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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-09-01 · 1 (9.1933) · p. Seite 8

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
1 (9.1933)
Date
1933-09-01
Page
Seite 8 (sequence 10)
Language
German
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Seite 8 saninienarbeitens mit Robert Koch. Ehrlich war durch den Gang der Dinge geistig in eine gewisse Abhängigkeit von Robert Koch geraten und mußte, was die Lebensform anlangte, aus -der äußeren wissenschaftlichen Laufbahn herauskommen. Nur ganz beiläufig sei zu diesem Lebensabschnitte bemerkt, daß die heute übliche Methode -der Färbung des von Robert Koch entdeckten Tuberkelbazillus von Ehrlich stammt. Damals beherrschte der unvergessene Ministerialdirektor A11 h o f f mit freiem Geist und grimmiger Unverbindlichkeit die deutschen Hochschulen. Er durchbrach alle Traditionen, indem er Ehrlich 1896 ein staatliches Institut für Serumforsclmng und Serumprüfung einrichtete, eine Anstalt, deren Aufgabenkreis schon damals von einem weniger originellen Forscher, als Ehrlich es war, hätte bewältigt werden können. Auch lag der ganze Serumkomplex damals schon hinter Ehrlich. Trotzdem hat er in Steglitz und später in Frankfurt nach Kräften weiter an der nun dienstlich gewordenen Aufgabe gearbeitet, aber er besaß die Fähigkeit, sich um im wesentlichen erschöpfte Aufgaben nicht mehr zu kümmern. So kam er einst in Frankfurt "ins Laboratorium und fragte den sehr geehrten Vorstand der Abteilung für Serumprüfung nach seinem Tun. Der antwortete, daß er über die Methodik von Heilseren arbeite. Ehrlich meinte, warum er über ein so erschöpftes Gebiet arbeite. Der Gelehrte meinte, Exzellenz haibe doch selbst die Methode angegeben. Ehrlich antwortete kurz: „Ja damals." Die Aufgabe, um die es sich bei Althoff gehandelt hat, und die Ehrlich mehr reizte, war die experimentelle Bearbeitung des K r e b s p r o ib 1 e m e s. Man hatte gelernt, künstlich Krebse bei Ratten zu -erzeugen. Das therapeutische Mittel war die Serumtherapie und die Erzeugung von Immunitätszuständen, aber auch Arsenverbindungen fingen nun an, eine Rolle zu spielen, da man Wirkungen von tropischen Seuchen des Menschen und der Tiere her kannte. Ihre Erreger waren Protozoen und darunter auch Trypanosomen wie zum Beispiel bei der afrikanischen Schlafkrankheit. Ehrlich war rasch klargeworden, daß die vorhandenen Möglichkeiten zu drastischen Ergebnissen nicht ausreichten. Ihm war viel wichtiger, daß die" neuen Arsenkörper auf Trypanosomen einwirkten, auf Protozoen bestimmter Art, die, besonders 'behandelt, in Massen züchtbar sind. Sie reizten ihn schon deshalb (besonders, weil sie im lebenden Tier von einigen seiner geliebten Farbstoffe vernichtet werden konnten. Immer mehr näherte sich Ehrlich dem ihm beschiedenen Arbeitsziel, der Desinfektion eines infizierten Organismus mit einem spezifischen Heilmittel auf Grund der planmäßig konstruierten chemischen Zusammensetzung des Mittels. Die Trypanosomen waren ein geeignetes Objekt, die organischen Arsenvenbindungen drastische Heilmittel. Der Gedanke der Therapia magna sterilisans, die Vernichtung eines Krankheitserregers auf einen Schlag mit einer einzigen Einspritzung, trat mehr und mehr in den Vordergrund. Aber die organischen Arsenverbindungen waren sehr giftig, sie schädigten oft den Erreger nicht mehr als das Versuchstier. Die größte sterilisierende Behandlung mußte nach Mitteln suchen, die durch die Kunst des Chemikers und durch die Kunst des Experimentators möglichst ungiftig für den Wirt, möglichst giftig für den Parasiten sind, die außerdem den Parasiten möglichst nicht giftfest machen. r~~ Die äußeren Verhältnisse wurden immer günstiger. In \ Frankfurt betrieb der Oberbürgermeister A d i c k e s eine großx~~*zügige Universitätspolitik, und es war selbstverständlich, daß dieser Beamte von großem Format mit dem ihm kongenialen Althoff zusammenarbeitete. Althoff konnte Ehrlich als Attraktion für Frankfurt bieten, Adickes als Gegengabe große Stiftungen Frankfurter Bürger für eine Universität, die letzten Endes eine preußische Universität werden mußte und zwar eine besonders günstige für die Hochschulpolitik von Althoff. So wurde 1899 das königlich preußische Institut für experi- ( mentelle Therapie in Frankfurt a. M. errichtet und Ehrlich zum Direktor bestimmt. Das war noch ein gerade eben geräumiger, aber sehr einfacher Backsteinbau. Hier konzentrierte sich die Arbeitskraft Ehrlichs immer mehr auf die Chemotherapie. Das meiste andere lag hinter ihm. Da wurde 1905 der Erreger der Syphilis von Schaudinn und Hoffmann ,__entdeckt. \ \ 1906 errichtete Franziska Speyer in Erinnerung an s-~-jhren Mann das wissenschaftlich komfortable Georg-Speyer- Haus für Chemotherapie. Der Gedanke an die planmäßige Entdeckung eines Krebsneilmittels stand immer noch im Vordergrunde. Ehrlich standen nun beide Institute zur Verfügung. Er war Arzt, Inhaber der Preußischen Großen Goldenen Medaille für Wissenschaft, Ehrendoktor von Chikago und sogar ordentlicher Honorarprofessor in Göttingen geworden. Wichtiger als diese teils sehr wesentliche, teils mehr versöhnlichen Glücksumstände war die Entdeckung des Syphiliserregers durch Schaudinn und Hoffmann. Jetzt richtete er seine chemotherapeutischen Bestrebungen auf die Entdeckung eines großen Syphilismittels?. Man hatte zwar gerade für diese Krankheit das älteste uhll beste spezifische Heilmittel im Quecksilber, aber es wirkte nicht in allen Fällen. Die Kuren waren oft langwierig und quälend. Nachkrankheiten blieben nicht immer aus. Ein neues Specifikum gegen eine andere Krankheit wäre willkommen gewesen, am Avillkommensten gegen den Krebs. Aber die Medizingeschichte bestand anscheinend auf dem Syphilishcilmittel, denn die Spirochaete steht den Trypanosomen sehr nahe. Ehrlich wird sich mit einem Gegenstand beschäftigen, der Aussicht auf Erfolg hat. Daß bei den Krebsversuchen nicht viel herauskommt, hat das Institutsfaktotum Kadereit schon auf der Straßenbahn beinahe offiziös verkündet. 1907 wurde Ehi-lich Ehrendoktor von Oxford, 1909 Nobelpreisträger. Wenn bei ihm ein Thema in Ungnade gekommen ist, d. h., wenn er es hinter sich hat, dann ist jeweils eine wohlausgestattete Abteilung für das Arbeitsgebiet entstanden. Jetzt gibt es also nicht nur eine Abteilung für Serumprüfung und eine für Immunitätslehre, sondern auch bereits eine für Krebsforschung. {J909 schickt K i t a s a t o, wie Ehrlich ein Schüler von Robeft Koch, seinen Schüler Hata nach Frankfurt. Schon seit vielen Jahren machte es einen besonders guten Eindruck, wenn ein deutscher Forscher japanische Assistenten und Mitarbeiter hatte. Sie galten als ein Beweis dafür, daß bei diesem Forscher etwas zu holen ist. Die japanischen Herren sind geräuschlos und ungewöhnlich fleißig. Ein Jahr, nachdem Schaudinn die Spirochaete entdeckt hatte, übertrug sie 1906 Albert N e i ß e r in Java auf Affen. Im selben Jahre veröffentlichte Wassermann mit seinen Mitarbeitern die nach ihm genannte Reaktion, die sich sofort einführte, ohne daß besondere Kritik an ihr geübt wurde. Das klinische Wissen von der Syphilis vermehrte sich damals von Tag zu Tag. Durch die Einführung der Einspritzung schwer löslicher Quecksilberverbindungen" sah man die überraschendsten Heilerfolge, vor allem bei dem wenig harmlosen Kaiomel. Ehrlich hatte sich Hata vor allem kommen lassen, weil er die Technik der Uebertragung des- Syphiliserregers auf Kaninchen verstand, sicher aber auch wegen seines Vertrauens in die Exaktheit japanischer Forscher. Auch entsprach das Zusammenarbeiten mit ausländischen Forschern Ehrlichs Gefühl für den weltumfassenden Geist der Wissenschaft. Es war ihm ein unentbehrlicher Gedanke, daß die moderne Medizin eine Brüderschaft über die ganze Erde bilden müsse. Noch im selben Jahre 1909, in dem Hata in Frankfurt angekommen war, wurde das Arsenobenzol, „E h r 1 i c h - H a t a 606" unter Patentschutz gestellt, nachdem^die Periode der Tierversuche zwei Jahre gedauert hatte. Was war nun mit diesem planmäßigen Forschertum erreicht? Das Atoxyl von Uhlenhut, eine durchaus nicht harmlose Arsenverbindung, war in seiner Konstitution, d. h. in seiner Verkettung der Atome aufgeklärt worden. Das war nur gelungen durch eine systematische Neubearbeitung der gesamten Lehre von den organischen Arsenverbindungen. Hierzu hatte Ehrlich die jahrelange Mitarbeit seines Laboratoriumsleiters B e r t h e i m gebraucht, eines sehr bedeutenden jüdischen Gelehrten, dessen an dieser Stelle besonders gedacht sein soll. Denn er verkörperte den Typ eines jüdischen Forsehers, der in seiner Art repräsentativ das gerade Gegenteil eines Bahnbrechers, wie Paul Ehrlich es gewesen ist, lebendig macht. Es gibt verführerisch einleuchtende Scheinwahrheiten. So könnte man leicht in der ganz auf letzte Erkenntnis und durchschlagenden Erfolg gerichteten Wesensart von Ehrlich etwas Jüdisches sehen. Das wäre weder Schande noch Schwäche. Nur stimmt es nicht, wie man besonders deutlich an der so ganz anderen Wesensart Bertheims erkennen kann. Dieser Mitarbeiter war ein ganz stiller Gelehrter, bei dem Wissenschaft kaum Beziehung zum Leben hatte. Er schuf eine Lehre -von den organischen Arsenverbindungen, ein Werk, das für lange Zeit unentbehrlich ist, eine nüchtern sachliche, klare Arbeit. Er war sehr klug, exakt und arbeitskräftig. Dabei still, bescheiden und sicher doch des eigenen Werts bewußt. Wenn man wissenschaftliche Bibliotheken betrachtet, erkennt man leicht, daß Juden auch an dieser Art der Wissenschaft stark beteiligt sind, hochwertige Fachgelehrte, die nur einem kleinen Kreis von Menschen bekannt und dort hochverehrt sind. Die Arbeit Bertheims machte es möglich, über eine sehr große Zahl

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