Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 12 (8.1933)
- Date
- 1933-08-01
- Page
- Seite 320 (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 320 der Quarantäne zur Bekämpfung der Pest, Maßnahmen zur Bekämpfung des Aussatzes und im islamischen Kulturgebiet eine großartige Ordnung von architektonischerßchönheit, die aber, abgesehen von der genaueren Kenntnis einiger Hautausschläge bei fieberhaften Krankheiten, nur Uebernommenes ordnet. Es gab damals im islamischen und germanischen Kulturgebiet wohl historisch sichtbare ärztliche Gestalten. Wir finden unter ihnen auch eine Reihe jüdischer Namen. *&.ber trotzdem gilt von den islamischen und christlichen Völkern dieser Zeit, daß sie nur im Abstrakten und im Künstlerischen wirkliche Gestaltungskraft besaßen. Da den Juden die künstlerische Aeußerung durch ihr eigenes Gesetz beschränkt war, waren also bis zum Jahr 1500 die Juden in der Medizin in fast der gleichen Verfassung wie die Völker, unter denen fie wohnten, d. h., vom Künstlerischen abgesehen, in der Verfassung, in der die Juden bis zu ihrer Emanzipation gewesen sind. Nichts beweist besser, wie vorsichtig man in der Bewertung der Leistungsfähigkeit der Völker und Gemeinschaften sein muß. Gerade die Geschichte der Medizin zeigt deutlich, daß ohne die Freiheit der Meinung, ohne die Möglichkeit des ungehemmten Meinungsstreites unter Gewissensawang und äußerer Not Wissenschaft sich nicht entfalten kann. Aber auch dieses Urteil ist noch nicht ganz vollständig, vielleicht zu günstig für die Juden. Dieser Meinung war der große Anreger der wirklich Neues schaffenden Medizin Theophrastus von Hohenheim, genannt Parac eis us (1493 bis 1541 n. Chr.). Er meinte, daß die Medizin von den Griechen komme und nicht von den Juden. Er hat damit in weitem Umfange recht. Die Medizin der Mittelmeerländer ging tatsächlich von den Griechen aus. Sie hatte ihren Höhepunkt zu der Zeit des großen Hippokrates (430 bis 360 v. Chr.), der von der kleinen Insel Kos stammt, die dem Südende der Küste Kleinasiens vorgelagert ist. So schöpferisch wie damals ist die Medizin der Griechen auch späterhin nicht gewesen. Selbst der Grieche Galen, der ein halbes Jahrtausend später in Rom lebte und viel stärker auf die Menschen des Mittelalters wirkte als Hippokrates, war in allem Wesentlichen ein ärztlicher Forscher, der auf die Vergangenheit seines Volkes zurückgriff. Die Römer haben nichts geschaffen, was sich mit den Leistungen der Griechen vergleichen läßt, die sie erst mit gehässiger Scheu, dann m roher Form und erst allmählich in all ihrer Feinheit verwandten. Die meisten und wichtigsten medizinischen Bücher der römischen Zeit sind von Griechen in griechischer Sprache geschrieben. Soweit hatte Paracelsus mit dem, was man zu seiner Zeit sagen konnte, vollständig recht. Er hat aber übersehen, daß die ebenbürtige andere Hälfte der Medizin, die Hygiene, ihr frühestes großes Schriftwerk in dem Pentat e'uch besitzt. Daß Einflüsse sowohl auf die jüdische Reinheitslehre als auch auf die erfinderische Kraft der griechischen Aerzte von den Aegyptern ausgingen, ist im hohen Grade wahrscheinlich, aber die schriftliche Ueberlieferung reicht nicht aus, um die Zusammenhänge zu rekonstruieren, und ebenso sind wir nicht imstande, mit einiger Genauigkeit festzustellen, was die Aegypter den Völkern zwischen dem Euphrat und Tigris und den Bewohnern Indiens verdanken. Es ist am ehesten so gewesen, daß, dem Bericht der Bibel entsprechend, auch die Kunst der Medizin zuerst im Zweistromland entstand und sich von da in den verschiedensten Formen unter den Völkern der Erde verbreitet hat. Nach der altherkömmlichen Definition ist die Medizin die Kunst, die Gesundheit zu bewahren und die verlorengegangene wieder herzustellen. Nach dieser Definition hat also Paracelsus unrecht, indem die eine Hälfte der Medizin dem Griechentum, die andere Hälfte aber ebenso zweifellos dein Pentateuch zu verdanken ist. 7mmetwdw SckJaganfälk ^«ÄKSäSkSE^I ■ggSsTj^g^^J Zu haben in den t Was wir unter Medizin im engeren Sinn verstehen, war in der antiken Welt ganz überwiegend eine Unterstützung der von selbst nach Gesundheit strebenden Natur des Menschen. Wohl bekümmerte man sich in der griechischen Blütezeit ein wenig um die zugänglichen Einzelheiten der Maschine des menschlichen Körpers, im wesentlichen aber nahm man den kranken Menschen als ganzes und faßte sein Gesundsein und sein Kranksein als ein Spiel von vier Grundsäften auf: des Blutes, der Galle, des Schleims und des schwarz-galligen Milzsaftes. Wenn die Harmonie dieser Säfte gestört war, unterstützte man das Streben der Natur, den überschüssigen Saft durch Diätmaßnahmen, durch Veränderung der Lebensweise, durch Blutentnahmen, Abführmittel, Brechmittei und Schwitzmittel zu entfernen. Das ist unabhängig von aller Theorie bis heute ein wichtiger Bestand des ärztlichen Könnens geblieben, mehr noch, man hat auf diesen Urbestand gerade in unseren Jahren zuversichtlicher zurückgegriffen als seit langer Zeit. Um die Einzelheiten der menschlichen Maschine selbst hat man sich zuerst in der alexandrinischen Zeit gekümmert. Aus dieser Zeit sind kaum schriftliche Aufzeichnungen erhalten geblieben. Das Interesse an dieser Art der Medizin muss etwa um die Zeit von Christi Geburt schon wieder erloschen sein. In den Schriften Galens ist allerdings nicht wenig davon erhalten geblieben^ aber es tritt auch hier zurück vor dem Interesse an der Viersäftelehre der Griechen. Was darüber hinausging, wurde im Mittelalter wenig beachtet, und die Viersäftelehre beschäftigte das Denken der Aerzte, weil sie der abstrakten und dialektischen Behandlungsweise zugänglich war und weil die Menschen des Mittelalters ganz besonders davor zurückscheuten, konkrete Einzelheiten zu erforschen und unter Verzicht auf Totalität durch Kleinarbeit am Erwerb von wirklich neuem Wissen mitzuwirken. Etwas grundsätzlich Neues brachte das Auftreten der Syphilis im Jahre 1495. Da erlebten die Aerzte zu ihrem großen Erstaunen, daß ein bestimmtes Heilmittel, nämlich das Quecksilber, eine bestimmte Krankheit unabhängig von allen Säftebewegungen heilte. Es hat Jahre gebraucht, bis diese unmittelbare Erfahrung das Denken der Aerzte umprägte. Zunächst suchten sie, die neue Erfahrung nach den alten Denkweisen zu erklären. Sie gaben Quecksilber in so großen Mengen, daß eine Quecksilbervergiftung erfolgte, zu deren wesentlichen Erscheinungen der Speichelfluß gehörte. Sie nahmen an, daß der Körper sich durch den Speichelfluß von dem Syphilisgift reinigte. Aber nach einiger Zeit konnten sie sich der Erkenntnis nicht mehr verschließen, daß der Speichelfluß mit der Heilwirkung des Quecksilbers nichts.zu tun hat und daß das Mittel spezifisch auf die ihrer Natur noch für Jahrhunderte unklare Krankheit wirkte. Diese Erfahrung und diese Einsicht zu einem Forschungsprinzip zu machen, nach spezifischen Heilmitteln für bestimmte Krankheiten zu suchen, ist gerade das Verdienst von Paracelsus gewesen. Seine reichlich hinter-, lassenen Schriften erlauben uns nicht zu erkennen, ob er wirklich solche anderen spezifischen Mittel gefunden hat. Die Heilerfolge, die seine Zeitgenossen so in Erstaunen setzten, können ganz oder teilweise darauf beruht haben, daß er mit Quecksilber und anderen Metallen Krankheiten, die ihrer Natur nach syphilitisch waren, heilte, ohne daß man damals erkennen konnte, daß es sich bei den Behandelten um syphilitische Krankheiten gehandelt hat. Das nächste große Ereignis in der Geschichte der spezifischen Heilmittel ist die Einführung der Chinarinde zur Behandlung von Malaria im Jahre 1638. Dieses große .Heilmittel haben Jesuiten durch peruanische Eingeborene kennengelernt. Die verschiedenen Schutzimpfungen, besonders die gegen Pocken, Tollwut und Starrkrampf haben ihre besondere Geschichte. Der wirkliche große Fortschritt, das letzte große Ereignis in der Geschichte der spezifischen Heilmittel war die Entdeckung des Salvarsans durch Paul Ehrlich, dem es zuerst gelang, auf der Grundlage der Chemie planmäßig ein neues Syphilisheilmittel herzustellen, das in mehr als einer Beziehung dem Quecksilber überlegen ist. Dieser Entdeckung ging die zielstrebige Arbeit seines ganzen früheren Forscherlebens voraus und ihr folgte die Kunst, spezifische Heilmittel für bestimmte Krankheiten systematisch aufzufinden. Es entstand als neue große Wissenschaft die Chemo-, therapie. Das Forscherleben Ehrlichs, das in der Entdeckung des Salvarsans gipfelte, soll in einem zweiten Aufsatz dargestellt werden.