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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-08-01 · 12 (8.1933) · p. Seite 339

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
12 (8.1933)
Date
1933-08-01
Page
Seite 339 (sequence 33)
Language
German
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Seite 339 Jude sein kann, ohne in einen inneren Konflikt zu geraten. Ich kann verstehen, daß das für einen Zionisten eine unmögliche Vorstellung sein mag, aber ich kann nicht -verstehen, warum der Zionist eine ihm fremde Wirklichkeit nicht respektieren und als ihm unzugänglich stehen lassen kann. Muß man denn die Situation einer anderen Menschengruppe, die von ihr nicht erdacht und nicht erfunden worden ist, sondern in der sie sich vorfindet und die sie in Bewährung ihrer Wahrheit zu leben versucht, immer gleich als konstruktive oder illusionistische Verdeckung bezeichnen? Ich habe als Deutscher und als Jude, der nach Artung, Einsicht und Erfahrung konservativer Gesinnung ist, also um die verantwortliche Selbstentscheidung der Person und um ihre Inanspruchnahme von den objektiven Mächten der Geschichte etwas weiß, nie •auch nur mit einer Silbe abgestritten, daß man als Zionist Erlebnisse haben könne, die unsereinem verschlossen bleiben. Allerdings halte ich den Zionismus für eine, in ihren Konsequenzen furchtbare Fehlentscheidung, weil er den Auftrag, der das goj' kadosch jisroel zu einer objektiven Macht der beschichte werden ließ, verhängnisvoll verfälscht und — als Folgeerscheinung der abendländischen Säkularisation — der nationalistischen Ideenwelt des 19. und 20. Jahrhunderts assimiliert hat. Dieser Vorwurf darf allerdings legitim so nur von der deutsch-jüdischen Orthodoxie oder von einem ihr benachbarten Standort, wie ihn der Verfasser einzuhalten glaubt, erhoben werden. Denn nur hier wird darum gewußt, daß das Judentum kraft seiner biologischen Sakralfundierung auch eine ethnologische Bestimmung ist und daß eine Einengung der jüdischen Wirklichkeit auf das bloß Konfessionelle, wie sie mir unterstellt wird, den Sinn unserer Existenz verkennen würde. Wir alle aber, denen das Judentum mehr ist als eine Fatalität der Abstammung, haben den Zionisten zu antworten, daß wir unserer Nationalität und unserem weltlichen Schicksal nach ohne Abstrich Deutsche sind (unser heutiges äußeres Los ändert daran keinen Deut), daß wir nicht eher Deutschland verlassen und nach Erez Israel ziehen werden, als bis am Tage der Ankunft des Messias die Posaune erschallt. Dieser Tag kann freilich jederzeit, also auch morgen anbrechen, dann hebt er uns aber endgültig heraus aus der Völkerwelt. Theodor Herzl jedoch hat den Galut dadurch boenden wollen, daß er uns erst einmal richtig als ebenbürtige Nation in die Völkerwelt hinein zustellen versuchte! Als Abschluß dieser Aussprache möchte ich nun einige Einsichten aus dem so heiß umstrittenen „Streit um Israel" und aus meiner sehr viel wichtigeren, weil theologischen und zugleich situationsbezogenen kleinen Schrift „Jüdischer Glaube in dieser Zeit" (Philo-Verlag, Berlin 1932, Preis 3.50 RM) in Form von Thesen zusammenfassen, die bewußt zugespitzt sind auf die iNot und die Heutigkeit der jüdischen Allgemeinsituation, insbesondere aber auf die Frage, warum wir deutschbewußten Juden zu Deutschland stehen, selbst auf jede Gefahr hin, und zwar aus jüdischem Glauben heraus und um willen der jüdischen Existenz: 1. Unsere jüdische Situation ist nicht heute in die Krisis geraten durch den Nationalsozialismus, sondern sie steht in der Krisis, seitdem Gott sich dem Abraham zu erkennen gegeben hat, und sie steht insbesondere in der Krisis seit dem Jahre 3830, dem Jahr der Zerstörung des Tempels in Jerusalem. 2. Seit 3830 leben wir im Galuth und werden im Galuth weiterleben bis zur Ankunft des Messias am oder kurz vor dem „Tag des Herrn", den die Propheten verheißen haben. („Dein Volk, alle sind sie Fromme, in der Endzeit werden sie erdverwurzelt sein." — Jesaja 60, 21) Wer vorher den Tempel in Jerusalem wieder aufbauen will, versündigt sich. 3. Wer heute Deutschland verläßt, um seine Geschäfte in Tel-Awiv oder Jerusalem zu machen, soll seine Geschäfte dort machen, wie er sie ebensogut in Paris, Rom oder Madrid machen kann. Wer aber angeblich um Klall-Israels willen in Palästina einen jüdischen Nationalstaat errichten will, verrät die Klall-Israel-Wirklichkeit an den „Fürsten dieser Welt", der in Moskau residiert, dessen Fänge über die ganze Welt ausgestreckt sind und der nur darauf wartet, in Palästina eine nationalstaatliche Satrapie zu errichten. Wir wünschen und wollen aber, daß an der Klagemauer weder die Internationale noch die Hatikwah gesungen, sondern daß wieder und wieder ebendort bis in alle Ewigkeit Kaddisch gesagt wird. 4. Ja-sagen zum Judesein heißt Nein-sagen zum religiöspolitischen Zionismus, weil vom ersten Propheten bis zum letzten Rabbiner von heute es abgelehnt werden mußte und muß, Sakralität in Biologie aufzulösen. Wer um einer humanitären Sozialethik oder um des Sozialismus willen ein jüdisches Volkstum in Erez Israel erstrebt, ein freies Volk auf freiem Grund, auf daß sich seine Volkstumkräfte zu seinem Glück und Wohlergehen schöpferisch entfalten mögen oder so ähnlich, verkennt ebenso Wesen und Bestimmung des Volkes Israel wie der heidnische Nationalist (er ist sympathischer, weil er geschichtlicher ist), der das Glück und den Rausch weltlicher Staatsmacht will, für das Volk will, das in seiner politischen Sonderexistenz immer nur dem Volkskönigtum JHWH's untersteht, wie es international in seiner Geschichte einmal verwirklicht war und real-praesent in seiner Endgeschichte verwirklicht sein wird. 5. Wir sagen aber ja zur weltlichen Staatsmacht des Galuth, weil sie — obwohl sündig — von Gott gesetzt ist, um noch größerer Sünde zu wehren. Gemäß dem Satz der Rabbinen „Dina d'malchutha dina" (Staatsgesetz ist Gottesgesetz) stehen wir bedingungslos loyal zu jeder irdischen Obrigkeit — auch zu der des Nationalsozialismus. In seinem Staat sind wir — nicht nur gezwungen, sondern freiwillig — passive Objekte, weil die Kraft der mythischen Ursprungsmächte (Baalim) für Israel schon zu Zeiten des Königs Saul endgültig gebrochen worden ist, und weil wir weder totaler Bannung unterliegen noch totale Gefolgschaft leisten können. Wir können dem totalen Staate nicht verfallen, weil Gott seine Totalität durchbricht, und wir können keinem absoluten Führer folgen, weil der Herr selber der Juden Führer ist. Hingegen können wir im autoritären Staate auch aktiv stehen als Staatsdiener, Offiziere und Beamte, weil Autoritäten letztlich nur von Gott autorisiert werden, mindestens aber, ihren Rechts- und Ordnungsauftrag ob j e k t i v begründen und dem weltlichen Heils- und Heiligungsanspruch der Offenbarungsreligionen Raum geben. Aber ob totaler oder autoritärer Staat, stets gilt die Mahnung des Jeremia: „Sorget für das Wohl des Landes, in das ich euch habe wegführen lassen, und betet für es zum Herrn." (29, 7.) 6. Die Unterscheidung der Regierung von arischen und nichtarischen Deutschen wird von uns als Tatbestand akzeptiert und bejaht, weil wir wissen, daß die Söhne Sems und die Söhne Japhets ursprungsgemäß und auftragsgemäß von einander unterschieden sein müssen. Wir wissen aber auch, daß Deutschland als Staat und Nation mehr ist als bloße Bluts¬ und Stammesgemeinschaft — wenn dies auch heute undeutlich wird, es wird morgen wieder deutlich sein —, daß Deutschland nämlich auch Schicksals - und Geschichtsgemeinschaft ist. In diese sind wir eingetan auf W e 11 z e it als preußische, bayrische, hessische und fränkische Deutsche jüdischen Glaubens und jüdischen Stammes, weil wir durch Bekenntnis vor Schicksal und Geschichte s e i n s - und bewußtseinsmäßig Deutsche sind. Wer heute Deutschland nicht verläßt und ohne Groll und Ressentiment als Deutscher und als Jude um Deutschland Leiden erträgt, stellt seine Deutschheit unter Beweis, wie er zwingender und gültiger nicht gedacht werden kann, auch dann, wenn ihm vorerst keine äußere Entsprechung erfolgt. 7. Ja-sagen zum Judesein, heißt Ja-3agen zum Galuth. Im Galuth zu existieren als der Ewed Haschern (leidende Gottesknecht) ist Wesen und Bestimmung des Volkes Israel. Der Gottesknecht soll uncl muß Leiden tragen um des kommenden Gottesreiches willen; damit und darin soll es ihm gut gehen. Es soll ihm aber nicht gut gehen um willen seiner selbst. Denn „das Gesetz ist eine Leuchte und die Thora ist das Licht — ein Weg zum Leben sind die Züchtigungen". (Spr. 6, 23) 8. Darum ist kein Grund, die neuerliche Leidenssituation der Juden in Deutschland mit Panik zu beantworten, sondern es ist Grund, sie mit Teschuwoh (Umkehr) zu beantworten und mit der Bitte: Owinu malkenu hachasivenu bit'schuwoh sclrlemoh l'ponecho. (Unser Vater, unser König, gib uns die Kraft bußfertiger Rückkehr zu DIR). Es ist kein Grund zu zagen und traurig zu sein, sondern Grund zu hoffen und fröhlich zu sein. Das Buch des Jesaja vom Ewed Haschern ist nicht nur geschrieben für die Vorväter, sondern auch für die Enkelsöhne von 1933; es ist auch nicht nur ein Leidensbuch, sondern ebenso sehr ein Trostbuch, in dem es heißt: „Es kommt für Zion ein Erlöser. Auch für alle, die von Sünde umkehren in Jacob. Und Ich — darin soll mein Bund gipfeln, spricht Gott —, daß Meine Worte, die ich in deinen Mund gelegt, nimmer weichen sollen aus deinem Munde und dem Munde deiner Kinder und Kindeskinder von jetzt an bis in Ewigkeit." (59, 20—21). _Hans Joachim Schoeps Schluss der Beilage. Verantwortlich für die Schriftleitung der Beilage: Ernst Hölzer in Frankfurt a. M.

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