Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 1 (9.1933)
- Date
- 1933-09-01
- Page
- Seite 9 (sequence 11)
- Language
- German
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Seite 9 genau erforschter Arsenverbindungen zu verfugen. Das gab der Forschung Ehrlichs eine gute systematisierte Grundlage. Auf Grund des gewonnenen Wissens wurde dann die Arsenverbindung ausgewählt, oder vielleicht besser herausgesucht, die Syphilisspirochaeten am stärksten abtöten kann und gleichzeitig für den Körper des Laboratoriumtieres und dann des Menschen am unschädlichsten ist. Es handelt sich nicht darum, das beste Desinfektionsmittel für Spirochaeten im Reagenzglas- Versuch auszusuchen, da= Salvarsan tötet im Reagenzglas Spirochaeten verhältnismäßig schlecht. Aber es kam darauf an, walches Mittel im infizierten Tier selbst am stärksten abtötend wirkt. Diese Unterscheidung hat Ehrlich selbst nicht genügend beachtet. Zu einem guten Teil wirkt das Salvarsan wie jedes andere chemotherapeutische Mittel unmittelbar auf den erkrankten Tierkörper und reizt diesen an, mit seinen Mitteln den Krankheitserreger zu vernichten. In beiden Fällen könnte man übrigens die Seitenkettentheorie anwenden. Im ersten Fall würde die Seitenkette von den Spirochaeten abgestoßen, im zweiten Falle von irgendwelchen Körperzellen. Es könnten auch beide Fälle gleichzeitig eintreten. Daß Ehrlich an diesem theoretisch entscheidenden Punkte unscharf dachte, gibt uns einen interessanten Einblick in die Arbeitsweise des genialen Menschen. Er suchte ein spezifisches Heilmittel aus der Kenntnis des chemischen Baus des Mittels und der Reaktionsweise des Heilmittels. Das gelang ihm mit viel Geist, Geld, Geduld durch viele Jahre hindurch und mit viel Glück. Vor allem gelang es durch das elastische Festhalten an einem Plan, äer jugendlicher Intuition entsprungen war. Trotzdem ist die Theorie, die gerade diesen sichtbaren großen Erfolg herbeizwang, mindestens in diesem entscheidenden Fall falsch. Nicht das Heilmittel sterilisiert nach dem Gesetz, das die Seitenkettentheorie verlangt, sondern günstigstenfalls die Körper der Infizierten und auch diesen sicher nicht nach einem starren chemischen Gesetz, sondern umgekehrt wegen der Ungesetzlichkeit des lebendigen Körpers. Grundsätzlich besteht gar keine Notwendigkeit, daß der Körper auf das Mittel reagiert wie eine chemische-Substanz auf die andere. Aus theoretischen Gründen und nach aller Erfahrung beruht die Gleichmäßigkeit der Wirkung eines geschickt gewählten chemotherapeutischen Mittels auf einen bestimmten Krankheitserreger auf einer mehr oder minder großen Regelmäßigkeit, also gerade auf einer Gesetzmäßigkeit, worüber kein Bild und keine Statistik Ehrlichs hinwegtäuschen kann. /Hingegen zwingt die Summe aller chemotherapeutischen Bemühungen immer wieder zur Bewunderung des planmäßigen Vorgehens. 606 verschiedene Mittel sind ausprobiert worden und dann galt erst der Versuch am Tier als gesichert. Die Uebertragung dieser Erfahrung auf den Menschen geschah dann so vorsichtig und umsichtig, daß sie zum historischen Vorbild wurde. Zunächst wurde das 606 bei einer viel harmloseren Erkrankung des Menschen angewendet, beim Rückfallfieber. Das geschah in Petersburg. Nachdem hier keine Nebenwirkung aufgetreten war, vertraute Ehrlich sein Mittel zwei italienischen Klinikern und dem deutschen Kliniker Professor Konrad Alt an. Letzterer untersuchte ein Vierteljahr lang das Salvarsan nur auf seine Ungefährlichkeit an Hunden und an Aerzten, die sich freiwillig zur Verfügung gestellt hatten. Dann erst entschloß er sich zu Versuchen an Patienten. Daraufhin behandelte Professor Schreiber in Magdeburg frische Syphilitiker mit 606, und zwar mit bestem Erfolg. Jj r~ Jetzt erst glaubte Ehrlich den Zeitpunkt für gekommen, um ^-mit Hata und Schreiber am 19. April 1910 auf dem Kongreß in Wiesbaden von dem neuen Mittel Mitteilung zu machen. Von dieser Veröffentlichung ab bestürmten Aerzte und Kranke Ehrlich um die Ueberlassung des Präparates, und jetzt gab er es unterschiedlich allen Aerzten und Kliniken, die ihm bekannt oder gut empfohlen waren, nach der Reihe der Anforderung. Das Laboratorium des Georg-Speyer-Häuses war diesen Anforderungen nicht gewachsen. Meister Lucius und Brüning in Höchst richteten jetzt das ganze Georg-Speyer- Haus als Salvarsanfabrik ein. Alle Versuchsmengen wurden gratis abgegeben. 1911 schrieb der Pharmakologe Henbner in Göttingen ein Vorwort zu einer Sammlung von Salvarsanarbeiten. Der sehr skeptische, zum Ablehnen immer Bereite verstieg sich hier zu dem Satze, daß das Resultat der abgelaufenen 7J4 Monate seit dem Wiesbadener Vortrage eine organisatorische Leistung von ähnlichem Range darstelle wie die wissenschaftliche Auffindung des Mittels selbst, man sei versucht, von einer moralischen Leistung zu sprechen. Ehrlichs Sekretärin Martha Marquardt beschreibt in ihrem spannend geschriebenen Buche „Paul Ehrlich als Mensch und Arbei- Tragt zur Erhaltung der Gemeinde bei, indem Ihr die Knltussteuer pünktlich entrichtet. Für 1933134 erfolgt zum ersten Male die Erhebung eines besonderen Gemeindegeldes mit Rücksicht auf die außerordentlich ernste Finanzlage der Gemeinde (vergl. Amtliche Bekanntmachung in dieser Ausgabe.) Der Gemeindevorstand gibt sich der sicheren Erwartung hin, daß die Veranlagten, den ganz besonders schwierigen Zeitverhältnissen Rechnung tragend, auch der Erhebung des Gemeindegeldes das erforderliche Verständnis durch möglichst pünktliche Begleichung entgegenbringen werden. Die Steuerverwaltung ist zur Auskunftserteilung gern bereit. Sprechtage: Montag, Mittwoch und Freitag von 8xli bis 12xji Uhr im Gemeindehaus, Fahrgasse 146, 2. Stock, Zimmer 36. ter" die abenteuerlichen Zustände, die sich mittlerweile um Ehrlich selbst herum gebildet hatten. Täglich habe der lange Korridor im Georg-Speyer-Haus voll von Aerzten und Patienten gestanden, die aus allen Ländern gekommen waren. Sie wollten Ehrlichs Rat, sie wollten vor allem Salvarsan. Er hörte jeden an und stellte ihn nach Kräften zufrieden. Die Korrespondenz schwillt an. Bettler, Abenteurer, Stellensuchende und Autogrammjäger von überall her stellen sich ein. Ehrlich erlebt aber auch anschaulich den ganzen Jammer der Lustseuche. Er erlebt den ersten Todesfall nach Salvarsan, die Nebenwirkungen, die auf die Dauer nicht ausbleiben konnten, und die kindliche Dankbarkeit Geheilter. ~7 Die höchste, einem Arzte erreichbare" Ehre ' wurde ihm "jetzt zuteil. 1911 wurde er Wirklicher Geheimer Oberregierungsrat mit dem Titel Exzellenz. Orden und Titel häuften sichnSehr glaubhaft berichtet Martha Marquardt, daß es ihm einer~wirkliche Freude bereitet habe, als ihn die sehr angesehene „Deutsche Chemische Gesellschaff' zum Ehrenmitglied gemacht hatte. Sie beschreibt auch sein Gefühl, als ihn ein Jugendfreund von weither besuchte, um ihm nichts zu zeigen als seinen Neid. In dieser Zeit seines größten Erfolges durfte ich Ehrlich kennenlernen. Im Alltag der Arbeit, in seinem Institut war er einfach und natürlich geblieben. Ein magerer, fein gebauter Greis, der klar anfragte und einfach antwortete. Er hat mir einmal einen guten Rat gegeben, den ich leider nicht befolgt habe. Er meinte, man könne in der Medizin nur wirken, wenn man dasselbe ohne Scheu zwanzigmal oder öfters wiederhole. Man müsse von seiner Arbeit auch etwas haben. Nach allem, was ich um mich herum sah, haben recht viele Menschen recht viel von ihm gehabt/Ich sah Ehrlich dann auf dem letzten großartigen Bild der ärztlichen Welt vor der Kriegszeit wieder. Das war in London auf dem Internationalen Medizinischen Kongreß des Jahres 1913. Da waren Aerzte aus allen Ländern zusammengeströmt. Von den berühmten fehlten wenig. Die große Stadt nahm lebhaft Anteil an dem festlichen Ereignis. Der Held des Tages war Ehrlich. Die Londoner haben einen Sinn zur Heldenverehrung. So ähnlich müssen sie Blücher nach Waterloo empfangen haben. Das Volk jubelte ihm zu. Aerzte, Bürgerschaft und vornehme Welt konnten sich nicht genug tun, ihm stürmisch Beifall zu spenden und jede Gelegenheit zu benützen, ihn zu feiern. Von all dem war der Höhepunkt,- als Ehrlich vor einem ungeheuren Publikum einen Vortrag über seine Grundanschauungen hielt. Mehr noch als der gut vorbereitete Vortrag wirkte, daß Ehrlich die altertümliche feierliche Tracht eines Ehrendoktors von Oxford trug. Er hätte die Herzen seiner Hörer mit nichts mehr gewinnen, und hätte mit nichts anderem so leidenschaftlichen Beifall entfesseln können, der offenbar seiner Person galt, d. h. dem Sieger über den vorher unbesiegten Dämon, der jetzt klein beizugeben schien, nachdem ihn weder Quecksilber noch Jod bisher hatte hindern können, Jahr .um Jahr gleiches Unheil über die Menschen zu bringen. Ehrlich war damals in London von dem Frankfurter Arzt B e n a r i o begleitet, der in letzter Zeit gezwungenermaßen den Verkehr zwischen ihm und der Tagespresse regeln mußte. Wie notwendig er war, sollte sich in Frankfurt leider bald herausstellen. Es handelte sich nicht nur darum, die Tageszeitungen mit den von ihnen gewünschten Berichten zu beliefern. Ehrlich hätte vielleicht gut daran getan, dem Wunsch der Presse gegenüber spröder zu sein. Es lag am Gegenstand, daß seine Sache zu sehr eine von den aktuellen Interessen der Menschen wurde. Er war zu harmlos, um die Gefahr zu wittern, die darin lag, daß man zu leicht an ihn herankonnte. Sein Gerechtigkeitsgefühl sagte ihm, daß die Oeffentlichkeit Anrecht