Mannheim
Compact Memory

Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-09-01 · 1 (9.1933) · p. Seite 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
1 (9.1933)
Date
1933-09-01
Page
Seite 12 (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3094266-3094399-3094400--3724-3098503
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

Seite 12 über die Zuführung zu Ackerbau und Handwerk. Die Zulassung zu „unangebauten Sandwüsten" sei von keiner Bedeutung, da die Juden nicht einmal die Vergünstigungen bekämen, welche den mit schweren Kosten in das Land gezogenen Kolonisten gestattet werden. Man solle daher den Juden „den Ankauf und da« Pachten alter und neuer Stellen uneingeschränkt erlauben"; sie sollen aber von der mit Landbesitz verbundenen Militärdienstpflicht wie die Menonisten befreit sein. Doch sollten von der vierten Generation an die jüdischen Besitzer von Eigentum. ..dem Enrollement nach Kantongesetzen unterworfen seyn". Beim Handwerk sollen, die Juden zugleich mit den anderen zu allen Arten von ..Professionen" zugelassen werden. Jedoch solle man die jüdischen Lehrlinge „den Gewerken nicht aufdringen", vielmehr solle es ihrem guten Willen überlassen werden, ob sie sie in die Lehre nehmen würden. Uebrigens würden sich anfangs nur wenige Judenkinder ..den Professionen" widmen, so daß man kaum von einer jüdischen Konkurrenz sprechen könne. Die Verwandlung der Juden in Handwerker und Arbeiter könne nur allmählich vor sich gehen. Die Praxis hat wohl die damaligen Führer der preußischen Judenschaft belehrt, daß man an eine Umschichtung nur dann denken kann, wenn sie stufenweise durchgeführt wird. Diesen Gedanken bringt klar David Friedländer in seiner Aeußerung über das Generaljudenreglement von 1797 für Süd- und Neuostpreußen zum Ausdruck, die er 1801 an Minister Voß auf dessen Verlangen eingesandt hatte (Hauptarchiv Warschau S. P. 67, I). Alle diese Wendungen und Vorschläge haben aber bei der Regierung keinerlei Verständnis gefunden. Vielmehr haben die Beamten mit Mißtrauen "auf diejenigen Juden geschaut, die sich anderen Berufen zuwenden wollten. Im eigentlichen Preußen wurde keine Erlaubnis zur Ansiedelung auf dem Lande erteilt, und in den polnischen Provinzen (Süd- und Neuostpreußen) ist die ländliche Kolonisation z. T. durch die Gegnerschaft der Beamten im Sande verlaufen. Diejenigen Juden, denen es gelungen ist, ein Handwerk zu erlernen, konnten noch im ersten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts sich wegen der Gegnerschaft der Zünfte und Magistrate nicht niederlassen. Der Gedanke der Notwendigkeit einer Umschichtung spiegelt sich auch wider in den dem Edikt von 1812 vorangegangenen nichtjüdischen Reformplänen über die Juden, hauptsächlich im Schroetterschen Entwurf von 1808. Aber auch er ist nicht ganz von Mißtrauen frei und will soviele Erschwerungen beim Uebergang zum Ackerbau einfuhren, daß er sicherlich nicht viel Wirkungskraft für die Juden gehabt hätte, wenn er gesetzgeberische Kraft erhalten hätte. Daher konnte erst das Edikt von 1812, das den Juden alle Berufe gestattete, für sie zum Antrieb werden, an eine systematische Berufsumschichtung zu denken. So entstand kurz nach dem Edikt von 1812 die „Gesellschaft zur Beförderung der Industrie unter den Juden" (später „Gesellschaft zur Verbreitung der Handwerke und des Ackerbaues unter den Juden im preußischen Staate"), die durch die Ausbildung jüdischer Knaben im Handwerk und Ackerbau eine allmähliche Verschiebung des jüdischen Berufsaufbaus herbeiführen sollte. Die Begründer, die von der innerjüdischen Notwendigkeit einer Umschichtung ausgegangen waren, hofften einen „entsprechenden Erfolg mit Zuversicht erwarten" zu können. Sie haben aber nicht in Betracht gezogen, daß bei einer Berufsumschichtung nocb ein wichtiger, vielleicht der Hauptfaktor mitsprechen muß — der äußere Zwang dazu, das ökonomische Moment, das gerade durch das Edikt von 1812 in Wegfall gekommen ist. Die Abschaffung der Beschränkungen und die schnelle Entwicklung des Handels hatten einem großen Teil der jüdischen Bevölkerung Deutschlands ermöglicht, sich schnell mit der allgemeinen Wirtschaft zu amalgamieren, so daß die Berufsumschichtungsfragen von hier aus nur noch eine geringe Rolle spielten. Im 2. Viertel des 19. Jhs. nahmen diese Umschichtungsfragen wieder einen breiteren Raum ein. Durch den Aufschwung von Industrie und Handel wurde ein Teil der jüdischen Kleinkrämer und Hausierer (die größte Berufsschicht der damaligen Judenheit), der sich nicht den neuen Wirtschäftstendenzen einfügen konnte, aus seiner Erwerbstätigkeit verdrängt. Von der Not getrieben, begannen viele dieser vernichteten Existenzen ein Handwerk zu erlernen, wobei ihnen noch Unterstützungen aus öffentlichen Mitteln zugute kamen. (Israelitische Zentralkasse in Württemberg, Unterstützungsverein für israelitische Ackerbau- und Handwerkslehrlinge im Königreiche Bayern u. a.) In den kleineren deutschen Ländern (Württemberg, Bayern) wie auch in Preußen kann man nach den erhaltenen knappen statistischen Daten bis um die Mitte des Jahrhunderts eine ziemlich starke Zunahme des Handwerks bei den Juden verfolgen. (Vgl. J. Lestschinsky: Das wirtschaftliche Schicksal des deutschen Judentums. Berlin 1932. S. 30ff). Um dieselbe Zeit gewinnt die Umschichtungsfrage in der Oeffentlichkeit stark an Bedeutung. Die Krise der 40er Jahre raubte vielen Juden ihren bisherigen Erwerb. Dazu kam der erneut einsetzende Kampf um die bürgerliche Emanzipation, in dem von nichtjüdischer Seite immer wieder ein Uebergang der Juden zu „produktiven" Berufen gefordert wurde. Vielleicht trugen auch der Widerhall der allgemeinen Kolonisation anderer Weltteile (Algerien, Amerika) und die Versuche einer jüdischen landwirtschaftlichen Kolonisation in Polen und Rußland dazu bei, ähnliche Pläne in Deutschland wachzurufen. 1844 unterbreitete Rabbiner Salomo Eger aus Posen dem König Friedrich Wilhelm IV. ein Memorandum über die Ansiedlung von Juden als landwirtschaftliche Kolonisten, und 1846 wurde in Posen der „Zentralverein zur Verbreitung jüdischer Kolonisation" gegründet, der sofort mit seiner Tätigkeit begann. Mehr als 20 Gemeinden bewilligten Subventionen und über 1000 jüdische Familien stellten Anträge auf. Niederlassungsrecht in den neu zu gründenden Kolonien. In dieselbe Zeit (1844) fällt auch der Plan, den Abraham Muhr dem Minister des Innern betreffs Errichtung einer jüdischen Kolonie in Oberschlesien unterbreitete, und kurz darauf (1845) fand unter seinem Vorsitz in Oppeln eine Beratung jüdischer Grundbesitzer in dieser Angelegenheit statt. Drei Jahre später wollte wieder ein jüdischer Gutsbesitzer in Oberschlesien auf seinem Gute (Kirchberg, Kreis Falckenberg) zwei jüdische Ackerbaukolonien auf die Namen Moses Mendelssohn und Jacobsohn errichten. Aber die Ereignisse des Jahres 1848 und die polnischen Aufstände ließen alle diese Projekte scheitern. Dies ist der Weg Von Max Schindler Iin Verlauf einer Unterhaltung trat die Aufforderung der Schriftleitung an mich heran, von „Ihnen" zu erzählen. Von ..Ihnen", d. h. von einer Gruppe von Menschen zwischen 20 und 35, cur wenige sind älter oder jünger, die sich bis vor einigen Wochen nicht einmal dem Namen nach gekannt haben und die heute gemeinsame Antwort auf das Geschehen, gemeinsame Arbeit am Aufbau eines neuen Lebens zusammenschließt. Sie kommen aus den verschiedensten Lebenskreisen und Berufen und haben sich beinahe zufällig getroffen, jeder einen Weg zu neuer Ordnung im Auge, auf der iSuche nach helfender und begleitender Kameradschaft. Was sie zusammengeführt hat, ist der Zweifel an der Sicherung ihres Weiterbestehens durch alte Methoden, durch soziale Hilfe oder arbeitsvermittelnde Tätigkeit einer Hilfseinrichtung. Die Welt in ihrer heutigen Ordnung ist überfüllt. Bestände irgendwo ein natürliches Bedürfnis nach akademischen und kaufmännischen Arbeitskräften, dann wäre es längst gedeckt und hätte nicht auf die Bereitstellung deutscher Juden gewartet. Deutsche Juden, die ein stolzes Dasein führen und nicht das intellektuelle und kaufmännische Proletariat vermehren wollen, brauchen neuen Lebensraum. Den schafft nicht der Arzt, nicht der Jurist, nicht der Lehrer, nicht der Kaufmann. Deshalb haben die Mensche/n der Gruppe, von denen ich erzähle, obwohl der Gieichschaltungsprozeß einige von ihnen eoch nicht erreicht hat, sofort das getan, was als Vorbereitung für ihr neues Leben notwendig ist. Ihr Ziel, das sei nur nebenbei erwähnt, ist die geschlossene Ansiedlung. Da ist der Arzt. Er wird, wenn der Gruppe die geschlossene Ansiedlung gelingt, zum Teil seinen alten Beruf ausüben können. Im übrigen wird er wie jeder andere die notwendigen Arbeiten in der Landwirtschaft und den Werkstätten der Gruppe ausführen. Seine besondere Vorbereitung besteht darin, daß er mit seiner Frau Früchtekonservierung erlernt hat. Der Gerichtsassessor hat sich zunächst der Arbeit in dem elterlichen Garten gewidmet. Er ist jetzt in einer Schreinerlehrwerkstätte und macht gute Fortschritte. Das ist überhaupt das Merkwürdige, daß alle diese aus ihrem akademischen oder kaufmännischen Beruf Gerissenen Handarbeit außerordentlich schnell und gut erlernen. Der Lederkaufmann, vor einigen Jahren eine Zeitlang als Portefeuiller tätig gewesen, hat jetzt vier Wochen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.