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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-09-01 · 1 (9.1933) · p. Seite 11

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
1 (9.1933)
Date
1933-09-01
Page
Seite 11 (sequence 13)
Language
German
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Seite 11 Landwirtschaft im frühen Mittelalter und der Verdrängungsprozeß aus dem Warenhandel seit den Kreuzzügen hat bei den damaligen Juden sicher keine kleinere Umstellungsgabe und Energie erfordert als in unseren Tagen, wenn auch in den Quellen nur wenig darüber erhalten ist und man es oft mit einem lakonischen Satz „denn wegen unserer großen Sünden hat sich die Nahrung verringert" abtut. Trotzdem kann man erst seit der zweiten Hälfte des 18. Jhs. von Umschichtungstendenzen sprechen, denn erst um diese Zeit werden Pläne zu einer geordneten, organisierten Umschichtung entworfen. Während sich die Gemeinden in den früheren Jahrhunderten nur darum bemühten, ihren Mitgliedern für die nächste Zeit einen Erwerb zu verschaffen, zielen die. jetzt (2. Hälfte des IS. Jhs.) entstehenden Pläne auf einen systematischen Umbau der jüdischen Berufsschichtung hin und sind auf weite Sicht berechnet. Hierzu gaben äußere und innere Momente den Anstoß. Die Konzentration der Juden in verhältnismäßig wenigen Erwerbszweigen des Geld- und Warenhandels und des Vermittlungsgeschäftes schuf eine Einseitigkeit ihrer wirtschaftlichen Tätigkeit, die man ihnen zum Vorwurf zu machen pflegte. Wenn die Juden, nach dem Ausdruck Sombarts, früher eine zwischenwirtschaftliche Funktion ausgeübt hatten und somit noch ein mehr oder minder notwendiges Element im ökonomischen Leben der Wirtsvölker darstellten, wurden sie im 18. Jh. mit der Verschiebung der wirtschaftlichen Lage, die seit den Entdeckungen und der Reformation vor sich gegangen war, für diese Wirtschaft immer weniger von Bedeutung. Mit dem Schwinden der alten Wirtschaftsformen werden auch die Wirtschaftsfunktionen anders eingeschätzt, welche einmal den Juden ausschließlich zugefallen waren. Die Wirtschaftstheorien, die sich während und als Folge der Aufklärung in Europa ausbildeten, waren zugleich Auswirkungen einer veränderten Wirtschaft, in der die Zwischenwirtschaft immer geringeren Raum einnahm. Sie weist daher den spezifisch jüdischen Wirtschaftszweigen keinen ehrenvollen Platz zu. „Dem Zwischenhändler kommt der erste Platz unter den nützlichen Bürgern nicht zu... Wer den Markt erweitert, dem Fremden die Ware annehmlich macht, der verdient den Vorzug..." So heißt es in einer Apologie des Kaufmannstandes am Ende des 18. Jhs. (Berlinische Monatsschrift XVII [1791] S. 48 f.) Die Quelle des Reichtums eines Landes wollten diese Theorien bald in Außenhandel und Industrie, bald im Bodenertrag sehen. Für die ersteren hatten die Juden noch soweit Wert, als manche von ihnen diese Funktionen ausübten, für die letzteren war die Tätigkeit der Juden überhaupt belanglos, da sie sieh nicht mit der Landwirtschaft beschäftigen durften. Die Juden aber — wie jede soziale Gruppe — klammerten sich an ihre alten wirtschaftlichen Tätigkeiten, die jetzt oft schon überlebt waren. Somit entstand die Ansicht von der Ueberflüssigkeit. ja manchmal sogar Schädlichkeit der jüdischen Berufe. Außerdem fällt in der Epoche des Absolutismus die Judenschaft durch ihre wirtschaftliche Sonderstellung aus dem Rahmen des nach Vereinheitlichung und Zentralisation strebenden Staates. Bei dem Versuch, die Wirtschaft einheitlich zu gestalten, welcher dem Merkantilismus, dem Physiokratismus wie der Lehre Adam Smith eigen ist, taucht auch der Wunsch auf, die wirtschaftliche Tätigkeit der Juden in diese Einheit einzuschließen. Weiter glaubte man vielfach — und nicht mit Unrecht —, die Ursache der allgemeinen Absonderung der Juden liege in ihrer wirtschaftlichen Sonderstellung. Man sah daher in der ökonomischen Anpassung an die übrige Bevölkerung einen Weg zur Assimilation. Alles in allem wird die Forderung laut, die Juden müßten ihre wirtschaftliche Einseitigkeit aufgeben und die gleichen Tätigkeiten wie die nichtjüdische Bevölkerung, ausüben. So wird von Dohm eine Produktivierung der Juden gefordert, und in Preußen von der Regierung und vom König immer wieder eine Berufsumschichtung als Vorbedingung für die Erlangung von bürgerlichen Rechten hingestellt. Auch in Baden werden von Regierungskreisen Umschichtungspläne vorgeschlagen. Das Problem der Berufsumschichtung der Juden wird demnach im 18. Jh. zugleich mit dem Auftauchen der Frage einer Verleihung von Rechten an die Juden in Europa akut. Die Juden, die bald durch wirtschaftliche Faktoren, bald durch die Politik der Landesfürsten aus ihren bisherigen Tätigkeiten verdrängt wurden, werden sich allmählich auch selber ihrer wirtschaftlichen'Einseitigkeit bewußt. So äußert sich Mendelssohn abfällig über die jüdischen Berufe und legt viel Gewicht auf eine Aenderung in dieser Hinsicht (Mendelssohn. Ges. Schriften. V. [1844]. 671, 678). Für das in Spendet für die „Jüdische Nothilfe" Postsdiedtkonto Frankfurt a. M. 29990 der ersten polnischen Teilung an Preußen gefallene Netze- Distrikt unterbreitete Benjamin Veitel Ephraim einen Umschichtungsplan. Seit 1780 versuchte er nämlich für sein Unternehmen jüdische Spitzenklöpplerinnen aus dem Netze-Distrikt als Heimarbeiterinnen zu beschäftigen. Ausweisungsbefehle, die 1784 ergangen sind, bedrohten Ephraims Klöppelindustrie. Nun wollte er durch einen Umschichtungsplan die Ausweisung unterbinden. Danach sollte man die westpreußischen Juden in drei Gruppen teilen, von denen die erste, die Vermögenden, beim Handel bleiben dürften. Die zweite Klasse sollte in der Industrie beschäftigt sein und das Recht haben, bei ihrem Gewerbe einige Kinder anzusetzen. Die dritte Klasse sollte Ackerbau und Viehzucht treiben oder sich dem Staatsdienst widmen. Somit sollten die sogenannten Betteljuden zu produktiven Berufen hingeleitet werden. Wenn der Umschichtungsplan Ephraims eine Folge seiner Verallgemeinerung der eigenen persönlich-geschäftlichen Interessen ist, ersieht man kurz darauf (1787) aus einem offiziellen Schreiben, daß die Umsohichtungspläne die damalige preußische Judenschaft stark interessiert haben. Im Promemoria der jüdischen Vorsteher in Preußen von 1787 wird ein Plan zur A n s i e d 1 u n g der J u d e-n als Ackerbauer unterbreitet. Es gäbe in Preußen viele wüste Ländereien, die von Juden mit einem Vermögen von 500—1000 Rtlr. bebaut werden könnten. Die Juden würden für das Land nützlicher sein als die fremden, mit vielen Kosten in das Land gebrachten Kolonisten. Obwohl sie „vorderhand noch nicht die gehörige Fähigkeit haben, alle möglichen Früchte aus dem Schöße der Erde hervorzulocken" und „sie gegenwärtig noch nicht viel Geschicklichkeit und die erforderlichen Kräfte zum Ackerbau hätten und das Land in den ersten Jahren nicht mit eigener Hand bauen könnten", würden sie dies doch mit der Zeit machen können und ihre Kultur würde nicht hinter der der französischen und böhmischen Kolonisten zurückstehen. Was das Handwerk betrifft, so sind sich die jüdischen Vorsteher der Hindernisse bewußt, die man von den .Zünften erwarten mußte, wenn man eine Zulassung von Juden durchsetzen wollte. Andererseits würden auch die jüdischen Zeremonialgesetze, die Sabbathe und Festtage, einige Schwierigkeiten bereiten. Daher sollte man den Juden erlauben, außerhalb der Zünfte als „Freymeister" sich niederzulassen, und sie vor allem zu denjenigen Handwerken zuzulassen, die nicht zünftig sind. Ebenso wird im Promemoria von 1790 als „die den Juden beyzulegenden neuen Nahrungsarten" Ackerbau, Hand- und Taglöhnerarbeit erwähnt, wobei noch betont wird, daß kein Jude eine alte christliche Stelle übernehmen dürfe, und die Frage von Schank- und Gastwirtschaft nicht mehr erwähnt wird. Obwohl in der gesetzgeberischen Praxis sich fast nichts geändert hatte, hat doch die Not der Seit manche Juden gezwungen, sich an die ihnen bis jetzt verschlossenen Berufe heranzumachen. So betonen 1792 die jüdischen Vorsteher, daß man jetzt unter den Juden Zeichner, Maler, Kupferstecher, Buchdrucker, Holzschneider, Gärtner, Tischler und Buchbinder finden könne. Sie selbst sind auch der Meinung, man müsse zwar die Beteiligung der Juden am Handel beschränken, doch sei auf der anderen Seite das von der Regierung für einen Kaufmann geforderte Vermögensminimum viel zu hoch. Die Berufsumschichtung könne nur von Kindesbeinen auf beginnen, so daß diejenigen, die das 14. Jahr überschritten hätten, beim Handel bleiben sollten. Viel realer ist jetzt auch ihre Meinung Zu haben in den Apotheken

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