten Literatur sich ergehen", wobei, wenn sein Buch „von einem über jenes Volkstum hinausgehenden allgemeinen literarischen Werte" sei. „gewiß nichts im Wege" stelle, ,.daß es auch von Deutschen gelesen wird, so gut wie schwedische und französische Literatur übersetzt und von uns gelesen wird". Sie und die Oeffentlichkeit werden hoffentlich verstehen, daß ich dazu und zu allem, was in Ihrer Schrift hierhergehört, nichts zu sagen habe, zumal Sie einleitend (S. 8) Ihre Absicht dahin kennzeichnen, „dem Kampf gegen das Judentum eine christliche Sinrideutung zu geben". Aber die Pflicht des Gegenspruchs fällt mir zu, sowie Sie für diese Sinndeutung auch die Mitwirkung von Juden erwünscht heißen, der Juden nämlich, die wie ich eine Glaubenserneuerung des Judentums erwarten. Für diese sei dies das Problem (S. 66 f.): „ob es möglich sein wird, in dem die Fremdlingschaft bejahenden Judentum eine lebendige Religion zu erwecken". Das „echte Judentum der Zukunft" sei jenes, das den ..Gehorsam unter die Fremdlingschaft" übe. Was Sie aber unter „Fremdlingschaft" verstehen, erhellt daraus, daß Sie als Ihre Antwort auf die Frage, was mit dem Judentum zu geschehen habe, angegeben hatten (S. 13), man solle „entschlossen l) Berediiigier Nachdruck aus: Theologische Blätter, lahrg. 1953 Nr. 8. z) Die Judenfrage. Von Gerhard Kittel, Professor der Theologie in Tübingen. Verlag von W. Kohlhammer, Stuttgart 1935. 78 S. Preis RM. 1.20. und bewußt die geschichtliche Begebenheit einer ,Fremdlingschaft' unter den Völkern wahren", und was Sie unter dieser Wahrung verstehen, im Folgenden (S. 39 f.) angegeben hatten: das „Recht des Gastes" müsse „allerdings in aller Deutlichkeit gegen das des Bürgers abgegrenzt sein", der Jude müsse „alle Ansprüche auf staatsbürgerliche Gleichberechtigung" aufgeben; wenn er „ein anständiger Gast" sein würde, könnte „vielleicht dann einmal eine Zeit kommen", in der er nur noch „relativ geringer" und nicht mehr „absolut minderwertig" erschiene. Mit dem „Gehorsam unter die Fremdlingschaft", der einem gläubigen Judentum eignen müsse, meinen Sie also, daß es eine Diskriminierung und „Diffamierung" '(R. Bultmann, ThBl 1933 Sp. 166) des Judentums gläubig anerkennen, daß es sie somit nicht bloß als Gottes gerechte Schickung, sondern auch als der Menschen gerechte Tat betrachten solle. Sie setzen somit voraus, daß das, was Sie unter Fremdlingschaft verstehen, identisch sei damit, was Gott, dem wir unseren Gehorsam schulden, darunter versteht. Aber dem ist nicht so. Was Gott unter Fremdlingschaft, richtiger: unter Gastsaßsentum ( ist der Mann, der in einem Lande „gastet") versteht, ist aus dem Pentateuch eindeutig zu erfahren. Mit außergewöhnlichem Anruf wird die Gemeinschaft ermahnt (Num 15, 16; vgl. Lev 24, 22): „Versammlung! / Einerlei Satzung sei für euch und für den Gastsassen der gastet, / Weltzeit-Satzung für eure Geschlechter: / gleich ihr, gleich sei der Gastsasse vor JHWH, / einerlei Weisung und einerlei Recht / sei für euch und für den Gastsassen der bei euch gastet." Also keine Diskriminierung! Aber es geht nicht um Recht allein; es geht auch um Liebe. „Wenn ein Gastsasse bei dir in eurem Lande gastet, / plackt ihn nicht, / wie ein Sproß von euch sei der Gastsasse, der bei euch gastet, / halte lieb ihn, dir gleich, / denn Gastsassen wart ihr im Land Aegypten" (Lev 19,33 f.). Und deuteronomisch gesteigert nochmals, das „Lieben" nicht mehr bloß in dativischer Form, als Liebeserweisung, sondern auch in akkusativischer, als Liebesempfindung, in heiliger Paradoxie gebietend: „Denn JHWH euer Gott, / er ist der Gott der Götter, der Herr der Herren, / die große, die heldische, die umschauerte Gottheit, / er der Ansehn nicht gelten läßt und Beschenkung nicht annimmt, / der der Waise und Witwe Recht schafft, / der den Gastsassen liebt, ihm Brot und Gewand zu geben. / So liebet den Gast, / denn Gastsassen wart ihr im Land Aegypten." (Deutn 10, 17 ff.) Es gehört zur biblischen imitatio Dei, den Gastsassen zu lieben: Gott liebt ihn, den Ungesicherten, so liebt ihn denn ihr auch! Und die Rezeption reicht bis in das Mysterium gemeinsamer Erlösung: vom Sühnopfer, das von der Gesamtheit um einer „Irrung" willen dargebracht wird, heißt es (Num 15, 26): „Verziebn wird aller Gemeinschaft der Söhne Israels / und dem Einstimmig ist das Urteil über S5010*12 50 blNCEL vSK^^^^^*^*- ■^^^ü?5^*' ^PPPPP^'"* Der schönste deutsche Herrenschu 'Uber 1000 deutsche Schuhhöndler führgn Lingel