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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1933-08-01 · 12 (8.1933) · p. Seite 317

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
11 (1932-1933)
Issue
12 (8.1933)
Date
1933-08-01
Page
Seite 317 (sequence 11)
Language
German
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Seite 317 Eindrücke Briefe einer jungen Frankierterin Wir fahren eben an Cypern entlang, wo wir nachmittags vielleicht an Land gehen werden.....Das Leben auf diesem Schiff ist besonders eigenartig. Ein Durcheinander von Seeleben, wie man es in Büchern liest, größter gesellschaftlicher Vornehmheit und dem Leben im kleinen polnischen Städtchen. Mindestens 85% aller Mitfahrenden sind polnische Juden — elegante Warschauer, Chaluzim, aufgeputzte Frauen und Männer aus den Kleinstädten, Elendsgestalten mit Kind, Kasten und Kissen im Zwischendeck.....Ich kenne inzwischen sehr viele Familiengeschichten, man erzählt mir sehr gerne, die anderen Poilen interessiert das ja nicht und die Uebrigen verstehen weder jiddisch noch hebräisch..... Die Jidene, die mit mir in der Kabine schläft, ist allein Stoff für einen. Roman von Mendele---- * Ich sitze auf einer Terrasse, man kann ganz Haifa von hier oben sehen bis hinunter zur Bucht, wo eben das Schiff abfährt, das heute früh Weizmann gebracht hat. Der Karmel ist ganz grün jetzt und alles blüht, das Meer ist so blau, wie ich es früher nicht geglaubt habe, und man sieht Akko in der Sonne glänzen und den Hermon ganz nahe.....Nachmittags bin ich stundenlang allein in Haifa herumgegangen und ich habe jetzt schon eine sehr gute Uebersicht. Am Stadtrand — dieser Teil heißt p •> ^>} n 2 — habe ich die Zelte und Baracken der Chaluzim gesehen, die noch nicht lange im Lande sind, dann kommt die deutsche Kolonie, in der sehr schöne schattige Straßen: sind, jedes Haus ist mit einem Bibelvers geschmückt, auf der Straße spricht man schwäbisch. Ueber ein Stückchen sehr gut gebauten Kwisch (Landstraße) muß man gehen, um dann in unseren Stadtteil zu kommen. Der ist ziemlich neu, „H e r z 1 i a h" und Araber und Juden wohnen gemeinsam. (Sogar in unserm Haus, das einem Araber gehört, wohnen einige Araber.) An Herzliah schließt sich der Hadar Ha karmel an, ein rein jüdisches Stadtviertel, das mit rasender Geschwindigkeit wächst. Man zieht dort schon in die halbfertigen Häuser ein, oben wird noch weiter gebaut, die Haustüre ist noch nicht da, der Schutt liegt meterhoch und die vielen Kinder spielen darauf. Das ist das Auffallende im Hadar Hakarmel, die vielen schönen Kinder, die neuen halbfertigen Häuser und das rege jüdische Leben auf etwas größeren Straßen. Man sieht fast nur jugendliche Leute und gegen Abend sind die Straßen ganz voll von langen Reihen von Arbeitern und Arbeiterinnen, die Spazierengehen..... * Seit jnw bin ich hier in T e 1 A v i v . . . . Wenn man auf den Straßen geht, glaubt man nicht in einer Stadt von 60 000 zu sein, sondern in einer Millionenstadt, und es ist ein wunderbares Gefühl hier zu sein, man hört fast nur hebräisch auf den Straßen und man fühlt wirklich, man ist in einer jüdischen Stadt. Man kann es noch gar nicht glauben, daß man hier wirklich frei ist.....Auch hier wird viel gebaut, man watet immer durch Sand, springt über Drähte und Balken, die ganze Stadt ist in den Straßen in den verschiedensten Bekleidungen, man fährt im Badeanzug auf dem Rad, geht im Strandanzug, im Trainingsanzug, viele sind auch sehr elegant — alles nebeneinander und sehr ungezwungen..... * Von Jerusalem habe ich noch nicht viel gesehen. Es ist jetzt die Zeit des Nebimusafestes und es ist deswegen etwas gefährlich in der alten Stadt spazieren zu gehen. Trotzdem war ich einen Augenblick (in großer Gesellschaft) an der Klagemauer und bin durch den p^w gegangen. Es war heute ungeheuer belebt, Tausende von Arabern gingen dort in ihren Festgewändern, Beduinen, Fellachen, die städtischen Moslems, verschleierte Frauen, viele Kinder; zu diesem Fest kommen sie aus allen Teilen des Landes und zwar jeden Tag aus einer anderen Gegend. Heute kamen sie aus Hebron. An der Klagemauer waren nur sehr wenige Juden zu sehen (fast nur Touristen). Ich habe mir diese Mauer immer sehr ernst und düster vorgestellt. Sie stand aber strahlend und golden in der Sonne. Man sieht deutlich die Steine, die auch in der alten Stadtmauer zu sehen sind. Sie sind auf eine besondere Weise behauen. Drei Schritte bevor man an diese Mauer tritt, ist etwas Polizei stationiert, natürlich mit einigen Schildern; besonders wichtig ist das, das in drei Sprachen auf Taschendiebe aufmerksam macht.....Ich habe eine Stunde auf der Post gesessen und wir haben dort versucht zu erraten, woher die Menschen kommen. Ich habe jetzt schon gelernt, die ms Palästina Franziskaner von den anderen Orden zu unterscheiden, Moslims von Arabern, Ostjuden von Westjuden, Deutsche von Engländern und Amerikanern, Jemeniten von Fellachen usw. Sehr eigentümlich ist oft die Kleidung, in der sich tausendjährige Sitten erhalten haben. Die städtischen Araber tragen hier zu ihren Gewändern ein europäisches Jacket, aber wunderbare Schuhe in zartem Leder. Man sieht Araber in ihrer Tracht, aber auf dem Kopf die Kefijah, die sehr malerisch wirkt. Man sieht Deutsche in oberbayrischer Tracht, um den Hut den Namen des Schiffs, mit dem sie gekommen sind, geschlungen. Man sieht Judenkinder mit ganz langen Peylech, einem Kaftan und Käppchen oder mit einem großen schwarzen Hut auf der Straße Fußball spielen, und ihre Väter lernen mit dem Stremel auf dem Kopf in der Sonne auf einer alten Nähmaschine. Das ist aber nur ein ganz geringer Bruchteil von dem Völkergemisch in ihren Kleidungen hier und den feinen Nuancen, die es noch gibt. Mich hat es betroffen gemacht, wie wenig wir als Juden ein einheitliches Bild darstellen. Obwohl wir das theoretisch alles wissen und erklären können, so macht das doch, wenn man es sieht, einen ganz erschütternden Eindruck. Wir sind levantinisch mit den Levantinern von der Pomade und ihrer „Eleganz" bis zu ihren geistigen Eigenschaften. Die Jemeniten leben so schlecht, so schmutzig, sind so analphabetisch wie die Araber in ihrer Umgebung (die Lastträger und Schuhputzer und Waschfrauen). Wir sind so vornehm mit dem gleichen Zug um den Mund, wie die Engländer.....Nur zwei Gruppen von Juden sind klar zu erkennen: das ist die Orthodoxie, allerdings ein sehr kleiner Bruchteil (es sind nur die, die aus dem Osten gekommen sind mit Kaftan und Stremel, langen Bärten und Peyjes) und die jüdischen Arbeiter. Sie sind hier sehr sauber (es ist unglaublich wie nachlässig hier die Vornehmsten gekleidet sind — schmutzig mit viel zu großen Kleidern — oft in Fetzen), gehen fast immer in kurzen Hosen mit weißem Hemd, so am Abend, am Tag erkennt man sie an den Mützen und Lederjacken. Aber sie gehen auch ganz anders auf der Straße, man sieht daß sie wissen: sie sind die Träger des Aufbaus..... Obwohl Jerusalem sicher die Stadt ist, die durch den neuen Aufbau am wenigsten berührt ist (auch dort wird sehr viel gebaut und gearbeitet), muß ich doch sagen, daß sie auf mich den größten Eindruck gemacht hat. Sicher nicht nur deswegen, weil Jerusalem schön ist oder historischer Boden für so viel Geschehnisse, auch nicht nur wegen des Zusammenstoßes so vieler Völker und Religionen, sondern alles zusammen: die Vielgestaltigkeit der Landschaft (die meiner Meinung nach ohne Beispiel ist), die Häßlichkeit und die Schönheit, kurz die ganze Gegensätzlichkeit, und so ist auch mein Ein- ' druck vonJerusalem nicht schön oder wunderbar, sondern großartig in vielen Beziehungen..... * .....Ich bin abends immer totmüde. DenganzenTag nur hebräisch zu hören und zu sprechen strengt mich noch sehr an, aber ich meide die deutsche Gesellschaft, um nicht wie sie nie hebräisch zu lernen.....Hier habe ich mich sehr gut eingerichtet in einer eigentlichen Küche, und um wirklich einen Begriff vom Aufbau zu bekommen, ist das Haus nicht fertiggestellt worden. Die Eisenstäbe an der Seite stehen noch heraus, es wird dort noch weiter gebaut, und man will auch noch einen II. Stock errichten, es ist direkt am Strand und noch ohne Straße. In a Choidisch kriege mer auch Lieht, (so sagt Schloime). Ich habe mir ein Bett, zwei Stühle, einen Tisch zum schreiben, einen kleinen zum essen und ein Brett für Kleider gekauft, das hat alles zusammen ■£ 2.— gekostet und sieht wirklich sehr nett aus. Einen Primuskocher habe ich - natürlich auch und bin somit in die Geheimnisse des heiligen Landes eingeweiht..... * letzt habe ich auch einen Schabbos richtig in Tel Aviv wie die Tel Aviver verbracht. Am Vormittag um 11 Uhr begibt man sich ans „Jana". Auch wer nicht hebräisch spricht (die meisten Deutschen) würde nie auf die Idee kommen, „Meer" zu sagen. Man geht also ans „Jam", dort geht ganz Tel Aviv mit Kind und Kegel spazieren. Man trifft dort alle Menschen, denn auch die größten Menschenfeinde können sich diesem Schabbosspaziergang nicht entziehen. Am Erew Schabbos ziehen Leute durch die Straßen, die mit Trompeten den Schabbos einblasen, das ist das Zeichen, daß die Geschäfte geschlossen werden müssen, daß jetzt die letzten Omnibusse fahren usw. Am Schabbos ist eine große Ruhe in der Stadt, nur vereinzelt fahren arabische Wagen und Autobusse,

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