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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-08-01 · 12 (8.1933) · p. Seite 319

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
12 (8.1933)
Date
1933-08-01
Page
Seite 319 (sequence 13)
Language
German
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Seite 319 wird. Das bedeutet natürlich, daß die richtige Pflege des Absatzes dieser Früchte entscheidende Bedeutung für die Gesamtkonjunktur des Landes gewinnt. Sie kann ihr eine starke Stütze geben. Es kann auch für die Entwicklung von Tei-Awiw nicht bedeutungslos sein, daß sich heute rund herum ein Kranz jüdischer Dörfer mit oa, 40 000 jüdischen Menschen zieht, die als Pflanzungskolonien einen ausgesprochenen Wohlstand aufweisen. Denn die Lage der jüdischen Landwirtschaft ist zur Zeit äußerst stabil. Nicht nur die Pflanzungswirtschaft, sondern auch die Gemischtwirtschaft hat eine günstige Entwicklung genommen, Eier, Butter, Milch werden spielend vom Markt aufgenommen. Es ist heute eine ausgesprochene Unterproduktion vorhanden. Viele Schiffe würden sich gerne in Haifa verproviantieren, wenn die Palästina-Produktion von Eier, Butter usw. zur Lieferung in der Lage wäre. Gelingt es den deutschen Einwanderern, sich auf landwirtschaftliche Berufe umzustellen und können genügend Privatmittel oder öffentliche Mittel mobilisiert werden, dann kann bis auf weiteres die Einwanderung glatt absorbiert werden. Man muß «ich aber im klaren sein, daß damit allein die Wirtschaft des Landes nicht aufgebaut werden kann. Entscheidend wichtig bleibt nach wie vor die Investierung in der Industrie. Ich möchte beinahe sagen, daß das Gelingen einer industriellen Kolonisation, das Gelingen einer Masseneinwanderung nach Pasästina bedeutet. Es sind bescheidene Anfänge vorhanden. Ihr Zentrum ist Tel Awiw. Am Anfang dieser Anfänge stand und steht die Möbelerzeug u n g. Es werden Möbel aller Sorten hier fabriziert, ohne daß bisher, abgesehen von einer Stuhlfabrik, irgendeine Möbelindustrie europäischen Formates sich hier befände. Es werden außerdem eiserne Betten fabriziert; damit hört es aber auf. Spezial-Büromöbel müssen schon aus dem Ausland importiert werden. Trotz des großen Bedarfes an Baubeschlägen usw. ist bis jetzt noch keine leistungsfähige Metallgießerei und Armaturenfabrik im Lande, aber man rechnet in nächster Zeit mit der Eröffnung einer leistungsfähigen Metallgießerei. Stärkere Anfänge zeigen sich in der Textilfabrikation. Vor einigen Jahren kam aus Lodz der dortige Industrielle Shenkar hierher und die von ihm gegründete Fabrik „Lodzia" beschäftigt immerhin mehrere hundert Arbeiter. Daneben sind kleinere Spezial-Textil-Fabriken bzw. -Werkstätten vorhanden, die durchaus vergrößerungsmöglich sind. Es befindet sich sogar eine Fabrik für Schnürriemen in Tel Awiw. Ebenfalls vor kurzem wurde die Seidenfabrik „Delphina" eröffnet. Interessante Anfänge zeigen sich auf chemischem Gebiete. Man hört neuerdings von der Gründung einer Fabrik für Schuhcreme, einer Fabrik für kosmetische Präparate und einer Fabrik für elektrische Kühlanlagen. Es sind zwei Eisengießereien im Lande, davon eine in nichtjüdischen Händen. In den Anfängen befindet sich die Zigarettenfabrikation. Es gibt zwei bedeutendere Firmen, eine jüdische und eine arabische, aber mit einem großen Teil jüdischer Arbeiter. Die Qualität der Palästina-Zigarette dürfte noch zu verbessern sein, um mit der ägyptischen konkurrieren zu können. In Verbindung mit der Landwirtschaft gibt es eine industrielle Verarbeitung der Albert Katz Ft Koks / Kohle / Holz KOKS für alle Heizungssysteme Büro: Arndtstrasse 9 Tel. Maingau 79759 Fruchtsäfte, während eine leistungsfähige Konservenfabrikation noch zu schaffen sein wird. Schließlich müßte noch der Anfang einer gewissen schweren Industrie in Haifa berücksichtigt werden (Zement, Oel, Eisenbahnwerkstätte usw.), und schließlich die Palestine Potash Co., die sich mit der chemischen Ausbeutung des Toten Meeres befaßt. Auch Elektrizität steht bekanntlich zur Verfügung. Die Industrialisierung Palästinas kann sich darauf stützen, daß Palästina das wirtschaftliche Einfallstor für den Vorderen Orient darstellt. Es sollte ein tüchtiger Stab Exportkaufleute, mit Kenntnissen der arabischen, französischen und englischen Sprache herangezogen werden, um den Absatz der Palästinaproduktion im Orient zu organisieren. Der Industrialisierung können auch fachmännisch geleitete Industrie -Informations- und Treuhandstellen förderlich sein. So hat sich z. B. das American Economic Comittee mit gewissen größeren Projekten beschäftigt, in erster Linie für amerikanische Interessenten. Gesprochen wird auch von der Schaffung einer Zentralinformationsstelle; sie müßte sich vor einer Bürokratisierung hüten. Mancher Interessent wird jedenfalls die Bedienung durch eine private Treuhandstelle vorziehen, von der er Informationen nicht „erbittet", sondern gegen mäßijre Vergütung „einfordert" und dabei gleichzeitig gewisse Aufträge ausführen lassen kann. Auch solche Stellen werden sich entwickeln. Paul Ehrlich I. Medizingeschichtli Von Prof. Dr. med. Es gibt viele vernünftig gestellte und trotzdem kaum beantwortbare Fragen. Zu diesen gehört die Frage nach dem bedeutendsten jüdischen Arzt. Das müßte eigentlich ein Mann sein, der im Zusammenhang mit der Ausübung des ärztlichen Berufs die größte Bedeutung in der Medizin erlangt hat. In Wirklichkeit, aber ist der in Ausübung seines Berufes größte Arzt möglicherweise der Allgemeinheit unbekannt geblieben und hat keinerlei Bedeutung für die Entwicklung und Gestaltung seines Faches gehabt. Umgekehrt gibt es große Forscher und Gelehrte, deren Einfluß auf die Medizin von der größten Bedeutung gewesen ist, die aber überhaupt keine Aerzte waren. Fast alle großen Physiker und Chemiker, auch fast alle Philosophen sind von wirklicher Bedeutung für die Medizin geworden, ohne daß sie Aerzte gewesen sind. In der Frage nach dem bedeutendsten jüdischen Arzt liegen die Verhältnisse noch besonders schwierig. Seit etwa 2000 Jahren hat es wohl immer große jüdische Aerzte gegeben. Aber erst seit der Judenemanzipation erlangten gelehrte jüdische Aerzte Einfluß auf die Medizin. Erst seit dieser Zeit nehmen die Juden am Kulturleben der europäischen Bevölkerung teil, während ihre Kräfte vorher auf den Gebieten, die hier in Betracht kommen, im che Voraussetzungen Richard Koch großen und ganzen brach lagen. Noch um das Jahr 1800 hätte man der Meinung sein können, daß den Juden zwar eine starke B.egabung im Abstrakten eigentümlich sei, nicht aber eine Begabung in den empirischen Wissenschaften, zu denen die theoretische Medizin gehört. Das wäre eine irrige Auf fassung gewesen. Bis zum Jahre 1500 hätte man genau dieselbe Feststellung von den mittel- und nordeuropäischen Völkern machen können, denn was bei ihnen bis zu diesem Zeitpunkt wissenschaftliche Medizin war, ist — wenn man große Maß Stäbe anlegt — kaum etwas anderes gewesen, als eine Wiederholung und Kommentierung der Medizin der untergegangenen Kultur der Griechen. Alle mittelalterlichen medizinischen Handschriften gleichen einander. Sie enthalten im wesentlichen Ausführungen über die medizinischen Schriften des Pergameners G a 1 e n o s (121 bis 201 n. Chr.) und sind kaum mehr als Auszüge aus denselbeu, in Mittel- und Nordeuropa lange Zeit recht primitive Auszüge und Zusammenstellungen. Nur wenige Dinge kommen in diesen vielen Jahrhunderten neu hinzu: einiges Chirurgische von mehr handwerklicher Beschaffenheit, die sehr wichtige Einführung

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