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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-09-01 · 1 (9.1933) · p. Seite 14

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
1 (9.1933)
Date
1933-09-01
Page
Seite 14 (sequence 16)
Language
German
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Seite 14 Zwei Legenden Von Else Sdmbert-Christaller Der Knabe Jeremia Auf dem Hügel wiegte sich das silbern-grüne Geäst der jungen Bäume im Wind, durchspielt von Sonnenschein. Dort saß ein Knabe am Abhang und blickte starr in die leuchtende Ferne, — tief schwarz glänzte sein Haar, der Wind streute rosa Blütenblätter auf ihn herab von dem blühenden Mandelbaum unter dem er saß, aber er merkte es nicht, — nichts Lebendes schien an ihm, als manchmal ein tiefer Seufzer, der seine Brust hob. Zwei Landleute gingen vorbei, sie blickten zu ihm hin und flüsterten: „Geschlagen von Gott ist der Knabe, daß er die Einsamkeit sucht, seine Augen blicken und sehen doch nichts, und lautlos flüstert sein Mund. Es ist das «böse Geschlecht des Priesters Eli, dessen Söhne sich am Opfer vergriffen und an den Frauen, die in den Tempel kamen, und er wehrte ihnen nicht, ibis ihm der Mann Gottes verkündete: ausgerottet wird dein Geschlecht und keiner wird das Greisenalter erreichen . , . Furchtbar ist das in Erfüllung gegangen, als Saul zu Nob die Priester alle erschlug, weil Achimelech dem David zur Flucht geholfen hatte, und nur der junge Etojatar entrann und floh David nach. Mit David kam er zu Glanz und mit David ging er verloren, da nach dem Tod des Königs der Priester Zadok ihn vertrieb und hierher nach Anathot verbannte. Was ist von dem anächtigen Geschlecht geblieben? ein vaterloser Knabe, der in den Wald geht, anstatt zu arbeiten, der mit verzerrtem Angesicht hinüber -blickt, wo die Zinnen von Jerusalem erscheinen. Gott bewahre uns, zu sehen, was er sieht!" Sie gingen vorüber, die Steine des Weges rollten ' unter ihren FiLßen hinab, das Geräusch weckte nicht den Knaben. Wieder war Stille, die süße Stille des blühenden sonnigen Tages, das sanfte Wehen des Windes hob Wolken von Duft empor, die Bienen summten eintönig über der blühenden Wiese uDd manchmal blitzte ein Flügel im Sonnenlicht auf wie ein Edelstein. Da regte sich der einsame Knabe, sein Seufzen wurde ein Stöhnen, er rang die Hände. „Gott, Gott, deine Hand liegt schwer auf mir und läßt mir keine Euhe. Die Blumen möchte ich sehen, die aus der Erde sprossen, aiber vor meinen Augen erscheint es wie Blut und Leichen und grause Bilder künftiger Not. Nicht darf ich fröhlich sein mit ten andern Knaben, deine Hand hat mich gepackt, ich höre nicht den Klang der Flöte, sondern Kriegsgeschrei im tiefsten Frieden, und der Rauch von Mordbränden verdunkelt mir den hellsten Tag. Nicht dürfen meine Hände Arbeit tun, den Pflug führen, daß ich abends müd und zufrieden in meine Hütte trete, — voll Dornen und Disteln steht der Acker meiner Mutter, und die Nachbarn weichen mir' aus und Deutsche Eiiecien- und Wechsel-Bank vorm. L. A. Hahn — gegründet 1821 — Akt. Ges. seit 1872 FRANKFURT A. M. KAISERSTRASSE 30 DEPOSITENKASSEN: Konstabier Wache Osthafen Allerheiligenstr. 89 Hanauerldstr. 125 Bockenheim Leipzigerstr. 50 Offenbach a.M. Höchst a. M. Frankfurterstr. 54 Dalbergstr. 3 sagen: Gott hat ihn geschlagen und er trägt die Sünde seiner Väter. Selbst die kleinen Kinder laufen davon, wenn sie mich . erblicken, und ich weine doch nur um sie, daß über ihre schwarzkrausen unschuldigen Köpfchen sich die Schale des Unheils ausgießen wird. Gott, erlasse mir, zu schauen, was du mir zeigst, sondern laß das Unheil mich treffen, wenn es kommt, aber nicht voraus sehen das Schreckliche, das du über dein Volk beschlossen hast, es zu vernichten . . ." ,,. . . Jeremia, was siehst du?" Wie klang die Stimme, die fernher, irgendwo her 'oder von ganz nah an sein Ohr schlug? Welch milder .gütiger Ton durchbrach das Lärmen der Schlacht, das ihn umgellte im tiefen Frieden des Frühlingshügels? Wie 'blind hob er den Blick und sah einen blühenden Zweig rosa sich wiegen vor dem blauen Himmel. „Einen blühenden Zweig sehe ich," flüsterte er hingegeben und mit über strömenden Augen, „einen blühenden Mandelbausm, den das Volk „Schoked", den Wachenden, nennt, weil er als erster im Frühling erwacht und blüht . . ." „Und siehst du einen blühenden Mandelbaum, „Schoked", den Wachenden, — so wisse, ich werde wachen über mein Volk Israel, daß es nicht vernichtet werde. Es wird geschlagen, aber nicht erschlagen, sondern es wird leben. Nicht wie andere Völker wird es alt werden und satt und zu Staub vergehn, sondern wenn der Sturm Gottes über es hinweg gegangen ist, wird es neu geboren sein und wird mit junger Kraft den Weg gehen, den ich ihm geboten habe." War es eine Stimme gewesen oder nur der Wind, der sanft durch die Tosa Blütenzweige strich? Die lichten Blättchen rieselten über das dunkle Haar des Knaben. Da löste er die verkrampften Hände auseinander und hob sie empor zum Him- mel und sein junger Mund flüsterte: „Siehe hier bin ich, und dein bin ich, — alles zu tun und zu leiden, was du mir auferlegst." Chagiga Ein Jüngling wollte lernen, und er stand vor dem Meer der Lehre und sprach zweifelnd: „Wie soll ich hindurch schwimmen und wie soll ich es austrinken? Zu mächtig, weit und herrlich ist mir all diese Weisheit, mein Herz ist zu eng dafür und kann sie nicht bewältigen." Aber er war voll Sehnsucht zu lernen, und so wählte er sich einen ganz kleinen Traktat, den Traktat Ohagiga, und begann ihn zu lernen. Und er dachte: „Wenn ich diesen fertig gelernt habe, dann will ich den nächsten beginnen, und so dringe ich doch vielleicht voran in dem Meer des Wissens.4' Er verschloß die Augen vor aller Welt und vor der Größe der Aufgaben, die noch vor ihm lagen, und lernte nur den Traktat Chagiga, und er fand des Lernens kein Ende und immer wieder entdeckte er neue Tiefen und Gedanken, die er hin und her wenden mußte. Er ging nicht hin, wo die Mädchen tanzten und nicht wo die Jünglinge spielten, er nahm keinen Freund an sein Herz und kein Weib in seinen Arm, er ging nicht hinaus im Frühling, die Blumen zu sehen, und nicht im Herbst, an der Freude der Ernte teilzunehmen. Denn mit ganzer Inbrunst hing er am Lernen, und wenn er saß, die magere, vom vielen gebeugten Sitzen schief gewordene Gestalt über der Buchrolle wiegend und mit hoher schwacher schwingender Stimme die Worte vor sich hin summend, dann war er in seiner Welt versunken und brauchte keine Umwelt, dann war er glücklicher als die ge- lehrtesten Weisen mit dem größten Wissen und den scharfsinnigsten Entscheidungen, — denn er hatte Inbrunst der Hingabe und fühlte die Unendlichkeit der Welt, wie sie der Liebende fühlt. Die Jahre gingen hin, das schwarze Haar bleichte, das glatte Gesicht furchte sich, aber es war kein Ende des Lernens und Forschens abzusehen, es war, als liege die ganze Welt mit all ihrer Größe und Weite in dem einen kleinen Traktat. DeT Mann blieb arm und kam zu keiner großen Bedeutung. Die Leute im Dorf sahen seine Armut und Einsamkeit, daß er scheu war und ungeschickt unter Menschen, mit denen er nicht zu reden wußte, weil seinem Herzen all ihr Getriebe fremd und unwichtig war, — und sie achteten ihn nicht viel. Man sah ihn nur Tag für Tag an seinem Fenster sitzen über das Buch gebeugt. Aber sein Gesicht veränderte sich nicht im Lauf der Jahre, trotzdem es alt und faltig wurde, keine Leiden-

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