Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 12 (8.1933)
- Date
- 1933-08-01
- Page
- Seite 335 (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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JUGEND UND GEMEINDE Beilage zum Frankfurter Israelitischen Gemeindeblatt Herausgegeben von der Jugendkommission der Israelitischen Gemeinde_ Mr. 11___AUGUST <933 Alle Artikel sind persönliche Meinungsäusserungen der Verfasser, die Schriftleitung der Beilage übernimmt nur die pressgesetzliche Verantwortung. — Beiträge für die Beilage und Zuschriften sind an den Schriftleiter der Beilage, Ernst Holzer, Corneliuastrasse 8, zu richten STREIT UM ISRAEL Gespräch über ein Gespräch Dass auch und erst recht heute das Gespräch, die Diskussion über Israel und über die Juden geführt werden kann: nicht nur innerhalb des Judentums, sondern auch mit Niahtjuden— das versteht sich von selbst. Das Buch (Hans Blüher und Hans 'Joachim Schoeps: „Streit um Israel-, ein jüdisch-christliches Gespräch. Hanseatische Verlagsanstalt Hamburg 1933), das der Aussprache in dieser Nummer von Jugend und Gemeinde' zugrunde liegt, will zweierlei erweisen: Einmallwill es die Notwendigkeit solcher .Gesprädie" — in dieser oder anderer Weise — auch in Zukunft aufzeigen — zum zweiten will es zu ihrer Veranstaltung anregen. Die Schriftleitung. „Jüdischer Deutscher preußischer Prägung" Nicht theologisches Wissen um Judentum und Christentum geben mir die Berechtigung zum Eingriff in diesen politischreligiösen „Streit um Israel", sondern allein die Tatsache, daß ich selbst doch letzten Endes Streitobjekt bin, ich, der Laie, der nationale, jüdische Deutsche. Drei junge Menschen sind von der Leitung dieses Blattes beauftragt, zu diesem Streit ihre Stellung aufzuzeigen. Die Verschiedenheit in der Weltanschauung (Liberalismus, Konservatismus . . .), der innerjüdischen Stellung (Zionismus, Orthodoxie . . .) gibt uns das Recht zur einseitigen Betrachtung. Ein jeder von uns wird versuchen, in einer anderen Art und von einem anderen Ort aus in diesen „Streit um Israel" einzugreifen, die ihm wesentlichen Punkte herauflstellen und zu ihnen seine Stellung aufzuzeigen.- Die Tatsache, daß wir zu dritt dieses Buch besprechen, gibt uns die Beruhigung, daß wir mit dieser einseitigen Betrachtungsweise dem Buch keinerlei Abbruch tun. Der'„Streit um Israel" begann mit einem Angriff Schoeps' gegen Blühers „Die Erhebung Israels gegen die christlichen Güter" in der C. V.-Zeitung. Blüher antwortete. Schoeps trat ihm erneut entgegen. Ein weiterer Briefwechsel mit dem Ziele der Veröffentlichung war die Folge einer telephonischen Bitte Blühers. Die „Hanseatische Verlagsanstalt" kennzeichnet Schoeps: „Er wolle das Bekenntnis zum jüdischen Glauben und die Blutszugehörigkeit mit der Zugehörigkeit zum Preußentum und Deutschtum vereinigen. Er verträte den Standpunkt des gesetzesgläubigen Juden der Synagoge und zugleich den bekannten Standpunkt der „deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens", indem er — ein neuer Ton — zugleich versuche, als altpreußischer Konservativer gegen Liberalismus und Zionismus zu sprechen." Ehe ich zu dieser Kennzeichnung des Verlages Stellung nehme, sei noch Hans Blüher vorgestellt: Blüher verwahrt sich dagegen, ein Antisemit genannt zu werden. Doch erscheint mir die Verwahrung Blühers als völlig inhaltlos, denn selten habe ich klarer erkannt, und selten dürfte klarer gesagt worden sein, was ein Antisemit ist. Blüher steht gegen das Judentum, ist sein Gegner nicht nur im religiöstheologischen, sondern auch im Sinne des Rassenmythos der Nationalsozialisten. Gewiß, sein Antisemitismus trägt ein anderes Gesicht, aber er ist darum nicht weniger fanatisch, nur in eine andere Ebene verlagert. Blüher kennzeichnet sich selbst „. . . als keinen echten Christen . . .", „sondern als einen Mann, dessen Christlichkeit vielmehr fatale Zweifel und Fragen erweckt . . .", schreibt aber dann wieder: „. . . darum habe ich offen gesagt, daß ich auf der christlichen Seite stehe gegen das Judentum . . Nimmt man hinzu noch das,'was Blüher an anderer Stelle von der „Erhebung Israels gegen die christlichen Güter" gesagt hat, die mythische Gestalt eines „Fürsten der Verbannung", die Anerkennung des gefälschten Dokuments der „Weisen von Zion" (allein schon die Begründung für dessen Vorhandensein!), die jüdische Mimikry, die Sendung des Judentums als „Antichrist" (das Primäre kann doch unmöglich Antithese des später Gestalteten sein; das Judentum doch nicht Antichrist sondern höchstens umgekehrt, — Schoeps hat recht, wenn er Blüher eine Verzauberung der Geschichte vorwirft) u. a. m.: das alles erweckt das Bild des ge-, besser verbildeten, typisch deutschen Antisemiten. Aehnlich wie Blüher dürfte auch der Verlag eingestellt sein. Was er über Schoeps schreibt, stimmt nicht. In der Beurteilung des Verlags liegt nicht nur eine Unlogik (Wie kann ein Bekenntnis zu Blut und Glauben zugleich ein Assimilationsstandpunkt sein?), sondern auch eine Entstellung dessen, was Schoeps ist und will. Schoeps bezeichnet sich selbst in diesem Buche als einen „Deutschen preußischer Prägung". Diese preußische Prägung steht in keinerlei Gegensatz zu seinem Judentum. Was er will, ist keine Assimilation in landläufigem, allgemeinen Sinne, keine „Anpassung" unter Aufgabe irgendwelcher Werte, sondern unter vollster Anerkennung dessen, was Judentum ist (Gegensatz zu Naumann!), eine Anerkennung aller gegebener Tatsachen. Diese gegebene Tatsache ist für ihn vor allem sein Deutschtum. Und hier weiß ich mich mit ihm eins, wenn er glaubt, daß es zu seinem Deutschtum genau so wenig einer Entscheidung bedarf wie zu seinem Judentum. Deutschtum und Judentum sind Dinge, die, um in Blühers Sprache zu reden, blutsgebunden sind. Wir wären meines Erachtens auch Deutsche, wenn wir von jüdischen Deutsehen im Ausland geboren, nie Deutschland gesehen hätten. In uns wäre dennoch jene deutsche Mentalität wach, die uns heute rufen läßt: Deutschland, Deutschland über alles — und im Unglück nun erst recht! — Unser Deutschtum ist Erbgut! Wir wachsen in Deutschland auf, und es bedarf keinerlei Entscheidung zu ihm. Wir sind schon mit der Zeugung entschieden. Wir werden nicht als indifferente Wesen geboren, sondern unsere Geburt ist schon eine Differenzierung. Jede Fragestellung an sich ist hier schon eine Umbiegung zum Konstruierten, ein Abbruch des mit unserer Geburt gegebenen Wesens. Dagegen ist der Zionismus eine Erkenntnissache, und es bedarf der gewaltsamen Entscheidung gegen das eingeborene deutsche Erbgut, um zu ihm zu gelangen. Ob diese gewaltsame Lösung vom eigentlichen Ich durch äußere Gewalt (siehe die „Entscheidungen" der „Märzzionisten") oder durch Erziehung ausgelöst wird, das bleibt letzten Endes doch Nebensache. Mit dem Preußentum liegt es aber anders. Hier bedarf es einer „Entscheidung". Hans Joachim Schoeps als „Deutscher preußischer Prägung" schreibt: „Preuße wird man nicht aus Liebe zur Landschaft, sondern aus Liebe zur Geschichte, und Geschichte ist meistens eine Vergewaltigung der Landschaft. Weil Preußentum, preußischer Staat und preußische Lebensform eine geschichtliche Position ist, bedeutet das Preuße-werden eine freie vor dem Schicksal erfolgende Entscheidung, weswegen sogar der Oesterreicher Hitler heute Preuße sein kann . . ." So steht Schoeps zu Preußen und hierzu ist so wenig zu sagen, wie zu meiner Einstellung als Mensch der Mainlinie. Wenn weiter Blüher von der Offenbarung am Sinai sagt, daß sie nicht nur den Juden, sondern das Herz aller Menschen getroffen habe, wenn er von einer zweifachen Schöpfung