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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-09-01 · 1 (9.1933) · p. Seite 7

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
12 (1933-1934)
Issue
1 (9.1933)
Date
1933-09-01
Page
Seite 7 (sequence 9)
Language
German
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Seite 7 - - " -.^IrZfl-. - : " ■■ '>}'Sl'K 'as^^^^^ \fef k3-fe#v'Äi w Mfc W" .» -- •*>». a» er mit: 1884 war er Titularprofessor geworden, was vorher noch kein nicht babilitierter Arzt in Preußen gewesen war. Die Fakultät machte es ihm zudem möglich, seine Habilitation für innere Medizin an der Universität Berlin im gleichen Jahre zu erlangen. In diesem Jahre war es noch keine kleine Sache, medizinischer Privatdozent zu werden. Aber ohne die Gründung der Universität Frankfurt a. M. im Jahre 1914 hätte diese Dozentur niemals zu einem Ordinariat geführt, auch nicht für den Begründer der modBriren"Lehre-von den Blutkrankheiten, für den Schöpfer der Seitenkettentheorie und den Entdecker des Salvarsans. Das lag aber an nichts anderm als daran, daß Ehrlich ein ungetaufter Jude war. —*— Ehrlich war, ehe er Professor geworden war, schon Ehemann geworden. 1883 hatte er die sorgliche Gefährtin seines Lebens und seiner Arbeiten, Hedwig Pinkus geheiratet. Nicht lange danach hatte er .eine leichte Lungentuberkulose zu überwinden. Er genas schnell, nachdem er zur Wiederherstellung seiner Gesundheit monatelang in Aegypten verbracht hatte. Wahrscheinlich hat ihm diese Krankheit die lebendige Beziehung zu den Infektionskrankheiten verschafft. Nach seiner Rückkehr richtete.,er sich ein_________ Privatlaboratorium ein. | Hier entstanden reife Arbeiten^ über Immunität. Sie werden in der Geschichte der Immunitätslehre an hervorragender Stelle geführt, was kaum anders wäre, wenn Ehrlich als Leiter seines Privatlaboratoriums gestorben wäre. Aber wie gesagt, die Sterne standen günstig, und Ehrlichs Ruf war weiter gewachsen. 1890 war EobertKoch auf dem Gipfel seines Ruhmes und Erfolges angelängt. Es gab damals eine Republik der führenden Geister in der Medizin, in der nur die Leistung ersten Ranges galt. Robert Koch verschaffte Ehrlich in Verbindung mit seinem gerade gegründeten Institute für Inf ektionskrankheiten neue Möglichkeiten der Entfaltung. Er übergab ihm zunächst ein klinisches Beobachtungsinstitut und ein Laboratorium zur klinischen Arbeit für das gerade der Oeffentlichkeit übergebene Tuberkulin. Als Robert Koch/ diese Arbeitsgemeinschaft mit Ehrlich herbeigeführt hatte, war auch Ehrlich so weit, daß er zu den Leuchten der internationalen Medizin gehörte. Unter Frerichs hatte er anschließend an die «Zeit der Doktordissertation das für ihn Nächstliegende getan. Er war mit seinen Färbemethoden an die Ordnung der Blutkrankheiten herangegangen und hatte diesen Abschnitt der Medizin in wenigen Jahren in allem wesentlichen so weit gebracht, ,_ wie er noch heute ist. Er hatte die verschiedenen Formen der weißen Blutkörperchen mit einfachen Färbemethoden gut kenntlich gemacht und so im Zusammenhang mit dem, was man sonst über Blutkrankheiten aussagen konnte, auf Grund des gefärbten Blutausstriches eine Analyse der Blutkrankheiten ausgearbeitet^, die es möglich machte, die Vorgänge im Knochenmark, in der Milz, in den Lymphdrüsen-zu erkennen. Seitdem gehört die Untersuchung des (gefärbten Blutausstriches zu den elementaren .Methoden des Arztes. Die Aufschlüsse, die das Blutbild gibt, jgehen weit über den Kreis der eigentlichen Blutkrankheiten' hinaus. Das Blutbild gibt Einblick in viele konstitutionelle Verhältnisse, in manche Entwicklungsvorgänge, in manche Erkrankung der inneren Sekretion, es erlaubt die Trennung mancher Infektion von mancher anderen. Das Rüstzeug des Arztes verbesserte dann die sogenannte Diazoreaktion. All diese Färbungen im Blut und Harn hatten Beziehungen zu dem Sauerstoffbedürfnis, einfacher ausgedrückt, zu der Lebensintensität bestimmter Zellen und Zellteile. 1885 hatte er gelernt, wie (P man auch am lebenden Organismus das Sauerstoffbedürfnis der Zelle zeigen kann. Es stellte sich heraus, daß das Sauerstoffbedürfnis der verschiedenen Organe, ebenso wie seine Fähigkeit Wasserstoff an sich zu reißen, in den verschiedenen Organen ganz verschieden ist. Die hier benutzten Farbstoffe enthüllen eine Karte des lebendigen Organismus, die aus Gebieten besteht, deren Lebendigkeit sich dadurch unterscheidet, daß ihre normale Funktion entweder in einem Bedürfnis nach Sauerstoff oder in einem Bedürfnis, Sauerstoff abzugeben, besteht. Man gewinnt so Einblick in die chemischen Verhältnisse des Organismus zur Oxidation, deren Ausdeutung bis heute noch kaum begonnen hat, von den Forschungen des Nobelpreisträgers War bürg abgesehen. In der Abhandlung, die sich mit dem Gegenstand beschäftigt, ist zuerst von der so berühmt gewordenen Seitenkettentheorie die Rede. Sie ist für den Laien nicht ohne weiteres verständlich und in knappen Worten nicht darstellbar. Sie wurde unter Widerständen während der nächsten Jahre wie ein Gegenstück zu der Atomtheorie für den lebendigen Stoff aufgefaßt. Als man noch bei Ehrlichs Lebzeiten einsehen lernte, daß es sich hier mehr um fiktive Begriffsbildungen handelte, wurde sie übereifrig vergessen. Heute spricht man nicht mehr viel von ihr. Aber die Kunstworte der Immunitätswissenschaften, die aus ihrer Liquidationsmasse geblieben sind, lassen deutlich erkennen, daß erst die Seitenkettentheorie es möglich gemacht hat. von den Vorgängen der Immunitätsverhältnisse, von den Reaktionen auf Infektionen und Vergiftungen, von den Vorgängen nach der Einverleibung von Heilmitteln zu sprechen und damit auch zu forschen. Die Seitenkettentheorie besagt, daß die Zelle, die mit einem Gift oder einem Infektionserreger in Berührung kommt, gleichsam am Rande spezifische Fangvorrichtungen bildet, durch die das Gift oder der Infektionserreger an ihr haften und damit auf sie einwirken kann. Diese Seitenketten der Zelle oder auch des Protoplasmamoleküls werden bei der Vergiftung oder der Infektion des Körpers derart im Ueberschuß gebildet, daß die Zelle gezwungen ist, Seitenketten abzustoßen, die dann im strömenden Blute kreisen. Dadurch gewinnt dann das Blut die Fähigkeit, Gifte und Infektionen durch die freie mit ihm strömende Seitenkette zu sättigen und zu binden- Das Blut wird so zum analysierbaren Heilserum und zur in seiner Wirkungsweise erkennbaren Reagenz. Darauf beruhen die Serumprü- ________ fungsreaktionen und Reaktionen wie die Wassermannsche Reaktion. Ehrlich selbst hat nach vielen Aeußerungen an die Realität dieser Dinge geglaubt. Sie waren für ihn so wirklich wie Bakterien und Moleküle. Nach anderen mehr gelegentlichen Aeußerungen war er sich über die fiktive Natur der Symbole klar. Jedenfalls hätte man viele tatsächliche Dinge nicht entdeckt, ohne die Begriffsbildungen der Symbole, der Seitenkettentheorie. Wenn man heute weiß, daß z. B. die Wassermannsche Reaktion ohne die Seitenkettentheorie kaum gefunden worden wäre, ohne die Symbolik der Kunstsprache Ehrlichs erscheint es fast belanglos, ob die Theorie die Behauptung einer Realität ist oder ein Kunstgriff der menschlichen Erfindungskraft In die Zeit des Ehrlichschen Privatlaboratoriums fallen besonders exakte Versuche mit pflanzlich giftigen Eiweißstoffen, mit denen man künstlich Immunität herstellen kann, und der Ausbau der Seitenkettentheorie zu einer sehr differenzierten Wissenschaft oder, wenn man will, auch 'Scheinwissenschaft, die nicht mehr ist als eine Methode, Wahrheiten festzustellen. Naturgemäß fallen die Immunitätsarbeiten Ehrlichs in die Zeit seines Zu-

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