Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 11 (1932-1933)
- Issue
- 12 (8.1933)
- Date
- 1933-08-01
- Page
- Seite 318 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 318 der größte Betrieb ist aber Schabbosausgang. Die Leute stehen nicht nur in der Synagoge (es gibt hier nicht sehr viele Synagogen) sondern auch noch auf dem Hof und auf der Straße. Dann blinken die Lichter auf, die Läden werden geöffnet, die Autobusse sausen, man strömt ins Kino, ins Theater. Innerhalb von wenigen Minuten vollzieht sich hier der Uebergang zum Werktag, wie es auch keine Dämmerung hier gibt..... * In den letzten Tagen war es schon sehr warm und wir bekommen eine Vorstellung vom Sommer hier. Aber das Baden im Meer ist ganz wunderbar und erfrischt immer wieder, nur kann man nicht immer, wenn man grade Lust hat, ins Wasser gehen, der Ernst des Lebens hat jetzt schon begönnen.....Die Probleme werden hier viel fruchtbarer gestellt, als man sie sich irgendwo ausdenken kann. Das Problem Arbeiter oder nicht ist eigentlich ein deutsches Problem, nicht ein palästinensisches. Will man sich hier auswirken, zur tragenden und gestaltenden Schicht, dann muß man der Arbeiterschaft angehören. Man kann sich keine Vorstellung davon machen, was hier die Bewegung bedeutet, wieviel Kraft und Sicherheit sie gibt, das Berufsproblem ist ein untergeordnetes..... Wir sind einige Stunden durch das p»s? gegangen. In der Ferne sieht man den Berg Tabor und schon lange bevor man ihm wirklich nahe ist, sieht man den .Gilboah. Er springt weit vor ins Tal, die anderen Berge treten etwas zurück, und man erkennt sofort seine strategische Bedeutung. Nicht weit entfernt ist dann die Quelle an der Gideon seine Krieger trinken ließ und auswählte. Hier trifft sich das alte mit dem neuen Palästina, denn hier ist die Stelle, wo der Kibbuz "m n ]' y zuerst angesiedelt war. Jetzt sind sie etwas weiter nach der gegenüberliegenden Seite gezogen, und in ihren Häusern wohnen die „Chugim", das ist die palästinensische Jugendbewegung (von den Schulen und der Universität im Gegensatz zu der Arbeiterjugend). Die Chugim sind auch auf das Land gegangen, um sich der Arbeiterschaft und dem Aufbau zu verbinden..... En Charod ist eine sehr große Siedlung. 250 Chawerim, etwa 70 Helfer und Kandidaten, die nach einiger Zeit der Bewährung in den Kibbuz aufgenommen werden, und 180 Kinder, von denen der älteste 20 'Jahre ist. Hier sind wunderbar große, ganz moderne Kinderhäuser, die doch schon zu klein sind, um alle aufzunehmen. (Fast jede Woche kommen neue Kinder zur Welt.) Ein großes, schönes Gebäude für Küche, dann ganze Häuserzüge mit 4—6 Zimmern und Waschräume für die Familien und die übrigen Bewohner. Einige Baracken stehen auch noch, aber die überwiegende Mehrzahl wohnt doch in den Häusern.....Es sind einige Werkstätten da, eine elektrische Mühle (für das ganze Emek), eine elektrische Schmiede, eine Tischlerei mit ganz modernen Maschinen, natürlich auch eine Schusterei. — Gestern abend sind wir durch den Pardes gefahren, die Trauben sind in der nächsten Woche reif, Pfirsiche haben wir schon gegessen und die Grape Fruit sind schon ganz froß. Das Auto sammelt am Abend die Arbeiter, die im Weinerg, im Pardes und im Obstgarten arbeiten, und bringt sie nach Hause. Es war sehr hübsch wie das Auto alle 5 Minuten oder alle 3 Minuten hielt und alle einstiegen..... * Wenn man in Tel Aviv lebt, fühlt man sich so sicher wie Juden nirgends auf der Welt. Hier gibt es auch noch nicht einmal eine Araberfrage, hier sieht es so nach Prosperität aus, daß hier die Kämpfe und Leiden der Vergangenheit vergessen scheinen. In Tel Aviv muß ein Europäer nichts entbehren! (mit Ausnahme des „Lasterlebens" — das gibt es hier überhaupt nicht, weil alle Menschen Arbeit haben), heute kann man hier alles zu seiner Bequemlichkeit haben, wie in jeder andern Stadt. Es gibt zwei Theater, ein Cabaret, es gibt jeden Abend viele Vorträge, Vorführungen, Kurse, es gibt sehr schöne Cafes (man sagt, sie sind für den deutschen Kulturkreis, für Wiener, Tschechoslowaken, Deutsche). — Für das Land im ganzen gilt das aber alles nicht. Es gibt eben doch eine Araberfrage, es gibt an allen Orten auch heute noch Kämpfe und Entbehrungen, und man hat an anderen Plätzen die heroische Vergangenheit treuer aufbewahrt als in Tel Aviv.....Ergriffen hat uns sehr, daß wirklich wunderbare und geistige Menschen Arbeiter geworden sind und ihre Arbeit ganz schlicht ohne Pathos tun. Auch davon haben wir immer schon viel gesprochen.....man versteht nicht mehr, wie' man so lange von der Ideologie leben konnte..... Wenn Ihr diesen Brief bekommt, sind wir verheiratet. * .....Rubaschow erzählte uns letztens von einem Keren Hajessod Propagandisten, der zum ersten Mal Palästina sah. Er war durch das Land gefahren, hatte sich alles angesehen und sagte ihm dann, als er ihn das erste Mal traf „ich dachte, ich habe jahrelang geblufft, es ist doch alles'da!" Das ungefähr ist das Gefühl, das mich jetzt immer beherrscht. Ungefähr, weil ich doch wußte, daß alles wahr ist, weil ich doch die Entwicklung kenne, die dahin geführt hat, und doch erscheint alles wie ein Wunder. Daß es jüdische Arbeiter gibt, jüdische Bauern, wußte ich, aber sie einen Kwisch bauen, Traktor fahren, Autos lenken zu sehen, das ist immer wieder erstaunlich. Ihr werdet es verstehen, wenn Ihr es hier einmal seht. E. H. Prosperität in Palästina? Von Dr. Paul Ueber dieses Thema ist sehr viel geschrieben worden. Beinahe kommt man zu dem Schluß, daß Palästina und Prosperität gleichbedeutend sind. Ist wirklich Palästina ein Wirtschaftswunder? Und wie ist die wirtschaftliche Situation in Palästina? Tatsache ist, daß zur Zeit nach Palästina eine starke Einwanderung stattfindet; man kann sie für dieses Jahr auf 50 000 Köpfe veranschlagen: Die Einwanderer bringen zu einem kleineren Teil beachtliche Kapitalien mit, dis hier nach Investierungen drängen. Zum größeren Teil haben die Einwanderer kein Kapital zur Geldanlage, sondern nur soviel um ein paar Monate zu leben. Die wirtschaftliche Folge dieses Prozesses liegt auf der Hand: die Konsumkraft des Landes steigt und der Umsatz aller Konsumgüter ist dauernd im Wachseh. Hinzu kommt, daß die starke Einwanderung eine sehr lebhafte Bautätigkeit bedingt. Die Zementfabrik arbeitet unter Aussetzung ihrer gesamten Kapazität; sämtliche Baumaterialienfirmen des Landes sind voll ausgenutzt; Möbeltischlereien und Handwerker haben vollauf zu tun. Es versteht sich von selbst, daß innerhalb dieses Baumarktes auch eine gewisse Anzahl von Arbeitskräften absorbiert werden. Die Bautätigkeit hinkt immer noch in ihrem Ausmaße, im Verhältnis zur Einwanderung, nach; die Mietpreise sind an einzelnen Plätzen außerordentlich hoch. Das anlagesuchende Kapital drängt sich daher zu einem großen Teil in diese Bautätigkeit, und zwar in der Form der Direkt- oder Hypotheken- Anlage. Nichtsdestoweniger beträgt das unbenutzte Kapital in den palästinensischen Banken zur Zeit mindestens 9 Millionen Pfund. Davon nimmt man ca. 85% als Arnsberg jüdisches Kapital an. Das sind keineswegs nur flottante Beträge, sondern zu einem erheblichen Teil Spareinlagen jüdischer Landwirte und zu einem weiteren Teil einströmende Kapitalien von Personen, die eine Investierung suchen. Die entscheidende Frage ist, ob es gelingt, die Kapitalien richtig zu leiten. Gelingt es nicht, so muß zwangsläufig mit dem Aufhören der Einwanderung irgend wann.ein Rückgang kommen. Dabei spielt die von Jahr zu Jahr wachsende Orangen- und Grap e-Fruit-Pr odukti on eine besondere Rolle. Noch 1931 betrug die Orangenernte 1,5 bis 2 Millionen Kisten jährlich; jetzt erwartet man in einigen Jahren schon eine Produktion von 10 Millionen Kisten, und noch ist es nicht abzusehen, wann der Zuwachs der Pardeß-Anpflanzungen aufhören 94äx ßeoi, öeilerflraßß 11 PEINE HERRENSCHNEIDBREI BEKANNT FÜR GUTE ARBEIT Lager in englisdien und deutschen Stoffen