Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 1 (9.1933)
- Date
- 1933-09-01
- Page
- Seite 10 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10 auf Berichte über seinen Kampf gegen die Syphilis habe. Er war wahrscheinlich auch nicht ganz frei von der Schwäche, von der naiven Freude, mit dem Ergebnis lange und schwerer Arbeit öffentliches Interesse zu erregen. Er dachte zu wenig an die Leidenschaftlichkeit, mit der die Inipfgegner seit vielen Jahren den Kampf gegen den Impfzwang führten. Diese Kreise hatten am wenigsten den unglücklichen Ausgang der ersten Tuberkulinaera vergessen, sahen in jedem Serum ein Gift und waren nicht davon abzubringen, daß auch das Salvarsan ein Serum sei, ein Gift, das in den Körper der armen Syphilitiker gewaltsam eingespritzt würde, besonders in die Körper der Hilflosen, zur Zwangsbehandlung eingelieferten Prostituierten. Diese sehr populären Gedankengänge machen verständlich, daß der große Gelehrte und sein Mitarbeiter in einen Sensationsprozeß verwickelt wurden. Wir können uns heute kaum mehr vorstellen, was ein solches in die Oeffentlichkeit Gezerrtwerden für einen Mann im Jahre 1914 bedeutet hat. Ehrlich war 1914 aus allen Himmeln gefallen, als er auf diese Weise mit der Oeffentlichkeit in Berührung trat. Er war empört und entsetzt, daß man ihn in die Lage brachte, vor Gericht beinahe Rechenschaft abzulegen. Dazu kam vielleicht noch, daß er als ein Theoretiker der Medizin, der kaum je medizinische Praxis ausgeübt hatte, dem also noch niemals ein Mensch unter eigener Verantwortung gestorben war, möglicherweise doch glaubte, Schuld an dem oder jenem Salvarsansckaden zu haben. Vielleicht glaubte er doch, mehr auf sich genommen zu haben, als er verantworten konnte. Sein Charakter war zart, seine Gesundheit untergraben, er war überarbeitet. Seine theoretischen Anschauungen hatten sich zwar ausgebreitet und bereichert, aber sie waren längst nicht mehr theoretische Anschauungen von der harten Schärfe und reinen Klarheit des Mediziners, der einst vierundzwanzigjährig die Dissertation über dieFärbemethoden geschrieben hatte. Auf der Höhe des äußeren Erfolges war Ehrlich jetzt ein gebrochener,Mann, der sich unter den günstigsten äußeren V^halthTssen nicht mehr hätte erholen können. Sein 60. Geburtstag am 14. März 1914 verschaffte ihm wohl noch die eine oder andere Genugtuung. Die Festschrift, die ihm Freunde und Schüler gewidmet hatten, mag ihm noch Freude gemacht haben, ebenso der als Festschrift gedruckte, gerade vorliegende Band der „Zeitschrift für Immunitätsforschung", sicher auch manche Briefe, mancher Besuch, manche gesellige Veranstaltung. In seiner Umgebung war man überzeugt davon, daß er die ganze Geschichte viel zu ernst nähme, daß er sich leicht darüber hätte hinwegsetzen können, aber das war nun einmal anders. So körperlieh und seelisch zerfallen traf ihn der Krieg. Mit ihm ging die Welt, der er angehörte, zugrunde. Das Leben hatte ihn mit einem Kreis ausgezeichneter Männer aus der ganzen Welt zusammengeführt. Sie waren nun durch Armeen und Flotten voneinander getrennt. Ströme von Blut mußten fließen. Junge, kräftige Menschen mußten hüben und drüben zu Millionen ihr Leben lassen, ehe die ersten Gelehrten sich wieder zusammenfinden würden. War es da noch wichtig, ob eine Lues etwas besser oder schlechter behandelt wurde*? Persönlich brachte die Kriegszeit Ehrlich noch etwas Besonderes. Frankfurt wurde Universität. Der Zufall der Universitätsgründung an seinem Amtssitee machte ihn zum ordentlichen Professor, obwohl er das seit sehr langer Zeit nicht mehr nötig hatte. Er war wirklich ein deutscher Professor in der Wolle gefärbt und schlesischer Jude dazu. Es ist nicht ausgeschlossen, daß er den dürftigen Rest einer Art von Befriedigung gerade darüber empfunden hat. Er wurde zudem I der erste Rektor der neuen Universität. Dann erlosch er und *"erlag zwei ScTilaganfällen, dierasch einander folgten. Sein Todestag ist der 20. August 1915.~f Was war nun dieser Forscher, "den wir als den bedeutendsten jüdischen Arzt der ganzen Medizingescnichte bezeichnet haben? Er war ein durch und durch reiner, bis zum Grunde guter, herzgewinnender und erfreulicher Mann. Die Abgründe des menschlichen Daseins sind ihm immer unsichtbar gewesen. Er war fast mehr ein Deutscher, als ein deutscher jüdischer Mann, so vorbehaltlos er sein Judentum auch immer anerkannt \ hat. Wenn man seine Neigung zur Totalität und zum Abstrak- ' ten im naturwissenschaftlichen Denken als Ausdruck seiner Geistesart in der Medizin auffassen würde, so wäre das ein historischer und charakterologischer Fehler. Diese Neigung besaß der einst aktive Stabsarzt Emil von Behring, aber er besaß meines Wissens keine so schöne Sammlung farbiger und auskristallisierter chemischer Körper, hatte keine so große Freude an bunten Farben und ,eine geringere Hinneigung zu Leierkastenmännern und Kriminalromanen. Als richtunggebender Forscher in. der Medizin gehört Ehrlich in die allervorderste Reihe. Man kann ihm nur wenig Männer von gleichem Rang an die Seite stellen. Eine Zeitlang konnte es so aussehen, als ob der rasch aufgetürmte Ruhm Ehrlichs ebenso rasch wieder zusammenfallen würde. Diese Prognose haben einige sehr bemerkenswerte Aerzte gestellt. Die Krise seiner Systematik fiel in die Zeit, in der man einsehen mußte, daß die Anhäufung gut gewählter Kunstausdrücke keine Substanzen, sondern Eigenschaften und Fiktionen darstellten, als sich erwies, daß die Seitenkettentheorie keine biologische Atomtheorie darstelle, sondern nichts anderes als den vorübergehenden Zustand einer biologischen Kunstsprache. Endlich stellte sich heraus, daß es sich in der Sprache Ehrlichs überhaupt nicht um ein Vorwärtstreiben der Chemie in das bisher chemisch Unbegreifliche handelte, sondern um Beschreibung und Umschreibung, die es möglich macht, bisher Unbenennbares zu benennen. Es bedeutete, zugleich viel und wenig, daß die Anatomen einst anfingen, scheinbar Belangloses zu bezeichnen. Vordem war Anatomie im modernen Sinne unmöglich. Konkret gesprochen heißt das, daß wahrscheinlich die ehrlichsehe Seitenkettentheorie nie Dauerbestand der Medizin sein wird, daß man aber seit Ehrlich über Ansteckung und Impfschutz erst sprechen, daß man nach wichtigen Heilmitteln seitdem erst methodisch suchen kann. Bei diesem Suchen spielt Chemie nicht ganz in dem Sinn eine Rolle, die uns Ehrlich gezeigt hat, aber trotzdem hat er eine rationelle Methode geschaffen, mit der man spezifische Heilmittel mit größerer Aussicht auf Erfolg suchen kann als vor ihm. Wir sehen diese Möglichkeit jetzt noch vor allem für die Protozoenkrankheiten. Diese Beschränkung, ist aber nicht grundsätzlich. Somit hat in der Tat mit Paul Ehrlich eine neue Periode im Suchen der Menschen nach spezifischen Heilmitteln begonnen. Auch ohne die Entdeckung des Salvarsans wäre Paul Ehrlich einer der bedeutendsten jüdischen ärztlichen Forscher und einer der bedeutendsten ärztlichen Forseher überhaupt. Literatur: Adolf Lazarus, Paul Ehrlich, Rikola-Verlag 1922. 86 S. — Martha Marquardt, Paul Ehrlich als Mensch und Arbeiter, Deutsche Verlagsanstalt 1924. 112 S. — Richard Koch, Paul Ehrlich [In Bugge, Das Buch der großen Chemiker, Bd. 2 S. 421] Berlin 1930. 21 S. Historische Umschichtungsprobleme bei den Juden Von Dr. B. W e i n r y b- In den letzten Monaten ist das Problem der Berufsumschichtung, das seit Beginn der Wirtschaftskrise immer akuter wurde, für die deutschen Juden in den Vordergrund des privaten und gesellschaftlichen Interesses gerückt. Umschichtung ist für den einzelnen wie für die Gesamtheit zu einer Frage des „Sein oder Nichtsein" geworden. Die wenigsten wissen, daß die gleichen Fragen, manchmal sogar mit derselben Gewalt, die Juden Deutschlands und Ostpreußens seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts bewegten; durch die Einreihung in den geschichtlichen Ablauf aber wird diesen Umschichtungsproblemen die „Einmaligkeit" genommen und damit z. T. auch die Schwere, mit der sie auf vielen lasten. Sich umzuschichten, d. h. neue Erwerbszweige zu ergreifen, sahen sich die deutschen Juden nicht erst im 18. Jh. gezwungen. Immer wenn sie aus einem Orte vertrieben wurden, hieß es, sich in dem neuen Ansiedlungsort den Wirtschaftsbedürfnissen der neuen Umgebung anzupassen und diejenigen Wirtschaftsfunktionen zu ergreifen, die hier Betätigungs- und Verdienstmöglichkeiten boten. Wurden sie dann durch die überhandnehmende Konkürrenz, der Wirtsvölker oder durch Verbote (was oft Hand in Hand ging) aus ihren bisherigen Tätigkeiten ausgeschaltet, mußten sie wieder daran gehen, neue ausfindig zu machen und sich an diese anzupassen — sich umzuschichten. Die Entfernung der Juden aus der