Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 1 (9.1933)
- Date
- 1933-09-01
- Page
- Seite 6 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 häufig lateinische Redewendungen. Sein Medizinstudiuni, zunächst in Breslau, war ungeregelt. Es gab viel, was ihn nicht interessierte. Die Größen der Fakultät, der Physiologe H e i - den ha in, der Pathologe Cohnheim und dessen Schüler, der ältere Vetter Karl Weigert, dessen Name schon Klang hatte, beeinflußten ihn stark. Erst in Straßburg gewann ihn der Anatom Waldeyer endgültig für die Medizin. 1878 machte er das Staatsexamen in Breslau und erwarb im selben Jahre den medizinischen Doktorgrad in Leipzig. Damals hat er also seine Doktordissertation 'bereits gemacht. Er hat diese Schrift später fast vergessen und .nur gelegentlich davon gesprochen. Sie galt als verschollen. Erst nach seinem Tode gelang es, sie im Universitätsarchiv zu Leipzig aufzufinden. Sie trägt den einfachen Titel: „Beiträge zur Theorie und Praxis der histologischen Färbung". Eine Abschrift, die mir vorliegt, umfaßt nur knapp 65 Schreibmaschinenseiten. Er dankt in dem üblichen Lebenslauf vor allem Cohnheim und Heidenhain, in deren Laboratorien zu arbeiten ihm während mehrerer Jähre vergönnt gewesen sei. Er hat demnach einen großen Teil seiner Studienzeit im physiologischen und pathologischen Laboratorium verbracht. Als die Dissertation beendet war, war der Verfasser 24 Jahre alt. Die dünne Schrift (gehört unter die Zahl der bedeutendsten Schriften der medizinischen Literatur aller Zeiten. Sie ist ein Beitrag zu der Lehre von der Frühreife des Genies. Sie enthält die Grundlagen der ganzen zukünftigen Lebensarbeit Ehrlichs und damit die Grundlagen der ChemotherapiejVon dem vielfältigen Lehrstoff der gesamten Medizin scheinen den ungeregelt studierenden Ehrlich zwei Gebiete wirklich angezogen zu haben, die Histologie, das ist die Lehre vom mikroskopischen Bau der Gewebe und der Zellen, und die organische Chemie, das ist die Lehre von den Verbindungen des Kohlenstoffes. Es sind das die beiden Gebiete, die damals verhältnismäßig neu waren, und von denen aus man in Ehrlichs Jugendzeit glauben mußte, das Leben, Krankheit nicht anders als Gesundheit, an seinen Wurzeln packen zu können. Denn das Mikroskop zeigt die einfachsten und übersehbarsten Bestandteile der Zellen, aus denen die Organe sich zusammensetzen, vor allem den Zellleib und den Zellkern, und die organische Chemie zeigt in mathematischen Bildern der Moleküle ebenso anschaulich die Stoße, aus denen 'die lebendige Substanz zusammengesetzt ist, bis herunter zum Atom. Auf ihre Formeln hatte man in den siebenziger Jahren bereits den größten Teil der Stoffe des Organismus zurückgeführt. Dazu kam noch, daß man damals gerade auf dem Gebiete der Farhstoffe schon willkürlich viele Farben aus organischen Bestandteilen des Steinkohlenteeres wie ein Ingenieur, dessen Konstruktionen aus Atomgruppen bestehen, zusammensetzen konnte. 1856 war der erste Anilinfarbstoff,, das Mauveün, industriell hergestellt worden. 1878 verfügte man bereits über eine sehr große Zahl von Anilinfarbstoffen. Die Technik bestand im wesentlichen darin, durch Färbung mit diesen Farbstoffen die Feinheiten des mikroskopiechen Baues von Zellen und Geweben sichtbar zu machen. Die einzelnen Krankheitsbilder hatten sich immer mehr mit der Vorstellung der leuchtend bunt gefärbten, nur wenige Tausendstel Millimeter dicken Schnitte durch die erkrankten Gewebe, verbunden. Dazu kam noch etwas ganz Persönliches. Ehrlich besaß einen ausgeprägten Farbensinn. Er hatte von Jugend an eine natürliche Freude an allem" Bunten. Man darf nicht zu gering einschätzen, daß ihn die freudige Kunst der histologischen" Präparate reizte. So kam mancherlei zusammen, um den großen Gedanken in ihm aufgehen zu lassen, daß man Gesundsein und Kranksein nicht tiefer und naturwissenschaftlicher erfassen könne, als wenn man mit organischer Chemie und_ histologischer Färbetechnik die Formeln der Moleküle und die farbigen Strukturen der mikroskopischen Präparate in Uebereinstimmung bringen könnte, wenn man erforscht hätte, wamm ein Farbstoff von bestimmtem chemischen Bau, mit bestimmten Zellteilen, von unbekannter chemischer Beschaffenheit noch den Gesetzen der Chemie anlagern müsse. Er hatte damit die histologische Färbetechnik, wie sie bis dahin bestanden hatte, überwunden. Ihn interessierte in erster Linie jetzt nicht mehr, welche Anilinfarben auf Grund der einfachen Erfahrung, die schönsten Bilder im Mikroskop zeigen, sondern weit mehr die Frage, wne der Färbevorgang sich vollzieht, nach welchen Gesetzen er abläuft. Demzufolge beginnt er seine Dissertation mit dem Satze: „Während in der modernen histologischen Literatur die Angatoen über tinctoriale Methodik schon so zahlreich sind und sich von Tag zu Tag noch mehren, hat sich ihre theoretische Begründung nur einer sehr geringen Berücksichtigung zu erfreuen gehabt." Mit praktischem Sinn sieht er den Zugang zu der gestellten Aufgabe zunächst in der Lehre von dem Färbevorgang überhaupt, vor allem also von dem Färben der seidenen, wollenen und leinenen Gewebe. Er schließt sich hier den Gelehrten an, die den Färbevorgang zu den chemischen Prozessen rechnen, also der Meinung, daß zwischen der Farbe und dem Stoffe eine echte chemische Verbindung eintritt, nicht eine einfache Durchtränkung. Er entkräftet die chemischen Gründe, die dieser Theorie entgegenstehen, mit scharfsinnigen Hinweisen auf seltene chemische Phänomene. Ehrlich muß damals also schon tief in die Kenntnisse der Chemie eingedrungen gewesen sein. Es gelingt ihm, - nicht nur seine grundsätzliche Behauptung zu beweisen, sondern darüber hinaus kommt er zu der Erkenntnis, daß der zu färbende Stoff ebenso wie die Farbe bestimmte Molekülgruppen haben, die das Zustandekommen der Färbung überhaupt möglich machen, und wieder andere, deren Vorhandensein die Voraussetzung dafür bildet, daß eine bestimmte Färbung eintritt, also zum Beispiel iblau oder Tot. Für Hm gibt es in den zu färbenden Stoffen, seien es nun Zellen oder Fasern eines Wollstoffes, Gruppen, die den - Molekülgruppen der Farben entsprechen. Er übersieht mit der Gewaltsamkeit des bahnbrechenden Gelehrten, daß es sich hier, was die lebende Substanz anlangt, nur um Bilder und Vergleiche handelt, er findet aber die Elemente einer neuen Sprache, mit der es möglich sein wird, einmal über Lebensvorgänge in wissenschaftlicher Sprache zu sprechen, über die man vorher nur ganz allgemeine Formeln haben konnte, er schafft die Vorbedingungen zu einer Wissensehaft, die Einblick in die Vorgänge etwa bei der Vergiftung oder bei der Immunisierung, bei der Infektion, dem Heilüngsvorgang und auch der Arzneimittelwirkung liefert. Dann gelangt er im zweiten Teile seiner Abhandlung zu einej* Systematik der üblichen Farbstoffe, zur ohemischen Charakterisierung der wichtigsten Laboratoriumsfarbstoffe, zur Möglichkeit, in ihren Aufbau aus ihren Atomen einzudringen und schließlich findet er das chemische Spiegelbild 'dieser Farbstoffe in der Natur der gefärbten Gewebe und Zellen, mit einem Wort, er hat gezeigt, daß man die Vorgänge bei der Färbung mikroskopischer Bilder auf eine Wissenschaft mit bestimmten Begriffen zurückführen kann, eine Wissenschaft, die zugleich Chemie und Biologie ist. Während fast alle Forscher vor ihm rein erfahrungsgemäß ihre Lehre vom Leben ausgearbeitet oder gedanklich angewandt hatten, hat er eine neue Lehre vom Leben, vom Kranksein, vom Heilen entdeckt, die sehr angreifbar ist, 'die aber mit Notwendigkeit den Weg zu neuen Theorien und zu neuen Entdeckungen führt, und wenn das Schicksal mit ihm und seiner Lehre ist, eines Tages zur Entdeckung wichtiger großer Heilmittel, die letzten Endes zur Chemotherapie führen mußte. h- Die Sterne standen günstig. Damals leitete die berühmteste medizinische Klinik der deutschen Universitäten, die Klinik der königlichen Charite in Berlin Frerichs, vielleicht der letzte große Kliniker, der noch das Format der deutschen Denker der klassischen Zeit besaß und schon begriffen hatte, daß die nächste Zukunft der Medizin den angewandten Naturwissenschaften gehöre. Er ließ sich den jungen Leipziger Doktor kommen, der schon die Aufmerksamkeit der gelehrten medizinischen Welt erregt hatte, trotzdem eher ein Gegensatz im Wesen bestand als eine Verwandtschaft, und ließ ihn unbedrückt vom Dienste der Klinik nach. Gutdünken schalten und walten, wie der Geist ihn antrieb^Von dieser beglückenden Freiheit machte der junge Ehrlich reichlich Gebrauch. Er vertiefte sich wenig in die praktische Medizin und verbrachte jede freie Stunde im Laboratorium. Berühmte und später berühmt gewordene Forscher suchten den jungen Assistenten auf, wenn ihr Weg sie nach Berlin führte. Sie haben dann später in ihren Erinnerungen beschrieben, wie sie Ehrlich in Farblösungen aller Art anfanden, mit Fingern, die in allen Farben des Regenbogens schillerten. Nach dieser guten Zeit kam eine schlechte. 1885 starb Frerichs und sein in anderer Art bedeutender Nachfolger Gerhardt hatte wenig Sinn für den allzu originellen Assistenten seines Vorgängers. Ehrlich sollte sich nun in den Dienst einer guten Klinik einfügen, wie andere Assistenten auch. Ehrlich hätte sich gefugt, wenn er von dürftigerem Geiste beseelt und von der Sucht auf eine glänzende Laufbahn getrieben gewesen wäre. So aber konnte er sich nicht fügen. Es kam zu Verstimmungen, die mit einer Assistentendepression Ehrlichs endeten. [Nach zwei Jahren — 1887 — hatte Ehrlich genug, ließ alle Aussichten und alle Arbeitsmöglichkeiten im Stich und wurde Privatgelehrter. Einen äußeren Erfolg nahm