Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 12 (1933-1934)
- Issue
- 1 (9.1933)
- Date
- 1933-09-01
- Page
- Seite 5 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 5 ist schon aus dem ersten Band „Königtum Gottes" ersichtlich. In ihm geht es um die Frage der Theokratie. An ihrer Diskussion werden vergleichend und sondernd die verwandten Erscheinungen der vorderasiatischen Kulturgeschichte beteiligt. Der Ertrag ist die Klärung religionsgeschichtlicher Begriffe wie der Theokratie selbst, des Besitzergottes (Baal) usw. Es ist hier nicht der Ort, im' einzelnen anzugeben, wie Buber sich mit .der Bibelkritik verbindet, und wie er sich von ihr unterscheidet. Der gesamte kritische Apparat wird jedenfalls von ihm berücksichtigt, und die von der Kritik gewonnenen Grundlagen sind auch für ihn endgültig. Dennoch führt ihn der Weg weit von ihr weg, nicht nur in der Datierung einzelner Tatsachen, nicht nur mit der Anwendung der tendenz/geschichtlichen Methode, die von anderen anders angesetzt (wir erinnern nur an Geigers Urschrift) zu völlig anderen Ergebnissen führte. Die bisherige kritische Bearbeitung der Bibel brachte eine scharfe Charakterisierung der Erzählergestalten, die hinter den Quellen (für Buber sind es nur Richtungen) stehen; sie ermöglichte eine Analyse dos von ihnen Berichteten und eine umfassende Beschreibung der zeitlichen Umstände. Das Schwergewicht der eigentlich geschichtlichen Aussagen fällt in die Zeit der Berichterstatter selbst. Die Berichte über die israelitische Frühgeschichte, über den Beginn der Königszeit, über die' Ereignisse, die die Bibel im Richterbuch gruppiert, erscheinen zu einem großen Teil als Ergebnis redaktioneller Konstruktion, als Projekt geschichtsferner Deutung. Diese Epochen also sind gleichsam geschichtsentleert, sie bilden ein Vakuum oder einen geschichtlichen Raum, der nur durch wenige Daten zu bestimmen ist. Je weniger eine Operation des israelitischen Volkes selbst erkennbar wird, um so stärker muß die Kooperation der Umwelt in Anspruch genommen werden. So wird die Geschichte des palästinensischen Ländchens das, was es geographisch ist: ein Anhängsel Vorderasiens. Für diese Betrachtungsweise ist Eduard Meyers Geschichte des Altertums 11,2 repräsentativ. Es läßt sich nicht leugnen, daß sie der Denkart des Historikers entspricht. Gegen sie meldet nun der Theologe Widerspruch an, nicht auf Grund irgendeiner theologischen Konstruktion, sondern — und darin liegt das wesentlich Neue in Bubers Versuch — auf Grund von theologischen Prinzipien, die selbst wiederum als geschichtlich wirksam nachgewiesen werden, um deren Wiedereinbau in die Geschichte es sich also handelt. Damit wird das Problem der Kontinuität, des Einmaligen, neu gestellt, das, von der Geschichtswissenschaft und Grosse deutsche Jaden *-" Paul Ehrlich war ein schlesischer Jude. Man hätte ihn als solchen bei uns, im Westen Deutschlands bis zu seinem Lebensende erkannt. Es .gibt eine Reihe deutscher Landschaften, die den Juden, dfe in ihnen heranwachsen, einen wesentlichen Teil ihres Gepräges geben, einen Teil, der sich auch dann nicht abschleift, wenn der Jude den größeren und wichtigeren Teil seines Lebens in einer andern Gegend Deutschlands oder im Auslande verbringt. Zu diesen Gegenden gehört zum Beispiel der Rhein und Baden, dann aber auch Städte wie Berlin, Hamburg und Frankfurt a. M. Bei uns fallen die schlesischen Juden dadurch auf, daß sie, ohne ihr jüdisches Wesen aufzugeben, im gebildeten Bürgerstande ihren christlichen Landsleuten stark angeglichen sind, daß sie mit natürlicher Selbstverständlichkeit die Normen ihrer engeren Heimat als verbindlich betrachten, daß ihre Formen und ihr Verhalten, ohne daß sie es selbst wissen, mit unverkennbarer Regelmäßigkeit den zu Hause üblichen entsprechen. Nicht die Persönlichkeit, aber das Individuelle tritt vor dem Typ zurück. Schlesische Juden sind Grenzlandmenschen, die der Problematik aller Grenzlande dadurch entgehen, daß sie mit höflicher Festigkeit das Menschentum jenseits der Grenzen ablohnen und mit ungeteiltem Willen die herrschende Art der geographischen Heimat anerkennen und diese geographische Zugehörigkeit sogar betonen. Deshalb spielt im Leben des schlesischen Juden der gebildeten Stände häufig die größere Rolle, daß er ein Deutscher ist und kein Pole, als daß er Jude ist. Diese Erscheinung läßt sich nicht selten am orthodoxen Rabbiner geradeso gut erkennen, wie am religiös indifferenten mechanistisch denkenden Gelehrten, nur daß gerade diesen sein Berufsschicksal dazu kommen läßt, vom literarhistorischen Aspekt aus vernachlässigt, in der tendenzgeschichtlichen Methode erst seine Klärung erfährt. Der Charakter des Einmaligen, hier also die Einstellung des israelitischen Menschen, wird nicht in einer geschichtlichen Stunde geboren und nicht in irgendeiner Episode erst konstruiert, sondern ist von vornherein da. Ist die Weigerung Gideons den Königstitel anzunehmen, ist diese für ihn selbst und sein Haus ausgesprochene Weigerung eine geschichtsfremde Deutung? Buber sucht in einer groß angelegten Analyse des Richterbuch es (die Unterscheidung zwischen monarchistischen und antimonarchistischen Kapiteln ist aufschlußreich) den Nachweis zu führen, daß eine solche Situation vor dem Beginn des Königtums geschichtlich möglich war, dann, daß es sie tatsächlich gegeben hat, eine Situation, in der eine sprechbefugte Vertretung Israels zwischen irdischem Königtum und unbedingter Gottesherrschaft zu wählen hatte. Daß diese Rückwand eines tatsächlichen geschichtlichen Geschehens ihre Schatten werfen wird auch auf die Entstehung des messianischen Glaubens, daß dann dieser Glaube an den Messias weit entfernt davon vage Hoffnung, theologische Spekulation zu sein an Konkretheit gewinnen wird, das braucht lediglich angedeutet zu werden. Es handelt sich also bei Bubers Werk um die Rückverwandlung der Theologie in Geschichte, um ihre Einbettung in die Geschichte, um ihr unmittelbares Hervorgehen aus der Geschichte. Anders ausgedrückt: Die Geschichte einer besonderen Frömmigkeit führt auf eine besondere Frömmigkeit in der Geschichte. Für einen mit Bubers Gesamtwerk Vertrauten wird eine Perspektive seiner Arbeit deutlich werden: auch hier geht es letzten Endes um die Bereinigung des Verhältnisses von Theologie und Politik. Was die Eschatologie, die religiöse Hoffnung als Versöhnung beider in einem widerspruchsvollen Leben nur erschauen kann, was die Gegenwart in der Vorwegnahme dieses Zukünftigen uns als unabweisbare, in jedem Augenblick sich erneuernde Forderung präsentiert, das wird nun auch im Vergangenen als lebendiges und wirkendes Thema der Geschichte selbst erkennbar. Daß diese Erkenntnis aber nicht auf dem Wege des Glaubens, sondern einer kritischen Bemühung gesucht wird, das wird die Erwartung auf „das Kommende" nur steigern. 3) Martin Buber, Das Kommende, Untersuchungen zur Entstehungsgeschichte des messianischen Glaubens, I. Band, Königtum Gottes, 1933, Schocken-Verlag, Berlin. sein Heimatsgefühl durch nichts beeinträchtigt, im Ganzen seines Lebens aufgehen zu lassen und damit sehr unproblematisch Jude zu sein. /Diese Eigenart hat auch Paul Ehrlich nicht anders wie sein .großer Vetter, der Frankfurter Anatom Karl Weigert deutlich besessen, trotzdem beide Gelehrte in allem Persönlichen höchst verschieden waren. Weigert war auf der Höhe seines Lebens behaglich sanguinisch, witzig und voll Humor, Ehrlich hingegen immer voll Bewegung, immer aufs höchste gespannt und fast asketisch der Zufälligkeit des äußeren Lebens abgewandt und weltvergessen auf das eigene Arbeitsziel und den Arbeitserfolg konzentriert. Weigert konnte seinen Geist verschwenden, Ehrlich mußte methodisch mit jeder möglichen Arbeitsstunde geizen. : Ehrlich wurde am 14. März 1854 in Strehlen bei Breslau ""geboren. Dieser Ort hatte um die Jahrhundertwende 8000 Einwohner, darunter 64 jüdische. Ehrlichs Eltern waren angesehene, wohlhabende Landjuden. Es ist anzunehmen, daß er seine naturwissenschaftliche Veranlagung seiner Mutter,"" einer geborenen Weigert, verdankt. Die erbliche Anlage der Mutterfamilie steht fest, denn Karl Weigert ist nicht der einzige Gelehrte seiner Familie gewesen. Er selbst aber glaubte, dieses große Erbe sei ihm von Vaterseite überkommen, denn schon sein Großvater väterlicherseits habe noch mit 90 Jahren Interesse an naturwissenschaftlichen und technischen Dingen bekommen und volkstümliche Vorträge aus diesen Gebieten gehalten. Er kam aufs Gymnasium in Breslau und galt dort als ein Lernkopf. Trotzdem soll er ein schlechter Schüler gewesen sein. Latein muß er gut gelernt haben, denn er prägte später mit Vorliebe treffende lateinische Kunstausdrücke und benutzte Paul Ehrlich II. Der Mensch und Forscher Von Prof. Dr. Richard Koch