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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-08-01 · 12 (8.1933) · p. Seite 337

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
12 (8.1933)
Date
1933-08-01
Page
Seite 337 (sequence 31)
Language
German
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Seite 337 Erkenntnis der grundlegenden Bedeutung der Offenbarung oder auch der Funktion des Kreatur- und Sündengefühls im Judentum will er sich selber durch eine besonders gewählte Sprache — sie soll theologisch klingen — als religiöses Erlebnis suggerieren. Die Ursprünglichkeit fehlt, und die Unechtheit steht nicht fern. Zu den Urgründen dringt er nicht vor; vielmehr erliegt er der Gefahr, dem Wort und seinem Klang die Führung zu überlassen. Um dem Kreaturgefühl Ausdruck zu geben, verfällt er in eine Sprache, die bedenkliche Anleihen bei der christlichen, namentlich der protestantischen Theologie macht. Er spricht von der sakramentalen Wirkung der Offenbarung und einer sakramentalen Blutsumwandlung und muß sich von Blüher sagen lassen: „Wenn Sie mir in christianisierendem Stil schreiben: „Wir können nicht anders, denn als unerforschliche Tatsache der Heilsgeschichte anerkennen, daß es Gott gefallen hat, sich der Welt außerhalb Israels noch auf besondere Weise zu offenbaren und durch Leib und Blut Jesu (sie! Sperrung von mir. H. B.) mit der Welt einen neuen Bund zu schließen" — so kann ich immer nur wieder sagen: so etwas darf gar nicht über Ihre Lippen kommen, es sei denn •— Sie treten zum Christentum über. Es fehlt bei Ihnen nicht viel daran." Statt nun die Entgleisung zuzugeben, gefällt sich Schoeps in seiner rhetorischen Drapierung so gut, daß er dem Gegner noch mehrmals Anlaß zu der gleichen Konstatierung gibt — die typische Erscheinung eines Schriftstellers, der ein Opfer seines Stils geworden ist. Innerhalb der Diskussion hat das zwar wenig Bedeutung. Denn es handelt sich gar nicht um eine echte Diskussion. Blühers Position ist unangreifbar, und dies darum, weil sie sich tatsächlich gar nicht auf Argumente beruft. Diese sind nur Scheinstützen für ein Gebäude, das auch ohne sie stehen würde, nämlich für die unbeweisbare Behauptung, das Judentum habe die Funktion des Antichrist in der Geschichte; wobei unter Christentum ein „germanisches", blutsmäßig gebundenes verstanden wird. Jeder unbefangene Leser sieht nach der Lektüre der ersten Sätze die Aussichtslosigkeit der Auseinandersetzung. Schoeps dagegen stellt erst gegen Schluß mit Bedauern fest, das Gespräch hätte zu größerer „Sinnfülle" gelangen können, „wennn nicht eben beiderseits doch schon wesentliche Vorentscheidungen gefallen wären (!), die dem Zu- Besiegtes 'Hans Blüher, einer der bedeutendsten Führer der deutscheu Jugendbewegung, der auch einen sehr großen Einfluß auf die jüdische Jugendbewegung in Deutschland gehabt hat, ist bekanntermaßen vor mehreren Jahren in das Lager der Antisemiten gegangen. Seiner „Secessio Judaica" ließ er vor anderthalb Jahren die „Erhebung Israels gegen die christlichen Güter" folgen, ein Buch, das nach Absicht des Verfassers bestimmt ist, in dem Sinn das antisemitische Waffenarsenal für das 20. Jahrhundert zu werden, wie das die Werke des Grafen Gobineau und H. St. Chamberlains für das 19. Jahrhundert waren. Zwischen dem landläufigen Antisemitismus und dem Blühers besteht jedoch ein tiefer Unterschied. Blüher ist ausschließlich religiöser Antisemit; er haßt als gläubiger Christ das Judenvolk, das einst auserwählt gewesen sei, aber durch die Nichtanerkennung Jesus' als Messias seine große Mission verfehlt habe> und in ewiger Verfluchung zur antichristlichen Sendungsmacht kat exoehen geworden sei. Diese blutgebundene Mission des antichristlichen Zersetzungs- und Zerstörungsauftrags -wirkt sich nach Blüher aus in systematischer — wenn auch dem einzelnen Juden als solcher unbewußter — Zersetzung der christlich-deutschen Kultur durch jüdische Korruption des christlich-deutschen Eigentumbegriffs, durch Auflösung der Staatssubstanz durch jüdische Advokaten, durch Zerstörung der deutschen Volksgesundheit durch die häufigen Schwangerschaftsunterbrechungen jüdischer Aerzte sowie durch die ,,jüdische" Sexualwissenschaft und schließlich durch teilweise Aufweichung des Protestantismus zur liberalen Humanitäts-Religion. Das größte Unglück sei die von den Juden getragene Aufklärung und Säkularisation des Kulturlebens, deren schlimmste Erscheinungen der Marxismus und — die Psychoanalyse seien. Das so ungefähr (und noch einiges mehr) hat Blüher den Juden vorzuwerfen. Ein junger „jüdischer Theologe", Hans Joachim Schoeps, griff darauf in der C. V.-Zeitung (Nr. 3, 1932) Blühers Buch an, es erfolgte eine Erwiderung^Blühers und eine erneute Antwort Schoepsens ebendort (Nr. 6, 1932), und es folgte weiter ein Briefwechsel zwischen Blüher und Schoeps, griff eines Gespräches offenbar von vornherein entzogen sind". Die einzig mögliche Konsequenz aus dieser Erkenntnis wäre die gewesen, den Druck zu unterlassen. Hier zeigt sich auch ein entscheidender Abstand von den Disputationen des Mittelalters. Auch dort war zwar zumeist objektiv die gleiche Voraussetzung der Unbelehrbarkeit gegeben, subjektiv dagegen bestand der Glaube, den Gegner aus seiner Position verdrängen zu können. Wo dieser Glaube nicht besteht, bleibt ein öffentliches Gespräch unerlaubt, weil es zur literarischen Stilübung wird. Daß dies für Blüher der Fall ist, beweist seine Bemerkung: „Schließlich werde ich so Gott will, auch über meine theologische Periode hinwegkommen". Und für Schoeps ist in dieser Richtung die folgende Stilprobe bezeichnend, die durch Form und Inhalt die beste Charakteristik dieses Buches bietet: „Und damit wäre ich ans Ende gekommen, möchte aber in diesem „jüdisch-christlichen Gespräch" noch etwas Urjüdisches sagen, das unseren Disput beschließen soll: Wiewohl ich noch im Jünglingsalter stehe, weiß ich nämlich aus einer Blutserfahrung von Jahrtausenden etwas ganz klar und deutlich, was kein Theologe im Grunde wirklich erklären kann. Nämlich dieses: Wenn Gott in seinem gerechten Zorn die sündige Welt bis heute nicht hat untergehen lassen, so kann das nur daran liegen, daß der Herr unendlich viel Humor haben muß. Soviel Humor, daß er sogar unser Streitgespräch erträgt, das wir um der Wahrheit willen führen wollten....." Stilübungen zu machen, ist jedem unbenommen. Er soll sie jedoch in seinen Schreibtisch einschließen und nicht der Oeffentlichkeit vorlegen, wenn er nicht dazu gezwungen wird. Die mittelalterliche Disputation war Lebensäußerung eines Zeitalters; das Gespräch Blüher-Schoeps ist es nur insofern, als es Krankheitssymptom ist, Ausdruck eines ungesunden Individualismus. Es ist darum nicht aktuell, obgleich es einen aktuellen Stoff behandelt. Da ist kein aus seelischer Not geborenes Ringen um das Heil. Die ganze Atmosphäre ist so künstlich wie die Sprache. Man atmet nach Beendigung der Lektüre auf, wie wenn man aus einem Wald ins Freie tritt, in dem sich ungesunde Luft verfangen hat, die einem den Atem beninmmt. Max Vogelstein Judentum der, von Anfang an zur Publikation bestimmt, nunmehr gedruckt vorliegt. Das Buch ist vom jüdischen Gesichtspunkt aus namentlich deswegen interessant, weil hier zum ersten Male die Theorie eines neuen Typs von Assimilantentum erscheint, der Assimilation an den konservativen deutschen Nationalismus. Schopps steht jüdischpolitisch dem Gedankengang des Verbandes nationaldeutscher Juden nahe, deutsch-politisch den Kreisen, die seinerzeit hinter der Regierung Papen-Schleicher standen und nun hinter Hitler stehen. Schoeps ist somit Gegner sowohl des jüdischen als auch des politischen Liberalismus. Blüher und Schoeps sind einer Meinung darin, daß die Juden nicht „ein Volk wie alle Völker" sind. Wäre die Judenfrage eine bloß ethnologische, sie wäre nicht sehr bedeutungsvoll; das Judenvolk hat aber nach Blüher ein „historisches Apriori", denn es ist durch einen Offenbarungsakt Gottes am Sinai geschaffen. Diese „zweite Schöpfung", neben der ethnologischen, durch einen „sakramentalen Akt" hat nur Israel erlebt. Das Blut Israels wurde dadurch geheiligt, Israel wurde ein Gottesvolk. Soweit sind also Antisemit und jüdischer .Theologe einig. Aber Blüher geht noch weiter als Schoeps, für ihn hat diese Angelegenheit von magischen Vorstellungen getragene physiologische Auswirkungen: jüdisches Blut dringt in Mischehen immer durch, Israel kann sich gar nicht mit den Völkern völlig vermischen. So bekommt der Klall-Israel-Gedanke eine neue metaphysische Wendung: Israel ist auch für alle Abgefallenen verantwortlich. Schoeps entzieht sich dieser Verantwortlichkeit durch zwei Argumente: Erstens durch das alte Argument des Assimilations-Judentums: die Juden haben anno 70 aufgehört, ein Volk zu sein und sind seitdem nur eine Glaubensgemeinschaft; eine empirisch-nationale Einheit Israels existiere nicht mehr. Zweitens wendet Schoeps folgeuden Kniff an: Unter Benutzung des „Rest-Israels"-Begriffs Jesajas sagt er, es gebe erstens gläubige Juden, jenen „Rest Israels", und zweitens Ketzer und Abgefallene, für die das Judentum nicht verantwortlich sein könne. Wie sich diese Theorie mit der Theologie des „heiligen Samens" Israels ver-

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