Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 12 (8.1933)
- Date
- 1933-08-01
- Page
- Seite 338 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 338 trägt, verrät uns Schoeps leider trotz Blühers Aufforderung nicht. Ja, der jüdische Theologe muß sich von dem Antisemiten sagen lassen: „Ich stehe vor einem Rätsel, wie Sie Ihre Volkhaftigkeit ableugnen können . .. Wo, wie bei Ihnen, das Sakrament sich an den Samen bindet und dort wirkt, da bleibt die Religion, von der es gespendet wird, ebenso lang erhalten, wie dieser Same fließt: Und dieser Same bleibt erhalten — durch die Religion . . . Ich verstehe Sie nicht, wie Sie Ihr Volk dauernd so unterschätzen können, daß Sie ihm den völkischen Untergang zutrauen, während Sie eine Theologie vertreten, die Israel das ewige Leben auf dieser Erde verbürgt. Ich sollte nur Jude sein, und Sie sollten mal sehen, wie ich es meiner Umgebung beibrächte, mich zu respektieren." (Seite 70.) Schoeps windet und dreht sich, um den ihm gefährlichen Gedanken einer jüdischen Nation abzulehnen. Er gerät nach Blühers richtiger Beobachtung bezeichnenderweise stets in eine „eigentümliche Erregung, wenn es um das Volkhafte an Israel geht". (Seite 67.) Die Existenz des Zionismus ist ihm sehr peinlich, und er meint, daß „fiktive Realitäten deswegen zeitliche Dauer haben, weil sie für die ihnen Nachhängenden scheinbaren Realgehalt besitzen" (Seite 58). Wenn z. B. heute Millionen Juden sich zu dem jüdischen Volk bekennen und von der Umwelt als jüdisches Volk betrachtet werden, wenn in Palästina heute ein neues jüdisches Leben und eine neue hebräische Kultur erstehen, ja, wenn Palästina heute Tausende deutscher Juden aufnimmt — für Schoeps ist das bloß eine „fiktive Realität"; seine theologischen Konstruktionen aber wohl nicht!? Darüber hinaus versichert Schoeps, „daß die gewaltige Mehrheit der deutschen Juden vielleicht den Wiederaufbau des Tempels ersehnt . . . aber für die Züchtung von Jaffa- Orangen und palästinensischer Nationalkultur bestimmt kein besonderes Verständnis aufbringt" (Seite 58). In diesem Urteil über die deutschen Juden zeigt sich der Meister der „fiktiven Realität". Nein, trotz des „heiligen Samens", trotz Israels blutgebundener Mission, trotz seiner „konstitutionellen Anlage zum Heil" — Schoeps bekennt sich eindeutig zur deutschen Nation, er „ist Preuße, indem er für das Erbe von Hohenfriedberg die geschichtliche Verantwortung übernimmt" (S. 46). Obwohl Blüher, der es doch besser wissen muß, Schoeps erklärt, daß er als Jude nicht der deutschen Nation angehören kann, ja, daß ein derartiger Grenzübergriff Schoeps' eigenen Auffassungen widerspräche, daß dies nur ein neuer Fall der dauernden, die Lösung der Judenfrage verhindernden, „jüdischen Mimikry" (S. 68) sei, versteift sich Schoeps darauf, ausgerechnet „Deutscher preußischer Prägung" zu sein. Warum? Kraft politischen Bekenntnisses! Darauf Blüher: „Bekennen — ja! Aber bekennen können . . .?" (S. 117). Es wird in diesem Zwiegespräch noch viel hin und her disdiskutiert über die Schöpfung des Menschen; die sinaitische Offenbarung; Glaubensverschiedenheiten; die Freiheit zum Guten; Säkularisation u. a. m. Nur auf das letzte Thema sei hier noch eingegangen. Blüher und Schoeps gehen von der konservativen, antiliberalen Grundhaltung aus, daß die Säkularisation, die der Rationalismus und die Aufklärung gebracht haben, einen großen Schaden für die Gegenwartskultur und ihr religiöses Leben bedeuten. Blüher beschuldigt das Judentum, das alles angerichtet zu haben, weil es sich von Gläubigkeit auf Säkularisation „mit einem Griff umschalten" (S. 94) könne. Die Front des Judentums reiche somit von Moses bis — zum Bolschewismus (S. 39). Schoeps antwortet mit Recht, daß die Säkularisation nicht von den Juden ausgegangeu sei, sondern ein europäisches Phänomen sei, das,wie bei anderen Religionen sich auch bei der jüdischen zeige. Blühers Antwort ist nun charakteristisch: Das Christentum könne nicht seine Basis in dem Maße verlieren wie da3 Judentum; durch seine Dreieinigkeits-Lehre sei es davor geschützt,, restlos dem Rationalismus zu verfallen, es könne nicht mit Mendelssohn sagen: „Wir haben keine Religion, die der Vernunft widerspricht." Der Dreieinigkeits-Glaube schütze es vor der Vernunft, aber „das Judentum trägt die Säkularisation als. ein immanentes Gesetz ... in sich" (S. 94). So haben sich diedie Zeiten geändert! Während seit der Aufklärung die Religionen miteinander stritten, welche von ihnen mehr mit der Vernunft übereinstimme, und sich dem Ideal der „Vernunft- Religion" mehr nähere, rühmt nun der Christ seine Religion,, weil sie der Vernunft widerspräche und wirft dem Juden vorr daß er aus seiner „vernünftigen" Religion heraus stets in der Geschichte auf der Seite des Geistes gestanden habe. Auch hier versagt Schoeps in seiner Antwort. Hier hätte er als Jude von der Verteidigung zum Angriff übergehen können. Der religiöse Jude und nicht nur er, dem das „Lernen" Sinn des Lebens ist, der nach des großen Maimonides' Lehre in der rationalen Erfassung der Welt und Gottes höchstes und in ewiger Tragik unerreichbares Ziel des Lebens sieht, und der sehr wohl um die Grenzen der menschlichen Vernunft weiß, er weiß auch, daß sie die edelste Gabe des Menschen ist, und daß nur Menschen solch zwiefacher Haltung, die durch das verzehrende Feuer des Geistes hindurchgegangen sind und doch seine Träger bleiben, das Leben zu meistern verstehen. Das alles und noch viel mehr hätte Schoeps Blüher antworten können. Aber er verzichtet darauf, gibt Blüher teilweise nach, bis dieser erstaunt fragt, warum Schoeps nicht zum Christentum übertrete. Dieses Buch, das in so entscheidender Stunde erschienen ist, legt man nicht ohne das bedrückende Gefühl weg* unsere jüdische Sache ist unterlegen,x bloß weil sie schlecht vertreten war. Zum Schluß sei dem Rezensenten noch die ketzerische Frage nach dem Sinn und Zweck derartiger Unterhaltungen in dieser Zeit erlaubt. Erstens ist es sinnlos, sich mit Blüher überhaupt zu unterhalten, da man nur mit Ratio argumentieren kann, auf die Blüher keinen Wert legt. Blüher kommt es nicht auf die Wirklichkeit an (Erhebung Israels usw. S. 110), sondern auf ihren „intelligiblen Inhalt". So nennt er jedenfalls die Produkte seiner stellenweise üppig blühenden Phantasie, die sich namentlich bei Aussagen über das Judentum zeigt. Zweitens ist die Judenfrage heute zum Allerwenigsten eine religiöse. Eine solche theologische Diskussion kann sehr leicht den wahren Charakter derJudenfrageverwischen». indem die „fiktive Realität" theologischer Konstruktionen uns sehr leicht über den bitteren Ernst unserer Lage hinwegtäuschen kann. Eine „Religionsdisputation" zwischen Jude und Christ muß heute ein anderes Gesicht haben, sonst wirkt sie auf den Leser wie jene zu Toledo auf Heines Donna Bianca. Zum dritten: Es ist sinn- und zwecklos, sich neute mit dem Antisemitismus — in welcher Form er auch auftrete — in Diskussionen einzulassen. Mit Erklärungen und theologischen Darlegungen überzeugen wir keinen Menschen. Das konnte man allenfalls" noch im Zeitalter des Liberalismus. Juden, die es trotzdem tun, geben sich einer Täuschung hin. In der Galuth können wir nur eines: Schweigend ein neues jüdisches Leben aufbauen; und wenn wir in unserer Not zu verzweifeln drohen, dann mag uns das schöne unter die Jesaja-Orakel aufgenommene edomitische Wächterlied der Exilszeit erklingen: „Wächter, wie lang noch die Nacht? Der Wächter spricht: es kommt der Morgen, aber noch ist ea Nacht." (Jes. 21, 11—12) Dr. Karl Guggenheim Nachbemerkung Vor einigen Wochen bat mich der Leiter dieser Beilage um eine abschließende Stellungnahme zu mehreren Aufsätzen, die sich mit dem öffentlichen Gespräch, das ich mit Hans Blüher geführt habe, beschäftigen würden. Heute liegen mir nun diese Aufsätze im Manuskript vor, und ich bereue fast, eine Zusage gegeben zu haben. Ich hatte gehofft und naiverweise für möglich gehalten, daß das mit Blüher begonnene Gespräch durch ernstliche Besinnung und Bemühung um seinen thematischen Gehalt, der für uns deutsche Juden heute gleichermaßen letzten Ernst besitzt, weitergeführt werden könne. Leider ist dies — abgesehen von Paul Yogi Mayers sachgemäßer Interpretation, mit der ich in These und Antithese im wesentlichen vollauf einig bin — nicht der FalL weil die beiden anderen Referenten mein Anliegen nicht ernst genommen haben. Ich sehe mich darum nicht in der Lage, meinen Gegnern zur Sache direkt etwas zu erwidern, weil die sachlichen Gegensätze zumal von Dr. Vogelstein in eine seltsam berührende persönliche Form gekleidet und meist schiefe Werturteile von dem Forum einer Selbstsicherheit aus abgegeben worden sind, auf das ich dem Gegner nicht zu folgen vermag. Ich kann nur sagen, daß ich. nach Lektüre dieser Aufsätze erschrocken gewesen bin und gefragt habe: Wie kann man nur einen Menschen, den man selber nie gesehen hat, von dem man nur das eine sieht, daß er in die Lage versetzt worden ist, seine Glaubensgenossen gegen überaus gefährliche Angriffe eines Antisemiten von Rang zui verteidigen; wie kann man nur ihm die Glaubwürdigkeit und den Ernst seiner Absichten bestreiten wollen? Wie denn, wenn dieser Mensch sich fortgesetzt darüber Gedanken gemacht hat und noch macht, wie er für das Judentum überhaupt legitim sprechen könne, und wie es denn zugehe, daß ein deutscher Jude selbst in dieser schweren Zeit ganz Deutscher und gana