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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-09-01 · 1 (9.1933) · p. Seite 15

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
1 (9.1933)
Date
1933-09-01
Page
Seite 15 (sequence 17)
Language
German
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Seite 15 schalten der Welt prägten sich darin ein, keine Listen und Unehrlichkeiten fanden darin Platz, denn er wollte nichts von der Welt, als das Buch, dem er seine Kräfte weihen durfte und in dessen reinen Geist er sich versenken konnte. Eines Tages war der alte Mann gestorben, und niemand merkte es, daß er nicht mehr an seinem Fenster über der Buchrolle saß. Da aber hörten Vorübergehende aus dem Haus die Klage einer Frauenstimme, und als sie eintraten, da sahen sie zu Häupten des ärmlichen Lagers eine edle schöne Frauengestalt sitzen in weißen Gewändern, die hielt den greisen Kopf des Toten auf ihrem Schoß und rang die Hände über seinem hageren stillen Gesicht und bog das Haupt und weinte und klagte: „0 mein Beschützer! 0 mein Wohltäter! Wehe ich Verwaiste!" und sie zerriß den Schleier um ihr stolzes und schönes Angesicht und raufte sich die Haare in tiefem Schmerz und ihr Jammern erfüllte die Luft. Da liefen alle Leute des Dorfes zusammen, und als sie die vornehme Frau um den Toten klagen sahen, beeiferten sie sich, ihm zu dienen und ihm alle Ehren zu erweisen, und als sie ihn zu Grab trugen, ging ein großes Geleite mit. Aber dicht neben der Bahre ging immer die schöne klagende Frau. Die Leute aber wunderten sich und sprachen unter einander: „Was hat der arme alte Mann der vornehmen Frau für Wohltaten erweisen können, was hat er ihr gegeben, daß sie so um ihn klagt?" Da wandte die Frau ihr Angesicht und sprach: „Was er mir gegeben hat? Sein Herz hat er mir gegeben in aller Unschuld, sein Leiben hat er mir gegeben in aller Reinheit, seine Begierden hat er mir gegeben und hat sie an meinem Quell gestillt in aller Lauterkeit, seine Güte hat er mir gegeben, mir und keiner sonst. Niemand hat mich so rein geehrt wie er, soll ich nicht um ihn klagen? Ich bin Ghagiga, der er sein Leben geweiht hat, so daß er neben mir keine andere Lust begehrt hat. Nun ist er dahin. Wehe ich Verlassene! Wehe ich Verwaiste! 0 mein Beschützer, mein Wohltäter, .mein Frexind, mein Geliebter!" Da sahen alle, wie still und demütig das Leben des Alten gewesen war, und sie trauerten um ihn und stimmten ein in die unendliche Klage der Frau. Als das Grab geschlossen war, verschwand die Frau, und ihr Weinen verklang. Aber die Leute im Dorf vergaßen nie das wunderbare Begräbnis, wo Cbagiga in Menschengestalt erschienen war und um den Mann weinte, der ihr sein Leben lang in Treue gedient hatte. Würde Ein alter König war ins Unglück geraten, Thron und Macht hatte er dahin gegeben, den treusten Ratgeber, der ihn davor gewarnt, hatte er im Zorn verstoßen. Nun, da über dem Greis sich alles Unheil zusammenzuballen scheint, naht sich ihm in Knechtsgestalt verkleidet und von ihm unerkannt der treue Diener, und als der entthronte König ihn fragt, ob er ihn kenne, erhält, er die Antwort, daß in dem Wesen des alten Mannes ihm etwas zu liegen scheine, was er gerne „Herr" nennen möchte, und das sei seine „Würde". Die Geschichte wird in einem alten, wenig bekannten Drama erzählt, das an vielen Stellen unklar und verworren erscheint und das reichlich unmodern ist, zumal manche Deuter aus ihm herauslesen wollen, daß es den Sieg der reinen Menschlichkeit und Liebe über Gewalt und Böswilligkeit schildere. Es finden sich in dem Werk immerhin eine Fülle verborgener Edelsteine, und dazu gehört auch die Szene, in der Kent gegenüber König Lear die Würde so überaus hochstellt. Es ist nicht leicht, Würde im Unglück zu bewahren. Ohne ruhmredig zu sein, darf man feststellen, daß in dem furchtbaren Unheil, welches übeT das deutsche'Judentum hereingebrochen ist, es sein schweres Schicksal im allgemeinen mit Ruhe und Würde getragen hat. Leider finden sich aber auch Ausnahmen. Wohl kein Teil der deutschen Juden ist durch den Umschwung der Verhältnisse so stark betroffen worden, wie die Mitglieder der freien Berufe. Sie alle — Aerzte, Architekten, frei schaffende Künstler jeder Art. Patentanwälte, Bücherrevisoren und nicht zuletzt die große Zahl jüdischer Rechtsanwälte — sind von einem Tag auf den andern vor eine vollkommen veränderte Situation gestellt worden. Die Grundlagen ihrer Existenz sind beseitigt oder tiefgehend erschüttert, und eine Fülle ungeahnten Elends ist über sie hereingebrochen. Das gilt nicht nur von den materiellen Beziehungen, sondern auch von der seelischen Basis. Nur schwer kann man sich ein Bild davon machen, wie es einem Mann ergehen mag, der in mühevoller Arbeit seinen Beruf ausgefüllt und an ihm mit Liebe gehangen hat und der ihm nun plötzlich valet sagen soll und damit nicht nur die Möglichkeit verliert, sich und seine Familie zu ernähren, sondern dem überhaupt der Weg genommen ist, seine Kräfte in irgendeiner Weise nutzbar zu machen. Die Folgen, die sich hieraus ergeben und die oft genug bis zur völligen Vernichtung des Daseins sich ausgewirkt haben, sollten jedem, der über die Dinge nachdenkt, gegenwärtig sein. Um so dringender ist es unsere Aufgabe, den Mitgliedern der freien Berufe, denen heute noch eine, sei es auch nur ganz begrenzte Möglichkeit zur Arbeit gewährt ist, beizustehen und sie nicht in den Zeiten wirtschaftlicher Not und seelischen Kummers treulos zu verlassen. Völlig unverständlich ist es, daß sich — wie wiederholt berichtet wird — in diesen Zeiten Juden finden, welche den jüdischen Männern, denen sie bisher ihr Vertrauen geschenkt haben, den Rücken kehren und daß sie dies Vertrauen plötzlich solchen Persönlichkeiten zuwenden, die noch so hervorragend in ihrem Berufe sein mögen, die aber dem Judentum grundsätzlich ablehnend gegenüberstehen. Der Gedanke, daß man auf diese Weise — um nur ein Beispiel zu wählen — bei Gericht seiner Sache eher zum Sieg verhilft, muß, wie jeder Verständige sich sagen kann, vollkommen ausscheiden, denn es ist bekannt genug, daß unsere deutschen Gerichte ohne Ansehen der Person un.l ohne Rücksicht auf die Frage, wer sie vertritt, rein nach sachlichen Gesichtspunkten ihre Entscheidung treffen. Jeder Boykott i^t verwerflich. Gerade das deutsche Judentum hat das stets betont und es hat sich zu dem Grundsatz bekannt, den der größte Frankfurter in die Worte gekleidet hat: „Hand wird nur von Hand gewaschen". Wenn aber jetzt aus allen möglichen Erwägungen heraus Juden gewissermaßen den Boykott jüdischer Angehöriger der freien Berufe betreiben, so schaden sie damit nicht nur den einzelnen, sondern sie vermindern die Lebensfähigkeit des deutschen Judentums und die Steuerkraft der ohnehin schwer belasteten Gemeinden. Sie nötigen die Wohlfahrtspflege zu erhöhten Ausgaben und sie nützen ihren eigenen materiellen Interessen dabei gar nichts. Vielleicht erinnern die unscheinbaren Worte, die Shakespeare dem treuen Kent in den Mur>d legt, sie daran, gerade in Zeiten der Not auf Würde zu achten. N. N. Zusammenfassung In einer längeren Zuschrift macht Herr A u g u s t M ayer (i. a. nachfolgende beachtenswerte Ausführungen: Die Vorstände der jüdischen Gemeinden die ohnehin in den Vergangenen Jahren schwer zu kämpfen hatten, sind jetzt vor noch schwerere Aufgaben gestellt. Die Frankfurter Gemeinde hat sich an eine größere Anzahl von Gemeindemitglieder wegen Gewährung von Darlehen gewandt, und es muß erwartet werden, daß Jeder, dem es irgendwie möglich ist, sein Scherflein beiträgt- Aber nicht allein auf diesem Weg soll unserer Gemeinde geholfen werden. Das jüdische Wohlfahrtswesen muß in viel stärkerem Maße als bisher konzentriert werden. Es ist sicher nicht im Sinne der Gründer der Vereine und der Stifter von Vennächtnissen, daß diese Gelder einfach brachliegen, andrerseits würden dieselben sicher heute ihr Einverständnis dazu erklären, die zusammengeschmolzenen Vermögen ~DIA12N-Puderbewahrt Ihren Liebling vor Wundsein.

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