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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-08-01 · 12 (8.1933) · p. Seite 336

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
12 (8.1933)
Date
1933-08-01
Page
Seite 336 (sequence 30)
Language
German
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Seite 336 Israels spricht — einmal ethnologisch und einmal als Gottesvolk am Sinai —, so kann man meines Erachtens ihm noch zustimmen. Die Geister scheiden sich aber bei der Deutung dieser Tatsache. Blüher sieht in dem Heilsereignis die rein biologische Bindung an den Samen (!); Schoeps bedeutet aber die Erwählung Israels zum Gottesvolk etwas, ganz anderes, nämlich: „. . . Aber ebenso wie die Auserwähltheit kein Heils besitz, sondern nur eine durch Gottesfurcht aktualisierende Heilsmöglichkeit ist, gilt die Versöhnung nur dem „Rest" Israels . . Wenn Blüher als Christ in der Gestalt Jesu die Inkarnation, die erneute Offenbarung Gottes sieht, dann aber seiner Verwunderung Ausdruck gibt, daß Schoeps dieses außerjüdische Heilsereignis „anerkennt", so möchte ich hier nur einen Ausspruch anführen, den Franz Rosenzweig einmal getan haben soll: „Wir wollen den Christen ihren Heiland glauben." Wenn sich nun Schoeps konservativ nennt, so stimmt das aus zwei Momenten heraus: erstens aus seinem Preußentum, denn wahres Preußentum ist in einem gewissen Sinne immer konservativ (vergl. Reden von Papens), zweitens aber aus der konservativen Substanz des Judentums. Wie diese konservative Haltung vor einem „echten Objekt" aussieht, sagt Schoeps am Schluß seines Gesprächs mit Blüher, indem er aus dem Buche Naumann Simonsohns (1817) „Juda oder über die Religion und Bürgerglück" ein Bekenntnis anführt, „das" — so schreibt Schoeps — „seitdem repräsentativ steht für eine Eliteschicht . . . preußischer Juden: „Ich schwöre Treue und Gehorsam dem König von Preußen, denn der König will picht als König erkannt werden, weil er Friedrich oder Ludwig heißt, sondern weil an ihm die Würde eines Königs von Preußen ist." Und um zu bekunden, daß dies auch noch heute eine mögliche, und die sogar geschichtlich geforderte Haltung ist, werde ich mir bekannte junge Juden, wenn ich die Zeit für gekommen halte, zur Bildung eines bündischen Gefolgschaftskreises auffordern, der für das, was ich hier gesagt habe, mit der Existenz einstehen soll, indem er den Beweis der Wahrheit und der Kraft erbringt. Gerade in den. letzten Monaten habe ich es zu meiner Freude erlebt, daß es das gültige und verbindliche Bild des jungen Deutschen jüdischen Glaubens und Stammes längst gibt, der — zumal wenn er aus Jungensbünden kommt — gar nicht änders kann, denn preußisch existieren." So schrieb Schoeps Oktober 1932! Wie klar er erkannte, was das „Dritte Reich" bringen sollte, das zeigt seine letzte Schrift „Das neue Gesicht der Politik". — Inzwischen hat sich dieser bündische Gefolgschaftskreis (Ende 1932) unter dem Namen „Deutscher Vortrupp" gebildet, und gerade in diesen Tagen, wo dieser Aufsatz geschrieben wird, erhält er neues Gesicht und Bestimmung. Daß ich ihm angehöre, braucht >nach allem Gesagten kaum noch der besonderen Erwähnung. Was Schoeps uns zu sagen hat, hat er in diesem Gespräch nur zum Teil zum Ausdruck gebracht. — Die Zeit steht gegen uns. Aber wir werden nicht müde werden, für unsere Sache zu zeugen, den Block aller jüdischen Deutschen zu schaffen, die guten Willens sind. Paul Yogi Mayer Disputationen i. Oeffentliehe Zwiegespräche wissenschaftlichen, religiösen, politischen Inhalts, kennt die geschichtliche Welt zu fast allen Zeiten. Und doch ist uns mit dem Wort Disputation, sowie wir es vernehmen, vordringlich der Begriff Mittelalter gegeben. Das Gespräch ist auch dn anderen Abschnitten der Menschheitsentwicklung Mittel der geistigen Bewegung gewesen; doch-zu keiner Zeit ist es derart kennzeichnendes Stilelement der Lebensgestaltung wie im Mittelalter. Unzweifelhaft gibt es wirtschaftliche und technische Gründe, die wir dafür suchen können. Das gesprochene Wort muß herrschen, solange es gegenüber dem geschriebenen die größere Reichweite hat. Und das ist bis zur Erfindung der Buchdruckerkunst und darüber hinaus bis zur Verbilligung der Papierfabrikation der Fall gewesen. Das genügt zur Erklärung der Entstehung des Streitgesprächs, nicht völlig aber reicht es hin, seine Bedeutung im Leben des mittelalterlichen Menschen zu begreifen. Diese gewinnt es dadurch, daß es nicht nur Erkenntniszwecken dient, sondern sich gleichzeitig als Schaustellung darbietet, oder doch wenigstens als solche gewertet werden kann. Hierdurch ist ihm — fast unabhängig vom Inhalt — die Teilnahme jener Menschen sieher, die ihr Leben an einer Vielgestalt bunter, erregender Szenen formen. Sie erleben die Vielfältigkeit des Daseins anders als wir, plastischer, farbiger, auch robuster, voll ursprünglicher Freude am Schauen, wie wir es noch — ein Nachklang — auf den Bildern der Brueghels finden. Man will schauen, ergriffen sein und womöglich Partei nehmen können. Man besucht die Disputationen als Wettkämpfe wie die Turniere der Ritter, ebenso wie man sich an roheren, nicht derart stilisierten Schaustücken ergötzt. Spiele fahrenden Volks und Reden der Bußprediger haben in gleicher Weise Zulauf. Man bereitet sich den Genuß, Blinde miteinander fechten zu lassen, und ist doch ein andermal wieder voll innigen Mitleids mit den Krüppeln. Man läßt sich bei öffentlichen Einrichtungen von der Ansprache des Delinquenten rühren, um dann erst mit der rechten Ergriffenheit und Befriedigung den Scheiterhaufen aufflammen zu sehen. Ein Blick in die Galerien bestätigt uns dies. Wie liebevoll schildern die Maler die Qualen der zur Hölle Verdammten. Nicht weniger Mühe verwenden sie darauf als auf die. Darstellung des glanzvollen Aufzuges der Seligen. Wir dürfen es daher einem zeitgenössischen Schriftsteller glauben, daß die Vierteilung eines Mörders dem Volke fast größeren Genuß bereitet habe als ein Ereignis aus der Heiligengeschichte. Unterschiedslos wird durch den Trieb zur Oeffentlichkeit, durch die Sucht, im Schauen am Leben teilzuhaben, naiv das Heilige mit dem Ünheiligen, die geistige Leistung mit dem Gaukelspiel, das religiöse Streitgespräch mit dem Zank der Marktfrauen in eine Linie gezerrt. Der Inhalt scheint fast belanglos — oder doch nicht. Man empfindet die Spannung zwischen der überstarken Diesseitigkeit und den Forderungen der Religion. Man weiß um Bindungen, weiß: „die Welt ist tief", und hinter, dem harmlosen Zugreifen des Tages steht harmvolles, quälendes Geheimnis. Man sündigt — aber man erlebt seine Sündhaftigkeit. Wohl nicht zu Unrecht hat man auf die Verwandtschaft mit den Menschen Dostojewskis, diesen „Sündern und Heiligen in einer Person" verwiesen. Und dies Sündengefühl verlangt als Dissonanz eine Auflösung: Erlösung, das Heil. Heilserwartungen bewegen sie alle, Juden wie Christen. Und so haben denn die Disputationen nicht so sehr die Aufgabe, zu beweisen, welche Religion die vernünftigere ist — so hätte wohl noch das vorige Jahrhundert gefragt —, auch nicht, welche Religion „reiner" und innerlicher ist — wie man vielleicht heute sagen würde —, sie sollen vielmehr erweisen, welche Religion den höheren, bezw. den wahren Heilswert -besitzt. So haben die Religonsdisputationen nur innerhalb der Gesamtsymphonie dieses an Spannungen und Kontrasten reichen Lebens ihren vollen Sinn als Schaustücke und Ringen um das Heil. H. Schauspiel ist auch das Gespräch zwischen Blüher und Schoeps — doch nicht entschuldbar als solches. Es ist eben nicht Lebensäußerung seiner Zeit, viel weniger einer Zeit, der wie dem Mittelalter „das Leben nicht Geschäft sondern Dasein ist" (Burekhardt), wo die Religion das gesamte Leben derart durchtränkt, das unter Umständen das Heilige profaniert, das Profane geheiligt werden kann, ohne daß die Konsonanz verloren geht. Dies Gespräch ist nicht gesellschaftliches Ereignis (und hier ist „Gesellschaft" im tiefsten und feinsten Sinne der Kultur gemeint); so fehlt ihm der Hintergrund, aus dem es durch urspüngliche Formkraft plastisch .hervorwächst. Wird nun gar heute eine Auseinandersetzung wie diese inder theatralischen, feierlichen Geste der Disputation geführt, so wird sie archaistisches Schauspiel, völlig isoliert, ohne Beziehung zu den bewegenden Kräften, d. h. aber: ohne Resonanz. Die Galerie ist ohne Publikum, und im Parkett fallen unter den spärlichen, nicht sehr interessierten Besuchern die beiden Schauspieler selber auf — sie haben sich verdoppelt — wie sie sich bei jeder gelungenen Wendung, deren manchegleich büchmannfähig zu sein beansprucht, heftig Beifall spenden. Unzweifelhaft finden sich treffende Formulierungen für alte Erkenntnisse, und aus Blühers Bemerkung: „Wenn man die Fleischwerdung des Wortes säkularisiert und Jesus Christus zum Edelmenschen macht, so kommt eine bloße Dummheit heraus, aber keine geschichtliche Macht" kann mancher „aufgeklärte" Jude lernen, daß religiöse und weltanschauliche Probleme nicht so einfach zu lösen sind. Schoeps sieht das Problematische der Situation und sucht eine Verankerung in größeren Tiefen. Doch der Anker faßt nicht. In ihren Grundzügen zutreffende wissenschaftliche

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